erschienen im Tages-Anzeiger vom 18. Oktober 2001

Eine Frau muss schiessen

Aus Christian wurde Esther; das zu akzeptieren fällt vielen schwer. Auch dem Militär.

In der Uniform der Schweizer Armee hätte er vor dem Militärgericht erscheinen müssen, so lautet die Vorschrift. Er aber kommt im langen, schwarzen Jupe, einem roten glitzernden Top, darunter zeichnet sich ein Büstenhalter ab, die grüne Kette um den Hals passt perfekt zum Armband. Er kommt als Sie. Nicht, dass er sich als Frau verkleidet, nein, er sei eine Frau. Offiziell jedoch heisst der 25-Jährige Christian B. - und ist ein Mann. Christian aber stellt sich als Esther vor. Die Fingernägel sind rot lackiert, die Augen dunkel nachgezogen, die Wangen dezent gepudert, die Lippen glänzen. Die Bartstoppeln, die tiefe Stimme, der schlaksige Gang - eine Frau im Männerkörper.

Esther nimmt auf der Anklagebank Platz, schlägt die Beine übereinander. Sorgfältig stellt sie ihr Täschchen neben sich. für das orange Plastikkörbchen bekommt sie viele Komplimente. Richter David Dürr in der Uniform des Obersten hat sich auf den "originellen Prozess" gefreut, "ein Farbakzent in der grauen Militärjustiz" sei das. Doch Oberst Dürr steht vor dem ersten Problem: "Wie soll ich Sie denn nun anreden? Mit Herr oder Frau?" Der Richter entscheidet sich für den Herrn. Esther widerspricht.

Christian oder Esther? Nicht nur der Richter tut sich schwer. Christians Eltern, die für den Prozess aus dem Thurgau angereist sind, haben es bisher nicht geschafft, ihren Sohn Esther zu nennen. Esther, so hätte Christian geheissen, wäre er als Mädchen auf die Welt gekommen. Jetzt haben die Eltern eine zweite Tochter, müssen Abschied nehmen vom Sohn. Das versuchen sie zu akzeptieren, "weil ich muss", sagt die Mutter.

Der kleine Christian war ein zarter Bub, im Kindergarten wurde er von den Kameraden oft verhauen, er wehrte sich nie. Lieber spielte er mit Puppen - das soll nichts heissen, das tun auch Buben, die später "richtige Männer" werden. Auch bei Christian lief vorerst alles normal: Schule, Kanti, RS. Das Militär ging ihm gegen den Strich, Hierarchien, Uniformen generell. Der Dienst an der Waffe war nicht seine Stärke: Einmal schoss die Kugel haarscharf am Kopf des Kameraden vorbei. Seither verweigert Soldat Christian das Schiessen. Deshalb steht er jetzt auch vor Gericht. Dreimal hat er das Obligatorische ignoriert, macht 390 franken Busse. Die hat er nicht bezahlt, jetzt drohen 13 Tage scharfer Arrest. Bezahlt hat er aus verschiedenen Gründen nicht: zum einen war und ist er blank, zum andern transsexuell. Esther sagt: "Als Frau bin ich nicht militärdienstpflichtig."

Mit Frauen wars ein Chnorz

Gelitten hat Christian in der RS auch unter den frauenfeindlichen Sprüchen der Kameraden. Er fühlte sich angesprochen, nahm sie persönlich. Was nur ist mit mir los? Diese frage hat er sich oft gestellt. Warum ists mit den freundinnen immer so ein Chnorz? Als schwul hat er sich nie empfunden. Dennoch verliebte er sich vor eineinhalb Jahren in einen Mann. Und plötzlich stimmte alles: Christian lebte seine weibliche Seite. Mehr noch, er begann Frauen zu imitieren. Mit freundinnen führt er "Gespräche von Frau zu Frau". Christian alias Esther sagt: "Ich lebe wie eine Frau, ich bin eine Frau."
für den Partner ists nicht leicht. Der schwule Mann hat nun eine freundin. Den Namen Esther bringt auch er noch nicht über die Lippen, manchmal hat er Hemmungen, sich mit Christian in frauenkleidern in der öffentlichkeit zu zeigen. Christian jedoch mag sich nicht verstecken. Nächste Woche beginnt er mit dem Studium. Gekleidet wie eine Studentin, dezent geschminkt wird er an der Uni erscheinen. Und er wird darauf bestehen, dass man ihn Esther nennt. Doch aus Respekt vor den "echten Frauen" werde er das Männer-WC benützen, aber nur die Kabine.

Den Körper der Seele anpassen

Richter Dürr schaut sanft über die Lesebrille, erklärt mit ruhigem Basler Dialekt: "Jä, offiziell gelten Sie erst nach dem chirurgischen Eingriff als Frau." übrigens, er habe sich informiert, die Krankenkasse beteilige sich an der Operation. Ob Christian seinen Körper je chirurgisch der Seele anpassen wird, weiss er noch nicht. Gross ist das Risiko, und eine "richtige Frau" würde er auch danach nicht sein. Seit vier Monaten ist er in der psychiatrischen Poliklinik in Behandlung. In absehbarer Zeit möchte er mit der Hormonbehandlung beginnen. Ein langer, steiniger Weg steht ihm bevor.
Gegen Ende des Prozesses verteilt Esther Zettel im Saal, einer ist rosa, der andere grün. Dem Richter streckt sie beide Farben entgegen. Sagt: "Ich nehme mir die freiheit zu wählen, wählen auch Sie." Der Oberst wählt grün. Auf dem Papier ist Esthers sorgfältig verfasster "Kompromissvorschlag" gedruckt: Sie leiste weiterhin Militärdienst, aber nur mit neuem Dienstbüchlein auf den Namen Esther und ausgestattet mit einer frauenuniform. Dies zu entscheiden, liege nicht in seiner Kompetenz, sagt der Richter. Den Arrest jedoch müsse sie nicht absitzen, "aber nur aus wirtschaftlichen Gründen", betont er. Sein Rat: Esther solle sich doch überlegen, wie sie das mit dem Militär künftig halte. Das nächste Obligatorische stehe bald an.

Von Chris Winteler

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