ärger im Vatikan über Schwulenparade
rom / Die Kurie und die Konservativen tun alles, um ein
geplantes Homosexuellentreffen in Rom zu verhindern.
SABINE SEEGER-BAIER, ROM
Millionen Pilger reisen in diesem Jahr 2000, das der katholischen
Kirche heilig ist, nach Rom. Und sie sind hochwillkommen. Jetzt
aber wollen sich Homosexuelle unter die Rom-Besucher
mischen - und das ist dem Vatikan ein Dorn im Auge. Die Kurie
müht sich mit allen Mitteln, die für den 8. Juli angekündigte
Gay-Pride-Parade zu unterbinden. Die Parade ist Höhepunkt
des
einwöchigen Homosexuellentreffens, das mindestens 300 000
Schwule, Lesben und Transsexuelle an den Tiber locken soll.
Und dabei hat die Kirche die Konservativen aus der Politik an
ihrer Seite.
Schon im Januar übermittelte der zweite Mann im Vatikan,
Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, seine Bedenken an
die Mitte-Links-Regierung. Die blockte ab. Massimo D'Alema,
damals
noch Ministerpräsident, liess wissen, die Schwulenkundgebung
sei "kompatibel" mit den Grossanlässen des Jubeljahrs.
Zum ärger der Kirchenführung: Die klemmte sich dann
über den Vorsitzenden des italienischen Episkopats, den
Römer Bischof Camillo Ruini, hinter den Neofaschisten francesco
Storace.
Der kandidierte für das Amt des Präsidenten der Region
Latium mit ihrer Metropole Rom. Und er gewann - auch mit Hilfe
der katholischen Hirten. Jetzt steht er im Wort. Keine 24 Stunden
nach seinem Wahlsieg verkündete der Neopräsident,
das "Schwulenspektakel" sei zu unterbinden.
In der letzten Woche bekam er unerwartet Schützenhilfe:
Giuliano Amato, Ex-Sozialist und Chef der linksliberalen Regierung,
liess verlauten, die Parade sei "inopportun", aber
man könne sie
- "leider" - nicht verbieten. Denn es sei ein in der
Verfassung verbrieftes Recht der Homosexuellen, sich zu treffen.
Damit löste der einstige Linke fast eine Regierungskrise
aus. Der grüne Agrarminister Pecoraro Scanio wollte zurücktreten.
Und die Neokommunisten forderten, Amato müsse gehen. Aber
die Kirche lässt nicht locker: Trotz den Protesten legte
der Chef der italienischen Bischöfe, Ruini, noch einmal
nach: "Wenn die Parade tatsächlich stattfindet, dann
verstehen wir das als
Kränkung."
Seit der Rebellion der New Yorker Homosexuellen im Jahr 1969
hat es in allen westlichen Grossstädten Schwulenparaden
gegeben. In Paris gingen 1997, in Stockholm 1998 Hunderttausende
auf die Strasse. Auch in Italien fordern Schwule und Lesben
seit Ende der Siebziger gleiche Rechte. Seit zwei Jahren planen
die Gay-Verbände Italiens, der USA und Nordeuropas den
"Gay
Pride 2000" am Tiber, eine Veranstaltungsreihe mit Kongress,
Konzerten und Kundgebungen.
Genehmigt ist noch nichts, der Segen der Stadt steht noch aus.
Und das dürfte Roms Stadtpräsidenten schlaflose Nächte
kosten. Denn der progressive francesco Rutelli steht unter dem
Druck von Kirche und Konservativen. Dabei hat er den Veranstaltern
Unterstützung zugesagt: Mit 333 000 franken aus der Stadtkasse
wollte er ihnen unter die Arme greifen.
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