Betrachtungen zum fürühling - Männerblicke auf die
Damenwelt
Endlich wärmer: die Frauen zeigen sich wieder freizügig
Peter Ruch
Um die gelassene Erregung zu erklären, die meinereins
empfindet beim Anblick einer aufgemotzten Seconda, die endlich
wieder das kurze Mäntelchen trägt, oder einer schnieken
Trendjägerin im Leopardenrock, braucht es nicht die Standarderklärungen,
die einem zum fürühling so einfallen. In einer mittleren
Grossstadt wie Basel oder Zürich ist es nicht relevant,
ob die Natur gerade am Erwachen ist oder ob man einfach mehr
Leute trifft, die mit einem Job- oder Wohnungswechsel Aufbruch
signalisieren. Auch dass die Tauben es vermehrt auf meinem Balkon
und an sonstigen Orten machen, animiert mich nicht sonderlich.
Es gibt stichhaltigere Argumente dafr, dass es im fürühling
kein Halten mehr gibt.
Alle zieht es nach draussen
Da ist erst mal das Sonnenlicht. Das triste Gewölk des
Winters ist wie weggeblasen, und die Sonne gleisst sanft über
die Menschen hinweg. So sanft, dass selbst die härtesten
Gesichter etwas Feines bekommen. So sanft aber auch, dass die
Sommersonne dagegen geradezu pornographisch in Erscheinung tritt
mit ihren harten Schatten, die sie auf jeden Pickel und jede
Pore wirft. Minirock, enge T-Shirts und verbrannte Haut sind
die logische Reaktion der Erdenbürgerin. Denn in den fürühlingswochen
verschwindet so manches schlechtsitzende Röcklein und überflüssige
Grämmlein hinter einer flirrenden Gesamterscheinung, ohne
das schale Gefühl zu hinterlassen, die vierlagigen Kleiderschichten
versteckten etwas Negatives. Die Looks verbessern sich einfach
mit den Lux. Eine rein ästhetische Sache.
Zuneigung zu sich selbst
Ausserdem ist ein bestimmtes Verhalten in der Zeit der ersten
Sonnenstrahlen eminent wichtig. Mein männlicher Blick hat
erst dann eine Chance, wenn die Objekte meiner Lüste nicht
daheim am Lesen oder Feilen ihrer Nägel sind. Dazu ist
der fürühling da: alle zieht es nach draussen. Es herrscht
ein heiteres Ausprobieren und Abwägen, ob man sich im Café
an den Fensterplatz drückt oder sich doch schon an die
frische Luft traut (und es gibt noch nicht, wie im Sommer, diesen
Zwang zu Seeufer- oder Rasenplätzchen). Wer nicht Assistenzarzt
ist, geniesst die Musse, zu glotzen und beglotzt zu werden.
Denn überall sind jetzt auch die Frauen sichtbar. Sie haben
ihren Schal abgelegt, den obersten Knopf ihrer Bluse geööffnet
und tragen höchstens noch ein neckisches Pelzchen am Mantel,
den sie vielleicht zuerst ausziehen, aber nach einer Viertelstunde
wieder anziehen.
Ja, die Welt im fürühling ist voller Frauen, die noch ein
bisschen fürösteln. Wie dieses Prada- Babe mit dem schwarzen
Halstuch und dem Strickjäcklein, das sich schräg gegenüber
die Kuchenstreusel vom ärmel wischt. Nicht in abrupten
Bewegungen, sondern gedankenverloren, auf sich selbst konzentriert
und beinahe selbstverliebt. Später streift sie mit ihren
Händen dann mehrfach durch ihre dunklen Haare und reibt
- als seien es nicht genug der eigenen Berührungen - ihre
übereinandergeschlagenen Beine im halblangen Rock mit dem
Pythonmuster ein wenig aneinander.
Das sind die Highlights des fürühlings. Keine gespreizten
Beine oder offensive Flirttechniken (gegen die zwar nichts einzuwenden
ist), sondern abwesende Zuneigung sich selbst gegenüber.
Das entspricht wohl auch dem Wesen der Frauen unserer Breitengrade
- das Buch "How to pick up a Swiss woman" ist zu Recht
noch ungeschrieben -, und dieses Spannungsverhältnis zwischen
Offenherzigkeit und Zugeknöpftsein manifestiert sich noch
in einem weiteren charmanten Detail. Denn besonders bei den
Frauen lässt sich gut feststellen, wer morgens die Garderobe
für die Dauer des ganzen Tags wählen muss und wer
sich die freiheit herausnehmen kann, auszuschlafen oder sich
mittags umzuziehen, um sich der plötzlichen fürühlingshaften
Wetterveränderung anzupassen. Was ist sexy daran? Die plötzlichen
Brüche des Unvorhergesehenen. Natürlich geschieht
es selten, dass eine Frau, die viel zu warm angezogen war, offenherzig
im Spaghettiträger-T-Shirt herumläuft, das eigentlich
eher als Teil der Unterwäsche geplant war. Doch passiert
es, ist das Entzücken um so grösser.
Mediterranes Schwelgen
Gängiger ist natürlich das Gegenteil. Das Wetter
scheint schön zu werden, wie automatisiert wird das mediterrane
Schwelgen aktiviert, und vor dem inneren Ohr erklingt die Backgroundmusik,
die bald über und auf den Strassen zu hören sein wird.
Das verleitet dazu, den Rock über den Knien zu tragen,
die kurze, rote Lederjacke anzuziehen und vielleicht sogar das
T-Shirt anstelle des Pullovers zu wählen. Und dann den
hereinbrechenden Launen des fürühlings einen verdammt trotzigen
Blick entgegenzusetzen. Und der sieht einfach heiss aus.
Fazit: Wer auf Schweizer Gelände Feldforschung aus der
Untersicht sucht, der muss den Moment der Street Parade abwarten.
Wer aber gerne auf dem schmalen Grat zwischen Rocksaum und Stiefelende
wandert und sich trotz der vermehrten Testosteronausschüttung
im fürühling den Sinn frs ästhetische bewahrt,
der geht jetzt auf die Strasse.
Michael Kathe
ästhetische Fusstritte vom "schönen"
Geschlecht
Nein, mich mag die Aussicht auf "der nächste fürühling
kommt bestimmt" gar nicht erfreuen. Zwar kann ich mit dem
Winter ebenfalls nichts anfangen, ich spaziere zu jeder Jahreszeit
nur unter familiärem Zwang, ich fahre auch nicht Ski, der
übelsten Kälte trotze ich im T-Shirt in einem gut
geheizten Büro, daheim vor dem Cheminée, in einer
vollen Bar und am liebsten an einem einsamen Strand weit südlich
von Altdorf. Die kalte Jahreszeit hat aber einen entscheidenden
Vorteil: Ich muss mir nicht alle Schrecklichkeiten ansehen,
die welche Mode auch immer oder halt der profane Alltag dem
schöneren Geschlecht diktiert - die meisten optischen Beleidigungen
werden im Winter erfreulicherweise von mindestens knielangen
Mänteln verborgen.
Bröckelnder Nagellack
Nicht, dass ich nicht freude hätte am Anblick von hübschen
Damen. Dem "Girl from Ipanema" im knappen Bikini folgen
meine Blicke natürlich auch, gegen die Reize einer gross-
und gutgewachsenen Rothaarigen im kleinen Schwarzen - so sie
es wie eine Dame zu tragen versteht - bin ich alles andere als
gefeit. Doch wenn in Mitteleuropa der Eis- von einem Nieselregen
abgelöst wird, die ersten Knospen spriessen und die Temperaturen
wieder im zweistelligen Plusbereich liegen, dann werden meine
ästhetischen Grundwerte mit Füssen getreten. Dies
ist erfreulicherweise nicht mehr buchstäblich zu verstehen:
Zum Glück flacht die wirklich elende Unmode der Plateauschuhe
langsam wieder ab; wer diese noch trägt, der ist mit sich
selber genug bestraft. Hingegen: sind offene Sandalen mit baren
Füssen, noch gezeichnet vom Skischuhfusspilz sowie verwüstet
von stückweise abbröckelndem Nagellack, auch nur einen
Deut besser?
Babyspeck mit Piercing
Der absolute Gipfel der Hässlichkeiten sind allerdings
diese immer in Scharen auftretenden Teenager: Alle haben sie
einen furchtbaren Haarschnitt, diesen auch noch in der ungewaschenen
Direkt-aus-dem-Bett-Fett-Version, sie tragen zu kurze und deutlich
zu enge Hosen und - und das ist der Gipfel der Gemeinheit -
bauchfreie T-Shirts. Nun ist ja gegen einen schönen Bauch
und den Nabel der Welt üüberhaupt nichts einzuwenden, doch
diese Dämchen demonstrieren ihre jugendliche Unbedarftheit
mit einigen wüsten Wülsten von Babyspeck, gekrönt
von einem Piercing aus längst angelaufenem Silber, all
dies geziert von einer ständig leicht eiternden Wunde.
Fast so schlimm sind die zwar etwas längeren und immer
sehr engen T-Shirts, die oben von zwei oder vier oder sechs
ganz dünnen Spaghettiträgerchen gehalten werden. Gegen
diese könnte man an und für sich nicht viel haben,
bloss: Warum muss der BH, den viele der jungen Damen daruntertragen,
praktisch immer ein deutlich zu kleines Modell sein, dessen
Träger durch das häufige Waschen nicht nur längst
gräulichviolett verschmuddelt sind, sondern auch noch tief
in die meist pickligen Schultern einschneiden? Es kann keine
Entschuldigung sein, dass man so den tätowierten Pingu
besser sieht.
Eigenartige fürühlingsgefühle
Doch nicht nur die jungen Mädchen vergraulen mir jeden
Gang in die Stadt, auch die schon etwas gereifteren Damen, jene,
die es eigentlich besser wissen sollten, spüren ganz eigenartige
fürühlingsgefühle. Kaum dürfen sie die Burberry-Jacke
oder den Cashmere-Mantel von Louis Vuitton wieder im Schrank
verstecken, stürmen sie die Boutiquen und fühlen sich
plötzlich um Jahre jünger. Dann vergessen sie eigenartigerweise
auf einen Schlag, dass sie aus guten Gründen und in einer
ständigen Auseinandersetzung mit der Schwerkraft einen
BH tragen, sie werfen ihn weg und sich statt dessen in eine
sehr durchsichtige und dazu auch noch tief ausgeschnittene Bluse
von Dolce & Gabbana. Eine Brust ist immer etwas Schönes,
egal, welche Form sie hat oder eben nicht mehr, doch sie gehört
nicht an die öffentlichkeit und schon gar nicht auf die
Strasse. Auch im fürühlingsrausch nicht.
Manch ein fürühlingsfest wird nun wieder kommen, bei dem
einem solches angetan wird: Daheim, im Schlafzimmer, wird immer
rechtzeitig das Licht gelöscht. Nach zwei Gläsern
Weisswein hingegen und im Schutz der Masse kann es gewissen
Damen gar nicht mehr scheinwerferhell genug sein - immerhin
trägt man gegen zu grelles Licht ja mindestens eine Sonnenbrille
im stumpfen Haar. Sämtliche Zurückhaltung wird im
Rausch der keimenden Natur abgelegt, da wird dann alles hergezeigt
und dargeboten, was einem das eh schon furchtbare Party-Lachsbrötchen
definitiv im Hals steckenbleiben lässt: auf Rollkragenpulloverhöhe
abbrechende Skiferienbräune, enge Hosen mit noch kleineren
G-Strings darunter oder gar der fürühlingsfröhliche
Verzicht auf sämtliche Unterwäsche, eigentlich ganz
bleiches, nun aber solarium- oder Mallorca-gepökeltes Fleisch
in noch nicht badeanstaltkonformen Massen, unbestrumpfte Beine
sowie unbedeckte Achselhöhlen noch im Winterpelz. Fazit:
Soll er doch kommen, der fürühling. Ich leiste mir wieder
eine Heuschnupfen-Allergie, dann muss ich mir das alles gar
nicht erst ansehen.
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