erschienen in der WELT online am 8. September 2000

Wie Onassis sich Romy angelte

Intime Bekenntnisse einer Berliner Entertainerin zwischen Mann und Frau

Von Jochen Breiholz

Man stelle sich die Szene vor: Irgendwann Ende der sechziger Jahre betritt der Teenager Romy Haag ein Pariser Luxushotel - in dem naiven Glauben, vor dem Schah von Persien auftreten zu müssen. Die Flügeltüren zu einem Saal werden aufgerissen und - Romy verschlägt es den Atem! - auf dem Parkett wälzen sich 200 nackte Leiber in einer Massenorgie. Im Taumel des imperialen Hofstaats geht Romy zu Boden: "Ein Knäuel von erregten Körpern schloss sich um mich." Als sie aufblickt, steht der Schah vor ihr - nackt. Romy, die natürlich nicht versäumt, die grosse Nase des Monarchen zu erwähnen, kommt nur ein knappes "Enchanté, Majesté" über die Lippen.

Wer solche Geschichten erlebt, darf sie seinen im öden Alltagsgrau dahindümpelnden Mitmenschen einfach nicht vorenthalten. Das hat sich auch Romy Haag gedacht und ihren Parforceritt durch die Halbwelt der Transen, Stricher und Zuhälter mit Abstechern in die Glamourwelt der Reichen, Berühmten und Schönen auf Papier gebannt. "Eine Frau und mehr" heisst die in Zusammenarbeit mit Martin Schacht entstandene Autobiographie (Quadriga Verlag, 39,90 Mark), die die Entertainerin am Montag abend in Harry's New York Bar vorstellte.

Eine Frau ist Romy Haag, die 1951 als Edouard frans Verba in Den Haag geboren wurde, rein biologisch erst seit Mitte der 80er Jahre. Da hatte sie schon 20 Jahre als Travestie-Star zwischen Hamburg, Paris, New York und Berlin, als Chefin des legendären "Chez Romy Haag" hinter sich. Ihre Probleme und Konflikte mit dem "Anderssein", die schon in fürühester Kindheit beginnen, sind zwar ständig unterschwellig präsent, werden aber selten in den Vordergrund gerückt. Spannend daran: der knappe Diskurs über unfreiwillige Transsexuelle im Dritten Reich.

über weite Strecken liest sich das Buch wie ein Entwurf für die neue Bühnenshow der Teufelsberger: Transentrash pur, Szenen wie aus einem B-Movie oder einem schwulen Softporno. Ein schrilles Märchen am Rande der Glaubwürdigkeit - mit Wahrheitsanspruch. Die Begegnung mit dem Schah bildet da nur eine kleine, wenige Zeilen einnehmende Episode von vielen. Denn natürlich gibt es kaum eine Celebrity der letzten 30 Jahre, mit der Romy nicht best friends wäre. An der Côte d'Azur hält sie Ausschau nach Milliardärs-Yachten, stürzt sich dann ins Wasser und mimt in praktischer Nähe zum Luxusliner die Ertrinkende. Prompt wird sie von Aristoteles Onassis aufgefischt und an Bord im Kreise illustrer Gäste bewirtet. Nur die Callas lernt sie nicht kennen - die bleibt unter Deck und telefoniert. Ein überühmter französischer Chansonnier (Romy Haag verschweigt ladylike den Namen - ausser Bécaud oder Montand kommt ohnehin keiner in Frage) insistiert, beim Sex mit ihr seine eigenen Platten abzuspielen. Marlene Dietrich, Josephine Baker und freddy Mercury geben sich bei Romys Auftritten die Klinke in die Hand. Und an David Bowie, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist, fesselt sie "eine telepathische Verbindung." Von David bekommt sie Liebe, sämtliche seiner Platten (schon wieder) und einen gemieteten Bentley. Dafr gibt es von reichen Verehrern Juwelen en masse, dezent versteckt in den Blüten eines üppigen Strausses von Papageienrosen. Glaubt man Frau Haag, dann müsste ihre Klunkersammlung die Königin von England erblassen lassen. Ganz zu schweigen von den Pelzen und hunderten von Schuhen - von denen ein Grossteil leider einem verheerenden Brand zum Opfer fällt, der vom "Fluch der Vodoo-Queen" provoziert wird. Der Charme von "Eine Frau und mehr" liegt im trockenen, fast beiläufigen Erzählstil Romy Haags. Eine echte Dame bewahrt eben immer die Fassung. Auch vor der Nase des Schahs von Persien.

(c) Die WELT online

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