Der gestörte Dorffrieden
Norbert Lindner war Bürgermeister
und beliebt. Bis er sich zu seiner Transsexualität bekannte.
Als Michaela wird er im Dorf nicht akzeptiert und soll am Sonntag
abgewählt werden.
Von Susanne Leinemann
Quellendorf - Auf der Straße treffen
sie zusammen. Wortlos schiebt der Gemeinderat Adolf Hecht sein
altes blaues Fahrrad an den exotischen Wesen vorbei. Er grüßt
nicht, sondern blickt starr auf den Lenker. Dabei sind die zwei
einen Blick wert. Groß sind sie - viel größer
als Hecht, der sich unwillkürlich noch ein wenig zusammenkrümmt.
Bei der einen betont der rote Wintermantel die schlanke Taille,
die langen Haare fallen beiden bis auf die Schultern, die ausgeprägten
Wangenknochen werden durch Rouge hervorgehoben.Quellendorf in
Sachsen-Anhalt - seit Wochen wird jede Regung mitgeschnitten,
ist jedes knackige Zitat eine Aufzeichnung wert. Auch jetzt
beobachtet ein Fernsehteam die beiden Transsexuellen beim Verteilen
von Flugblättern für mehr Toleranz. Später, als
die "Begegnung der dritten Art" vorüber ist,
murmelt Hecht etwas von "die sind fremd hier". Wäre
es der Bürgermeister gewesen, hätte man sich zugenickt.
Guten Tag, guten Weg.
Doch der Bürgermeister wandelte sich in eine Bürgermeisterin.
Michaela Lindner, ehemals Norbert Michael Lindner, hat aufgegeben,
selbst Wahlkampf gegen ihre drohende Abwahl zu führen.
Sie hat keine Lust mehr, im Ort um Verständnis für
ihre Entscheidung zu werben: den Wechsel vom Mann zur Frau.
Nachdem sie allein in drei Tagen über 60 Interviews gegeben
hat, ist ihr Telefonanschluß vorübergehend gesperrt.
Befreundete Transsexuelle übernehmen jetzt alle Aktionen
in Quellendorf.Am Sonntag ist Wahltag. Stimmen 30 Prozent der
Dorfbewohner gegen Lindner - und das liegt nahe -, ist sie vom
Amt des Bürgermeisters abgewählt, das ihr eigentlich
bis 2003 zusteht. Aber egal wie die Entscheidung ausgeht, sie
wird den Ort mit großer Wahrscheinlichkeit verlassen.
Zurück bleiben 1047 Quellendorfer, darunter acht irritierte
Gemeinderäte, gespalten in zwei unversöhnliche Lager.
Dabei wollte man anfangs zusammenhalten. Im Juni traf sich Lindner
mit seinen Gemeinderäten zu einer "Dringlichkeitssitzung".
Da war der Bürgermeister in Frauenkleidern schon Dorfgespräch.
"Er sagte, daß die Krankheit jetzt zum Ausbruch gekommen
wäre", erzählt Hecht rückblickend. 40 Jahre
lang, beschrieb Lindner damals, sei er sich wie ein Schauspieler
vorgekommen. 40 Jahre lang betrogen um die für ihn richtige
Identität.
Die Gemeinderäte versuchten zu verstehen, was der überwiegende
Teil von ihnen nicht verstehen konnte, und versicherten ihrem
Bürgermeister: Wir stehen hinter dir. Nur etwas Zeit solle
er ihnen lassen, damit sie es den Leuten im Dorf beibringen
könnten. Schließlich: "Das ist doch nichts Normales,
oder?" meint Gemeinderätin Margitta Mattes, und die
37jährige schaut dabei hilfesuchend.Was normal ist, war
im Sozialismus über Jahrzehnte lautstark verkündet
worden. Die SED-Führung setzte auf die Zweierharmonie,
und das hieß natürlich: Mann mit Frau und Frau mit
Mann. Männliche Homosexualität erhielt erst in den
Achtzigern eine geringe öffentliche Anerkennung, Transsexualität
blieb dagegen völlig unbeachtet. Dabei hatte das Ministerium
für Gesundheitswesen schon 1976 - fünf Jahre vor dem
"Transsexuellen-Gesetz" der Bundesrepublik - eine
"Verfügung zur Geschlechtsumwandlung von Transsexualisten"
erstellt. Experten begutachteten zweimal im Jahr Betroffene,
operiert wurde danach in Berlin oder Leipzig. Gewußt hat
das kaum jemand in der DDR. Die Richtlinie trug den Stempel
"Nur für den Dienstgebrauch".
Ohne die Wende wäre es auch für Norbert Lindner schwer
gewesen herauszufinden, daß er eigentlich Michaela ist.
Wie soll man selbst auf etwas kommen, das sonst keiner zu denken
wagt? 1987 verkleidete er sich im VEB-Karneval als Vamp - mit
hochgeschlitztem Rock und Bustier. Nach dem Aschermittwoch blieben
Wohlgefühl und Orientierungslosigkeit. Erst mit der Mauer
fielen die Tabus. Die Wende brachte durch Sex-Shops, Szenelokale
und Pornofilme den ungehinderten Zugang zu alternativen Lebensmustern.
Homosexualität, Travestie, Transsexualität.
Die meisten Quellendorfer empfinden diese neue Vielfalt als
bedrohlich, "gerade die Älteren", wie Gemeinderätin
Mattes betont. Deshalb das langsame Heranführen an den
Wandel des Bürgermeisters - ohne Aufregung, ohne Presse.
Geklappt hat es nicht. Am 8. Juli erschien ein Artikel in der
"Bild"-Zeitung: "Bürgermeister Norbert:
,Bald heiß' ich Michaela!'" Wer die Zeitung angerufen
hatte, ist bis heute unklar.Nun konnte jeder in der Öffentlichkeit
lesen, was Tankwart, Floristin und Schmied über den geplanten
Geschlechtswandel dachten. Vorbei war es mit der pädagogischen
Betulichkeit, die dem Gemeinderat vorschwebte. "Das hat
ein Negativ hervorgerufen", sagt Hecht zur Veröffentlichung.
Der 58jährige verschränkt bei den Worten die Arme
vor dem Körper.175 Unterschriften wurden im Ort gegen den
Bürgermeister gesammelt. Juristisch zählten die nicht.
Trotzdem: "Für sechs von uns acht war das ein ausreichender
Auftrag unserer Wähler", rechtfertigte sich die Mehrheit
der Gemeinderäte später in einem Flugblatt. Im September
leiteten sie das Abwahlverfahren ein. Je unsicherer die Gruppe
wurde, desto dogmatischer argumentierte sie. Jetzt zählten
nur Gemeindeordnung und Paragraphen. Um Transsexualität
soll es bei der Abwahl angeblich nicht gehen, nur um den gestörten
Dorffrieden.
Die Gemeinderätin Anna-Maria Stephan steht weiterhin hinter
Michaela Lindner. "Und nicht, weil er in meiner Partei
ist", argumentiert die PDS-Frau. Ihr fällt nicht auf,
daß sie dabei noch über den Mann Norbert Lindner
spricht. Der Bürgermeister hat ihr immer gefallen, weil
er Sachen anpackte und in Gang setzte, wo andere zweifelten
und zögerten. Außerdem sei es ihr völlig egal,
ob Lindner nun Mann oder Frau ist. Im Kopf ändere sich
schließlich nichts.
Hatte sie nicht schon früher eine Veränderung am Bürgermeister
bemerkt? Anna-Maria Stephan überlegt. Doch. Als er anfing,
seinen Bierbauch abzuspecken, da sei er ihr komisch vorgekommen.
Damals habe er manchmal die Locken hinter das Ohr geschoben,
so daß die Frisur einem Pagenkopf ähnelte. "Na,
bist du heute wieder ein Mädchen?" fragte sie dann.
Geantwortet hat Lindner nie. Vielleicht wußte er es selber
noch nicht genau.
Zur Wahl am Sonntag haben sich per lnternet Transsexuelle aus
ganz Deutschland angekündigt. Sie werden ein Dorf vorfinden,
in dem Jalousien vor die Fenster rattern, sowie es dunkel wird.
Nachts wirkt der Ort ausgestorben.Michaela Lindner hat sich
daran nicht gehalten. In ihr Wohnzimmer konnten die Quellendorfer
abends durch die Gardine sehen. Da war sie, der Bürgermeister
in Frauenkleidern. Da wurde sie im Amt untragbar. Denn in einem,
da ist sich der Ehemann der Gemeinderätin Stephan sicher:
"In Quellendorf wird nie eine Frau Bürgermeister."
(c) Die WELT online
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