erschienen in der NZZ vom 6. Mai 2000
Blick in Zeitschriften

Feminismus
und Geschichtswissenschaft

Barbara von Reibnitz

Die Frauen- und Geschlechterforschung der vergangenen 30 Jahre hat die Geschichtswissenschaft nachhaltig verändert und erneuert - das gilt für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ebenso wie für die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Die Paradigmen und Kategorien der sogenannten "allgemeinen" Geschichte sind hinterfragt, das Verständnis traditioneller historischer Felder ist erweitert und neue Bereiche historischer Forschung sind etabliert worden. Dem innovativen Potential der Gender-Forschung hat "Traverse", die schweizerische Zeitschrift für Geschichte, die sich seit 1994 engagiert mit neuen fragestellungen und Themenfeldern der Geschichtswissenschaft beschäftigt, ihre jüngste Nummer gewidmet. Neben konkreten, vor allem vor schweizerischem Hintergrund erarbeiteten Studien werden auch theoretische überlegungen zum Verhältnis von Feminismus und Historiographie vorgestellt.

Am Beispiel der Moralpolitik reformierter Städte wie Basel diskutiert Susanna Burghartz den Erklärungswert, den Periodisierungskonzepte wie Reformation und Konfessionalisierung für die Gender-Forschung haben, und fragt, wie deren Resultate sich wiederum auf die Epochenkonzepte auswirken. An der erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts greifbaren Veränderung der eherechtlichen Gerichtspraxis etwa lasse sich zeigen, wie im Zuge der Reformation das "Diskursfeld" Sexualität und Ehe neu formiert worden sei. Dabei sei die "Verfestigung der konfessionellen Konkurrenz" ausschlaggebend gewesen und nicht ein mit der Reformation vermeintlich anzusetzender "Bruch" der Denkvorstellungen. Die Basler Historikerin versucht, an ihrem Material die Prämissen einer dekonstruktivistischen Perspektive mit den Ergebnissen strukturgeschichtlicher Analyse zu vermitteln. Die "Konstruktion" von Geschlechtsidentität sei prozesshaft zu fassen und impliziere nicht notwendig Diskontinuität, wie von postmodernen Theoretikerinnen oft vorausgesetzt. Auf permanente Herstellung und "Reformulierung" angewiesen, erweise die soziale "Konstruktion" zugleich die Historizität gesellschaftlicher Ordnung im Zusammenspiel von Kontinuität und Wandel.

Mit der Reaktion feministischer Theorie auf die "postmoderne Verallgemeinerung" der Kategorie "Geschlecht" setzt sich Ulrike Strasser auseinander. Ihr überblick über die Positionen führender amerikanischer Feministinnen zeigt, dass die Parameter für Kritik und Akzeptanz in den letzten zehn Jahren nahezu unverändert geblieben sind. Konzepte einer Vermittlung "zwischen den Polen eines postmodern-dekonstruktivistischen und eines materialistisch-historischen Zugangs zu Wissenschaft und Politik" sind vereinzelt geblieben - was für Strasser nicht zuletzt an der Randstellung liegt, die feministische Historikerinnen als Historikerinnen in dieser Debatte einnehmen. Bemerkenswert ist schliesslich die "Renaissance", die Simone de Beauvoirs Klassiker "Le Deuxième Sexe" 50 Jahre nach Erscheinen erfährt. Neben dem Interesse für die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werks, an der sich die Entwicklung des feministischen Denkens der letzten 40 Jahre ablesen lässt, verzeichnet Sylvie Chaperon vor allem den erneuten Rückgriff auf die von Beauvoir formulierten Konzepte "Körper", "soziales Subjekt" und "freiheit". Insgesamt spiegelt dieses Heft überzeugend die Vielfalt und den kritischen Horizont schweizerischer frauenforschung.

Traverse. Zeitschrift für Geschichte, Jg. 7, Nr. 1, 2000 ("Das allgemeine Geschlecht"). Chronos-Verlag, Zürich. für. 25.-.

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