Wie Onassis sich Romy angelte
Intime Bekenntnisse einer Berliner
Entertainerin zwischen Mann und Frau
Von Jochen Breiholz
Man stelle sich die Szene vor: Irgendwann
Ende der sechziger Jahre betritt der Teenager Romy Haag ein
Pariser Luxushotel - in dem naiven Glauben, vor dem Schah von
Persien auftreten zu müssen. Die Flügeltüren
zu einem Saal werden aufgerissen und - Romy verschlägt
es den Atem! - auf dem Parkett wälzen sich 200 nackte Leiber
in einer Massenorgie. Im Taumel des imperialen Hofstaats geht
Romy zu Boden: "Ein Knäuel von erregten Körpern
schloss sich um mich." Als sie aufblickt, steht der Schah
vor ihr - nackt. Romy, die natürlich nicht versäumt,
die grosse Nase des Monarchen zu erwähnen, kommt nur
ein knappes "Enchanté, Majesté" über
die Lippen.
Wer solche Geschichten erlebt, darf sie seinen im öden
Alltagsgrau dahindümpelnden Mitmenschen einfach nicht vorenthalten.
Das hat sich auch Romy Haag gedacht und ihren Parforceritt durch
die Halbwelt der Transen, Stricher und Zuhälter mit Abstechern
in die Glamourwelt der Reichen, Berühmten und Schönen
auf Papier gebannt. "Eine Frau und mehr" heisst die
in Zusammenarbeit mit Martin Schacht entstandene Autobiographie
(Quadriga Verlag, 39,90 Mark), die die Entertainerin am Montag
abend in Harry's New York Bar vorstellte.
Eine Frau ist Romy Haag, die 1951 als Edouard frans Verba in
Den Haag geboren wurde, rein biologisch erst seit Mitte der
80er Jahre. Da hatte sie schon 20 Jahre als Travestie-Star zwischen
Hamburg, Paris, New York und Berlin, als Chefin des legendären
"Chez Romy Haag" hinter sich. Ihre Probleme und Konflikte
mit dem "Anderssein", die schon in fürühester
Kindheit beginnen, sind zwar ständig unterschwellig präsent,
werden aber selten in den Vordergrund gerückt. Spannend
daran: der knappe Diskurs über unfreiwillige Transsexuelle
im Dritten Reich.
über weite Strecken liest sich das Buch wie ein Entwurf
für die neue Bühnenshow der Teufelsberger: Transentrash
pur, Szenen wie aus einem B-Movie oder einem schwulen Softporno.
Ein schrilles Märchen am Rande der Glaubwürdigkeit
- mit Wahrheitsanspruch. Die Begegnung mit dem Schah bildet
da nur eine kleine, wenige Zeilen einnehmende Episode von vielen.
Denn natürlich gibt es kaum eine Celebrity der letzten
30 Jahre, mit der Romy nicht best friends wäre. An der
Côte d'Azur hält sie Ausschau nach Milliardärs-Yachten,
stürzt sich dann ins Wasser und mimt in praktischer Nähe
zum Luxusliner die Ertrinkende. Prompt wird sie von Aristoteles
Onassis aufgefischt und an Bord im Kreise illustrer Gäste
bewirtet. Nur die Callas lernt sie nicht kennen - die bleibt
unter Deck und telefoniert. Ein überühmter französischer
Chansonnier (Romy Haag verschweigt ladylike den Namen - ausser
Bécaud oder Montand kommt ohnehin keiner in Frage) insistiert,
beim Sex mit ihr seine eigenen Platten abzuspielen. Marlene
Dietrich, Josephine Baker und freddy Mercury geben sich bei
Romys Auftritten die Klinke in die Hand. Und an David Bowie,
dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist, fesselt sie "eine
telepathische Verbindung." Von David bekommt sie Liebe,
sämtliche seiner Platten (schon wieder) und einen gemieteten
Bentley. Dafr gibt es von reichen Verehrern Juwelen en
masse, dezent versteckt in den Blüten eines üppigen
Strausses von Papageienrosen. Glaubt man Frau Haag, dann müsste
ihre Klunkersammlung die Königin von England erblassen
lassen. Ganz zu schweigen von den Pelzen und hunderten von Schuhen
- von denen ein Grossteil leider einem verheerenden Brand
zum Opfer fällt, der vom "Fluch der Vodoo-Queen"
provoziert wird. Der Charme von "Eine Frau und mehr"
liegt im trockenen, fast beiläufigen Erzählstil Romy
Haags. Eine echte Dame bewahrt eben immer die Fassung. Auch
vor der Nase des Schahs von Persien.
(c) Die WELT online
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