ärztinnen scheitern an Vorurteilen
Die Medizin wird weiblich. Frauen sind bei den Studienanfängern
in der Mehrheit. Doch 72 Prozent der Facharzttitel gehen immer
noch an Männer.
Autor: Von Paula Lanfranconi
1998 begannen nach Angaben des Bundesamtes für Statistik
in der Schweiz erstmals mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium.
570 Frauen (55 Prozent) standen 460 Männern gegenüber.
Was den Studienerfolg betrifft, liegen beide Geschlechter etwa
gleich gut im Rennen. Doch mit Beginn der anschliessenden Karriere
beginnt die Geschlechterschere auseinander zu klaffen: 1998
holten sich 40 Prozent Frauen den Doktortitel, bei den Facharzttiteln
gingen nur noch 28 Prozent an Frauen. Und der Anteil der Medizinprofessorinnen
stagniert bei 5 Prozent, in der prestigeträchtigen Chirurgie
sind es gerade 2 Prozent. Es lag also nahe, dass sich der Jahreskongress
der Schweizerischen Gesellschaft für Psychosoziale Medizin
am vergangenen freitag in Zürich auch mit der Geschlechterfrage
in der Medizin befasste.
Dass Frauen in höheren Positionen kaum vertreten sind,
hat viele Gründe. Das grösste Hindernis ist das Geschlecht.
Medizinerinnen haben immer noch viel höhere Haushalt- und
Betreuungspflichten als ihre männlichen Kollegen. Eine
neue Nationalfonds-Studie über die geschlechtsspezifischen
Unterschiede in den Karrieren von medizinischen Wissenschafterinnen
und Wissenschaftern an Schweizer Hochschulen zeigt, dass 77
Prozent der Männer die Kinderbetreuung voll ihrer Partnerin
überlassen; bei den Frauen waren es 2,6 Prozent. Von den
weiblichen Wissenschaftern haben denn auch 58 Prozent keine
Kinder, aber nur 12 Prozent der Männer sind kinderlos.
Starre Karrierestrukturen
Weil Männer die medizinischen Machtpositionen dominieren,
sind die Promotionsrichtlinien auf Personen zugeschnitten, die
60 bis 70 Stunden pro Woche für den Beruf aufwenden können.
Eine abschreckende Perspektive für Frauen, die nicht bloss
berufliches Prestige, sondern auch Kinder als Teil ihrer Lebensaufgabe
sehen. Auch bei anderen karrierewirksamen Aspekten wie Anstellungs-
oder Publikationsentscheiden ist das Geschlecht ein stillschweigendes
Selektionskriterium. "Männliche Vorurteile - Frauen
nicht ernst zu nehmen oder sie als Bedrohung des eigenen Reservates
zu sehen, fremdheit, das "Old Boys Network" und Patronage
- sind Haupthindernisse für weibliche ärzte",
schrieb 1995 die Zeitschrift "Journal of Management in
Medicine". Um sich ihre Chancen nicht zu verderben, geben
heute viele publizierende Medizinerinnen beim Vornamen nur die
Initialen an.
Der Zürcher Kongress zitierte indes nicht nur aus diversen
Studien, sondern liess auch eine Praktikerin zu Wort kommen:
Brida von Castelberg, Chefärztin der Maternité Inselhof
Triemli. Sie hatte ihr (erstes) Fachärztinnendiplom in
der Chirurgie erworben. Dort sei sie sozusagen maskulinisiert
worden, sagte von Castelberg: "freizeit nach den Bedürfnissen
der Klinik, keine Müdigkeit, sowieso keine Bauchschmerzen
und Unpässlichkeiten, Schwangerschaft undenkbar."
Im Bewusstsein, "als Frau ein Chirurg zweiter Wahl zu sein",
aber auch, weil sie sich einen anderen Umgang mit Patienten
und Mitarbeitern denken konnte, machte sie später noch
den FMH in Geburtshilfe und Gynäkologie.
Gehen Frauen tatsächlich anders um mit den Patientinnen
und Patienten als Männer? Von Castelberg meint klar Ja:
Männer betrieben "curing", sie behandelten Krankheiten,
Frauen betrieben "caring", sie behandelten kranke
Menschen, die zwischenmenschliche Beziehung sei wichtig. "Es
nützt nichts, einer Frau ein Zeugnis für einen Monat
Arbeitsunfähigkeit auszustellen, denn eine Frau mit Kindern
wird zu Hause nicht nur die übliche Arbeit übernehmen,
sondern auch die während ihrer Abwesenheit angestaute noch
dazu erledigen." Gleichberechtigte Karrieren in der Medizin,
ist von Castelberg überzeugt, seien nur durch Delegation
von Kindererziehung und Hausarbeit realisierbar: Kosten für
Kindermädchen und Putzfrau müssten von den Steuern
abgesetzt, Krippen- und Schulzeiten angepasst werden.
Flexible Arbeitsbedingungen
Von Teilzeit in leitenden Positionen hält die Chefärztin
indes nichts - ein Standpunkt, den jüngere Frauen im persönlichen
Gespräch nach Castelbergs Vortrag hinterfragten, weil sie
einen Teil ihrer Zeit bewusst für die Kinder einsetzen
wollen. Funktionieren kann die Kombination von Karriere und
Kindern allerdings nur, wenn die Arbeitsbedingungen auch für
karriereorientierte ärztinnen und ärzte flexibler
werden.
Kongressorganisator Claus Buddeberg, Professor für Psychosoziale
Medizin und Geschäftsleitungsmitglied des Kompetenzzentrums
Gender Studies von Uni und ETHZ, will die entsprechenden Weichen
schon vor dem Karrierebeginn stellen - immerhin gehe es auch
um den effizienten Umgang mit Ressourcen. Buddeberg überät
Doktorandinnen bei der Karriereplanung und vermittelt ihnen
Ausbildungsplätze an frauenfreundlichen Kliniken. Geplant
ist auch eine prospektive Nationalfonds-Studie, um karrierefördernde
und -hindernde Faktoren zu erfassen. "Frauen planen im
Schnitt lediglich drei Jahre voraus. Künftig sollten sie
ihre Laufbahn bereits Ende des Studiums anstreben", rät
Buddeberg.
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