erschienen in der NZZ vom 6. November 2000

Umdenken beschleunigen

Das Büro für Gleichstellung zieht Bilanz

bsp. Seit Oktober 1990 existiert in der Stadt Zürich das Büro für Gleichstellung von Mann und Frau (BfG). Am Sonntag hat diese Institution im Schiffbau ihr zehnjähriges Jubiläum mit einer Matinee unter dem Motto "Aus ungleichem Gefechte" gefeiert. Mit einer Publikation wird Bilanz gezogen.
Trotz dem sonnigen Sonntagmorgen fanden vor allem viele Frauen ihren Weg ins Foyer der Schiffbauhalle, wo das BfG sein Jubiläum feierte. Nach den Ansprachen von Stadtpräsident Josef Estermann und Dore Heim, der Leiterin des Büros für Gleichstellung, präsentierten drei Schauspielerinnen unter musikalischer Begleitung eine Collage aus historischen Dokumenten, Beispielen von Anfragen an das Gleichstellungsbüro und einem Pressespiegel.

Geschlechterspezifische Diskriminierung

"Sie haben meine männliche Vernunft beharrlich revidiert und mich immer wieder auf den dornenvollen Weg der Gleichstellung zurückgeführt", bedankte sich Josef Estermann bei den Mitarbeiterinnen des Büros für Gleichstellung. Die Arbeit des BfG habe ihm die Augen für geschlechtsspezifische Diskriminierungen geööffnet und ihm die Notwendigkeit des Umdenkens in der Geschlechterpolitik bewusst gemacht. Und ebendieses Umdenken werde durch das Büro für Gleichstellung beschleunigt.
Welchen Weg das Denken in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter zurückgelegt hat, zeigte eine Collage auf, für welche die Historikerin Elisabeth Joris die historischen Recherchen betrieben hatte. So wurde beispielsweise in einer Ausgabe der NZZ aus dem Jahre 1911 gefordert, dass sich verheiratete Lehrerinnen in ihren Familienkreis zurückzuziehen hätten, oder in einem Text aus dem Jahre 1916 über "Die notwendige Ergänzung zum Wesen und der Leistung des Mannes" sinniert. Seither sind fast hundert Jahre vergangen. Heute will die Stadtzürcher Bevölkerung vom BfG beispielsweise wissen, warum nur Männer zum Militär eingezogen werden oder wie eine Frau nach ihrer Heirat ihren angestammten Familiennamen behalten kann. Rund 700 solcher Anfragen, darunter eine mit der Anrede "Sehr geehrte Damen und . . .", gehen jährlich beim Stadtzürcher Büro für Gleichstellung ein. Neben ihrem Beratungsdienst unterstützt das BfG politische Gremien, überät Organisationen und Unternehmen in Gleichstellungsfragen.

Intervention und Statistiken

1996 initiierte das BfG das "Zürcher Interventionsprojekt gegen Männergewalt" (ZIP), das noch bis Ende 2000 gemeinsam vom BfG und der Fachstelle Gewalt gegen Frauen und Kinder des Sozialdepartements geleitet wird und danach vom Kanton übernommen werden soll. Im Vordergrund stehen die Themen Opferschutz und Präventionsmassnahmen. Im Laufe des nächsten Jahres soll im frauenhaus zudem ein ambulantes Beratungsangebot für von Gewalt betroffene Frauen eingerichtet werden. Ein weiteres laufendes Projekt betrifft die Auswirkungen der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse auf die Stellung von Frauen und Männern bezüglich Einkommen, Zeitautonomie und häuslicher Arbeitsteilung. In einem bereits seit 1998 bestehenden Projekt wurden sieben Zürcher Firmen in den Branchen Gastgewerbe, Reinigung und Verkauf auf Gleichstellungsfragen hin untersucht und bei der Schaffung von gerechteren Rahmenbedingungen unterstützt. Die Resultate der Studie sollen im Dezember bekanntgegeben werden.
In der Publikation "Geschlecht gleich Stellung" zieht das BfG nach zehn Jahren Bilanz. "Noch immer begrenzt das Geschlecht die gesellschaftlichen Chancen der Frauen", schreibt Dore Heim einleitend. Die "Renaissance der Einigelungspolitik" in der Schweiz hätte eine veränderte Einstellung zu Ausländerinnen und Ausländern und die Wirtschaftskrise der neunziger Jahre eine massive Verknappung der öffentlichen Mittel nicht zuletzt für das BfG zur Folge gehabt.
Allgemein sei die Akzeptanz der Arbeit des Büros in der Bevölkerung gut, erläuterte Dore Heim auf Anfrage, und auch die Mehrheit der Politikerinnen und Politiker sehe die Notwendigkeit der Existenz des BfG ein. Die Aufklärungsarbeit stellt sie auf zwei Schienen ab: Während Publikationen die soliden wissenschaftlichen und pädagogisch-didaktischen Grundlagen liefern, soll die öffentlichkeitsarbeit des Büros mit viel Humor die Bevölkerung verblüffen, irritieren und zum Nachdenken anregen.


BfG, Postf., 8002 Zürich. gleichstellungsbuero@bfg.stzh.ch, www.bfgz.ch

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