erschienen im Bund vom 8. April 2000

"Neue" Männer für Monsieur Egalité

MICHAEL MüLLER

Gleichstellung / "Neue Männer braucht das Land", sang vor Jahren eine deutsche Sängerin. Jetzt sind sie da. Und wollen sich die städtische Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann unter den Nagel reissen.

Sie sind jung, dynamisch, aufgeschlossen, wickeln eigenhändig ihre Kleinkinder und füllen den Geschirrspüler selber. Sie haben genug vom männlich dominierten Blockdenken und politisieren sachgerecht in der sanften Mitte. Michael Burri, Sven Baumann, Ueli Stückelberger, Michael Straub und Peter Stucki sind Stadträte der GFL/EVP-fraktion. Von solchen Männern müssen viele Frauen geträumt haben, als sie vor Jahren verzückt mitsangen, da Ina Deters Lied "Neue Männer braucht das Land" die alternativen Hitparaden stürmte. Jetzt aber kommt das böse Erwachen.

In den nächsten Wochen läuft das Verfahren zur Auswahl der neuen Leiterin der Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann in der Stadt Bern. Gestern freitag lief die frist zur Einsendung der Bewerbungsunterlagen ab. Die bisherige Stelleninhaberin Regula Mader wurde am 12. März zur Regierungsstatthalterin gewählt.
Das Interesse an der Stelle der Gleichstellungsbeauftragten sei gross, sagt Sonja Rentsch, Leiterin der Zentralen Dienste auf der Präsidialdirektion, dem "Bund". Es hätten sich einige Personen gemeldet; wieviele es sind, wollte Rentsch nicht sagen; erst später werde die Zahl bekannt gegeben.

Eines jedoch verriet Sonja Rentsch bereits gestern: Unter den Bewerbungen figuriert kein einziger Mann. Ausschliesslich Frauen sind im Rennen um die Leitung der Fachstelle für Gleichstellung. Erstaunlich ist das nicht, denn gemäss Stellenausschreibung im "Stadtanzeiger" wurde ausdrücklich eine Leiterin gesucht. Männer brauchten sich gar nicht erst zu bewerben.

Eine solche Ungleichbehandlung in der Gleichstellungsfrage ist unseren fünf "neuen" Männern nun aber doch zuviel. Von den Machos jahrelang als Softies verschrien, fordern sie jetzt den Lohn für erduldete Entbehrungen und deponierten beim Gemeinderat eine Kleine Anfrage, um dergestalt für die Sache des Mannes einzutreten.

Auch wenn Michael Burri verwedelnd erklärt, so ganz "todernst" sei ihm die Sache nicht, wird schnell klar: Es geht ihm um mehr als den Absatz 2 im Artikel 9 des städtischen Personalreglements, der verlangt, Stellenausschreibungen hätten sich an beide Geschlechter zu richten. Und es geht ihm um mehr als die männliche Form in der Stellenausschreibung. Darüber steht er ja.
Er könne sich, gestand Burri gestern scheu, nämlich durchaus vorstellen, als Gleichstellungsbeauftragter zu fungieren. Natürlich nicht allein, sondern im Jobsharing. Und selbstverständlich nur zusammen mit einer Frau.
Wenn das nicht der Auftakt ist zu einer unfreundlichen übernahme der städtischen Fachstelle für die Gleichstellung durch die "neuen" Männer . . .

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