Wahres Ich im falschen Körper
Michael Verhoevens Film (am Mittwoch in der ARD) zeigt die
Seelennöte eines transsexuellen Lehrers
Von Thilo WydraMünchen
Sie sind glücklich, Jana und ihr Mann Roman. Er ist Gymnasiallehrer,
sie haben zwei Kinder, ein Haus. Ein Ort der Harmonie, der Liebe.
Doch wie das mit Idyllen oft so ist: Der Schein trügt.
Zunächst ahnt Jana (Nina Hoger) nichts davon, ist irritiert,
als sie einen Lippenstift in Romans (Dominique Horwitz) Sachen
findet. Erste Vorwürfe, das Vertrauen bröckelt. Doch
Roman betrügt seine Jana eigentlich nicht, nicht wirklich,
nicht mit einer anderen Frau. Sondern eher mit sich selbst:
mit seinem anderen Ich. Denn Roman, der bieder-brave Lehrer,
ist transsexuell, lebt ein weibliches Ich im männlichen
Körper.
Als Regisseur Michael Verhoeven ("Die weisse Rose")
seinen gewagten, singulären, überührend einfühlsam
angelegten Fernsehfilm "Enthüllung einer Ehe"
(Mittwoch, 20.30 Uhr, ARD) auf dem diesjährigen Filmfest
München vorstellte, gab es lang anhaltenden Applaus, Tränen
gar, und vor allem Respekt vor dieser inszenatorischen Leistung.
Zu schön wäre es gewesen, wäre dieser Produktion
der Bavaria-Film der Weg ins Kino geebnet worden. Ein deutscher
Film mit Potenzial und Reibungsfläche, mit Mut zur Konfrontation.
Immerhin, ARD-Prime-Time ist es geworden. Und immerhin eine
Konzession des Senders primär an Qualität, sekundär
an Quote. Der Zuschauer-Zuspruch dürfte mit darüber
entscheiden, inwieweit man solch heikle Randgruppen-Themen noch
aufgreift. Wie wichtig Verhoevens Film für die Betroffenen
selbst ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Im Film treibt Romans Seelenspaltung, dieses Hin- und Hergerissensein,
ihn seit Jahren schon in eine Art Selbsthilfegruppe, wo er im
Kleidchen, mit Perücke, geschminkt und parfümiert
seine Weiblichkeit leben darf und Hilfe sucht: Wie bringt man
seine Neigung den eigenen Kindern bei, wie erklärt man
sie der argwöhnischen Umwelt? Zumal: Roman will endlich
ganz und gar Ramona werden, will sich endlich operieren und
mit Hormonen behandeln lassen...
Michael Verhoeven, der zusammen mit Nicole Walter-Lingen auch
das Drehbuch verfasst hat, gelang hier die spürbar diffizile
Gratwanderung, ein in der Gesellschaft absolut tabuisiertes
Sujet anzupacken und dabei niemanden zu diskriminieren, zu kompromittieren
oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Nein, es ist die
grosse Achtung vor diesen von der eigenen Gespaltenheit
geplagten Menschen, die Stefan Spreers Kamera in sensiblen,
völlig unspektakulär gehaltenen Bildern wiedergibt.
Und dann diese Schauspieler: Dominique Horwitz war vielleicht
noch nie so gut wie hier. Die Genese von Roman zu Romana, diese
frauwerdung, die zugleich eine existenzielle Menschwerdung ist,
ein zutiefst schmerzlicher Gang durch verschiedene Stadien des
Bewusstseins, interpretiert er mit einer Intensität, die
nachgerade authentisch wirkt. Und Nina Hoger geht, auf ganz
anderer Ebene, diesen Gang mit ihm, ist diejenige, die akzeptieren
muss, dass sie urplötzlich keinen Ehemann mehr hat, keinen
Vater ihrer Kinder. Auch sie macht eine Bewusst-Werdung durch.
"Ich wollte keine Geschichte über ein psychologisch-biologisch-medizinisches
Problem machen. Es ist ein Film über die unendlich tiefe
Krise zwischen zwei Menschen", sagt Michael Verhoeven über
seinen Film. Das ist ihm gelungen, und dafr gebührt
ihm höchste Anerkennung.
(c) Die WELT online
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