erschienen in der NZZ vom 13. April 2000
Blick auf den Bildschirm

Von den Schwierigkeiten, Sexualität zu leben

psz. Die Deutschen zeigten laut dem Magazin "Focus" noch vor einem Jahr "neue Gelassenheit" in Sachen Sex, und wenigstens den franzosen bescheinigten Umfragen gerade noch ausreichende Koitushäufigkeit. Gute Nachrichten machen jedoch misstrauisch. Ausgerechnet in unserem entfremdeten Leben soll es Oasen der Sinnlichkeit geben? Auch die "Themenabend"-Redaktion des Kulturkanals Arte witterte Betrug und sendet zwei Dokumentationen, die "gehörig an der Fassade scheinbarer Zufriedenheit" rütteln sollen.

"Frauen reden über Sex": Sechs Frauen aus frankreich und Deutschland - sie sind zwischen 25 und 65 Jahre alt - berichten vor der Kamera von Fabrice Gardel von ihren sexuellen Erfahrungen und Wünschen. Die intimen Berichte überühren Themen, wie man sie aus frauenzeitschriften kennt - etwa Lustlosigkeit nach der Geburt der Kinder oder Treue trotz sexueller Langeweile. Doch das "zarte" Geschlecht zeigt sich auch lüstern und aufgeschlossen: Spezielle Praktiken sind für Henriette, Isabelle, Johanna, Michèle, Karin und Alexandra keine Tabus. Eine tobt sich sogar mit ihrem Mann in einem Swinger-Klub aus. Aber so richtig zufrieden wirken nicht alle diese Damen. Ihr Sexualleben erfüllt nicht immer ihre Erwartungen. Und die eigenen Schwierigkeiten im Bett einzugestehen läuft dem bequemen Klischee vom gefühllosen, rücksichtslosen Mann zuwider. Nur die lockerste der Frauen gibt zu, sich notfalls selbst zu befriedigen - eines der letzten weiblichen Tabus, wie es scheint.

Nun gilt es seit Beginn der sogenannten frauenbewegung als politisch korrekt, Frauen Gelegenheit zum öffentlichen Lamentieren über ihren "frust" mit Männern zu geben. Die Medien zeigen unerschöpfliches Interesse an Berichten, in denen sich Frauen als Opfer männlicher Unterdrückung inszenieren - wie eh und je als schwache und schutzbedürftige Wesen. Männer haben gemäss dieser Diskursregel in die Defensive zu gehen, sobald die vermeintlich bessere Hälfte der Gattung Klage erhebt - und tun es oft ganz brav. Denn Angreifen, Erobern und Erfolgreichsein - das sind Verhaltensweisen, die es zur Förderung der Gleichberechtigung an Männchen zu verachten, an Weibchen aber zu bewundern gilt. Die daraus resultierende Rollenunsicherheit hat, das machen die freimütigen Erzählungen dieses "Themenabends" deutlich, auf beiden Seiten der Bettritze Ratlosigkeit, ja Resignation erzeugt.

Diesen Eindruck hinterlässt vor allem der zweite Beitrag, "Männer reden über Sex", in dem Tuomas Sallinen Männern aus Helsinki, Berlin und Paris das Wort erteilt. Die Mehrzahl der porträtierten einstigen Herren der Schöpfung blickt voller Zweifel auf ein "Problem zwischen den Beinen", dessen Lösung eine lebenslange Herausforderung bedeutet - so die These des finnischen Filmautors. Sein 52jähriger Landsmann Arto gibt zu Protokoll, er trage "seinen Penis im Kopf" und sei den sexuellen Erwartungen seiner Frau deshalb nicht gewachsen; ständige Selbstbeobachtung störe den ungehemmten Genuss der Lust. Noch deprimierendere Alltagsbilder schildert Rolf aus Deutschland. Dem Hausmann schneit spät am Abend eine beruflich erfolgreiche, aber sexuell lustlose Frau ins Schlafzimmer - ihm bleibe nur die Selbstbefriedigung, lautet die erschütternde Bilanz des aus feministischer Sicht vorbildlichen Rollentauschs. Im Lichte solcher Tristesse, die wir andersherum ja kennen, verwundert es schon weniger, dass dem 57jährigen Michael erst die Trennung von der Gattin die sexuelle Befreiung gebracht hat. Häufig wechselnde Partnerinnen verschaffen ihm im letzten Lebensdrittel endlich Glücksgefühle.

Die bewegenden Porträts vor allem der Männer zeigen: Während das Alter des Eintreten der Jugendlichen in die sexuell aktive Phase sinkt - heute Sechzehnjährige sind laut dem "Global Sex Survey" des Kondomherstellers Durex in der Regel schon seit zwei Jahren dabei -, gibt die Elterngeneration ein zwiespältiges Vorbild ab. Hinter vordergründiger Selbstzufriedenheit, soviel lässt sich nach dem Einblick in diese Biographien kaum bestreiten, verbirgt sich womöglich die Scheu, die Andersartigkeit des Partners zu entdecken, auf seine Wünsche einzugehen, auch wenn sie einmal nicht voll mit den eigenen übereinstimmen, und gleichzeitig die gemeinsame Experimentierfreude zu entwickeln.

Ein Blick auf die Liste der "Themenabende" seit 1992 beweist, dass sich die Arte-Redaktion in den letzten vier Jahren immer häufiger mit Sexualität befasst hat. Sex sells? Sicher, aber wenn die körperliche Liebe problemlos abliefe, gäbe es nichts zu diskutieren. frauenemanzipation ist eine Tendenz in unserer Gesellschaft, Pornographisierung der Medien ist eine andere, gegenläufige. über die Spielarten von Herrschaft und Unterwerfung, welche die Beziehungen der Menschen bis in intime Bereiche hinein prägen, sprechen wir nach wie vor nicht gern. Arte spitzt die fragen zu: "Sind Frauen und Männer tatsächlich für die geschlechtliche Partnerschaft geschaffen? Kann man heute noch monogam sein?"

 

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