Blick in Zeitschriften
Feminismus
und Geschichtswissenschaft
Barbara von Reibnitz
Die Frauen- und Geschlechterforschung der vergangenen 30 Jahre
hat die Geschichtswissenschaft nachhaltig verändert und
erneuert - das gilt für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
ebenso wie für die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte.
Die Paradigmen und Kategorien der sogenannten "allgemeinen"
Geschichte sind hinterfragt, das Verständnis traditioneller
historischer Felder ist erweitert und neue Bereiche historischer
Forschung sind etabliert worden. Dem innovativen Potential der
Gender-Forschung hat "Traverse", die schweizerische
Zeitschrift für Geschichte, die sich seit 1994 engagiert
mit neuen fragestellungen und Themenfeldern der Geschichtswissenschaft
beschäftigt, ihre jüngste Nummer gewidmet. Neben konkreten,
vor allem vor schweizerischem Hintergrund erarbeiteten Studien
werden auch theoretische überlegungen zum Verhältnis
von Feminismus und Historiographie vorgestellt.
Am Beispiel der Moralpolitik reformierter Städte wie Basel
diskutiert Susanna Burghartz den Erklärungswert, den Periodisierungskonzepte
wie Reformation und Konfessionalisierung für die Gender-Forschung
haben, und fragt, wie deren Resultate sich wiederum auf die
Epochenkonzepte auswirken. An der erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts
greifbaren Veränderung der eherechtlichen Gerichtspraxis
etwa lasse sich zeigen, wie im Zuge der Reformation das "Diskursfeld"
Sexualität und Ehe neu formiert worden sei. Dabei sei die
"Verfestigung der konfessionellen Konkurrenz" ausschlaggebend
gewesen und nicht ein mit der Reformation vermeintlich anzusetzender
"Bruch" der Denkvorstellungen. Die Basler Historikerin
versucht, an ihrem Material die Prämissen einer dekonstruktivistischen
Perspektive mit den Ergebnissen strukturgeschichtlicher Analyse
zu vermitteln. Die "Konstruktion" von Geschlechtsidentität
sei prozesshaft zu fassen und impliziere nicht notwendig Diskontinuität,
wie von postmodernen Theoretikerinnen oft vorausgesetzt. Auf
permanente Herstellung und "Reformulierung" angewiesen,
erweise die soziale "Konstruktion" zugleich die Historizität
gesellschaftlicher Ordnung im Zusammenspiel von Kontinuität
und Wandel.
Mit der Reaktion feministischer Theorie auf die "postmoderne
Verallgemeinerung" der Kategorie "Geschlecht"
setzt sich Ulrike Strasser auseinander. Ihr überblick über
die Positionen führender amerikanischer Feministinnen zeigt,
dass die Parameter für Kritik und Akzeptanz in den letzten
zehn Jahren nahezu unverändert geblieben sind. Konzepte
einer Vermittlung "zwischen den Polen eines postmodern-dekonstruktivistischen
und eines materialistisch-historischen Zugangs zu Wissenschaft
und Politik" sind vereinzelt geblieben - was für Strasser
nicht zuletzt an der Randstellung liegt, die feministische Historikerinnen
als Historikerinnen in dieser Debatte einnehmen. Bemerkenswert
ist schliesslich die "Renaissance", die Simone de
Beauvoirs Klassiker "Le Deuxième Sexe" 50 Jahre
nach Erscheinen erfährt. Neben dem Interesse für die
Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werks, an der sich die
Entwicklung des feministischen Denkens der letzten 40 Jahre
ablesen lässt, verzeichnet Sylvie Chaperon vor allem den
erneuten Rückgriff auf die von Beauvoir formulierten Konzepte
"Körper", "soziales Subjekt" und "freiheit".
Insgesamt spiegelt dieses Heft überzeugend die Vielfalt
und den kritischen Horizont schweizerischer frauenforschung.
Traverse. Zeitschrift für Geschichte, Jg. 7, Nr. 1,
2000 ("Das allgemeine Geschlecht"). Chronos-Verlag,
Zürich. für. 25.-.
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