erschienen in der WELT online vom 3. Juli 2000

Vom Leben im falschen Körper

Europäischer Sexualforscherkongress - Ein Gespräch mit Prof. Klaus Beier

Im Haus der Kulturen der Welt findet derzeit der 5. Kongress der Europäischen Gemeinschaft der Sexualforscher (EFS) statt. Schwerpunkte der Konferenz sind dabei die Therapie von Sexualstraftätern, die Trans- und die Intersexualität. Mit Prof. Klaus Beier vom Institut für Sexualwissenschaften der Charité sprach Saskia Karas.

DIE WELT: Ist die Heilung von gefährlichen Sexualstraftätern üüberhaupt möglich?

Prof. Klaus Beier: Es gibt verschiedene Täterprofile; die besten Aussichten haben Täter, bei denen nur die Kontrollfähigkeit gestärkt werden muss.

DIE WELT: Was bedeutet das genau?

Beier: Das sind Täter, die zwar besondere sexuelle Wünsche haben, aber weder desoziale Persönlichkeiten haben noch kriminell oder geistig retardiert sind. Bei diesen Tätern ist die Heilungschance relativ gross.

DIE WELT: Gibt es üüberhaupt eine wirksame medikamentöse Behandlung, die zur Heilung von Sexualstraftätern führt?

Beier: Täter, die von ihren überstarken sexuellen Wünschen besessen sind, können mit Antiandrogenen behandelt werden, so dass die Fixierung auf ihre sexuellen Wünsche verschwindet.

DIE WELT: Können Sie den Unterschied zwischen Trans- und Intersexualität erklären?

Beier: Transsexuelle haben ein dauerhaftes Unbehagen im eigenen Geschlecht, während Intersexuelle kein eindeutig definiertes Geschlecht aufweisen.

DIE WELT: Wie kann Transsexuellen geholfen werden?

Beier: Sie müssen mindestens ein Jahr lang psychotherapeutisch behandelt werden, danach ein Jahr den Alltagstest machen, das heisst, in Männer- oder frauenkleidung leben, und erst danach werden körperliche Veränderungen eingeleitet.

DIE WELT: Gibt es auch Transsexuelle, die diesen Schritt im Nachhinein bereut haben?

Beier: Ja, das kommt leider immer wieder vor, deshalb ist die Testphase auch so lang. Es gibt in Deutschland circa 20 Fälle von Rückumwandlungen.

DIE WELT: Wie kann intersexuellen Menschen in dieser schwierigen Situation geholfen werden?

Beier: Das ist sehr schwierig. Bei Kindern, die sowohl weiblich als auch männlich sein könnten, wird das Geschlecht gleich nach der Geburt "festgelegt". Später gibt es dann oftmals Probleme, weil diese Menschen das Gefühl haben, nicht im richtigen Körper zu leben. Es gibt auch Fälle, bei denen die Chromosomenlage eindeutig männlich ist, die sich aber als Frau fühlen oder umgekehrt.

(c) Die WELT online

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