Erschienen im Brückenbauer vom 19. Juni 2001

Welches Geschlecht hat die Seele?

Schon als Kind war da die Ahnung, dass sie ein Mädchen ist. Aber 29 Jahre lang hat Nadia Brönimann im Körper eines Mannes gelebt.

Nadia Brönimann hat nun den Körper, den sie sich ein Leben lang ersehnt hat. «Jetzt muss die Seele noch ankommen.»

Wer ist diese Frau? Sitzt da in einem bunten Sarong, auf dem Stein in der Bucht. «Die weite Reise zu meinem Stein habe ich auf mich genommen, um mich zu finden. Und ich habe genau zwei Möglichkeiten: Entweder stehe ich auf und schwimme aufs Meer hinaus, bis ich untergehe; oder ich beschliesse jetzt, die Frau zu werden, die ich bin».
Jahre später, mittlerweile 32-jährig, sitzt sie in einem Zürcher Café. Gross, schlank, jugendlich gekleidet, knallrotes Haar, unglaublich blaue Augen. Präsent und nachdenklich. Nadia Brönimann hat sich für das Oder entschieden, damals auf dem Stein.

Kindheit

Christian hiess das Kind. Der verwahrloste und massiv unterernährte Säugling musste im Spital wieder aufgepäppelt werden. Nachdem er als Dreijähriger von der alkoholabhängigen Mutter beinahe aus dem Fenster geworfen worden war, hatte ihn der Vater aufs Jugendamt gebracht. Aufgewachsen war er im Heim und bei Adoptiveltern. «Zu wissen, dass ich schon damals einen derart grossen Lebenswillen hatte, gibt mir heute Kraft», sagt Nadia Brönimann. Aber diese Kindheit voller Ablehnung und Demütigung hat auch Spuren hinterlassen. Eine tiefe Todesangst, beispielsweise. Und: «Manchmal kann ich kaum glauben, dass ich geliebt werde, so wie ich bin», sagt sie.

Ahnung

Die Ahnung war schon immer da. Alle kleinen Kinder wissen irgendwann, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sind. Christian wusste, dass er ein Mädchen ist. Aber da war sein Knabenkörper. «Das ist schwierig in Worte zu fassen - einerseits dieses Wissen tief in mir drin, anderseits die Wahrnehmung von aussen, die sich nicht decken», erzählt Nadia.

Ein Aussenseiter. In der Pubertät im Niemandsland zwischen Frau und Mann. Sehnsucht nach Liebe. Jungen haben ihn angezogen. Nicht als Schwuler, sondern als Frau wollte er begehren und begehrt werden.

Suche

Nach seiner Lehre als Servicefachangestellter zog es ihn ins Ausland. Ein bewegtes, turbulentes Leben begann: Strichjunge, Revuetänzer, Drag Queen, Steward auf Luxusjachten, Butler, Geschäftsführer sind einige der ääusseren Lebensstationen. Dabei hat er Demütigungen und sexuelle Gewalt genauso erlebt wie Liebe. «Ich bin steil aufgestiegen, aber ebenso tief gefallen», erzählt Nadia. Manchmal wars ein Leben in Saus und Braus, manchmal abhängig von der frsorge. «Aber immer das Wissen tief in mir: Ich lebe eine riesengrosse Lüge.»

Reise

Dann der Entscheid, sich dieser Lüge zu stellen. Aus Christian sollte endgültig Nadia werden. Es folgten Abklärungen und Hormontherapie. Dann der Tag der Operation. Immer wieder Operationen. Komplikationen. Da ist ihre Vagina. Ein Kunstwerk der ärzte, wie sie sagt. Aber das, was sie sich ein Leben lang erhofft hat, körperlich zu lieben wie eine Frau, funktioniert nicht. «Vielleicht ist es auch gut so. So habe ich Zeit, mich stückchenweise an meine Sexualität heranzutasten. Eine Sexualität, die vielleicht besser ist als die ?normale?», sinniert sie.

Aber bereuen? «Nein, ich würde es sofort wieder tun.» fragil sei sie zwar. Ein Windchen könne sie umpusten - momentan. Sie habe nun zwar den lang ersehnten frauenkörper. Aber jetzt brauche die Seele wieder Zeit, um nachzukommen.

«Manchmal komme ich mir noch vor wie eine Mogelpackung. Haare und Narben», damit habe sie Mühe. Die tollsten Männer könnte sie zwar haben, erzählt sie sachlich. Ihre Ausstrahlung machts, ihre starke Körperlichkeit. Und das irritierende Etwas, das auf den ersten Blick nicht fassbar, aber anziehend und erregend ist. Doch sie möchte nicht nur über ihren Körper definiert werden - oder reduziert auf das «sex» im Wort transsexuell. Nein, da ist Nadia, die Frau, mit der bewegten Lebensgeschichte.

Zukunft

«Die Suche nach mir hat mich an meine Grenzen gebracht. Ein Zusammenbruch im letzten Winter war mir eine Warnung», erzählt sie. Aber Nadia blickt zuversichtlich in die Zukunft. Beruflich ist sie offen für vieles. Auch ihr Engagement zum Thema Transsexualität möchte sie noch verstärken. «Da sind so viele Vorurteile. Ich wünsche mir, dass sich Menschen als Menschen begegnen, ohne zu fragen, in welche Schublade sie gehören», sagt sie.

Kraft für die Zukunft gibt ihr auch der Glaube an Gott. Eine Klosterfrau hat ihr letzhin gesagt: «Auch du stehst unter dem Schutz Gottes.» Es sei nicht an den Menschen, zu beurteilen, was Sünde ist und was nicht. «Ich vertraue auf Gottes Liebe», sagt Nadia voller Zuversicht.

Marlise Santiago

 

über das Buch

Erfahren Sie mehr aus der packend und überührend geschriebenen Lebensgeschichte
            der Transsexuellen Nadia Brönimann.

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