erschienen in der Berner Zeitung vom 18. November 2000

Wir brauchen eine neue frauenbewegung

Manchmal frage ich mich, wie viele Männer eigentlich begriffen haben, warum und wie sich die Frauen in den letzten drei Jahrzehnten verändert haben. Oder: Was denken eigentlich die jungen Frauen? Wo gibt es für sie noch Handlungsbedarf? Und: Wie geht es weiter mit dem Engagement für eine Welt, in der nicht mehr vorgeschrieben wird, welches Geschlecht wie zu leben hat?

Alice Schwarzer, die letzte Woche mit ihrem neuen Buch "Der grosse Unterschied" durchs Land reiste, ist da nach wie vor erste Ansprechpartnerin. Denn die Unentwegte, die "die bislang längste und perfideste journalistische Menschenjagd in der Geschichte der Bundesrepublik" ("Die Zeit") überstanden hat, ist noch immer eine unverzichtbare Stimme, auch wenn sie heute längst zum Establishment gehört. Geistreich, witzig und brillant formuliert, analysiert sie in ihrem neusten Werk, was gut und was schief gelaufen ist in den letzten 30 Jahren auf dem Weg zu mehr Gestaltungsmöglichkeiten für die Frauen. Das Gute vorweg: "Wir Frauen haben mehr erreicht, als wir je zu träumen gewagt hätten." Dass es trotzdem noch nicht genug ist, hat auch mit uns selbst zu tun, mit den "Schlangen unter den Schwestern". Unverblümt zeigt Alice Schwarzer auf, wie Frauen sich immer wieder bei der Männerwelt anbiedern, wie sie das eigene "schwache" Geschlecht verraten, um beim "starken" Geschlecht Vorteile herauszuschinden. Wer da nicht unverzüglich SVP-Bundesratskandidatin Rita Fuhrer vor sich sieht, verschliesst die Augen!

Doch auch die frauenbewegung als Ganzes hat die Chance verschenkt, sich breiter zu verankern, weil die "Berührungsängste der Linken mit den Bürgerlichen, der Hochmut der jungen Alternativen gegenüber den älteren Etablierten zu gross war". Und trotzdem hat sie mehr erreicht als jede andere soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts. Immerhin hat sie, laut Schwarzer, eine "Drei-Drittel-Männergesellschaft" hervorgebracht: Das erste Drittel steht der Sache der Frauen aufgeschlossen und sympathisierend gegenüber, wenn auch nicht ohne Rückfälle. Das zweite Drittel schlängelt sich durch. Und das dritte Drittel hintertreibt den Aufbruch der Frauen und versucht, den Machtverlust zu stoppen. Kein Wunder, dass sich da die jungen Frauen noch nicht zufrieden geben und Handlungsbedarf sehen. So sind gemäss neusten Allensbach-Umfragen 77 Prozent aller jungen Frauen für die "Organisierung von Frauen" und 52 Prozent sogar "für eine frauenbewegung". "Die angeblichen Girlies", meint Alice Schwarzer dazu spöttisch, "sind also Emanzen."

Doch die frauenbewegung als Bewegung von Aktivistinnen ist tot. Dafr lebt der Feminismus. "Er ist zwar allgegenwärtig, aber nirgendwo greifbar. Er ist ein Zustand, aber keine Institution." Das aber muss sich ändern, wenn sich künftig wieder etwas bewegen soll. Mit ihrem Buch-Untertitel - "Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen" - zeigt Schwarzer auch auf, wie diese neue Bewegung aussehen könnte: Dazu würde gehören, dass den Männern das Gefühl und den Frauen der Verstand endgültig zurückgeben werden - und das nicht nur in den Sonntagspredigten.

Wie sieht diese neue frauenbewegung konkret aus? Wer führt sie an? Und heisst sie möglicherweise gar nicht mehr Frauen-, sondern Menschenbewegung? Gesucht wird: eine neue Vordenkerin! Männliche Vordenker sind selbstverständlich nicht ausgeschlossen.

Yvonne-Denise Köchli ist Publizistin und Buchautorin in Zürich.

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