erschienen im Tages-Anzeiger vom 22. März 2000

ärztinnen scheitern an Vorurteilen

Die Medizin wird weiblich. Frauen sind bei den Studienanfängern in der Mehrheit. Doch 72 Prozent der Facharzttitel gehen immer noch an Männer.

Autor: Von Paula Lanfranconi

1998 begannen nach Angaben des Bundesamtes für Statistik in der Schweiz erstmals mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium. 570 Frauen (55 Prozent) standen 460 Männern gegenüber. Was den Studienerfolg betrifft, liegen beide Geschlechter etwa gleich gut im Rennen. Doch mit Beginn der anschliessenden Karriere beginnt die Geschlechterschere auseinander zu klaffen: 1998 holten sich 40 Prozent Frauen den Doktortitel, bei den Facharzttiteln gingen nur noch 28 Prozent an Frauen. Und der Anteil der Medizinprofessorinnen stagniert bei 5 Prozent, in der prestigeträchtigen Chirurgie sind es gerade 2 Prozent. Es lag also nahe, dass sich der Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychosoziale Medizin am vergangenen freitag in Zürich auch mit der Geschlechterfrage in der Medizin befasste.

Dass Frauen in höheren Positionen kaum vertreten sind, hat viele Gründe. Das grösste Hindernis ist das Geschlecht. Medizinerinnen haben immer noch viel höhere Haushalt- und Betreuungspflichten als ihre männlichen Kollegen. Eine neue Nationalfonds-Studie über die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Karrieren von medizinischen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern an Schweizer Hochschulen zeigt, dass 77 Prozent der Männer die Kinderbetreuung voll ihrer Partnerin überlassen; bei den Frauen waren es 2,6 Prozent. Von den weiblichen Wissenschaftern haben denn auch 58 Prozent keine Kinder, aber nur 12 Prozent der Männer sind kinderlos.

Starre Karrierestrukturen

Weil Männer die medizinischen Machtpositionen dominieren, sind die Promotionsrichtlinien auf Personen zugeschnitten, die 60 bis 70 Stunden pro Woche für den Beruf aufwenden können. Eine abschreckende Perspektive für Frauen, die nicht bloss berufliches Prestige, sondern auch Kinder als Teil ihrer Lebensaufgabe sehen. Auch bei anderen karrierewirksamen Aspekten wie Anstellungs- oder Publikationsentscheiden ist das Geschlecht ein stillschweigendes Selektionskriterium. "Männliche Vorurteile - Frauen nicht ernst zu nehmen oder sie als Bedrohung des eigenen Reservates zu sehen, fremdheit, das "Old Boys Network" und Patronage - sind Haupthindernisse für weibliche ärzte", schrieb 1995 die Zeitschrift "Journal of Management in Medicine". Um sich ihre Chancen nicht zu verderben, geben heute viele publizierende Medizinerinnen beim Vornamen nur die Initialen an.

Der Zürcher Kongress zitierte indes nicht nur aus diversen Studien, sondern liess auch eine Praktikerin zu Wort kommen: Brida von Castelberg, Chefärztin der Maternité Inselhof Triemli. Sie hatte ihr (erstes) Fachärztinnendiplom in der Chirurgie erworben. Dort sei sie sozusagen maskulinisiert worden, sagte von Castelberg: "freizeit nach den Bedürfnissen der Klinik, keine Müdigkeit, sowieso keine Bauchschmerzen und Unpässlichkeiten, Schwangerschaft undenkbar." Im Bewusstsein, "als Frau ein Chirurg zweiter Wahl zu sein", aber auch, weil sie sich einen anderen Umgang mit Patienten und Mitarbeitern denken konnte, machte sie später noch den FMH in Geburtshilfe und Gynäkologie.

Gehen Frauen tatsächlich anders um mit den Patientinnen und Patienten als Männer? Von Castelberg meint klar Ja: Männer betrieben "curing", sie behandelten Krankheiten, Frauen betrieben "caring", sie behandelten kranke Menschen, die zwischenmenschliche Beziehung sei wichtig. "Es nützt nichts, einer Frau ein Zeugnis für einen Monat Arbeitsunfähigkeit auszustellen, denn eine Frau mit Kindern wird zu Hause nicht nur die übliche Arbeit übernehmen, sondern auch die während ihrer Abwesenheit angestaute noch dazu erledigen." Gleichberechtigte Karrieren in der Medizin, ist von Castelberg überzeugt, seien nur durch Delegation von Kindererziehung und Hausarbeit realisierbar: Kosten für Kindermädchen und Putzfrau müssten von den Steuern abgesetzt, Krippen- und Schulzeiten angepasst werden.

Flexible Arbeitsbedingungen

Von Teilzeit in leitenden Positionen hält die Chefärztin indes nichts - ein Standpunkt, den jüngere Frauen im persönlichen Gespräch nach Castelbergs Vortrag hinterfragten, weil sie einen Teil ihrer Zeit bewusst für die Kinder einsetzen wollen. Funktionieren kann die Kombination von Karriere und Kindern allerdings nur, wenn die Arbeitsbedingungen auch für karriereorientierte ärztinnen und ärzte flexibler werden.

Kongressorganisator Claus Buddeberg, Professor für Psychosoziale Medizin und Geschäftsleitungsmitglied des Kompetenzzentrums Gender Studies von Uni und ETHZ, will die entsprechenden Weichen schon vor dem Karrierebeginn stellen - immerhin gehe es auch um den effizienten Umgang mit Ressourcen. Buddeberg überät Doktorandinnen bei der Karriereplanung und vermittelt ihnen Ausbildungsplätze an frauenfreundlichen Kliniken. Geplant ist auch eine prospektive Nationalfonds-Studie, um karrierefördernde und -hindernde Faktoren zu erfassen. "Frauen planen im Schnitt lediglich drei Jahre voraus. Künftig sollten sie ihre Laufbahn bereits Ende des Studiums anstreben", rät Buddeberg.

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