"Ich habe mich als Mann nie wohl gefühlt"
Nach 50 Jahren als Mann entschied sich Alfred Brignoli,
als Frau weiterzuleben
Albruna Brignoli, will der Gefahr der Vereinsamung entgegenwirken,
indem sie aktiv auf die Leute zugeht .
Ein halbes Jahrhundert lebte Alfred Brignoli als Mann. Doch
er fühlte sich in seinem Körper "nie richtig
wohl", wie er sagt. Vor einem Jahr hat er sich entschieden,
sein Leben als Frau weiterzuführen. Als Albruna Brignoli
lebt sie nun in Winterthur.
rd. Im Telefonverzeichnis ist sie nicht zu finden: "Albruna
Brignoli, Winterthur", deren Leserbrief kürzlich in
der Zeitschrift "Facts" erschien. Sie schreibt, dass
sie seit bald einem Jahr als Frau lebe und seit ihrem Geschlechtswechsel
"sehr viel Toleranz und Akzeptanz" zu spüren
bekommen habe.
Architekt wird -in
Eingetragen ist Albruna Brignoli noch immer unter ihrem Männernamen
Alfred, seines Zeichens Architekt in Gachnang. Seit Sommer 2000
führt sie das Büro als Frau. Schon etwas früher
zog sie nach Winterthur, um dort mit neuer Identität ein
neues Leben anzufangen - nach 50 Jahren Männerdasein als
Frau zu leben.
Warum so spät? "Ich bin ein Kopfmensch und habe meine
Gefühle lange verdrängt", erzählt die Architektin.
Ganz in schwarz gekleidet mit einem breiten Armreif und dezent
geschminkt sitzt sie in ihrem Büro. Schon als 12-jähriger
Junge habe sie gerne die Mädchenkleider der älteren
Schwester angezogen. "Natürlich hat das nie jemand
gemerkt", schmunzelt sie. Oder er?
Die Begegnung mit einer transsexuellen Person löst Verunsicherung
aus, das weiss Albruna Brignoli. Als Architektin steht sie häufig
in Kontakt mit Kunden, Baufachleuten und Amtsstellen. Nach ihrem
Coming-out reagierten viele in ihrem Umfeld erstaunt, überrascht,
aber auch unsicher: "Soll ich Sie nun als Herr oder Frau
Brignoli anreden?", sei sie auch schon gefragt worden.
Ihre Antwort ist deutlich: "Ich bin jetzt eine Frau",
erklärt sie ihre Gefühle. Der Körper hingegen
ist noch männlich geprägt.
Ein Prozess
"Die änderung des Geschlechts ist ein Prozess",
sagt Brignoli. für den "Kopfmenschen" war es
ein langer und harter Weg. Die ersten Neigungen im Alter von
12 Jahren habe sie noch verdrängt. Und als sie später
immer wieder feststellte, dass sie sich als Mann nicht wohl
fühlte, "habe ich mir gesagt: das darf nicht sein,
das passt nicht in diese Gesellschaft."
Brignoli machte die Matura, studierte zuerst drei Semester
Nationalökonomie und dann Architektur. Danach arbeitete
er als Angestellter zuerst in Zürich und dann in Winterthur
auf Architekturbüros, bevor er sich vor dreizehn Jahren
selbstständig machte - zusammen mit seiner Frau, die er
1976 geheiratet hatte und mit der er zwei Kinder (16/17) hat.
Während Jahren vermochte sein Kopf seine Gefühle
zu beherrschen. "Es ging relativ lange, bis der Leidensdruck
zu gross wurde." Erst vor rund sieben Jahren informierte
er seine Frau darüber. Sie habe erstaunlich gelassen reagiert.
"Dann lebe Deine Neigungen doch aus", habe sie gesagt,
erzählt Brignoli. Er/sie tat es - im Versteckten unter
Gleichgesinnten in einem Zürcher Transvestiten-Club. Auf
die Dauer reichte das nicht: "Ich wollte als Frau leben
- mich nicht nur verkleiden", erklärt Brignoli.
Umstellung in Raten
Vor einem halben Jahr begann sie - nach überweisung durch
einen Psychiater - mit einer Hormonbehandlung, die ihr schrittweise
ein weibliches ääusseres verleihen soll. In etwa zwei Jahren
werden operative Eingriffe folgen, um die letzten Spuren ihrer
männlichen Vergangenheit zu entfernen. Albruna Bringoli
ist aber überzeugt, dass das frausein nicht erst mit diesem
Schritt beginne: "Seit dem Moment, an dem ich zum ersten
Mal als Frau auf die Strasse ging, lebe und fühle ich als
Frau."
Bruch und Verständnis
Dieser Entscheid fiel Ende 1999. "Meine Frau war bestürzt
und die Kinder reagierten sehr traurig", erzählt Brignoli.
Es wurde klar, dass der Bruch mit dem männlichen Geschlecht
auch zum Bruch in der Familie führen würde. Anfang
2000 zog er aus und begann als Albruna Brignoli ein neues Leben
in Winterthur aufzubauen: "Wir haben uns getrennt, weil
es mir so leichter fällt eine Identität als Frau aufzubauen."
In der Zwischenzeit habe sich die neue Situation einigermassen
eingespielt, "obwohl mir die Kinder noch immer Papi sagen."
Auch im beruflichen Umfeld habe sie viel Verständnis erfahren.
Die Reaktionen der Kunden seien interessant ausgefallen: Während
die einen meinten, es sei ihnen egal, solange Kosten und Termine
eingehalten würden, hätten andere gefunden, es sei
"eigentlich toll, dass sie keine normale Architektin hätten."
Gefahr der Einsamkeit
Im freundeskreis wurde sehr unterschiedlich damit umgegangen:
"In einer solchen Situation kommt es automatisch entweder
zu einer Vertiefung der freundschaft oder zu einer Ablehnung",
erklärt Brignoli.
Es liege nun an ihr, Kontakte zu pflegen, zu suchen und neue
aufzubauen: "Bei transsexuellen Personen besteht die Gefahr
der Vereinsamung", weiss sie. "Darum bin ich aktiv
und kontaktfreudig." - Nicht wie der ehemals scheue Alfred.
Darum hat sie auch dem "Facts" einen Leserbrief geschrieben.
Sobald sie die operative Umwandlung hinter sich hat, darf sie
amtlich als Frau in Erscheinung treten. Dann wird der Name Alfred
und das bärtige Gesicht in ihrer Identitätskarte verschwunden
und ihr neuer Name Albruna im Telefonbuch zu finden sein. Allerdings
nicht mehr in Winterthur, sondern in Gachnang - in der Nähe
des Büros, der Kinder und der ehemaligen Lebenspartnerin.
Stichwort:
Transsexualität
Transsexuelle Personen sind Männer oder Frauen, die sich
in ihrem angestammten Geschlecht nicht heimisch fühlen
und darum eine Geschlechtsumwandlung vornehmen - im Gegensatz
zu Transvestiten, die nur im Verborgenen zwischendurch in die
Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen wollen.
Ernüchternde Studie:
Transsexuelle werden selten glücklich
Udo Rauchfleisch befasst sich seit 30 Jahren mit Transsexualität.
Der Professor für klinische Psychologie an der Uni Basel
hat 17 Personen Jahre nach ihrer Operation befragt. Mit ernüchterndem
Ergebnis.
Herr Rauchfleisch, zu welchem Schluss kamen Sie in Ihrer
Untersuchung?
Jahre nach der Geschlechtsumwandlung hat sich für fast
alle Patienten die Situation ziemlich verschlechtert. Viele
beziehen Renten oder frsorgeleistungen.
Das steht im Widerspruch zu Aussagen von Transsexuellen,
die nach ihrem Coming-out sagen, sie seien nun glücklich.
Die ersten ein bis zwei Jahre fühlen sich viele wirklich
glücklich. Das hängt aber damit zusammen, dass sie
sich mit aller Energie an die Hoffnung klammern, es würde
nun alles besser werden.
Wenn dieser Zustand nur vorübergehend ist, warum werden
dann heute noch solche Umwandlungen gemacht?
Es ist die Hoffnung, dass man damit das Leben für Personen,
die sich in ihrem Geschlecht nicht heimisch fühlen, etwas
erträglicher machen kann.
Das gelingt offenbar kaum.
Selten. Es kann nur funktionieren, wenn die Leute in einem
stabilen sozialen Umfeld eingebettet sind und sich in einer
stabilen beruflichen Situation befinden.
Werden sie dann glücklich?
Nein, aber vielleicht weniger unglücklich. Meine Erfahrung
ist, dass Transsexuelle nie wirklich in sich heimisch werden.
Warum soll dann die Krankenkasse die Kosten für solche
Eingriffe zahlen?
Kosten und Nutzen sind schwer abzuschätzen. Man weiss
ja auch nicht, wie teuer Behandlung und Betreuung von solchen
Menschen wäre, wenn sie nicht operiert würden. Ausserdem
zählt auch die Verbesserung ihrer Lebensqualität.
Interview: René Donzé
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