Querelle des Sexes
add. Welchen Unterschied gibt es zwischen Männern und
Frauen ausser jenem einen kleinen mit den bekannten grossen
Folgen? über die frage, was Frauen dürfen oder müssen
im Unterschied zu dem, was Männer dürfen oder müssen,
wird im Abendland seit langem heftig gestritten - in einer schier
endlosen Reihe ernsthafter, ironischer oder auch bösartiger
Klagen und Anklagen, Einreden und Widerreden. Nicht nur Männer
ääussern sich über Frauen, auch die Frauen selbst haben
sich an der literarischen Debatte über Würde und Wesen
ihres Geschlechts beteiligt. Manchmal blieb es nicht beim Streit
der Federn: Die Pariser Marktfrauen forderten beispielsweise
recht handgreiflich Brot am Beginn der französischen Revolution.
Gisela Bock, Berliner Professorin für Geschichte Westeuropas,
hat die Debatten um die kulturelle Dimension von Geschlecht
nachgezeichnet und sie in Beziehung gesetzt zur Geschichte des
Ehe- und Familienrechts und zu soziologisch-empirischen sowie
zu sozialgeschichtlichen Ergebnissen und überlegungen.
Sie hat dieses für Westeuropa getan und sich damit einer
riesigen Synthetisierungsaufgabe unterzogen, denn bei aller
Gleichartigkeit der Trends fällt doch die Unterschiedlichkeit
nationaler Entwicklungen ins Auge. In zeitlicher Hinsicht spannt
sich der Bogen vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart.
In dichter und detailverliebter Darstellung wird eine nahezu
unüberschaubare Fülle von Fakten geboten. Schnelle
Information über einzelne Themen und fragen ist nicht möglich,
denn das Inhaltsverzeichnis taugt nicht als ein entsprechender
Wegweiser, und ein Sachregister fehlt. So kann man etwa der
frage nach der Rezeption und Bedeutung der scholastischen Lehrmeinung,
die Frau sei ein "mas occasionatus" (ein unvollkommener
Mann), nur durch gründliche Lektüre nachgehen. Den
Nachklang dieser Formulierung des Thomas von Aquin hört
man dann noch in Fichtes Grundlage des Naturrechts (1796): "Das
zweite Geschlecht steht der Natureinrichtung nach um eine Stufe
tiefer als das erste."
Gisela Bock: Frauen in der europäischen Geschichte.
Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck, München
2000. 393 S., für. 44.50.
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