erschienen im Tages-Anzeiger vom 11. März 2000

Der abwesende Mann

Kann eine Frau denken wie ein Mann? Kein Problem, sagt Doris Dörrie. In ihrem ersten Roman "Was machen wir jetzt?" beschreibt die Regisseurin und Autorin die Leiden eines unglücklichen, männlichen Helden. In Ich-Form. Ein Gespräch über Männer in den Köpfen von Frauen.

Von Beatrice Schlag und Eugen Sorg und Daniel Mayer (Bilder)

Warum wollen Sie sich immer in Männer hineinversetzen?

Es fällt mir so leicht. Vielleicht bin ich ein Mann.

Wären Sie gern einer?

Nein. Aber meine drei Schwestern und ich sind in dem gewaltigen Irrtum erzogen worden, es gebe keinen andern als den biologischen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Nie haben unsere Eltern gesagt, wir könnten es in manchen Berufen schwerer haben oder äähnliches. Deswegen habe ich nie gedacht, ich könnte Probleme haben, weil ich eine Frau bin.

Ist es interessanter, die Welt mit den Augen eines Mannes zu betrachten?

Nicht unbedingt. Es ist auch ein literarischer Trick. In dem Moment, wo ich das Geschlecht wechsle, bin ich freier. Und mein Blick auf Frauen ist viel klarer, wenn ich als Mann schreibe. Ausserdem habe ich Männer immer interessiert beobachtet und finde es nicht schwer, sie zu beschreiben. Sie zu verstehen, ist eine andere Sache.

Autorinnen benutzten gelegentlich männliche Pseudonyme, aber die Ich-Form in einem Roman mit männlicher Hauptfigur ist ein Novum.

Ich weiss nicht, warum. Es liegt doch auf der Hand. Männer haben das so oft gemacht, wenn auch nicht in der ersten Person: Anna Karenina, Madame Bovary. Die dritte Person kann einem auch sehr nahe rücken.

Wollen Sie uns etwas über Männer sagen, was die uns verschweigen?

Sicherlich auch. Mir ging es darum, einen Mann zu beschreiben, der primär abwesend ist und der durch die Handlung gezwungen wird, immer mehr in sein eigenes Leben zurückzukommen.

Was meinen Sie damit?

Das, was meine Hauptfigur fred mehrmals sagt: dass er sich ständig wegträumt aus seinem eigenen Leben. Dieses Dasitzen mit der Zeitung vor der Nase, körperlich anwesend, aber geistig weit fort, beobachte ich sehr viel mehr an Männern als an Frauen. Männer haben grosse Mühe, hier und jetzt anwesend zu sein, egal, wie die Umstände sind. Wenn Frauen den Wunsch haben, ein anderes Leben zu leben, dann kaufen sie neue Kleider, färben die Haare oder machen eine Diät.

Wenn ein Mann ein anderer werden will, geht er auf eine Abenteuerreise. Oder er erobert eine Frau.

Oder er rührt sich gar nicht mehr von der Stelle. Viele Männer erstarren in dem, was ist, wollen dort aber gar nicht sein. Tatsache ist, dass sie vor dem Fernseher versteinern. Dafr machen sie zum Teil ihre Frauen verantwortlich.

Oft sind Männer eingebundener in die Arbeit als Frauen und kommen abends todmüde nach Hause. Da bleibt nicht mehr viel Raum.

Das halte ich, gelinde gesagt, für Blödsinn. Männer wollen den Raum nicht, weil sie nicht wissen, was sie darin machen sollen. Ich weiss sehr genau, wovon ich spreche. Ich habe keinen einzigen männlichen Kollegen, der so dis- zipliniert arbeitet wie ich. Ich habe ein Kind, aber sie haben auch Kinder. Trotzdem höre ich sie reden, wie kaputt sie sind vom Filmen, wie anstrengend und furchtbar es ist, Filme zu machen.

Finden Sie Dreharbeiten nicht anstrengend?

Nein. Wenn ich erst einmal am Drehort bin, muss ich doch nur den Film machen. Kein Haushalt, kein Kind, kein Unterricht an der Filmhochschule, kein Bürokram. Drehen ist der reinste Urlaub. Aber es geht ja nicht darum. Viele Männer perfektionieren ihren Hang, keinen Platz zu lassen für andere Dinge. Sie machen den Raum immer kleiner, weil sie gar nicht wissen, was sie darin anstellen sollen.

Welche Rolle spielen deren Frauen?

fred, der Held meines Romans, beschuldigt seine Frau, weil sie versucht, ihr Unglück durch Organisation weg-zudrängen. Dadurch fühlt er sich erpresst, weil sie ihm die Luft nimmt, die Abenteuer zu erleben, die er sonst erleben könnte. Das stimmt natürlich nicht, sondern ist diese üble Spirale, in die man gerät, wenn einer immer sagt, ich würde ja, wenn ich nur den Platz hätte. Und der andere versucht, diesen Platz zu schaffen, weil sonst nichts passiert.

Ihr fred ist doch aber kein Träumer.

Nein, er hat nicht einmal Träume. Das ist noch schlimmer. Ich weiss nicht, ob er nicht ursprünglich begabt war. Er wollte halt nichts so richtig und bastelt sich sehr schnell Entschuldigungen, warum nichts geklappt hat in seinem Leben. Das ist das wunschlose Unglück, dass alle so mies draufbringt.

Ging Ihnen dieser Mann beim Schreiben nicht auf die Nerven?

Klar. Aber ich versuche eben, diesem latenten Unglück auf die Spur zu kommen. Ich reise viel in Länder, die echte Probleme haben, und jedes Mal, wenn ich zurückkomme, sind hier alle schlecht drauf. Ich kann niemandem vorwerfen, dass es uns zu gut geht. Aber ich werfe den Deutschen durchaus vor, nur noch zu sehen, was nicht hundertprozenötig stimmt und was uns noch fehlt zum Glück. Und dann vertrösten wir uns: Wenn meine Frau mich so liebt, wie ich will, dann. Wenn das Kind gross ist, dann. Immer dieses tödliche wenn, dann.

Ist das typisch deutsch?

Ich würde gern wissen, ob die Deutschen vor den beiden Weltkriegen füröhlicher waren. Aber das konnte mir bisher keiner sagen, auch die Lite- ratur nicht. Was mir für alle west- lichen Industrienationen symptoma-tisch scheint, ist dieses Sichwegzappen aus dem eigenen Leben durch den ständigen Drang nach Ablenkung und Abwechslung. Es fällt uns wahn-sinnig schwer, in den Moment zu- rückzukehren.

Ihre weiblichen Figuren kommen schlecht weg. Ist nur Ihr Held so frauenverdrossen, oder mögen auch Sie effiziente Frauen wie freds Frau Claudia nicht?

Ich verstehe Claudias Unglück gut. An einem Ehemann, der sich weigert, da präsent zu sein, wo er gerade ist, haut man sich die Stirn blutig. Man greift ins Leere und verzweifelt. Claudia versucht zwar, ihn zu halten, aber er beharrt so sehr auf seinem Unglück, dass nichts hilft. Es ist genauso vergeblich, wie wenn man einen Alkoholiker heilen will, der selber sagt, er sei keiner.

fred hasst auch alle anderen Frauen.

Er kommt ja auch nicht mit ihnen zurecht. Selbst würde er sich natürlich nie als frauenhasser bezeichnen. Es ist auch eher Neid als Hass, weil Frauen immer irgendwie auf die Füsse fallen und sich lebendig fühlen.

Warum wirken selbst seine Affären so lauwarm?

fred traut sich die volle Katastrophe nicht. Er traut sich überhaupt nichts. Er ist vorsichtig und gemässigt. Ich habe beim Schreiben manchmal gedacht, als fred hätte ich ein einfaches Leben. Wenn mir langweilig ist, habe ich eine Affäre, im übrigen ist nicht viel los.

Bestimmte sexuelle Fantasien Ihres Helden kämen einem Mann nie in den Sinn (Einwand Eugen Sorg).

Ich glaube Ihnen kein Wort. Seit "Ich und er" bin ich da wirklich hart- gesotten. Der Film war die Adaptation von Alberto Moravias "Io e lui", dem Dialog zwischen Kopf und Penis eines Mannes. Damals musste ich mir ein Jahr lang anhören, wie mir der Produzent sein Verhältnis zu seinem Penis erklärte. Ich konnte es nicht glau- ben, auch nicht, als all seine freunde mir versicherten, es sei so: Ein Mann bemühe sich zwar um zivilisiertes Verhalten, aber sein Penis mache eben, was er wolle, und dann würde er des-sen Opfer.

Ihr fred wirkt aber vergleichsweise triebschwach.

Das hab ich mir auch gedacht, dass es da gar nicht so häufig ruft. Es ist zwar eine männliche Vorstellung, auf diese Weise gesteuert zu sein, aber so oft findet es gar nicht statt. Dann bleibt nur der Kopf und ein rationaler Zugriff auf die Welt, um sie zu kontrollieren.

Ist dagegen so viel einzuwenden?

Was mich deprimiert, ist, dass es keinen Platz gibt für Gefühle. Nur Kopf und Penis und eine grosse Leerstelle dazwischen. Ich habe damals mit den Drehbuchautoren wochenlang diskutiert, wo die Männer denn nun wirklich stattfinden, wenn der Kopf nur zivilisiert und der Penis nur Trieb ist. Keiner konnte mir eine Antwort geben. Sie verstanden meine frage nicht. Wir sassen sehr hilflos voreinander. Eine bittere Erfahrung, obwohl es eine Komödie war.

Ihr Roman heisst "Was machen wir jetzt?". Das klingt nach Ratgeber.

Der Verleger hätte das Buch gern "Glück" genannt. Darauf sagten die Buchhändler, der Titel sei schlecht, er mache die Leute misstrauisch. Das bringt die Deutschen ziemlich auf den Punkt: Glück macht uns misstrauisch.

fred beginnt sich in einem buddhistischen Kloster zu verändern. In Ihrem Leben spielt Buddhismus eine grosse Rolle. Rücken sich fred und Doris Dörrie da sehr nahe?

Ich bin auch jemand, der sehr viel macht. Wenn ich mich hinsetzen muss und mich nicht mehr über das definieren kann, was ich tue, dann wird es schwierig. Ich wüte dann sehr.

Findet dann eine unangenehme Auflösung der eigenen Strukturen statt?

Genau. Aber es gibt eine grosse Belohnung dafr: Man entdeckt, dass Glück unabhängig von Bedingungen existiert. Es ist immer vorhanden. Man kann sich entscheiden, glücklich zu sein.

Glück ist ein krankes Konzept (Einwand Eugen Sorg).

Toller Satz. Sagen Sie mal einem Amerikaner: "Happiness is a sick concept." Da werden Sie etwas hören. Aber natürlich ist unser Hauptantrieb, Leiden zu vermeiden. Wir alle tun das jeden Moment, in dem wir leben. Das Gegenteil von Leiden ist glücklich sein. (Zu Eugen Sorg) Wollen Sie nicht glücklich sein?

Ich freue mich, wenn es geschieht. Aber die wenigen Male, wo ich das Glück gesucht habe, kam es schlimm. Anderen ging es äähnlich, soweit ich beobachten konnte.

Sie klingen gerade wie fred. Ich bin begeistert von Ihnen. Ich könnte mitschreiben.

Genügt Zufriedenheit nicht?

Kommt darauf an, wie man Glück definiert. für viele ist Zufriedenheit das Glück. Sie sind glücklich, wenn endlich einmal nichts passiert.

Glück muss doch schon daran scheitern, dass wir einem andern ermöglichen sollen, dass er glücklich wird.

Da haben wir uns auch verrannt. Es geht erst einmal darum, dass jeder mit sich glücklich ist und das auch ausstrahlt. Dass der andere für mein Glück verantwortlich sein soll, das funktioniert nicht. Nicht mit Männern und nicht mit Kindern. Mit niemandem.

fred ist das Gegenkonzept von Glück. Erst im Moment, wo er alles fahren lässt, bekommt er eine Ahnung davon.

Es ist wie die Geschichte mit den Affen: Man fängt Affen, indem man eine Banane in den Käfig legt. Der Affe ist schlau. Er geht nicht in den Käfig, sondern schnappt sich die Banane durch die Gitterstäbe. Aber er kann sie nicht rausholen, denn die Stäbe sind zu eng. Loslassen will er auch nicht. So fängt man ihn. Wir sind genauso.Wir trainieren nicht das Hingeben, sondern das Festhalten. Wir kommen nicht drauf, dass wir die Banane loslassen müssen. Aber so ist das leider mit dem Glück.

Sie schreiben vor allem Beziehungsgeschichten. Sagen Sie uns doch, wie man es ansatzweise richtig macht.

Die volle Katastrophe riskieren. Das hat viel mit Angst und Schrecken zu tun, aber schreckliche Dinge passieren ja allen, also nützt es nichts, sie auszuklammern. Man kriegt doch gar nichts, wenn man nicht alles hergibt.

Was ist der Sinn einer Beziehung?

Es geht darum, dass man alles zusammen schafft. Und wenn es sein muss, muss man sich auch gegenseitig den Strom abstellen.

Sie sind seit "Männer" ein Symbol für neue deutsche Leichtfüssigkeit und Humor. Und jetzt reden Sie nur von sehr schweren Dingen.

Es fällt allen leichter, sich an dem Komischen festzuhalten, als darüber zu reden, dass es in meinen Büchern und Filmen auch tragisch zugeht. Aber ich bin ja selber ein Unterhaltungsfan, weil ich weiss, dass ich die Leute viel besser bekomme, wenn etwas auch komisch ist. Auch mir ist der Zugang leichter, wenn etwas Humor hat. Humor ist Luft. Was ich nicht will, ist der Zynismus, den viele Autoren pflegen. Zynismus bedeutet immer Abstand. Eine sichere Sache, wie Gucci-Schuhe. Aber man kommt nicht weiter, wenn man sich die Dinge vom Leib hält.

Werden Sie böse, wenn man Ihre Bücher unter frauenliteratur einreiht?

Wenn ich meinem Verleger glaube, gibt es nur noch frauenliteratur. Denn nur noch Frauen lesen. Ich wundere mich sehr, wie viele Männer mir sagen, sie hätten meinen Roman gelesen. Die Männer, die ich kenne, sitzen nur noch vor dem Computer.

Doris Dörrie: "Viele Männer versteinern vor dem Fernseher. Dafr machen sie zum Teil ihre Frauen verantwortlich."

"Man sollte den Mut zur vollen Katastrophe haben", sagt Doris Dörrie.

Beatrice Schlag ist redaktionelle Mitarbeiterin, Eugen Sorg Redaktor beim "Magazin" (bschlag@mediaone.net; esorg@dasmagazin.ch). Daniel Mayer (Bilder) lebt in München.

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