Mann, Frau - und
kein Dazwischen
Astrid E. Frischknecht fordert für
Transsexuelle mehr Toleranz. Die Präsidentin
der Fachstelle für Transsexualität denkt,
es sei an der Zeit, das gesellschaftliche Ordnungssystem
aufzubrechen.
Von Barbara Bürer
Man mustert sie genau, wenn sie sich, wie im
«Zisüchtigs-Club», zu Themen der Transsexualität
äussert. Sie weiss, was dann in den Köpfen
anderer vorgeht. Dass sie nun auch noch gross
ist, 1,80 Meter, breite Schultern und im Gesicht
nicht die ganz feinen Züge hat, steigert
die Irritation.
So wird denn gerätselt, ob sie vielleicht
auch «umgebaut» sei. Es ist kein schönes
Wort. Aber sie lacht darüber, und es reizt
sie, die frage im Raum stehen zu lassen, statt
mit einem klaren Nein zu antworten, um damit die
«kulturellen Codierungswerte» etwas
durcheinander zu bringen.
Astrid E. Frischknecht, Präsidentin der Fachstelle
für Transsexualität und Geschlechterfragen
transX in Biel, liebt Provokationen: Was es nütze,
fragt sie, zu wissen, «ob ich nun Frau oder
Mann bin?» Und wirbelt damit Rollen, Muster,
Bilder und Vorurteile ganz schön durcheinander.
Im Glauben, die Menschen anregen zu können,
über das anatomische und sozialisierte Geschlecht
nachzudenken. «Das geht uns doch alle etwas
an.»
Als das Fernsehen im Mai, mit Film und zusätzlicher
Dienstags-Diskussion, Einsicht ins Leben von Nadia
Brönimann und deren Sex-Change gab, sass
eine halbe Million Zuschauer vor den TV-Apparaten.
Neugierig, fasziniert, von der schwierigen Lebensgeschichte
«betroffen», aber auch, so stellte
Astrid E. Frischknecht in den Reaktionen fest,
mit diffusen Gefühlen: ein «Gruseln»,
ein «Schaudern», vielleicht sogar
ein «Pfui», weil doch nicht sein kann,
dass Geschlechtsidentität und Körper
nicht immer und nicht unbedingt eine Einheit sind.
Das Fehlen der Zwischenwelt
Natürlich kann Frischknecht verstehen,
dass das «Anderssein», das «Andersfühlen»
eine «Bedrohung» sein kann. Denn die
Gesellschaft funktioniert auf der Zweigeschlechtlichkeit.
Darin fühlen sich die meisten sicher. «Viele
haben eine klare Vorstellung, wie man lebt: als
Mann, als Frau - dazwischen gibt es nichts.»
Die Gesellschaft erwarte klare Statements und
ein klares Ordnungssystem.
Genau das ist der Punkt, den auch Jo in der Lizenziatsarbeit
«Die Konstruktion von Geschlechtsidentität
bei Geschlechtswechslerinnen» erwähnt.
Jo, früher eine Frau, erzählt, dass
zwischen den traditionellen Konzepten von Mann
und Frau kein sozialer Ort existiert, den er für
sich in Anspruch hätte nehmen können:
«Ich habe mich angeguckt mit meinen Eigenschaften,
mit meinem ääusseren, und habe mich gefragt:
Wo gehöre ich hin, von den Bildern, die es
gibt? Ich habe mir dann gesagt: Ich gehöre
in die Männerwelt», obwohl er für
sich das «Dazwischen», eine Nische,
gewünscht hätte.
Genau diese «Zwischenwelt» sollte
es doch geben, sagt Astrid E. Frischknecht, damit
Transsexuelle in der Gesellschaft nicht ausgegrenzt,
damit sie, so wie sie sind, ihren Platz finden.
Dazu bräuchte es aber ein anderes Wertesystem,
«wir müssten uns anders gruppieren».
Wobei sie weiss, wie Rollenbilder verankert sind
- dann, wenn ihr zehnjähriger Sohn berichtet,
dass in der Schule (noch immer) als Schimpfwort
gilt, wenn einem Knaben nachgerufen wird, er sei
wie ein Mädchen.
Die Geschlechterfragen sind schon lange ihr Thema.
Ein erstes Mal war sie damit konfrontiert, als
sie, mit 21 Jahren, vom Dorf in die Stadt kam
und in der Schulbank ein Schwuler sass. In ihrer
Kindheit und Jugendzeit gab es nur die Hetero-Welt,
geboren 1968, erzogen mit Mutters Grundsatz: Ein
Mädchen habe einem Mann zu dienen; was sie
damals nicht hinterfragte. Obwohl sie, nicht «mädchengerecht»,
auf der Strasse pfiff und deswegen von einer freundin
zurechtgewiesen wurde; sie, die barfuss in die
Wälder ging und auf Bäume kletterte.
Sie war aber auch, und lacht, als sie es sagt,
bei den Majoretten, im kurzen Jupe und in Lackstiefeln.
Diese enge Welt machte sich in Kontakten mit Schwulen
und Lesben auf, damals im Sinn von Neugier: «Was
es alles noch gibt, auch Transsexualität!»
In Gesprächen lernte sie diese Menschen und
deren happige Probleme kennen: sich im Körper
nicht wohl zu fühlen, auf der Suche nach
Lebensstrategien - Frischknecht sagt: «Es
ist wirklich ein Scheiss-Schicksal.»
Gender-Trainings in Unternehmen
1998 gründete sich in Bern eine
Selbsthilfegruppe, die sich nachher zu einem Verein
organisierte. Dass Astrid E. Frischknecht, ohne
diese Biografie zu haben, die Präsidentin
von transX wurde, hat also mit ihrem persönlichen
Interesse zu tun; auch wollte die Informationsstelle
eine Fachperson an ihrer Spitze haben: Einst Buchhändlerin,
hat sie auf dem zweiten Bildungsweg Betriebsökonomie
studiert und eine Ausbildung zur Supervisorin
gemacht und befasst sich nun mit Change-Management
und Gender-fragen.
Sie hat verschiedene Mandate in grossen Firmen,
coacht eine Gruppe, die sich damit auseinander
setzt, auf welchen Wegen ein vorgegebenes Unternehmensziel
zu erreichen ist. über Sachkenntnis und Sozialkompetenz.
Und zur Sozialkompetenz gehört auch die Gender-Thematik,
dieses Wissen darum, wie unterschiedlich Frauen
und Männer auf Grund ihrer verschiedenen
Sozialisation funktionieren.
Es gilt in den Trainings, das «Unsichtbare,
die Emotionen» zu benennen. Das, womit man
sich in einer gemischten Gruppe (auf)reibt. Und
sich der Seiten bewusst wird, die man auch noch
hat, die, landläufig, dem andern Geschlecht
zugeordnet werden. Frischknecht sagt, dass diese
Seiten zugelassen werden sollten. «Man muss
sie ins Leben integrieren.»
Das ist für sie der Ansatz, wenn nicht gar
der Schlüssel, zu einer transparenteren Gesellschaft,
die, würde sie über sich reden, Verständnis
für das Anderssein haben könnte.
Sie zeichnet nun auf ein übergrosses Papier
einen Körper mit zwei Geschlechtern. Erklärt,
dass dann ein Mensch, der Frau/mann oder mann/Frau
ist, gar nicht mehr auffalle. Schon wäre
man dort angelangt, wo sie hofft, irgendwann einmal
hinzukommen: in eine «reifere Gesellschaft»,
für die «die Eigenart des Menschen
im Kollektiven normal ist».
Wo im Personenregister nur noch der Name, nicht
aber das Geschlecht, eingetragen würde.
Das wäre die Zukunft!
Transsexuelle zementieren Rollen
So fliesst die eine Erfahrung in die
andere hinein: hier ihr Training in den Unternehmen,
dort ihre Arbeit als Präsidentin der transX
- «Transsexuelle», sagt sie, seien
im übrigen «Experten in Gender-fragen»:
«Niemand weiss so viel über Geschlechterrollen
wie die, die einen Geschlechtswechsel gemacht
haben.»
Dennoch die frage, ob die zwei Arbeiten nicht
doch im Widerspruch zueinander sind? Einerseits
ist ihr Bestreben, in der Gesellschaft Geschlechterrollen
aufzuweichen, indem der Mann seine weiblichen
Seiten, die Frau ihre männlichen Kompetenzen
bewusst integriert. Andererseits aber zementieren
Transsexuelle die klassischen Bilder. Setzen nicht
gerade die Mann-zu-Frau-Gewordenen auf die totale
Weiblichkeit? Im ääusseren, in der Gestik,
im Verhalten, der Sprache, im Gang, in der Kleidung.
Was Letzteres betrifft, stimmt Frischknecht zu.
Doch müsse man sich dieses Leben im ewigen
Zwiespalt vor die Augen führen: weder das
eine noch das andere zu sein; dieser Wunsch, halt
dazuzugehören. Sich der geschlechteranpassenden
Operation zu unterziehen. Dieser Bruch. Und dann
endlich eine «richtige Frau» zu sein,
ein «richtiger Mann» - und das Glas
wie ein Frau halten oder breitbeinig dazusitzen,
wie ein Mann es tut. Frischknecht sagt: «Diese
Rollen füllen Transsexuelle perfekt aus.
Weil ihnen das eine klare, innere Sicherheit gibt.»
Dennoch findet Astrid E. Frischknecht nicht, dass
sie zwischen ihren Arbeiten einen Spagat machen
muss. Weil sie ja im Kleinen versucht, an dieser
Ordnung zu rütteln.
Alltägliche Diskriminierungen
transX klärt manchmal «ganz
einfache Sachen»; zum Beispiel hilft sie
Zivilstandsbeamten dabei, wie eine Namensänderung
zu machen ist. Sie hat (auch), zusammen mit andern
Organisationen, anlässlich einer Ausstellung
in der Roten Fabrik in Zürich, die Lehrmittel
der Sexualpädagogik, die in Zürcher
Schulen angewendet werden, untersucht. Und festgestellt,
dass noch immer fast ausschliesslich die Hetero-Welt
gezeigt wird - manchmal etwas Homosexualität,
einmal nur wird Transsexualität als Begriff
erwähnt. «Das ist doch alles andere
als aufklärerisch! Man schliesst eine bestimmte
Anzahl Leute einfach aus. Das ist entweder arrogant
oder ignorant», sagt Frischknecht.
Diskriminierend ist, wenn eine Transsexuelle,
die vor der Operation ein Mann war und in einer
Führungsposition angestellt, von diesem Job
wegbefördert wird. Weil der Arbeitgeber sie
jetzt als Frau dazu nicht fähig befindet
und ihr sagt, dass sie von ihren Mitarbeitern
(die vorher die gleichen waren) an dieser Stelle
nicht akzeptiert würde.
Astrid E. Frischknecht wünscht sich eine
Gesellschaft, die keine Angst vor «mehr
Vielfalt» hat. In der die Menschen einst
nicht mehr nur in Kategorien Mann und Frau sortiert
sind. Oder - zumindest dies: Dass nicht jemand
aus dem System fällt, nur weil er versucht,
Geschlechterkategorien zu sprengen.
Copyright Tages-Anzeiger
(mit Genehmigung hier veröffentlicht)
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