Wir brauchen eine neue frauenbewegung
Manchmal frage ich mich, wie viele Männer eigentlich begriffen
haben, warum und wie sich die Frauen in den letzten drei Jahrzehnten
verändert haben. Oder: Was denken eigentlich die jungen Frauen?
Wo gibt es für sie noch Handlungsbedarf? Und: Wie geht es
weiter mit dem Engagement für eine Welt, in der nicht mehr
vorgeschrieben wird, welches Geschlecht wie zu leben hat?
Alice Schwarzer, die letzte Woche mit ihrem neuen Buch "Der
grosse Unterschied" durchs Land reiste, ist da nach wie vor
erste Ansprechpartnerin. Denn die Unentwegte, die "die bislang
längste und perfideste journalistische Menschenjagd in der
Geschichte der Bundesrepublik" ("Die Zeit") überstanden
hat, ist noch immer eine unverzichtbare Stimme, auch wenn sie
heute längst zum Establishment gehört. Geistreich, witzig
und brillant formuliert, analysiert sie in ihrem neusten Werk,
was gut und was schief gelaufen ist in den letzten 30 Jahren auf
dem Weg zu mehr Gestaltungsmöglichkeiten für die Frauen.
Das Gute vorweg: "Wir Frauen haben mehr erreicht, als wir
je zu träumen gewagt hätten." Dass es trotzdem
noch nicht genug ist, hat auch mit uns selbst zu tun, mit den
"Schlangen unter den Schwestern". Unverblümt zeigt
Alice Schwarzer auf, wie Frauen sich immer wieder bei der Männerwelt
anbiedern, wie sie das eigene "schwache" Geschlecht
verraten, um beim "starken" Geschlecht Vorteile herauszuschinden.
Wer da nicht unverzüglich SVP-Bundesratskandidatin Rita Fuhrer
vor sich sieht, verschliesst die Augen!
Doch auch die frauenbewegung als Ganzes hat die Chance verschenkt,
sich breiter zu verankern, weil die "Berührungsängste
der Linken mit den Bürgerlichen, der Hochmut der jungen Alternativen
gegenüber den älteren Etablierten zu gross war".
Und trotzdem hat sie mehr erreicht als jede andere soziale Bewegung
des 20. Jahrhunderts. Immerhin hat sie, laut Schwarzer, eine "Drei-Drittel-Männergesellschaft"
hervorgebracht: Das erste Drittel steht der Sache der Frauen aufgeschlossen
und sympathisierend gegenüber, wenn auch nicht ohne Rückfälle.
Das zweite Drittel schlängelt sich durch. Und das dritte
Drittel hintertreibt den Aufbruch der Frauen und versucht, den
Machtverlust zu stoppen. Kein Wunder, dass sich da die jungen
Frauen noch nicht zufrieden geben und Handlungsbedarf sehen. So
sind gemäss neusten Allensbach-Umfragen 77 Prozent aller
jungen Frauen für die "Organisierung von Frauen"
und 52 Prozent sogar "für eine frauenbewegung".
"Die angeblichen Girlies", meint Alice Schwarzer dazu
spöttisch, "sind also Emanzen."
Doch die frauenbewegung als Bewegung von Aktivistinnen ist tot.
Dafr lebt der Feminismus. "Er ist zwar allgegenwärtig,
aber nirgendwo greifbar. Er ist ein Zustand, aber keine Institution."
Das aber muss sich ändern, wenn sich künftig wieder
etwas bewegen soll. Mit ihrem Buch-Untertitel - "Gegen die
Spaltung von Menschen in Männer und Frauen" - zeigt
Schwarzer auch auf, wie diese neue Bewegung aussehen könnte:
Dazu würde gehören, dass den Männern das Gefühl
und den Frauen der Verstand endgültig zurückgeben werden
- und das nicht nur in den Sonntagspredigten.
Wie sieht diese neue frauenbewegung konkret aus? Wer führt
sie an? Und heisst sie möglicherweise gar nicht mehr Frauen-,
sondern Menschenbewegung? Gesucht wird: eine neue Vordenkerin!
Männliche Vordenker sind selbstverständlich nicht ausgeschlossen.
Yvonne-Denise Köchli ist Publizistin und Buchautorin in
Zürich. |