Adoleszenz, ein Prozess, der manchmal Fachbegleitung erfordert
Streiflichter der Psychiatrie
Psychiatrie / Gehört die Krise zur Adoleszenz? Ist
sie zwingend Teil jenes Lebensabschnitts, der den Abschied von
der Kindheit und den übertritt in das Erwachsenenleben
beinhaltet? Antworten wurden am 8. Psychiatriegespräch
in Thun gesucht und stiessen auf grosses Interesse - auch bei
den "Betroffenen" selber.
Autor: Elisabeth Wenger
Das Erwachsenwerden kann auf verschiedene Arten erlebt werden.
Das geht schon aus den Erklärungen zum Wort Adoleszenz
hervor, das aus dem Lateinischen (adolescere) stammt und
bedeutet: heranwachsen, erstarken, aufflammen, auflodern.
Ins Auge fällt die Vielseitigkeit der Adoleszenz an einem
Ort wie dem Berner Bahnhof, wo sich auf kleinem Raum eine grosse
Zahl von "Adoleszenten" aufhalten: Eine Gruppe von
Gymnasiasten lacht über einen Lehrerwitz und diskutiert
über Studienwünsche nach der Maturität, in unmittelbarer
Nähe sitzen und liegen junge Männer und Frauen, denen
der
Drogenkonsum und Alkoholmissbrauch ins Gesicht geschrieben stehen:
Hoffnung, Aufbruchsstimmung, Verzweiflung und Müdigkeit
dicht nebeneinander. Ein Kommen und Gehen junger
Menschen: Wohlgekleidete neben Verwahrlosten, Abweisende neben
Provokativen, füröhliche neben Stillen: Das alles kann Adoleszenz
bedeuten.
Auseinandersetzung mit sich selbst
"Gehört die Krise zur Adoleszenz? Zur Normalität
in einem turbulenten Lebensabschnitt": Das Thema des 8.
Psychiatriegesprächs vermochte kürzlich in Thun fast
400 Zuhörende zu
interessieren. Erfreulich war die Anwesenheit vieler junger
Menschen - jener Zuhörerinnen und Zuhörer, die zurzeit
diese Phase mit Haut und Haar erleben.
Die Psychiatrischen Dienste Thun (PDT) selber hatten das Thema
nicht von ungefähr gewählt: Sie bestehen seit 18 Jahren,
befinden sich also vergleichsweise im Alter jener Menschen,
für
die bei psychischer Auffälligkeit die Zuständigkeit
von der Kinder- und Jugend- zur Erwachsenenpsychiatrie wechselt.
Den Beginn der Adoleszenz zeigen die körperlichen und
seelischen Veränderungen in der Pubertät an (Pubertät:
Entwicklungsperiode vom Beginn der Ausbildung der sekundären
Geschlechtsmerkmale bis zur Geschlechtsreife). Die Adoleszenz
zieht sich bis ins Erwachsenenalter fort. In dieser übergangszeit
zwingen der unwiederbringliche Verlust der Kindheit und die
Selbstfindung in Beruf und Privatleben den jungen Menschen zur
Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner Familie und seiner
Lebenssituation.
Der Verlauf kann ebenso harmonisch und unproblematisch sein,
wie auch zu Verunsicherungen und eigentlichen Krisen führen,
welche die Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit
schwer stören können. Die frage "Was ist in der
Adoleszenz normal, und wo beginnen krankhafte Entwicklungen,
die zu echten Sorgen Anlass geben?" beantworteten in Thun
der Berner
Psychologe Professor August Flammer und die Psychologin und
ärztin Cécile Ernst aus Zürich. Beide Referenten
forschen seit Jahrzehnten unter anderem auf dem Gebiet der Kinder-
und
Jugendpsychiatrie.
Viele - aber nicht alle
Viele Jugendliche - aber nicht alle - gingen in der Adoleszenz
tatsächlich durch besondere Krisen, stellte August Flammer
klar: Bedingt durch die Veränderungen des Aussehens, der
Selbstwahrnehmung und der sozialen Rolle könnten sich bei
jungen Menschen Nöte und Nebenwirkungen zeigen, die zu
einer Identitätskrise führten. Die Adoleszenten probierten
vieles aus,
träfen mehr oder weniger langfristige Entscheidungen zur
Berufs- oder Schulwahl sowie hinsichtlich der Zugehörigkeit
zu bestimmten Gruppen und der religiösen und politischen
Ausrichtung.
Sie veränderten ihr ääusseres und beschäftigten
sich mit ihrer Zukunft. Sie wollten teilweise anders werden
als ihre Eltern.
Bei den meisten sind diese Vorgänge mit Lust und Befriedigung
verbunden - einige aber leiden darunter. Als eines von mehreren
Anzeichen dafr nannte Flammer die Zunahme der
Magersucht bei Mädchen. Die körperliche Entwicklung
empfänden viele junge Frauen als Belastung (nur wenige
entsprächen dem durch Werbung zementierten Schönheitsideal),
während
junge Männer damit weniger Probleme hätten.
Risikoverhalten
Was klar wurde: Jugendliche zeigen mehr Problemverhalten als
Kinder und Erwachsene.In Bezug auf die öffentliche Ordnung
geraten sie zum Beispiel häufiger mit dem Gesetz in Konflikt.
Der Konsum von illegalen Drogen nimmt in der Adoleszenz zu
und im Lauf des Erwachsenenalter wieder ab (anders als bei Alkohol,
einer legalen Droge: Alkoholkonsum geht nicht wieder
zurück). Weniger sichtbar für die Aussenwelt ist die
Zunahme von Depressionen, besonders bei den Mädchen. Belegt
ist die Zunahme von Selbstmordversuchen und Selbstmord: Bei
europäischen Jugendlichen ist der Selbstmord nach den Unfällen
die zweithäufigste Todesursache.
Sorgen bereitet vielen Eltern auch das Risikoverhalten von
Jugendlichen. Stichworte: Strassenverkehr, Extremsport, sexuelle
Kontakte, Rauchen, "weiche" Drogen. Jugendliche schätzen
das
Risiko meistens geringer ein als die Erwachsenen. Dieses Problemverhalten
kann, wie August Flammer sagt, in der Adoleszenz einen Höhepunkt
erreichen; doch zeige es nicht zwingend
einen schlechten weiteren Lebenswandel an.
Gehört nun die Krise zur Adoleszenz? Flammers Zusammenfassung:
"Die meisten Jugendlichen durchlaufen gewisse Krisen. Bei
vielen sind diese Krisen wenig zahlreich und nicht
bedrohlich. Bei wenigen sind sie zahlreich oder schwer. Diese
Jugendlichen sind sehr ernst zu nehmen."
20 Prozent mit Störungen
Was weiss man von Jugendlichen selber? Die Antworten, die Cécile
Ernst in ihrem Vortrag gab, beruhen zum Teil auf den Ergebnissen
von zwei Befragungen über das psychische Befinden
bei Jugendlichen und Adoleszenten. Die Befragungen waren vom
Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität
Zürich durchgeführt worden. Untersucht wurden die
Bereiche
emotionale Störungen, Verhaltensstörungen und der
Konsum von Alkohol, Zigaretten, Haschisch und harten Drogen.
Die Hauptergebnisse: Bei rund 20 Prozent der Jugendlichen wurden
wesentliche Störungen in den genannten Bereichen festgestellt,
wie Cécile Ernst in Thun erläuterte. Eindeutig (und
übereinstimmend mit Untersuchungen aus anderen Ländern)
seien die Geschlechtsunterschiede: Junge Frauen seien anfälliger
für Angststörungen und Depressionen, junge Männer
stärker
durch Suchtmittel gefährdet.
Nicht untersucht wurde in der Zürcher Studie die Zunahme
von Gewalt und Kriminalität. Unumstritten ist jedoch die
Tatsache, dass junge Männer nicht nur unter den Tätern,
sondern auch
unter den Opfern krimineller Handlungen übervertreten sind.
Voraussagen möglich?
Was bedeuten Störungen in der Zeit der Adoleszenz in Bezug
auf das Erwachsenenalter?
Treten Depressionen in der Adoleszenz auf, ist die Wahrscheinlichkeit
erhöht, dass auch später depressive Erkrankungen auftreten.
Schwere Verhaltensstörungen können zwar ausheilen,
aber sie bergen laut Cécile Ernst doch ein beachtliches
Risiko zu späterer Kriminalität, gestörten Beziehungen
und Suchtmittelmissbrauch. Essstörungen im Jugendalter
können sich zu
chronischem Verhalten entwickeln. für den Konsum von Alkohol,
Zigaretten oder Drogen gelte die Regel: Je früher damit
begonnen werde, desto grösser sei das Risiko einer Abhängigkeit.
Auch Cécile Ernst beantwortete die frage der Thuner
Psychiatrietage: "Krisen und eine stürmische und feindselige
Ablösung vom Elternhaus gehören nicht notwendig zur
Adoleszenz", sagte
sie; "aber die Gefährdung der psychischen Gesundheit
gehört zu ihr, genauso wie sie zur Kindheit und zum Erwachsenenalter
gehört."
Schon in der Antike
Dass das Thema für alle Beteiligten immer wieder aktuell,
aber nicht jung ist, darf aus einem Zitat von Aristoteles geschlossen
werden. Die Jugendlichen, sagt Aristoteles, "sind wechselhaft
und unbeständig in ihren Begierden, die zwar sehr stürmisch
sind, aber auch schnell vergehen." Und drastisch äusserte
Rousseau 1762: "In seinem Fieber ist er wie ein Löwe,
der seinen
Führer nicht mehr kennt und nicht mehr gelenkt sein will
. . ."
Streiflichter der Psychiatrie
lw. In unregelmässigen Abständen greift der "Bund"
in den kommenden Monaten Themen aus der Psychiatrie auf. Im
vorliegenden Beitrag geht es um das 8. Thuner Psychiatriegespräch.
Mit diesem alljährlich im fürühling stattfindenden
Anlass wenden sich die Psychiatrischen Dienste Thun an die öffentlichkeit.
Das Thema Adoleszenz widmete sich dem Prozess der
jugendlichen Identitätsfindung. Dabei stellt sich aus der
Sicht der Gesundheitsförderung die frage, bei welchen Jugendlichen
und bei welchen Symptomen eine therapeutische Erfassung nötig,
nützlich oder schädlich ist und bei welchen eine früherfassung
unabdingbar ist, damit einem späteren ungünstigen
Verlauf der Erkrankung vorgebeugt werden kann. Die vermittelten
Denkanstösse könnten dazu beitragen, dass im frsorge-,
im Gesundheits- und im Schulwesen noch andere Themen wahrgenommen
werden als die gegenwärtig alles dominierende
Spardiskussion.
Bereits erschienen:
29. Februar: Thuner freizeit-Treff für psychisch Behinderte;
7. März: Sexuelle übergriffe unter Kindern; 21. März:
Notfalleinweisungen in die Universitätsklinik für
Klinische Psychiatrie
(Klinik Waldau)
Adoleszenz - eine Zeit des Aufbrechens: Vielen gelingt die
Selbstfindung, andere brauchen professionelle Hilfe. Severin
Nowacki
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