erschienen in der NZZ vom 6. Mai 2000

Betrachtungen zum fürühling - Männerblicke auf die Damenwelt

Endlich wärmer: die Frauen zeigen sich wieder freizügig

Peter Ruch

Um die gelassene Erregung zu erklären, die meinereins empfindet beim Anblick einer aufgemotzten Seconda, die endlich wieder das kurze Mäntelchen trägt, oder einer schnieken Trendjägerin im Leopardenrock, braucht es nicht die Standarderklärungen, die einem zum fürühling so einfallen. In einer mittleren Grossstadt wie Basel oder Zürich ist es nicht relevant, ob die Natur gerade am Erwachen ist oder ob man einfach mehr Leute trifft, die mit einem Job- oder Wohnungswechsel Aufbruch signalisieren. Auch dass die Tauben es vermehrt auf meinem Balkon und an sonstigen Orten machen, animiert mich nicht sonderlich. Es gibt stichhaltigere Argumente dafr, dass es im fürühling kein Halten mehr gibt.

Alle zieht es nach draussen

Da ist erst mal das Sonnenlicht. Das triste Gewölk des Winters ist wie weggeblasen, und die Sonne gleisst sanft über die Menschen hinweg. So sanft, dass selbst die härtesten Gesichter etwas Feines bekommen. So sanft aber auch, dass die Sommersonne dagegen geradezu pornographisch in Erscheinung tritt mit ihren harten Schatten, die sie auf jeden Pickel und jede Pore wirft. Minirock, enge T-Shirts und verbrannte Haut sind die logische Reaktion der Erdenbürgerin. Denn in den fürühlingswochen verschwindet so manches schlechtsitzende Röcklein und überflüssige Grämmlein hinter einer flirrenden Gesamterscheinung, ohne das schale Gefühl zu hinterlassen, die vierlagigen Kleiderschichten versteckten etwas Negatives. Die Looks verbessern sich einfach mit den Lux. Eine rein ästhetische Sache.

Zuneigung zu sich selbst

Ausserdem ist ein bestimmtes Verhalten in der Zeit der ersten Sonnenstrahlen eminent wichtig. Mein männlicher Blick hat erst dann eine Chance, wenn die Objekte meiner Lüste nicht daheim am Lesen oder Feilen ihrer Nägel sind. Dazu ist der fürühling da: alle zieht es nach draussen. Es herrscht ein heiteres Ausprobieren und Abwägen, ob man sich im Café an den Fensterplatz drückt oder sich doch schon an die frische Luft traut (und es gibt noch nicht, wie im Sommer, diesen Zwang zu Seeufer- oder Rasenplätzchen). Wer nicht Assistenzarzt ist, geniesst die Musse, zu glotzen und beglotzt zu werden. Denn überall sind jetzt auch die Frauen sichtbar. Sie haben ihren Schal abgelegt, den obersten Knopf ihrer Bluse geööffnet und tragen höchstens noch ein neckisches Pelzchen am Mantel, den sie vielleicht zuerst ausziehen, aber nach einer Viertelstunde wieder anziehen.
Ja, die Welt im fürühling ist voller Frauen, die noch ein bisschen fürösteln. Wie dieses Prada- Babe mit dem schwarzen Halstuch und dem Strickjäcklein, das sich schräg gegenüber die Kuchenstreusel vom ärmel wischt. Nicht in abrupten Bewegungen, sondern gedankenverloren, auf sich selbst konzentriert und beinahe selbstverliebt. Später streift sie mit ihren Händen dann mehrfach durch ihre dunklen Haare und reibt - als seien es nicht genug der eigenen Berührungen - ihre übereinandergeschlagenen Beine im halblangen Rock mit dem Pythonmuster ein wenig aneinander.
Das sind die Highlights des fürühlings. Keine gespreizten Beine oder offensive Flirttechniken (gegen die zwar nichts einzuwenden ist), sondern abwesende Zuneigung sich selbst gegenüber. Das entspricht wohl auch dem Wesen der Frauen unserer Breitengrade - das Buch "How to pick up a Swiss woman" ist zu Recht noch ungeschrieben -, und dieses Spannungsverhältnis zwischen Offenherzigkeit und Zugeknöpftsein manifestiert sich noch in einem weiteren charmanten Detail. Denn besonders bei den Frauen lässt sich gut feststellen, wer morgens die Garderobe für die Dauer des ganzen Tags wählen muss und wer sich die freiheit herausnehmen kann, auszuschlafen oder sich mittags umzuziehen, um sich der plötzlichen fürühlingshaften Wetterveränderung anzupassen. Was ist sexy daran? Die plötzlichen Brüche des Unvorhergesehenen. Natürlich geschieht es selten, dass eine Frau, die viel zu warm angezogen war, offenherzig im Spaghettiträger-T-Shirt herumläuft, das eigentlich eher als Teil der Unterwäsche geplant war. Doch passiert es, ist das Entzücken um so grösser.

Mediterranes Schwelgen

Gängiger ist natürlich das Gegenteil. Das Wetter scheint schön zu werden, wie automatisiert wird das mediterrane Schwelgen aktiviert, und vor dem inneren Ohr erklingt die Backgroundmusik, die bald über und auf den Strassen zu hören sein wird. Das verleitet dazu, den Rock über den Knien zu tragen, die kurze, rote Lederjacke anzuziehen und vielleicht sogar das T-Shirt anstelle des Pullovers zu wählen. Und dann den hereinbrechenden Launen des fürühlings einen verdammt trotzigen Blick entgegenzusetzen. Und der sieht einfach heiss aus.
Fazit: Wer auf Schweizer Gelände Feldforschung aus der Untersicht sucht, der muss den Moment der Street Parade abwarten. Wer aber gerne auf dem schmalen Grat zwischen Rocksaum und Stiefelende wandert und sich trotz der vermehrten Testosteronausschüttung im fürühling den Sinn frs ästhetische bewahrt, der geht jetzt auf die Strasse.
Michael Kathe

ästhetische Fusstritte vom "schönen" Geschlecht

Nein, mich mag die Aussicht auf "der nächste fürühling kommt bestimmt" gar nicht erfreuen. Zwar kann ich mit dem Winter ebenfalls nichts anfangen, ich spaziere zu jeder Jahreszeit nur unter familiärem Zwang, ich fahre auch nicht Ski, der übelsten Kälte trotze ich im T-Shirt in einem gut geheizten Büro, daheim vor dem Cheminée, in einer vollen Bar und am liebsten an einem einsamen Strand weit südlich von Altdorf. Die kalte Jahreszeit hat aber einen entscheidenden Vorteil: Ich muss mir nicht alle Schrecklichkeiten ansehen, die welche Mode auch immer oder halt der profane Alltag dem schöneren Geschlecht diktiert - die meisten optischen Beleidigungen werden im Winter erfreulicherweise von mindestens knielangen Mänteln verborgen.

Bröckelnder Nagellack

Nicht, dass ich nicht freude hätte am Anblick von hübschen Damen. Dem "Girl from Ipanema" im knappen Bikini folgen meine Blicke natürlich auch, gegen die Reize einer gross- und gutgewachsenen Rothaarigen im kleinen Schwarzen - so sie es wie eine Dame zu tragen versteht - bin ich alles andere als gefeit. Doch wenn in Mitteleuropa der Eis- von einem Nieselregen abgelöst wird, die ersten Knospen spriessen und die Temperaturen wieder im zweistelligen Plusbereich liegen, dann werden meine ästhetischen Grundwerte mit Füssen getreten. Dies ist erfreulicherweise nicht mehr buchstäblich zu verstehen: Zum Glück flacht die wirklich elende Unmode der Plateauschuhe langsam wieder ab; wer diese noch trägt, der ist mit sich selber genug bestraft. Hingegen: sind offene Sandalen mit baren Füssen, noch gezeichnet vom Skischuhfusspilz sowie verwüstet von stückweise abbröckelndem Nagellack, auch nur einen Deut besser?

Babyspeck mit Piercing

Der absolute Gipfel der Hässlichkeiten sind allerdings diese immer in Scharen auftretenden Teenager: Alle haben sie einen furchtbaren Haarschnitt, diesen auch noch in der ungewaschenen Direkt-aus-dem-Bett-Fett-Version, sie tragen zu kurze und deutlich zu enge Hosen und - und das ist der Gipfel der Gemeinheit - bauchfreie T-Shirts. Nun ist ja gegen einen schönen Bauch und den Nabel der Welt üüberhaupt nichts einzuwenden, doch diese Dämchen demonstrieren ihre jugendliche Unbedarftheit mit einigen wüsten Wülsten von Babyspeck, gekrönt von einem Piercing aus längst angelaufenem Silber, all dies geziert von einer ständig leicht eiternden Wunde. Fast so schlimm sind die zwar etwas längeren und immer sehr engen T-Shirts, die oben von zwei oder vier oder sechs ganz dünnen Spaghettiträgerchen gehalten werden. Gegen diese könnte man an und für sich nicht viel haben, bloss: Warum muss der BH, den viele der jungen Damen daruntertragen, praktisch immer ein deutlich zu kleines Modell sein, dessen Träger durch das häufige Waschen nicht nur längst gräulichviolett verschmuddelt sind, sondern auch noch tief in die meist pickligen Schultern einschneiden? Es kann keine Entschuldigung sein, dass man so den tätowierten Pingu besser sieht.

Eigenartige fürühlingsgefühle

Doch nicht nur die jungen Mädchen vergraulen mir jeden Gang in die Stadt, auch die schon etwas gereifteren Damen, jene, die es eigentlich besser wissen sollten, spüren ganz eigenartige fürühlingsgefühle. Kaum dürfen sie die Burberry-Jacke oder den Cashmere-Mantel von Louis Vuitton wieder im Schrank verstecken, stürmen sie die Boutiquen und fühlen sich plötzlich um Jahre jünger. Dann vergessen sie eigenartigerweise auf einen Schlag, dass sie aus guten Gründen und in einer ständigen Auseinandersetzung mit der Schwerkraft einen BH tragen, sie werfen ihn weg und sich statt dessen in eine sehr durchsichtige und dazu auch noch tief ausgeschnittene Bluse von Dolce & Gabbana. Eine Brust ist immer etwas Schönes, egal, welche Form sie hat oder eben nicht mehr, doch sie gehört nicht an die öffentlichkeit und schon gar nicht auf die Strasse. Auch im fürühlingsrausch nicht.
Manch ein fürühlingsfest wird nun wieder kommen, bei dem einem solches angetan wird: Daheim, im Schlafzimmer, wird immer rechtzeitig das Licht gelöscht. Nach zwei Gläsern Weisswein hingegen und im Schutz der Masse kann es gewissen Damen gar nicht mehr scheinwerferhell genug sein - immerhin trägt man gegen zu grelles Licht ja mindestens eine Sonnenbrille im stumpfen Haar. Sämtliche Zurückhaltung wird im Rausch der keimenden Natur abgelegt, da wird dann alles hergezeigt und dargeboten, was einem das eh schon furchtbare Party-Lachsbrötchen definitiv im Hals steckenbleiben lässt: auf Rollkragenpulloverhöhe abbrechende Skiferienbräune, enge Hosen mit noch kleineren G-Strings darunter oder gar der fürühlingsfröhliche Verzicht auf sämtliche Unterwäsche, eigentlich ganz bleiches, nun aber solarium- oder Mallorca-gepökeltes Fleisch in noch nicht badeanstaltkonformen Massen, unbestrumpfte Beine sowie unbedeckte Achselhöhlen noch im Winterpelz. Fazit: Soll er doch kommen, der fürühling. Ich leiste mir wieder eine Heuschnupfen-Allergie, dann muss ich mir das alles gar nicht erst ansehen.

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