erschienen in der WoZ - DieWochenzeitung vom 18. Oktober 2001

Claudias kleiner Genderkrieg

von Urs Bruderer

* Name von der Redaktion geändert

Soldat Sommer* muss in Arrest, weil er das obligatorische Schiessen verweigert hat, sagen die Behörden. Soldat Sommer findet, sie sei eine Frau und deshalb nicht mehr unter Militärpflicht.

Der Gerichtsverhandlung von diesem Mittwoch ist eine merkwürdige Korrespondenz vorausgegangen. «Als transsexuelle Frau, d. h. als Frau mit einem männlichen Körper, bin ich gar nicht militärdienstpflichtig und habe somit auch keine ausserdienstlichen Pflichten wie das obligatorische Schiessen», heisst es in der Disziplinargerichtsbeschwerde vom 18. August. Unterzeichnet ist das Dokument von «Chris Claudia Sommer».
«Sehr geehrter Herr Sommer», antwortet der Gerichtspräsident drei Wochen später, die Verhandlung finde am 17. Oktober statt, und es wäre dienlich, wenn er, Herr Sommer, eine offizielle Namensänderung oder sonstige sachdienliche Hinweise zur Thematik gleich mitbringen könnte.
Die offizielle Vorladung richtet sich dann an «Sdt Sommer Christian»; er habe vor Gericht im Ausgangsanzug zu erscheinen. Darauf schreibt «Claudia Chris Sommer» zurück, dass sie zur Verhandlung erscheinen werde. Aber in Zivil, «ausser Sie können organisieren, dass ich bis zum Gerichtstermin meine männliche Uniform gegen eine weibliche umtauschen kann».

«Man nimmt einen frauennamen an und geht als Frau in frauenkleidern durchs Leben. Alltagstest ohne Medis wird das genannt. Ich würde es eher als zweite Pubertät bezeichnen. Ich fühle mich wie ein 16-jähriges Mädchen, das auf Entdeckungsreise geht. Nur eben im Körper eines 25-jährigen Mannes. In dieser Zeit erprobe ich die Rolle der Frau, bevor irreversible Schritte unternommen werden. Ungefähr nach einem Jahr kann man mit der Hormonbehandlung beginnen, wenn einem der Oberarzt das O.K. gibt. Ich habe nichts gegen die Begleitung von ärzten und Psychiatern. Aber meine Persönlichkeit ist meine Sache. Ob ich eine Frau oder ein Mann bin, kann kein Experte entscheiden.
Medizinisch ist noch vieles unklar. Wir sind Versuchskaninchen. Die Hormonbehandlung senkt die Lebenserwartung. Wie viel, ist schwer zu sagen, weil das Selbstmordrisiko vor und nach der Operation sehr hoch ist. Die Hormonbehandlung mache ich auf jeden Fall. Es wäre fahrlässig, das nicht zu wagen.
Zum WK rückte ich letztes Jahr in zivilen frauenkleidern ein. Der Leutnant hat mich dann überredet, dazubleiben und die männliche Uniform anzuziehen. Vom Militärgerichtsprozess erhoffe ich mir Erleichterung und Bestätigung. Es geht mir nicht einfach darum, vom Militär wegzukommen, sondern um eine grundsätzliche Anerkennung meiner Person und meiner Gründe. Eine transsexuelle Person im Alltagstest soll im Militär als Frau auftreten können, in einer weiblichen Uniform, oder wenigstens freigestellt werden. Untauglichkeit, das wäre das falsche Verdikt.»

Hat die Armee ein Problem mit der Integration der Transsexuellen? Hierzu eine kurze Umfrage bei den Militärbehörden:
«Transsexuelle, gibts die?», fragt ein Mitarbeiter der Untergruppe Personelles zurück. In der WoZ will er nicht namentlich genannt sein. Er fährt weiter: «Das Einzige, was ich einmal hatte, war ein Homosexueller, der sich nicht mehr wohl fühlte. Das sind ja auch anspruchsvolle Leute von da her. Und transsexuelle Leute haben eine spezielle Psyche, die werden sicher vom Sozialdienst der Armee entsprechend wahrgenommen und bedient. fragen Sie einmal dort nach oder beim Informationsdienst, die wissen vielleicht mehr.»
Auch Peter Hänggi vom Sozialdienst ist kein Fall eines Transsexuellen in der Armee bekannt. «Wenn jemand so ein Problem hat, wird er ohne weiteres medizinisch befreit. In der Regel geschieht das still und leise über den Truppenarzt.»
WoZ: Und wenn die Person in einer frauenuniform weiter Dienst leisten möchte?
Hänggi: «Da unterliegt sie den gleichen Bedingungen wie im Zivilrecht. fragen Sie aber noch bei der Dienststelle Frauen nach.»
WoZ: Wie ist es eigentlich im umgekehrten Fall, wenn aus einer Frau ein Mann wird? Ist der militärpflichtig?
Hänggi: «Sie fragen Sachen!»
Bei der Dienststelle Frauen darf nur der Chef Administration, Heinz Zahn, Auskunft geben. «Wir würden eine transsexuelle Frau aufnehmen, aber sie braucht einen offiziellen weiblichen Vornamen und eine weibliche AHV-Nummer», sagt er.
WoZ: Und wenn die Person sich noch im Alltagstest befindet, das heisst bereits als Frau auftritt, obwohl sie offiziell noch als Mann registriert ist?
Zahn: «Das kommt sicher nicht in Frage.»
Der Informationsdienst des VBS schliesslich braucht Zeit für Abklärungen. Am nächsten Tag ruft Philippe Zahno, Informationschef im Generalstab, zurück: «Sie haben da ein schwierigeres Problem als Milzbrand und Flugzeugentführungen gefunden. Nun, im Ernst: Der Fall ist ziemlich klar, diese Leute sind dienstuntauglich. Die Untergruppe Sanität braucht etwas Offizielles von einem Arzt oder einem Amt, das ist alles.»
WoZ: Aber eigentlich ist man als Transsexueller doch gar nicht dienstuntauglich?
Zahno: «Untauglich tönt vielleicht nicht schön. Eine solche Person muss einfach keinen Dienst mehr machen.»

«Es gibt auch Dinge, die unkompliziert laufen, zum Beispiel den Telefonbucheintrag wechseln, da prüft niemand nach. Bei der Volkszählung das Geschlecht wechseln, ist auch gegangen. Auf der Uni hingegen konnte ich mich nur als Mann einschreiben. Ich fange diesen Herbst mit Philosophie und Wirtschaft an. Zwei Männerdomänen, das ist wahr. Aber ich schaue es aus einem anderen Blickwinkel an: Es gibt in der Wirtschaft sehr viele männlich dominierte Strukturen, von Männern für Männer gemachte.
1997 habe ich an der ETH ein Semester Informatik studiert. Unter den Kollegen dort fühlte ich mich aber sehr unwohl. Danach habe ich Kurse an der Schule für Gestaltung belegt und mich als selbständiger Webdesigner und Software-Entwickler durchgeschlagen. Bis ins Jahr 2000 war es eine Schlafzimmerfirma. Dann merkte ich, dass ich professioneller werden musste. Ich habe ein Büro gemietet, zwei Leute Teilzeit angestellt und wurde ein extremer Workaholic. Das geht vielen Transsexuellen so.
Nach einem halben Jahr brach alles zusammen, und ich wälzte mich nur noch in Depressionen. Meine Eltern sind zum Glück finanziell eingesprungen. An Weihnachten 2000 habe ich das offizielle Outing gewagt. Seither trete ich auch gegenüber Geschäftskunden als Frau auf.
Der Alltagstest verlangt immer wieder überwindung. Ich wollte mir zum Beispiel einen BH kaufen, weil ich gerne halbdurchsichtige Shirts trage. Ich strich durch vier Geschäfte, und erst im fünften habe ich mir ein Herz gefasst und die Verkäuferin gebeten, mich zu beraten.
Viele meinen, ich sei mutig. Ich bin nicht mutig. Das ist Leidensdruck, nicht Mut.»

Damit ein Mann offiziell zur Frau wird (oder umgekehrt), braucht es eine Personenstandsänderung. Und die wird in der Schweiz erst nach der operativen Angleichung gewährt. «Das Kriterium ist die Zeugungsunfähigkeit», sagt Astrid E. Frischknecht, Präsidentin des Vereins TransX, der sich als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Betroffenen sieht. Transsexuelle müssen sich also kastrieren lassen, bevor ihr Wunsch nach einer andersgeschlechtlichen Identität von den Behörden anerkannt wird.
TransX sucht nach Lösungen für das Problem der Integration Transsexueller in die Armee. Einen ersten Schritt hat der Verein diesen fürühling erreicht: In einer verbindlichen Vereinbarung mit den Behörden wurde die frage der Wehrpflichtersatzabgabe geregelt: Ein Mann, der sich zur Frau umwandeln lässt, bezahlt nur bis zum Beginn der Hormonbehandlung; eine Frau, die sich zum Mann umwandeln liess, wird wie andere zeugungsunfähige Männer vom Wehrpflichtersatz teilweise befreit.
TransX hat ein grosses langfristiges Ziel: «Wir wollen die Geschlechterrollen aufweichen», sagt Astrid E. Frischknecht. «Das Geschlecht soll in unserer Gesellschaft keine konstitutive Kategorie mehr sein. Das erööffnet nicht nur Transsexuellen mehr Spielraum, sondern auch all denen, die meinen, ihre Geschlechtsidentität sei klar.»

«Wenn ich alleine auf einer Insel leben würde, würde ich mich geschlechtsneutral fühlen. Ich versuchte eine Weile, beide Seiten zu leben, bis ich merkte, dass das nicht geht, weil ich so oder so schubladisiert werde, und zwar zu den Männern.
Ich betrachte Männer als mein natürliches Gegenüber, obwohl ich mich körperlich von Frauen sexuell angezogen fühle. Eigentlich bin ich doppelt heterosexuell: Ich funktioniere wie ein heterosexueller Mann und ich fühle wie eine heterosexuelle Frau.
Wie das geht, fühlen wie eine Frau? Das ist schwer zu definieren. Es ist etwas, das noch vor meinem Willen da ist. Vielleicht versteht man es an einem Beispiel: Vor einem Schaufenster mit frauenkleidern bleibe ich instinktiv stehen, Männerkleider interessieren mich nicht gross.
Meine Beziehungen zu Frauen scheiterten alle. Jetzt habe ich seit anderthalb Jahren einen normalen schwulen Mann als freund, und es geht. Manchmal kommt es mir aber vor, als würde unsere Beziehung auf einem Missverständnis beruhen: Er sieht in mir einen Mann, der ich nicht sein möchte.
Wie das ideale Gegenüber wäre? Das frage ich mich auch die ganze Zeit. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr auf dogmatische Kriterien wie das Geschlecht zu achten, sondern auf lebenspraktische: Fühle ich mich wohl? Ist es für mein Gegenüber o.k.?»

Im Gerichtssaal sitzen vier Herren in Uniform, ihnen gegenüber Claudia Sommers rostroter Strubelkopf. Ihr feines Gesicht ist stark geschminkt, die Nägel rot lackiert. Sie trägt einen schwarzen Männerrock und ein rotes, halbdurchsichtiges Shirt. Man sieht den schwarzen BH und die behaarten Arme.
Gerichtspräsident Dürr stellt seine beiden Mitrichter und den Gerichtsschreiber namentlich vor. «Und bei Ihnen weiss ich nicht, wie ich sagen soll. Ich sage jetzt mal Herr Sommer, weil amtlich sind Sie so registriert.»
Er will wissen, warum Sommer das Dienstbüchlein entsorgt hat.
Sommer: «Weil es mehr nützt, wenn es Fernwärme gibt, als wenn ich es lagere.»
Dürr: «War die Geschlechtsänderung dort eingetragen?»
Sommer «Nein.»
Dürr: «Die Uniform haben Sie aber noch? Wir haben Ihnen für heute keine weibliche organisiert.»
Sommer: «Ja. – Ich wäre froh, wenn Sie mich als Frau Sommer anreden könnten.»
Dürr: «Wir wollen schauen, wie wir bei der Anrede durchkommen.»
Sommer habe das obligatorische Schiessen verweigert, referiert der Gerichtspräsident, und die Busse weder angefochten noch bezahlt. Erst als die Busse in Arrest umgewandelt wurde, habe Sommer Beschwerde eingelegt. Es gehe jetzt also nur um die frage, ob diese Umwandlung rechtens war oder nicht.
Dürr: «Dann kommen wir jetzt zu Ihren Gründen: Da ist einmal das von der Transsexualität, dann sagen Sie aber auch, dass Sie nicht zahlen können und schliesslich dass Sie sich gegen den staatlichen Zwang wehren. Also welcher Grund ist es nun?»
Sommer: «Ich kann es nicht verantworten zu schiessen. In der RS habe ich zweimal beinahe einen Schiessunfall gebaut.»
Dürr will wissen, ob Sommer sich mit der Möglichkeit befasst habe, sich für schiessuntauglich erklären zu lassen. Hat sie nicht. Zu waffenlosem Dienst wäre sie aber grundsätzlich bereit.
Zur Transsexualität informiert Dürr die Anwesenden, dass ein Geschlechtswandel amtlich erst nachvollzogen werde, wenn er mit einer chirurgischen Veränderung verbunden sei, und dass das nicht in die Zuständigkeit dieses Gerichtes falle. Bleiben noch die finanziellen Umstände Sommers abzuklären. Denn wer schuldlos nicht in der Lage sei, die Busse zu bezahlen, sei davon befreit.
Dürr: «Also, warum kam es zu dieser finanziellen Notsituation?»
Sommer: «Ich war selbständig und fiel letzten Sommer in eine schwere Depression.»
Sommer hat eine Karte mitgebracht, die nur belegt, dass sie in ärztlicher Behandlung ist, nicht aber warum. Dürr löst dieses Problem auf der Stelle. Er greift zum Handy und ruft die ärztin an. «Sie hat gesagt, dass Sie in Therapie seien und es nicht gut wäre, wenn Sie unter den Druck kämen, wieder arbeiten zu müssen», fasst er das Gespräch zusammen.
Nach überraschend langer Beratung verkündet der Gerichtspräsident das Urteil: Die Disziplinargerichtsbeschwerde wird gutgeheissen. Ausschlaggebend sei der in der Verhandlung gemeinsam entwickelte wirtschaftliche Grund und nicht die Transsexualität. Dafr seien andere Stellen zuständig.
Eine grosszügige Geste und ein Ausweichmanöver – so hört Claudia Sommers kleiner Genderkrieg gegen die Schweizer Armee auf. Bis zum nächsten WK, wo man sie wieder auffordern wird, sich als Mann zu verkleiden.

«Mein Leben ist eine dauernde Baustelle. Andere Leute spüren das sicher auch, aber nicht so intensiv. Es ist halt ein unauflösbarer Widerspruch, habe ich das Gefühl.»

home back