erschienen in der NZZ vom 19. Mai 2000

Opus minus über Dr. Magnus

Rosa von Praunheim und "Der Einstein des Sex"

Stefan Zweifel

Nach Mister Kellogg mit seinen Massagetherapien, Diäten und Kneippkuren hat das Kino nun einen weiteren Kauzwissenschafter aus der Motten- und Klamottenkiste der Geschichte ausgegraben: Dr. Magnus Hirschfeld. Sein Gelehrtenleben drehte sich um all das, was wir schon immer über die Sexualität wissen wollten. Er vermass die Becken seiner "Patienten" und ordnete sie femininen und "epheben" Kategorien aus dem Reich jener "Uranier" zu, die einen Hang zum eigenen Geschlecht haben. Auf der relativen Skala vom "Vollmann" zum "Vollweib" waren alle sexuellen "Zwischenstufen" vertreten; mit dieser Relativitätstheorie der sexuellen Veranlagung warb er für Verständnis und für die Abschaffung des diskriminierenden Paragraphen 175.

Tragischerweise erlag dieser "Einstein des Sex" einem blinden Biologismus: Homosexualität als hormonelles Schicksal. Begeistert griff er Steinachs Experimente (Kurzauftritt: Otto Sander) mit Ratten auf und verpflanzte "gesundes" Hodengewebe passiven "Männlingen", um sie zu virilisieren. So liess sich die "schuldlose Schuld" der Homosexualität heilen "wie eine angeborene Hasenscharte". Diese ambivalente Seite blendet Rosa von Praunheim in seiner harmlosen Hommage an Hirschfeld aus und lässt ihn lediglich einen orientalischen Hermaphroditen kastrieren. Da spritzt etwas Blut auf den weissen Kittel des Arztes, sonst aber bleibt die Weste dieses übervaters des Schwulenbewegung unbefleckt.

Ein Rand- und Widerständiger: Jude, Sozialist und Homosexueller - der weitere Weg war vorgezeichnet. Aber auch: ein tapsiger Held, der für die sexuelle Befreiung und die Rechte der Schwulen kämpfte und sich selber kaum befreien konnte. Rosa von Praunheim verlässt sich ganz auf die tragikomische Kraft seines Sujets, doch leider wendet er sich in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm von seiner früheren ästhetik ab; Arno Schmidt liess sich in seinem Roman "Zettels Traum" von der unfreiwillig komischen Rede über "Gynoglottie" und "Androtrichie" noch zu surrealen Sprachbildern inspirieren; bei Praunheim liefert die Kamera (Elfi Mikesch) nur selten einen äähnlich exzentrischen Blick auf Hirschfelds lebenslangen Leidensweg.

Ein braver Bilderbogen mit einem märchenhaft einfachen Erklärungsmuster: Traumverloren zeichnet in der ersten Einstellung ein Knabe am Meeresstrand kopulierende Hunde. Später führt uns der erwachsene Wissenschafter durch sein Sexualinstitut, ein Kuriositätenkabinett mit mumifizierten Hoden aus China, Holzphalli aus Afrika und Photographien von zweigeschwänzten Missgeburten. Sein voyeuristisches Interesse an den Sexualvorgängen aller Tiere, aller Völker und aller Zeiten führte so zu einer gigantischen Materialiensammlung, zu einer Enzyklopädie des "Abartigen", dessen Widernatürlichkeit ganz Natur ist. Die Gefahr für den objektiven Wissenschafter drohte aber aus der Tücke des untersuchten Objekts: Seine eigene Sexualität drängte immer stärker ins Blickfeld.

Da liegt er nun, aufgedunsen und mit Wissen gepanzert, halb Riesenbaby, halb Käfer, wehrlos seinen Trieben ausgeliefert; jahrzehntelang hat er - so der simple Psychologismus des Drehbuchs von Chris Kraus und Valentin Passoni - seine Triebe durch den masslosen Konsum von Süssigkeiten sublimiert, um sein Lebenswerk nicht durch seine eigenen mann-männlichen Neigungen zu kompromittieren. 1897 hatte er die erste Befreiungsgruppe für Schwule gegründet, jetzt, Mitte der zwanziger Jahre, lässt er sich, endlich, von einem jungen Verehrer abküssen. Doch er bleibt dem Liebhaber so fremd wie sich selbst, denn er ist dem Leben abhanden gekommen - eine fremdheit, die durch die unterkühlte Spielweise der Darsteller des jungen und alten Hirschfeld (Kai Schuhmann, friedel von Wangenheim) noch gesteigert wird. Introspektion war seine Sache nicht: Während freud die Homosexualität auf das infantile Triebschicksal zurückführte, verfocht Hirschfeld auf verlorenem Posten einen naiven Biologismus, der die soziologischen Einflüsse genauso ausklammerte wie die biographischen. Er vertraute nur Zahlen und Fakten.

Harmloser war Praunheim noch nie, selten auch so gefällig. Er tippt, wie meist, ein Klischee an, ohne den Versuch zu wagen, den Zuschauer selber in die knisternde Ambivalenz sexueller Zwischenstufen zu führen und zu verführen. So bleibt die bald dokumentarische, bald romanhafte Lebensverfilmung eben doch eine Aufklärungsrolle für die ganze Familie. Vielleicht aber war es nur konsequent, die Form dem Inhalt anzupassen: konventionelles Erzählkino, in dem uns etwas angestaubt die Gründerzeit der Schwulen- und Lesbenbewegung entgegentritt, die von Tucholsky als "Vierte Internationale" bespöttelt wurde.

Nicht anders als die "Dritte" wurde sie zur Zielscheibe der Nazis, wie die wohl ergreifendste Szene des Films zeigt: Im Pariser Exil muss Hirschfeld bei einer Wochenschau zusehen, wie seine Werke ins Feuer geworfen werden, nachdem in einer Säuberungsaktion sein "Institut für Sexualwissenschaft" 1933 unter der Parole "Trutz dem undeutschen Schund und Schmutz" zertrümmert worden ist. Langsam färben sich die Schwarzweiss-Dokumente und blenden in nachgestellte Szenen über, wo arische Halbstarke Hirschfelds Assistenten und Liebhaber verprügeln. Die Haushälterin "Dorchen", eine Tunte und ehemalige Patientin des Arztes, stellt sich den Schlägern und entlarvt die männerbündlerische Ambivalenz der Nazis. Paralysiert bleibt Hirschfeld im Pariser Kino sitzen. Er hat seinem eigenen Begräbnis zugeschaut. Bald würden seine biologistischen Theorien im Umfeld der Eugenik von seinen Gegnern dazu missbraucht werden, an Schwulen Zwangsoperationen vorzunehmen. Doch das ist eine andere Geschichte und - vielleicht - ein anderer, "praunheimischerer" Film. (Kino Nord-Süd in Zürich)

 

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