Blick auf den Bildschirm
Von den Schwierigkeiten, Sexualität zu leben
psz. Die Deutschen zeigten laut dem Magazin "Focus"
noch vor einem Jahr "neue Gelassenheit" in Sachen
Sex, und wenigstens den franzosen bescheinigten Umfragen gerade
noch ausreichende Koitushäufigkeit. Gute Nachrichten machen
jedoch misstrauisch. Ausgerechnet in unserem entfremdeten Leben
soll es Oasen der Sinnlichkeit geben? Auch die "Themenabend"-Redaktion
des Kulturkanals Arte witterte Betrug und sendet zwei Dokumentationen,
die "gehörig an der Fassade scheinbarer Zufriedenheit"
rütteln sollen.
"Frauen reden über Sex": Sechs Frauen aus frankreich
und Deutschland - sie sind zwischen 25 und 65 Jahre alt - berichten
vor der Kamera von Fabrice Gardel von ihren sexuellen Erfahrungen
und Wünschen. Die intimen Berichte überühren Themen,
wie man sie aus frauenzeitschriften kennt - etwa Lustlosigkeit
nach der Geburt der Kinder oder Treue trotz sexueller Langeweile.
Doch das "zarte" Geschlecht zeigt sich auch lüstern
und aufgeschlossen: Spezielle Praktiken sind für Henriette,
Isabelle, Johanna, Michèle, Karin und Alexandra keine
Tabus. Eine tobt sich sogar mit ihrem Mann in einem Swinger-Klub
aus. Aber so richtig zufrieden wirken nicht alle diese Damen.
Ihr Sexualleben erfüllt nicht immer ihre Erwartungen. Und
die eigenen Schwierigkeiten im Bett einzugestehen läuft
dem bequemen Klischee vom gefühllosen, rücksichtslosen
Mann zuwider. Nur die lockerste der Frauen gibt zu, sich notfalls
selbst zu befriedigen - eines der letzten weiblichen Tabus,
wie es scheint.
Nun gilt es seit Beginn der sogenannten frauenbewegung als politisch
korrekt, Frauen Gelegenheit zum öffentlichen Lamentieren
über ihren "frust" mit Männern zu geben.
Die Medien zeigen unerschöpfliches Interesse an Berichten,
in denen sich Frauen als Opfer männlicher Unterdrückung
inszenieren - wie eh und je als schwache und schutzbedürftige
Wesen. Männer haben gemäss dieser Diskursregel in
die Defensive zu gehen, sobald die vermeintlich bessere Hälfte
der Gattung Klage erhebt - und tun es oft ganz brav. Denn Angreifen,
Erobern und Erfolgreichsein - das sind Verhaltensweisen, die
es zur Förderung der Gleichberechtigung an Männchen
zu verachten, an Weibchen aber zu bewundern gilt. Die daraus
resultierende Rollenunsicherheit hat, das machen die freimütigen
Erzählungen dieses "Themenabends" deutlich, auf
beiden Seiten der Bettritze Ratlosigkeit, ja Resignation erzeugt.
Diesen Eindruck hinterlässt vor allem der zweite Beitrag,
"Männer reden über Sex", in dem Tuomas Sallinen
Männern aus Helsinki, Berlin und Paris das Wort erteilt.
Die Mehrzahl der porträtierten einstigen Herren der Schöpfung
blickt voller Zweifel auf ein "Problem zwischen den Beinen",
dessen Lösung eine lebenslange Herausforderung bedeutet
- so die These des finnischen Filmautors. Sein 52jähriger
Landsmann Arto gibt zu Protokoll, er trage "seinen Penis
im Kopf" und sei den sexuellen Erwartungen seiner Frau
deshalb nicht gewachsen; ständige Selbstbeobachtung störe
den ungehemmten Genuss der Lust. Noch deprimierendere Alltagsbilder
schildert Rolf aus Deutschland. Dem Hausmann schneit spät
am Abend eine beruflich erfolgreiche, aber sexuell lustlose
Frau ins Schlafzimmer - ihm bleibe nur die Selbstbefriedigung,
lautet die erschütternde Bilanz des aus feministischer
Sicht vorbildlichen Rollentauschs. Im Lichte solcher Tristesse,
die wir andersherum ja kennen, verwundert es schon weniger,
dass dem 57jährigen Michael erst die Trennung von der Gattin
die sexuelle Befreiung gebracht hat. Häufig wechselnde
Partnerinnen verschaffen ihm im letzten Lebensdrittel endlich
Glücksgefühle.
Die bewegenden Porträts vor allem der Männer zeigen:
Während das Alter des Eintreten der Jugendlichen in die
sexuell aktive Phase sinkt - heute Sechzehnjährige sind
laut dem "Global Sex Survey" des Kondomherstellers
Durex in der Regel schon seit zwei Jahren dabei -, gibt die
Elterngeneration ein zwiespältiges Vorbild ab. Hinter vordergründiger
Selbstzufriedenheit, soviel lässt sich nach dem Einblick
in diese Biographien kaum bestreiten, verbirgt sich womöglich
die Scheu, die Andersartigkeit des Partners zu entdecken, auf
seine Wünsche einzugehen, auch wenn sie einmal nicht voll
mit den eigenen übereinstimmen, und gleichzeitig die gemeinsame
Experimentierfreude zu entwickeln.
Ein Blick auf die Liste der "Themenabende" seit 1992
beweist, dass sich die Arte-Redaktion in den letzten vier Jahren
immer häufiger mit Sexualität befasst hat. Sex sells?
Sicher, aber wenn die körperliche Liebe problemlos abliefe,
gäbe es nichts zu diskutieren. frauenemanzipation ist eine
Tendenz in unserer Gesellschaft, Pornographisierung der Medien
ist eine andere, gegenläufige. über die Spielarten
von Herrschaft und Unterwerfung, welche die Beziehungen der
Menschen bis in intime Bereiche hinein prägen, sprechen
wir nach wie vor nicht gern. Arte spitzt die fragen zu: "Sind
Frauen und Männer tatsächlich für die geschlechtliche
Partnerschaft geschaffen? Kann man heute noch monogam sein?"
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