Opus minus über Dr. Magnus
Rosa von Praunheim und "Der Einstein des Sex"
Stefan Zweifel
Nach Mister Kellogg mit seinen Massagetherapien, Diäten
und Kneippkuren hat das Kino nun einen weiteren Kauzwissenschafter
aus der Motten- und Klamottenkiste der Geschichte ausgegraben:
Dr. Magnus Hirschfeld. Sein Gelehrtenleben drehte sich um all
das, was wir schon immer über die Sexualität wissen
wollten. Er vermass die Becken seiner "Patienten"
und ordnete sie femininen und "epheben" Kategorien
aus dem Reich jener "Uranier" zu, die einen Hang zum
eigenen Geschlecht haben. Auf der relativen Skala vom "Vollmann"
zum "Vollweib" waren alle sexuellen "Zwischenstufen"
vertreten; mit dieser Relativitätstheorie der sexuellen
Veranlagung warb er für Verständnis und für die
Abschaffung des diskriminierenden Paragraphen 175.
Tragischerweise erlag dieser "Einstein des Sex" einem
blinden Biologismus: Homosexualität als hormonelles Schicksal.
Begeistert griff er Steinachs Experimente (Kurzauftritt: Otto
Sander) mit Ratten auf und verpflanzte "gesundes"
Hodengewebe passiven "Männlingen", um sie zu
virilisieren. So liess sich die "schuldlose Schuld"
der Homosexualität heilen "wie eine angeborene Hasenscharte".
Diese ambivalente Seite blendet Rosa von Praunheim in seiner
harmlosen Hommage an Hirschfeld aus und lässt ihn lediglich
einen orientalischen Hermaphroditen kastrieren. Da spritzt etwas
Blut auf den weissen Kittel des Arztes, sonst aber bleibt die
Weste dieses übervaters des Schwulenbewegung unbefleckt.
Ein Rand- und Widerständiger: Jude, Sozialist und Homosexueller
- der weitere Weg war vorgezeichnet. Aber auch: ein tapsiger
Held, der für die sexuelle Befreiung und die Rechte der
Schwulen kämpfte und sich selber kaum befreien konnte.
Rosa von Praunheim verlässt sich ganz auf die tragikomische
Kraft seines Sujets, doch leider wendet er sich in seinem ersten
abendfüllenden Spielfilm von seiner früheren ästhetik
ab; Arno Schmidt liess sich in seinem Roman "Zettels Traum"
von der unfreiwillig komischen Rede über "Gynoglottie"
und "Androtrichie" noch zu surrealen Sprachbildern
inspirieren; bei Praunheim liefert die Kamera (Elfi Mikesch)
nur selten einen äähnlich exzentrischen Blick auf Hirschfelds
lebenslangen Leidensweg.
Ein braver Bilderbogen mit einem märchenhaft einfachen
Erklärungsmuster: Traumverloren zeichnet in der ersten
Einstellung ein Knabe am Meeresstrand kopulierende Hunde. Später
führt uns der erwachsene Wissenschafter durch sein Sexualinstitut,
ein Kuriositätenkabinett mit mumifizierten Hoden aus China,
Holzphalli aus Afrika und Photographien von zweigeschwänzten
Missgeburten. Sein voyeuristisches Interesse an den Sexualvorgängen
aller Tiere, aller Völker und aller Zeiten führte
so zu einer gigantischen Materialiensammlung, zu einer Enzyklopädie
des "Abartigen", dessen Widernatürlichkeit ganz
Natur ist. Die Gefahr für den objektiven Wissenschafter
drohte aber aus der Tücke des untersuchten Objekts: Seine
eigene Sexualität drängte immer stärker ins Blickfeld.
Da liegt er nun, aufgedunsen und mit Wissen gepanzert, halb
Riesenbaby, halb Käfer, wehrlos seinen Trieben ausgeliefert;
jahrzehntelang hat er - so der simple Psychologismus des Drehbuchs
von Chris Kraus und Valentin Passoni - seine Triebe durch den
masslosen Konsum von Süssigkeiten sublimiert, um sein Lebenswerk
nicht durch seine eigenen mann-männlichen Neigungen zu
kompromittieren. 1897 hatte er die erste Befreiungsgruppe für
Schwule gegründet, jetzt, Mitte der zwanziger Jahre, lässt
er sich, endlich, von einem jungen Verehrer abküssen. Doch
er bleibt dem Liebhaber so fremd wie sich selbst, denn er ist
dem Leben abhanden gekommen - eine fremdheit, die durch die
unterkühlte Spielweise der Darsteller des jungen und alten
Hirschfeld (Kai Schuhmann, friedel von Wangenheim) noch gesteigert
wird. Introspektion war seine Sache nicht: Während freud
die Homosexualität auf das infantile Triebschicksal zurückführte,
verfocht Hirschfeld auf verlorenem Posten einen naiven Biologismus,
der die soziologischen Einflüsse genauso ausklammerte wie
die biographischen. Er vertraute nur Zahlen und Fakten.
Harmloser war Praunheim noch nie, selten auch so gefällig.
Er tippt, wie meist, ein Klischee an, ohne den Versuch zu wagen,
den Zuschauer selber in die knisternde Ambivalenz sexueller
Zwischenstufen zu führen und zu verführen. So bleibt
die bald dokumentarische, bald romanhafte Lebensverfilmung eben
doch eine Aufklärungsrolle für die ganze Familie.
Vielleicht aber war es nur konsequent, die Form dem Inhalt anzupassen:
konventionelles Erzählkino, in dem uns etwas angestaubt
die Gründerzeit der Schwulen- und Lesbenbewegung entgegentritt,
die von Tucholsky als "Vierte Internationale" bespöttelt
wurde.
Nicht anders als die "Dritte" wurde sie zur Zielscheibe
der Nazis, wie die wohl ergreifendste Szene des Films zeigt:
Im Pariser Exil muss Hirschfeld bei einer Wochenschau zusehen,
wie seine Werke ins Feuer geworfen werden, nachdem in einer
Säuberungsaktion sein "Institut für Sexualwissenschaft"
1933 unter der Parole "Trutz dem undeutschen Schund und
Schmutz" zertrümmert worden ist. Langsam färben
sich die Schwarzweiss-Dokumente und blenden in nachgestellte
Szenen über, wo arische Halbstarke Hirschfelds Assistenten
und Liebhaber verprügeln. Die Haushälterin "Dorchen",
eine Tunte und ehemalige Patientin des Arztes, stellt sich den
Schlägern und entlarvt die männerbündlerische
Ambivalenz der Nazis. Paralysiert bleibt Hirschfeld im Pariser
Kino sitzen. Er hat seinem eigenen Begräbnis zugeschaut.
Bald würden seine biologistischen Theorien im Umfeld der
Eugenik von seinen Gegnern dazu missbraucht werden, an Schwulen
Zwangsoperationen vorzunehmen. Doch das ist eine andere Geschichte
und - vielleicht - ein anderer, "praunheimischerer"
Film. (Kino Nord-Süd in Zürich)
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