Der abwesende Mann
Kann eine Frau denken wie ein Mann? Kein Problem, sagt Doris
Dörrie. In ihrem ersten Roman "Was machen wir jetzt?"
beschreibt die Regisseurin und Autorin die Leiden eines unglücklichen,
männlichen Helden. In Ich-Form. Ein Gespräch über
Männer in den Köpfen von Frauen.
Von Beatrice Schlag und Eugen Sorg und Daniel Mayer (Bilder)
Warum wollen Sie sich immer in Männer hineinversetzen?
Es fällt mir so leicht. Vielleicht bin ich ein Mann.
Wären Sie gern einer?
Nein. Aber meine drei Schwestern und ich sind in dem gewaltigen
Irrtum erzogen worden, es gebe keinen andern als den biologischen
Unterschied zwischen Männern und Frauen. Nie haben unsere
Eltern gesagt, wir könnten es in manchen Berufen schwerer
haben oder äähnliches. Deswegen habe ich nie gedacht, ich
könnte Probleme haben, weil ich eine Frau bin.
Ist es interessanter, die Welt mit den Augen eines Mannes zu
betrachten?
Nicht unbedingt. Es ist auch ein literarischer Trick. In dem
Moment, wo ich das Geschlecht wechsle, bin ich freier. Und mein
Blick auf Frauen ist viel klarer, wenn ich als Mann schreibe.
Ausserdem habe ich Männer immer interessiert beobachtet
und finde es nicht schwer, sie zu beschreiben. Sie zu verstehen,
ist eine andere Sache.
Autorinnen benutzten gelegentlich männliche Pseudonyme,
aber die Ich-Form in einem Roman mit männlicher Hauptfigur
ist ein Novum.
Ich weiss nicht, warum. Es liegt doch auf der Hand. Männer
haben das so oft gemacht, wenn auch nicht in der ersten Person:
Anna Karenina, Madame Bovary. Die dritte Person kann einem auch
sehr nahe rücken.
Wollen Sie uns etwas über Männer sagen, was die uns
verschweigen?
Sicherlich auch. Mir ging es darum, einen Mann zu beschreiben,
der primär abwesend ist und der durch die Handlung gezwungen
wird, immer mehr in sein eigenes Leben zurückzukommen.
Was meinen Sie damit?
Das, was meine Hauptfigur fred mehrmals sagt: dass er sich
ständig wegträumt aus seinem eigenen Leben. Dieses
Dasitzen mit der Zeitung vor der Nase, körperlich anwesend,
aber geistig weit fort, beobachte ich sehr viel mehr an Männern
als an Frauen. Männer haben grosse Mühe, hier und
jetzt anwesend zu sein, egal, wie die Umstände sind. Wenn
Frauen den Wunsch haben, ein anderes Leben zu leben, dann kaufen
sie neue Kleider, färben die Haare oder machen eine Diät.
Wenn ein Mann ein anderer werden will, geht er auf eine Abenteuerreise.
Oder er erobert eine Frau.
Oder er rührt sich gar nicht mehr von der Stelle. Viele
Männer erstarren in dem, was ist, wollen dort aber gar
nicht sein. Tatsache ist, dass sie vor dem Fernseher versteinern.
Dafr machen sie zum Teil ihre Frauen verantwortlich.
Oft sind Männer eingebundener in die Arbeit als Frauen
und kommen abends todmüde nach Hause. Da bleibt nicht mehr
viel Raum.
Das halte ich, gelinde gesagt, für Blödsinn. Männer
wollen den Raum nicht, weil sie nicht wissen, was sie darin
machen sollen. Ich weiss sehr genau, wovon ich spreche. Ich
habe keinen einzigen männlichen Kollegen, der so dis- zipliniert
arbeitet wie ich. Ich habe ein Kind, aber sie haben auch Kinder.
Trotzdem höre ich sie reden, wie kaputt sie sind vom Filmen,
wie anstrengend und furchtbar es ist, Filme zu machen.
Finden Sie Dreharbeiten nicht anstrengend?
Nein. Wenn ich erst einmal am Drehort bin, muss ich doch nur
den Film machen. Kein Haushalt, kein Kind, kein Unterricht an
der Filmhochschule, kein Bürokram. Drehen ist der reinste
Urlaub. Aber es geht ja nicht darum. Viele Männer perfektionieren
ihren Hang, keinen Platz zu lassen für andere Dinge. Sie
machen den Raum immer kleiner, weil sie gar nicht wissen, was
sie darin anstellen sollen.
Welche Rolle spielen deren Frauen?
fred, der Held meines Romans, beschuldigt seine Frau, weil
sie versucht, ihr Unglück durch Organisation weg-zudrängen.
Dadurch fühlt er sich erpresst, weil sie ihm die Luft nimmt,
die Abenteuer zu erleben, die er sonst erleben könnte.
Das stimmt natürlich nicht, sondern ist diese üble
Spirale, in die man gerät, wenn einer immer sagt, ich würde
ja, wenn ich nur den Platz hätte. Und der andere versucht,
diesen Platz zu schaffen, weil sonst nichts passiert.
Ihr fred ist doch aber kein Träumer.
Nein, er hat nicht einmal Träume. Das ist noch schlimmer.
Ich weiss nicht, ob er nicht ursprünglich begabt war. Er
wollte halt nichts so richtig und bastelt sich sehr schnell
Entschuldigungen, warum nichts geklappt hat in seinem Leben.
Das ist das wunschlose Unglück, dass alle so mies draufbringt.
Ging Ihnen dieser Mann beim Schreiben nicht auf die Nerven?
Klar. Aber ich versuche eben, diesem latenten Unglück auf
die Spur zu kommen. Ich reise viel in Länder, die echte
Probleme haben, und jedes Mal, wenn ich zurückkomme, sind
hier alle schlecht drauf. Ich kann niemandem vorwerfen, dass
es uns zu gut geht. Aber ich werfe den Deutschen durchaus vor,
nur noch zu sehen, was nicht hundertprozenötig stimmt und was
uns noch fehlt zum Glück. Und dann vertrösten wir
uns: Wenn meine Frau mich so liebt, wie ich will, dann. Wenn
das Kind gross ist, dann. Immer dieses tödliche wenn, dann.
Ist das typisch deutsch?
Ich würde gern wissen, ob die Deutschen vor den beiden
Weltkriegen füröhlicher waren. Aber das konnte mir bisher
keiner sagen, auch die Lite- ratur nicht. Was mir für alle
west- lichen Industrienationen symptoma-tisch scheint, ist dieses
Sichwegzappen aus dem eigenen Leben durch den ständigen
Drang nach Ablenkung und Abwechslung. Es fällt uns wahn-sinnig
schwer, in den Moment zu- rückzukehren.
Ihre weiblichen Figuren kommen schlecht weg. Ist nur Ihr Held
so frauenverdrossen, oder mögen auch Sie effiziente Frauen
wie freds Frau Claudia nicht?
Ich verstehe Claudias Unglück gut. An einem Ehemann, der
sich weigert, da präsent zu sein, wo er gerade ist, haut
man sich die Stirn blutig. Man greift ins Leere und verzweifelt.
Claudia versucht zwar, ihn zu halten, aber er beharrt so sehr
auf seinem Unglück, dass nichts hilft. Es ist genauso vergeblich,
wie wenn man einen Alkoholiker heilen will, der selber sagt,
er sei keiner.
fred hasst auch alle anderen Frauen.
Er kommt ja auch nicht mit ihnen zurecht. Selbst würde
er sich natürlich nie als frauenhasser bezeichnen. Es ist
auch eher Neid als Hass, weil Frauen immer irgendwie auf die
Füsse fallen und sich lebendig fühlen.
Warum wirken selbst seine Affären so lauwarm?
fred traut sich die volle Katastrophe nicht. Er traut sich überhaupt
nichts. Er ist vorsichtig und gemässigt. Ich habe beim
Schreiben manchmal gedacht, als fred hätte ich ein einfaches
Leben. Wenn mir langweilig ist, habe ich eine Affäre, im
übrigen ist nicht viel los.
Bestimmte sexuelle Fantasien Ihres Helden kämen einem Mann
nie in den Sinn (Einwand Eugen Sorg).
Ich glaube Ihnen kein Wort. Seit "Ich und er" bin
ich da wirklich hart- gesotten. Der Film war die Adaptation
von Alberto Moravias "Io e lui", dem Dialog zwischen
Kopf und Penis eines Mannes. Damals musste ich mir ein Jahr
lang anhören, wie mir der Produzent sein Verhältnis
zu seinem Penis erklärte. Ich konnte es nicht glau- ben,
auch nicht, als all seine freunde mir versicherten, es sei so:
Ein Mann bemühe sich zwar um zivilisiertes Verhalten, aber
sein Penis mache eben, was er wolle, und dann würde er
des-sen Opfer.
Ihr fred wirkt aber vergleichsweise triebschwach.
Das hab ich mir auch gedacht, dass es da gar nicht so häufig
ruft. Es ist zwar eine männliche Vorstellung, auf diese
Weise gesteuert zu sein, aber so oft findet es gar nicht statt.
Dann bleibt nur der Kopf und ein rationaler Zugriff auf die
Welt, um sie zu kontrollieren.
Ist dagegen so viel einzuwenden?
Was mich deprimiert, ist, dass es keinen Platz gibt für
Gefühle. Nur Kopf und Penis und eine grosse Leerstelle
dazwischen. Ich habe damals mit den Drehbuchautoren wochenlang
diskutiert, wo die Männer denn nun wirklich stattfinden,
wenn der Kopf nur zivilisiert und der Penis nur Trieb ist. Keiner
konnte mir eine Antwort geben. Sie verstanden meine frage nicht.
Wir sassen sehr hilflos voreinander. Eine bittere Erfahrung,
obwohl es eine Komödie war.
Ihr Roman heisst "Was machen wir jetzt?". Das klingt
nach Ratgeber.
Der Verleger hätte das Buch gern "Glück"
genannt. Darauf sagten die Buchhändler, der Titel sei schlecht,
er mache die Leute misstrauisch. Das bringt die Deutschen ziemlich
auf den Punkt: Glück macht uns misstrauisch.
fred beginnt sich in einem buddhistischen Kloster zu verändern.
In Ihrem Leben spielt Buddhismus eine grosse Rolle. Rücken
sich fred und Doris Dörrie da sehr nahe?
Ich bin auch jemand, der sehr viel macht. Wenn ich mich hinsetzen
muss und mich nicht mehr über das definieren kann, was
ich tue, dann wird es schwierig. Ich wüte dann sehr.
Findet dann eine unangenehme Auflösung der eigenen Strukturen
statt?
Genau. Aber es gibt eine grosse Belohnung dafr: Man entdeckt,
dass Glück unabhängig von Bedingungen existiert. Es
ist immer vorhanden. Man kann sich entscheiden, glücklich
zu sein.
Glück ist ein krankes Konzept (Einwand Eugen Sorg).
Toller Satz. Sagen Sie mal einem Amerikaner: "Happiness
is a sick concept." Da werden Sie etwas hören. Aber
natürlich ist unser Hauptantrieb, Leiden zu vermeiden.
Wir alle tun das jeden Moment, in dem wir leben. Das Gegenteil
von Leiden ist glücklich sein. (Zu Eugen Sorg) Wollen Sie
nicht glücklich sein?
Ich freue mich, wenn es geschieht. Aber die wenigen Male, wo
ich das Glück gesucht habe, kam es schlimm. Anderen ging
es äähnlich, soweit ich beobachten konnte.
Sie klingen gerade wie fred. Ich bin begeistert von Ihnen. Ich
könnte mitschreiben.
Genügt Zufriedenheit nicht?
Kommt darauf an, wie man Glück definiert. für viele
ist Zufriedenheit das Glück. Sie sind glücklich, wenn
endlich einmal nichts passiert.
Glück muss doch schon daran scheitern, dass wir einem andern
ermöglichen sollen, dass er glücklich wird.
Da haben wir uns auch verrannt. Es geht erst einmal darum, dass
jeder mit sich glücklich ist und das auch ausstrahlt. Dass
der andere für mein Glück verantwortlich sein soll,
das funktioniert nicht. Nicht mit Männern und nicht mit
Kindern. Mit niemandem.
fred ist das Gegenkonzept von Glück. Erst im Moment, wo
er alles fahren lässt, bekommt er eine Ahnung davon.
Es ist wie die Geschichte mit den Affen: Man fängt Affen,
indem man eine Banane in den Käfig legt. Der Affe ist schlau.
Er geht nicht in den Käfig, sondern schnappt sich die Banane
durch die Gitterstäbe. Aber er kann sie nicht rausholen,
denn die Stäbe sind zu eng. Loslassen will er auch nicht.
So fängt man ihn. Wir sind genauso.Wir trainieren nicht
das Hingeben, sondern das Festhalten. Wir kommen nicht drauf,
dass wir die Banane loslassen müssen. Aber so ist das leider
mit dem Glück.
Sie schreiben vor allem Beziehungsgeschichten. Sagen Sie uns
doch, wie man es ansatzweise richtig macht.
Die volle Katastrophe riskieren. Das hat viel mit Angst und
Schrecken zu tun, aber schreckliche Dinge passieren ja allen,
also nützt es nichts, sie auszuklammern. Man kriegt doch
gar nichts, wenn man nicht alles hergibt.
Was ist der Sinn einer Beziehung?
Es geht darum, dass man alles zusammen schafft. Und wenn es
sein muss, muss man sich auch gegenseitig den Strom abstellen.
Sie sind seit "Männer" ein Symbol für neue
deutsche Leichtfüssigkeit und Humor. Und jetzt reden Sie
nur von sehr schweren Dingen.
Es fällt allen leichter, sich an dem Komischen festzuhalten,
als darüber zu reden, dass es in meinen Büchern und
Filmen auch tragisch zugeht. Aber ich bin ja selber ein Unterhaltungsfan,
weil ich weiss, dass ich die Leute viel besser bekomme, wenn
etwas auch komisch ist. Auch mir ist der Zugang leichter, wenn
etwas Humor hat. Humor ist Luft. Was ich nicht will, ist der
Zynismus, den viele Autoren pflegen. Zynismus bedeutet immer
Abstand. Eine sichere Sache, wie Gucci-Schuhe. Aber man kommt
nicht weiter, wenn man sich die Dinge vom Leib hält.
Werden Sie böse, wenn man Ihre Bücher unter frauenliteratur
einreiht?
Wenn ich meinem Verleger glaube, gibt es nur noch frauenliteratur.
Denn nur noch Frauen lesen. Ich wundere mich sehr, wie viele
Männer mir sagen, sie hätten meinen Roman gelesen.
Die Männer, die ich kenne, sitzen nur noch vor dem Computer.
Doris Dörrie: "Viele Männer versteinern vor dem
Fernseher. Dafr machen sie zum Teil ihre Frauen verantwortlich."
"Man sollte den Mut zur vollen Katastrophe haben",
sagt Doris Dörrie.
Beatrice Schlag ist redaktionelle Mitarbeiterin, Eugen Sorg
Redaktor beim "Magazin" (bschlag@mediaone.net; esorg@dasmagazin.ch).
Daniel Mayer (Bilder) lebt in München.
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