Eine Frau muss schiessen
Aus Christian wurde Esther; das zu akzeptieren fällt
vielen schwer. Auch dem Militär.
In der Uniform der Schweizer Armee hätte er vor dem Militärgericht
erscheinen müssen, so lautet die Vorschrift. Er aber kommt
im langen, schwarzen Jupe, einem roten glitzernden Top, darunter
zeichnet sich ein Büstenhalter ab, die grüne Kette
um den Hals passt perfekt zum Armband. Er kommt als Sie. Nicht,
dass er sich als Frau verkleidet, nein, er sei eine Frau. Offiziell
jedoch heisst der 25-Jährige Christian B. - und ist ein
Mann. Christian aber stellt sich als Esther vor. Die Fingernägel
sind rot lackiert, die Augen dunkel nachgezogen, die Wangen
dezent gepudert, die Lippen glänzen. Die Bartstoppeln,
die tiefe Stimme, der schlaksige Gang - eine Frau im Männerkörper.
Esther nimmt auf der Anklagebank Platz, schlägt die Beine
übereinander. Sorgfältig stellt sie ihr Täschchen
neben sich. für das orange Plastikkörbchen bekommt
sie viele Komplimente. Richter David Dürr in der Uniform
des Obersten hat sich auf den "originellen Prozess"
gefreut, "ein Farbakzent in der grauen Militärjustiz"
sei das. Doch Oberst Dürr steht vor dem ersten Problem:
"Wie soll ich Sie denn nun anreden? Mit Herr oder Frau?"
Der Richter entscheidet sich für den Herrn. Esther widerspricht.
Christian oder Esther? Nicht nur der Richter tut sich schwer.
Christians Eltern, die für den Prozess aus dem Thurgau
angereist sind, haben es bisher nicht geschafft, ihren Sohn
Esther zu nennen. Esther, so hätte Christian geheissen,
wäre er als Mädchen auf die Welt gekommen. Jetzt haben
die Eltern eine zweite Tochter, müssen Abschied nehmen
vom Sohn. Das versuchen sie zu akzeptieren, "weil ich muss",
sagt die Mutter.
Der kleine Christian war ein zarter Bub, im Kindergarten wurde
er von den Kameraden oft verhauen, er wehrte sich nie. Lieber
spielte er mit Puppen - das soll nichts heissen, das tun auch
Buben, die später "richtige Männer" werden.
Auch bei Christian lief vorerst alles normal: Schule, Kanti,
RS. Das Militär ging ihm gegen den Strich, Hierarchien,
Uniformen generell. Der Dienst an der Waffe war nicht seine
Stärke: Einmal schoss die Kugel haarscharf am Kopf des
Kameraden vorbei. Seither verweigert Soldat Christian das Schiessen.
Deshalb steht er jetzt auch vor Gericht. Dreimal hat er das
Obligatorische ignoriert, macht 390 franken Busse. Die hat er
nicht bezahlt, jetzt drohen 13 Tage scharfer Arrest. Bezahlt
hat er aus verschiedenen Gründen nicht: zum einen war und
ist er blank, zum andern transsexuell. Esther sagt: "Als
Frau bin ich nicht militärdienstpflichtig."
Mit Frauen wars ein Chnorz
Gelitten hat Christian in der RS auch unter den frauenfeindlichen
Sprüchen der Kameraden. Er fühlte sich angesprochen,
nahm sie persönlich. Was nur ist mit mir los? Diese frage
hat er sich oft gestellt. Warum ists mit den freundinnen immer
so ein Chnorz? Als schwul hat er sich nie empfunden. Dennoch
verliebte er sich vor eineinhalb Jahren in einen Mann. Und plötzlich
stimmte alles: Christian lebte seine weibliche Seite. Mehr noch,
er begann Frauen zu imitieren. Mit freundinnen führt er
"Gespräche von Frau zu Frau". Christian alias
Esther sagt: "Ich lebe wie eine Frau, ich bin eine Frau."
für den Partner ists nicht leicht. Der schwule Mann hat
nun eine freundin. Den Namen Esther bringt auch er noch nicht
über die Lippen, manchmal hat er Hemmungen, sich mit Christian
in frauenkleidern in der öffentlichkeit zu zeigen. Christian
jedoch mag sich nicht verstecken. Nächste Woche beginnt
er mit dem Studium. Gekleidet wie eine Studentin, dezent geschminkt
wird er an der Uni erscheinen. Und er wird darauf bestehen,
dass man ihn Esther nennt. Doch aus Respekt vor den "echten
Frauen" werde er das Männer-WC benützen, aber
nur die Kabine.
Den Körper der Seele anpassen
Richter Dürr schaut sanft über die Lesebrille, erklärt
mit ruhigem Basler Dialekt: "Jä, offiziell gelten
Sie erst nach dem chirurgischen Eingriff als Frau." übrigens,
er habe sich informiert, die Krankenkasse beteilige sich an
der Operation. Ob Christian seinen Körper je chirurgisch
der Seele anpassen wird, weiss er noch nicht. Gross ist das
Risiko, und eine "richtige Frau" würde er auch
danach nicht sein. Seit vier Monaten ist er in der psychiatrischen
Poliklinik in Behandlung. In absehbarer Zeit möchte er
mit der Hormonbehandlung beginnen. Ein langer, steiniger Weg
steht ihm bevor.
Gegen Ende des Prozesses verteilt Esther Zettel im Saal, einer
ist rosa, der andere grün. Dem Richter streckt sie beide
Farben entgegen. Sagt: "Ich nehme mir die freiheit zu wählen,
wählen auch Sie." Der Oberst wählt grün.
Auf dem Papier ist Esthers sorgfältig verfasster "Kompromissvorschlag"
gedruckt: Sie leiste weiterhin Militärdienst, aber nur
mit neuem Dienstbüchlein auf den Namen Esther und ausgestattet
mit einer frauenuniform. Dies zu entscheiden, liege nicht in
seiner Kompetenz, sagt der Richter. Den Arrest jedoch müsse
sie nicht absitzen, "aber nur aus wirtschaftlichen Gründen",
betont er. Sein Rat: Esther solle sich doch überlegen,
wie sie das mit dem Militär künftig halte. Das nächste
Obligatorische stehe bald an.
Von Chris Winteler
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