erschienen in der Winterthurer Woche vom 10. Januar 2001

"Ich habe mich als Mann nie wohl gefühlt"

Nach 50 Jahren als Mann entschied sich Alfred Brignoli, als Frau weiterzuleben

Albruna Brignoli, will der Gefahr der Vereinsamung entgegenwirken, indem sie aktiv auf die Leute zugeht .

Ein halbes Jahrhundert lebte Alfred Brignoli als Mann. Doch er fühlte sich in seinem Körper "nie richtig wohl", wie er sagt. Vor einem Jahr hat er sich entschieden, sein Leben als Frau weiterzuführen. Als Albruna Brignoli lebt sie nun in Winterthur.

rd. Im Telefonverzeichnis ist sie nicht zu finden: "Albruna Brignoli, Winterthur", deren Leserbrief kürzlich in der Zeitschrift "Facts" erschien. Sie schreibt, dass sie seit bald einem Jahr als Frau lebe und seit ihrem Geschlechtswechsel "sehr viel Toleranz und Akzeptanz" zu spüren bekommen habe.

Architekt wird -in

Eingetragen ist Albruna Brignoli noch immer unter ihrem Männernamen Alfred, seines Zeichens Architekt in Gachnang. Seit Sommer 2000 führt sie das Büro als Frau. Schon etwas früher zog sie nach Winterthur, um dort mit neuer Identität ein neues Leben anzufangen - nach 50 Jahren Männerdasein als Frau zu leben.

Warum so spät? "Ich bin ein Kopfmensch und habe meine Gefühle lange verdrängt", erzählt die Architektin. Ganz in schwarz gekleidet mit einem breiten Armreif und dezent geschminkt sitzt sie in ihrem Büro. Schon als 12-jähriger Junge habe sie gerne die Mädchenkleider der älteren Schwester angezogen. "Natürlich hat das nie jemand gemerkt", schmunzelt sie. Oder er?

Die Begegnung mit einer transsexuellen Person löst Verunsicherung aus, das weiss Albruna Brignoli. Als Architektin steht sie häufig in Kontakt mit Kunden, Baufachleuten und Amtsstellen. Nach ihrem Coming-out reagierten viele in ihrem Umfeld erstaunt, überrascht, aber auch unsicher: "Soll ich Sie nun als Herr oder Frau Brignoli anreden?", sei sie auch schon gefragt worden. Ihre Antwort ist deutlich: "Ich bin jetzt eine Frau", erklärt sie ihre Gefühle. Der Körper hingegen ist noch männlich geprägt.

Ein Prozess

"Die änderung des Geschlechts ist ein Prozess", sagt Brignoli. für den "Kopfmenschen" war es ein langer und harter Weg. Die ersten Neigungen im Alter von 12 Jahren habe sie noch verdrängt. Und als sie später immer wieder feststellte, dass sie sich als Mann nicht wohl fühlte, "habe ich mir gesagt: das darf nicht sein, das passt nicht in diese Gesellschaft."

Brignoli machte die Matura, studierte zuerst drei Semester Nationalökonomie und dann Architektur. Danach arbeitete er als Angestellter zuerst in Zürich und dann in Winterthur auf Architekturbüros, bevor er sich vor dreizehn Jahren selbstständig machte - zusammen mit seiner Frau, die er 1976 geheiratet hatte und mit der er zwei Kinder (16/17) hat.

Während Jahren vermochte sein Kopf seine Gefühle zu beherrschen. "Es ging relativ lange, bis der Leidensdruck zu gross wurde." Erst vor rund sieben Jahren informierte er seine Frau darüber. Sie habe erstaunlich gelassen reagiert. "Dann lebe Deine Neigungen doch aus", habe sie gesagt, erzählt Brignoli. Er/sie tat es - im Versteckten unter Gleichgesinnten in einem Zürcher Transvestiten-Club. Auf die Dauer reichte das nicht: "Ich wollte als Frau leben - mich nicht nur verkleiden", erklärt Brignoli.

Umstellung in Raten

Vor einem halben Jahr begann sie - nach überweisung durch einen Psychiater - mit einer Hormonbehandlung, die ihr schrittweise ein weibliches ääusseres verleihen soll. In etwa zwei Jahren werden operative Eingriffe folgen, um die letzten Spuren ihrer männlichen Vergangenheit zu entfernen. Albruna Bringoli ist aber überzeugt, dass das frausein nicht erst mit diesem Schritt beginne: "Seit dem Moment, an dem ich zum ersten Mal als Frau auf die Strasse ging, lebe und fühle ich als Frau."

Bruch und Verständnis

Dieser Entscheid fiel Ende 1999. "Meine Frau war bestürzt und die Kinder reagierten sehr traurig", erzählt Brignoli. Es wurde klar, dass der Bruch mit dem männlichen Geschlecht auch zum Bruch in der Familie führen würde. Anfang 2000 zog er aus und begann als Albruna Brignoli ein neues Leben in Winterthur aufzubauen: "Wir haben uns getrennt, weil es mir so leichter fällt eine Identität als Frau aufzubauen." In der Zwischenzeit habe sich die neue Situation einigermassen eingespielt, "obwohl mir die Kinder noch immer Papi sagen."

Auch im beruflichen Umfeld habe sie viel Verständnis erfahren. Die Reaktionen der Kunden seien interessant ausgefallen: Während die einen meinten, es sei ihnen egal, solange Kosten und Termine eingehalten würden, hätten andere gefunden, es sei "eigentlich toll, dass sie keine normale Architektin hätten."

Gefahr der Einsamkeit

Im freundeskreis wurde sehr unterschiedlich damit umgegangen: "In einer solchen Situation kommt es automatisch entweder zu einer Vertiefung der freundschaft oder zu einer Ablehnung", erklärt Brignoli.

Es liege nun an ihr, Kontakte zu pflegen, zu suchen und neue aufzubauen: "Bei transsexuellen Personen besteht die Gefahr der Vereinsamung", weiss sie. "Darum bin ich aktiv und kontaktfreudig." - Nicht wie der ehemals scheue Alfred.

Darum hat sie auch dem "Facts" einen Leserbrief geschrieben. Sobald sie die operative Umwandlung hinter sich hat, darf sie amtlich als Frau in Erscheinung treten. Dann wird der Name Alfred und das bärtige Gesicht in ihrer Identitätskarte verschwunden und ihr neuer Name Albruna im Telefonbuch zu finden sein. Allerdings nicht mehr in Winterthur, sondern in Gachnang - in der Nähe des Büros, der Kinder und der ehemaligen Lebenspartnerin.


Stichwort:
Transsexualität
Transsexuelle Personen sind Männer oder Frauen, die sich in ihrem angestammten Geschlecht nicht heimisch fühlen und darum eine Geschlechtsumwandlung vornehmen - im Gegensatz zu Transvestiten, die nur im Verborgenen zwischendurch in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen wollen.


Ernüchternde Studie:
Transsexuelle werden selten glücklich
Udo Rauchfleisch befasst sich seit 30 Jahren mit Transsexualität. Der Professor für klinische Psychologie an der Uni Basel hat 17 Personen Jahre nach ihrer Operation befragt. Mit ernüchterndem Ergebnis.

Herr Rauchfleisch, zu welchem Schluss kamen Sie in Ihrer Untersuchung?

Jahre nach der Geschlechtsumwandlung hat sich für fast alle Patienten die Situation ziemlich verschlechtert. Viele beziehen Renten oder frsorgeleistungen.

Das steht im Widerspruch zu Aussagen von Transsexuellen, die nach ihrem Coming-out sagen, sie seien nun glücklich.

Die ersten ein bis zwei Jahre fühlen sich viele wirklich glücklich. Das hängt aber damit zusammen, dass sie sich mit aller Energie an die Hoffnung klammern, es würde nun alles besser werden.

Wenn dieser Zustand nur vorübergehend ist, warum werden dann heute noch solche Umwandlungen gemacht?

Es ist die Hoffnung, dass man damit das Leben für Personen, die sich in ihrem Geschlecht nicht heimisch fühlen, etwas erträglicher machen kann.

Das gelingt offenbar kaum.

Selten. Es kann nur funktionieren, wenn die Leute in einem stabilen sozialen Umfeld eingebettet sind und sich in einer stabilen beruflichen Situation befinden.

Werden sie dann glücklich?

Nein, aber vielleicht weniger unglücklich. Meine Erfahrung ist, dass Transsexuelle nie wirklich in sich heimisch werden.

Warum soll dann die Krankenkasse die Kosten für solche Eingriffe zahlen?

Kosten und Nutzen sind schwer abzuschätzen. Man weiss ja auch nicht, wie teuer Behandlung und Betreuung von solchen Menschen wäre, wenn sie nicht operiert würden. Ausserdem zählt auch die Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Interview: René Donzé


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