erschienen im Bund vom 16. Mai 2000

Adoleszenz, ein Prozess, der manchmal Fachbegleitung erfordert

Streiflichter der Psychiatrie

Psychiatrie / Gehört die Krise zur Adoleszenz? Ist sie zwingend Teil jenes Lebensabschnitts, der den Abschied von der Kindheit und den übertritt in das Erwachsenenleben beinhaltet? Antworten wurden am 8. Psychiatriegespräch in Thun gesucht und stiessen auf grosses Interesse - auch bei den "Betroffenen" selber.

Autor: Elisabeth Wenger

Das Erwachsenwerden kann auf verschiedene Arten erlebt werden. Das geht schon aus den Erklärungen zum Wort Adoleszenz hervor, das aus dem Lateinischen (adolescere) stammt und bedeutet: heranwachsen, erstarken, aufflammen, auflodern.

Ins Auge fällt die Vielseitigkeit der Adoleszenz an einem Ort wie dem Berner Bahnhof, wo sich auf kleinem Raum eine grosse Zahl von "Adoleszenten" aufhalten: Eine Gruppe von Gymnasiasten lacht über einen Lehrerwitz und diskutiert über Studienwünsche nach der Maturität, in unmittelbarer Nähe sitzen und liegen junge Männer und Frauen, denen der Drogenkonsum und Alkoholmissbrauch ins Gesicht geschrieben stehen: Hoffnung, Aufbruchsstimmung, Verzweiflung und Müdigkeit dicht nebeneinander. Ein Kommen und Gehen junger Menschen: Wohlgekleidete neben Verwahrlosten, Abweisende neben Provokativen, füröhliche neben Stillen: Das alles kann Adoleszenz bedeuten.

Auseinandersetzung mit sich selbst

"Gehört die Krise zur Adoleszenz? Zur Normalität in einem turbulenten Lebensabschnitt": Das Thema des 8. Psychiatriegesprächs vermochte kürzlich in Thun fast 400 Zuhörende zu interessieren. Erfreulich war die Anwesenheit vieler junger Menschen - jener Zuhörerinnen und Zuhörer, die zurzeit diese Phase mit Haut und Haar erleben.

Die Psychiatrischen Dienste Thun (PDT) selber hatten das Thema nicht von ungefähr gewählt: Sie bestehen seit 18 Jahren, befinden sich also vergleichsweise im Alter jener Menschen, für die bei psychischer Auffälligkeit die Zuständigkeit von der Kinder- und Jugend- zur Erwachsenenpsychiatrie wechselt.

Den Beginn der Adoleszenz zeigen die körperlichen und seelischen Veränderungen in der Pubertät an (Pubertät: Entwicklungsperiode vom Beginn der Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale bis zur Geschlechtsreife). Die Adoleszenz zieht sich bis ins Erwachsenenalter fort. In dieser übergangszeit zwingen der unwiederbringliche Verlust der Kindheit und die Selbstfindung in Beruf und Privatleben den jungen Menschen zur Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner Familie und seiner Lebenssituation.

Der Verlauf kann ebenso harmonisch und unproblematisch sein, wie auch zu Verunsicherungen und eigentlichen Krisen führen, welche die Entwicklung zu einer eigenständigen Persönlichkeit schwer stören können. Die frage "Was ist in der Adoleszenz normal, und wo beginnen krankhafte Entwicklungen, die zu echten Sorgen Anlass geben?" beantworteten in Thun der Berner Psychologe Professor August Flammer und die Psychologin und ärztin Cécile Ernst aus Zürich. Beide Referenten forschen seit Jahrzehnten unter anderem auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Viele - aber nicht alle

Viele Jugendliche - aber nicht alle - gingen in der Adoleszenz tatsächlich durch besondere Krisen, stellte August Flammer klar: Bedingt durch die Veränderungen des Aussehens, der Selbstwahrnehmung und der sozialen Rolle könnten sich bei jungen Menschen Nöte und Nebenwirkungen zeigen, die zu einer Identitätskrise führten. Die Adoleszenten probierten vieles aus, träfen mehr oder weniger langfristige Entscheidungen zur Berufs- oder Schulwahl sowie hinsichtlich der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen und der religiösen und politischen Ausrichtung. Sie veränderten ihr ääusseres und beschäftigten sich mit ihrer Zukunft. Sie wollten teilweise anders werden als ihre Eltern.

Bei den meisten sind diese Vorgänge mit Lust und Befriedigung verbunden - einige aber leiden darunter. Als eines von mehreren Anzeichen dafr nannte Flammer die Zunahme der Magersucht bei Mädchen. Die körperliche Entwicklung empfänden viele junge Frauen als Belastung (nur wenige entsprächen dem durch Werbung zementierten Schönheitsideal), während junge Männer damit weniger Probleme hätten.

Risikoverhalten

Was klar wurde: Jugendliche zeigen mehr Problemverhalten als Kinder und Erwachsene.In Bezug auf die öffentliche Ordnung geraten sie zum Beispiel häufiger mit dem Gesetz in Konflikt.

Der Konsum von illegalen Drogen nimmt in der Adoleszenz zu und im Lauf des Erwachsenenalter wieder ab (anders als bei Alkohol, einer legalen Droge: Alkoholkonsum geht nicht wieder zurück). Weniger sichtbar für die Aussenwelt ist die Zunahme von Depressionen, besonders bei den Mädchen. Belegt ist die Zunahme von Selbstmordversuchen und Selbstmord: Bei europäischen Jugendlichen ist der Selbstmord nach den Unfällen die zweithäufigste Todesursache.

Sorgen bereitet vielen Eltern auch das Risikoverhalten von Jugendlichen. Stichworte: Strassenverkehr, Extremsport, sexuelle Kontakte, Rauchen, "weiche" Drogen. Jugendliche schätzen das Risiko meistens geringer ein als die Erwachsenen. Dieses Problemverhalten kann, wie August Flammer sagt, in der Adoleszenz einen Höhepunkt erreichen; doch zeige es nicht zwingend einen schlechten weiteren Lebenswandel an.

Gehört nun die Krise zur Adoleszenz? Flammers Zusammenfassung: "Die meisten Jugendlichen durchlaufen gewisse Krisen. Bei vielen sind diese Krisen wenig zahlreich und nicht bedrohlich. Bei wenigen sind sie zahlreich oder schwer. Diese Jugendlichen sind sehr ernst zu nehmen."

20 Prozent mit Störungen

Was weiss man von Jugendlichen selber? Die Antworten, die Cécile Ernst in ihrem Vortrag gab, beruhen zum Teil auf den Ergebnissen von zwei Befragungen über das psychische Befinden bei Jugendlichen und Adoleszenten. Die Befragungen waren vom Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich durchgeführt worden. Untersucht wurden die Bereiche emotionale Störungen, Verhaltensstörungen und der Konsum von Alkohol, Zigaretten, Haschisch und harten Drogen.

Die Hauptergebnisse: Bei rund 20 Prozent der Jugendlichen wurden wesentliche Störungen in den genannten Bereichen festgestellt, wie Cécile Ernst in Thun erläuterte. Eindeutig (und übereinstimmend mit Untersuchungen aus anderen Ländern) seien die Geschlechtsunterschiede: Junge Frauen seien anfälliger für Angststörungen und Depressionen, junge Männer stärker durch Suchtmittel gefährdet.

Nicht untersucht wurde in der Zürcher Studie die Zunahme von Gewalt und Kriminalität. Unumstritten ist jedoch die Tatsache, dass junge Männer nicht nur unter den Tätern, sondern auch unter den Opfern krimineller Handlungen übervertreten sind.

Voraussagen möglich?

Was bedeuten Störungen in der Zeit der Adoleszenz in Bezug auf das Erwachsenenalter?

Treten Depressionen in der Adoleszenz auf, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass auch später depressive Erkrankungen auftreten. Schwere Verhaltensstörungen können zwar ausheilen, aber sie bergen laut Cécile Ernst doch ein beachtliches Risiko zu späterer Kriminalität, gestörten Beziehungen und Suchtmittelmissbrauch. Essstörungen im Jugendalter können sich zu chronischem Verhalten entwickeln. für den Konsum von Alkohol, Zigaretten oder Drogen gelte die Regel: Je früher damit begonnen werde, desto grösser sei das Risiko einer Abhängigkeit.

Auch Cécile Ernst beantwortete die frage der Thuner Psychiatrietage: "Krisen und eine stürmische und feindselige Ablösung vom Elternhaus gehören nicht notwendig zur Adoleszenz", sagte sie; "aber die Gefährdung der psychischen Gesundheit gehört zu ihr, genauso wie sie zur Kindheit und zum Erwachsenenalter gehört."

Schon in der Antike

Dass das Thema für alle Beteiligten immer wieder aktuell, aber nicht jung ist, darf aus einem Zitat von Aristoteles geschlossen werden. Die Jugendlichen, sagt Aristoteles, "sind wechselhaft und unbeständig in ihren Begierden, die zwar sehr stürmisch sind, aber auch schnell vergehen." Und drastisch äusserte Rousseau 1762: "In seinem Fieber ist er wie ein Löwe, der seinen Führer nicht mehr kennt und nicht mehr gelenkt sein will . . ."

Streiflichter der Psychiatrie

lw. In unregelmässigen Abständen greift der "Bund" in den kommenden Monaten Themen aus der Psychiatrie auf. Im vorliegenden Beitrag geht es um das 8. Thuner Psychiatriegespräch.

Mit diesem alljährlich im fürühling stattfindenden Anlass wenden sich die Psychiatrischen Dienste Thun an die öffentlichkeit. Das Thema Adoleszenz widmete sich dem Prozess der jugendlichen Identitätsfindung. Dabei stellt sich aus der Sicht der Gesundheitsförderung die frage, bei welchen Jugendlichen und bei welchen Symptomen eine therapeutische Erfassung nötig, nützlich oder schädlich ist und bei welchen eine früherfassung unabdingbar ist, damit einem späteren ungünstigen Verlauf der Erkrankung vorgebeugt werden kann. Die vermittelten Denkanstösse könnten dazu beitragen, dass im frsorge-, im Gesundheits- und im Schulwesen noch andere Themen wahrgenommen werden als die gegenwärtig alles dominierende Spardiskussion.

Bereits erschienen:

29. Februar: Thuner freizeit-Treff für psychisch Behinderte; 7. März: Sexuelle übergriffe unter Kindern; 21. März: Notfalleinweisungen in die Universitätsklinik für Klinische Psychiatrie (Klinik Waldau)

Adoleszenz - eine Zeit des Aufbrechens: Vielen gelingt die Selbstfindung, andere brauchen professionelle Hilfe. Severin Nowacki

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