Claudias kleiner Genderkrieg
von Urs Bruderer
* Name von der Redaktion geändert
Soldat Sommer* muss in Arrest, weil er das obligatorische Schiessen
verweigert hat, sagen die Behörden. Soldat Sommer findet,
sie sei eine Frau und deshalb nicht mehr unter Militärpflicht.
Der Gerichtsverhandlung von diesem Mittwoch ist eine merkwürdige
Korrespondenz vorausgegangen. «Als transsexuelle Frau,
d. h. als Frau mit einem männlichen Körper, bin ich
gar nicht militärdienstpflichtig und habe somit auch keine
ausserdienstlichen Pflichten wie das obligatorische Schiessen»,
heisst es in der Disziplinargerichtsbeschwerde vom 18. August.
Unterzeichnet ist das Dokument von «Chris Claudia Sommer».
«Sehr geehrter Herr Sommer», antwortet der Gerichtspräsident
drei Wochen später, die Verhandlung finde am 17. Oktober
statt, und es wäre dienlich, wenn er, Herr Sommer, eine
offizielle Namensänderung oder sonstige sachdienliche Hinweise
zur Thematik gleich mitbringen könnte.
Die offizielle Vorladung richtet sich dann an «Sdt Sommer
Christian»; er habe vor Gericht im Ausgangsanzug zu erscheinen.
Darauf schreibt «Claudia Chris Sommer» zurück,
dass sie zur Verhandlung erscheinen werde. Aber in Zivil, «ausser
Sie können organisieren, dass ich bis zum Gerichtstermin
meine männliche Uniform gegen eine weibliche umtauschen
kann».
«Man nimmt einen frauennamen an und geht als Frau in
frauenkleidern durchs Leben. Alltagstest ohne Medis wird das
genannt. Ich würde es eher als zweite Pubertät bezeichnen.
Ich fühle mich wie ein 16-jähriges Mädchen, das
auf Entdeckungsreise geht. Nur eben im Körper eines 25-jährigen
Mannes. In dieser Zeit erprobe ich die Rolle der Frau, bevor
irreversible Schritte unternommen werden. Ungefähr nach
einem Jahr kann man mit der Hormonbehandlung beginnen, wenn
einem der Oberarzt das O.K. gibt. Ich habe nichts gegen die
Begleitung von ärzten und Psychiatern. Aber meine Persönlichkeit
ist meine Sache. Ob ich eine Frau oder ein Mann bin, kann kein
Experte entscheiden.
Medizinisch ist noch vieles unklar. Wir sind Versuchskaninchen.
Die Hormonbehandlung senkt die Lebenserwartung. Wie viel, ist
schwer zu sagen, weil das Selbstmordrisiko vor und nach der
Operation sehr hoch ist. Die Hormonbehandlung mache ich auf
jeden Fall. Es wäre fahrlässig, das nicht zu wagen.
Zum WK rückte ich letztes Jahr in zivilen frauenkleidern
ein. Der Leutnant hat mich dann überredet, dazubleiben
und die männliche Uniform anzuziehen. Vom Militärgerichtsprozess
erhoffe ich mir Erleichterung und Bestätigung. Es geht
mir nicht einfach darum, vom Militär wegzukommen, sondern
um eine grundsätzliche Anerkennung meiner Person und meiner
Gründe. Eine transsexuelle Person im Alltagstest soll im
Militär als Frau auftreten können, in einer weiblichen
Uniform, oder wenigstens freigestellt werden. Untauglichkeit,
das wäre das falsche Verdikt.»
Hat die Armee ein Problem mit der Integration der Transsexuellen?
Hierzu eine kurze Umfrage bei den Militärbehörden:
«Transsexuelle, gibts die?», fragt ein Mitarbeiter
der Untergruppe Personelles zurück. In der WoZ will er
nicht namentlich genannt sein. Er fährt weiter: «Das
Einzige, was ich einmal hatte, war ein Homosexueller, der sich
nicht mehr wohl fühlte. Das sind ja auch anspruchsvolle
Leute von da her. Und transsexuelle Leute haben eine spezielle
Psyche, die werden sicher vom Sozialdienst der Armee entsprechend
wahrgenommen und bedient. fragen Sie einmal dort nach oder beim
Informationsdienst, die wissen vielleicht mehr.»
Auch Peter Hänggi vom Sozialdienst ist kein Fall eines
Transsexuellen in der Armee bekannt. «Wenn jemand so ein
Problem hat, wird er ohne weiteres medizinisch befreit. In der
Regel geschieht das still und leise über den Truppenarzt.»
WoZ: Und wenn die Person in einer frauenuniform weiter Dienst
leisten möchte?
Hänggi: «Da unterliegt sie den gleichen Bedingungen
wie im Zivilrecht. fragen Sie aber noch bei der Dienststelle
Frauen nach.»
WoZ: Wie ist es eigentlich im umgekehrten Fall, wenn aus einer
Frau ein Mann wird? Ist der militärpflichtig?
Hänggi: «Sie fragen Sachen!»
Bei der Dienststelle Frauen darf nur der Chef Administration,
Heinz Zahn, Auskunft geben. «Wir würden eine transsexuelle
Frau aufnehmen, aber sie braucht einen offiziellen weiblichen
Vornamen und eine weibliche AHV-Nummer», sagt er.
WoZ: Und wenn die Person sich noch im Alltagstest befindet,
das heisst bereits als Frau auftritt, obwohl sie offiziell noch
als Mann registriert ist?
Zahn: «Das kommt sicher nicht in Frage.»
Der Informationsdienst des VBS schliesslich braucht Zeit für
Abklärungen. Am nächsten Tag ruft Philippe Zahno,
Informationschef im Generalstab, zurück: «Sie haben
da ein schwierigeres Problem als Milzbrand und Flugzeugentführungen
gefunden. Nun, im Ernst: Der Fall ist ziemlich klar, diese Leute
sind dienstuntauglich. Die Untergruppe Sanität braucht
etwas Offizielles von einem Arzt oder einem Amt, das ist alles.»
WoZ: Aber eigentlich ist man als Transsexueller doch gar nicht
dienstuntauglich?
Zahno: «Untauglich tönt vielleicht nicht schön.
Eine solche Person muss einfach keinen Dienst mehr machen.»
«Es gibt auch Dinge, die unkompliziert laufen, zum Beispiel
den Telefonbucheintrag wechseln, da prüft niemand nach.
Bei der Volkszählung das Geschlecht wechseln, ist auch
gegangen. Auf der Uni hingegen konnte ich mich nur als Mann
einschreiben. Ich fange diesen Herbst mit Philosophie und Wirtschaft
an. Zwei Männerdomänen, das ist wahr. Aber ich schaue
es aus einem anderen Blickwinkel an: Es gibt in der Wirtschaft
sehr viele männlich dominierte Strukturen, von Männern
für Männer gemachte.
1997 habe ich an der ETH ein Semester Informatik studiert. Unter
den Kollegen dort fühlte ich mich aber sehr unwohl. Danach
habe ich Kurse an der Schule für Gestaltung belegt und
mich als selbständiger Webdesigner und Software-Entwickler
durchgeschlagen. Bis ins Jahr 2000 war es eine Schlafzimmerfirma.
Dann merkte ich, dass ich professioneller werden musste. Ich
habe ein Büro gemietet, zwei Leute Teilzeit angestellt
und wurde ein extremer Workaholic. Das geht vielen Transsexuellen
so.
Nach einem halben Jahr brach alles zusammen, und ich wälzte
mich nur noch in Depressionen. Meine Eltern sind zum Glück
finanziell eingesprungen. An Weihnachten 2000 habe ich das offizielle
Outing gewagt. Seither trete ich auch gegenüber Geschäftskunden
als Frau auf.
Der Alltagstest verlangt immer wieder überwindung. Ich
wollte mir zum Beispiel einen BH kaufen, weil ich gerne halbdurchsichtige
Shirts trage. Ich strich durch vier Geschäfte, und erst
im fünften habe ich mir ein Herz gefasst und die Verkäuferin
gebeten, mich zu beraten.
Viele meinen, ich sei mutig. Ich bin nicht mutig. Das ist Leidensdruck,
nicht Mut.»
Damit ein Mann offiziell zur Frau wird (oder umgekehrt), braucht
es eine Personenstandsänderung. Und die wird in der Schweiz
erst nach der operativen Angleichung gewährt. «Das
Kriterium ist die Zeugungsunfähigkeit», sagt Astrid
E. Frischknecht, Präsidentin des Vereins TransX, der sich
als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Betroffenen sieht.
Transsexuelle müssen sich also kastrieren lassen, bevor
ihr Wunsch nach einer andersgeschlechtlichen Identität
von den Behörden anerkannt wird.
TransX sucht nach Lösungen für das Problem der Integration
Transsexueller in die Armee. Einen ersten Schritt hat der Verein
diesen fürühling erreicht: In einer verbindlichen Vereinbarung
mit den Behörden wurde die frage der Wehrpflichtersatzabgabe
geregelt: Ein Mann, der sich zur Frau umwandeln lässt,
bezahlt nur bis zum Beginn der Hormonbehandlung; eine Frau,
die sich zum Mann umwandeln liess, wird wie andere zeugungsunfähige
Männer vom Wehrpflichtersatz teilweise befreit.
TransX hat ein grosses langfristiges Ziel: «Wir wollen
die Geschlechterrollen aufweichen», sagt Astrid E. Frischknecht.
«Das Geschlecht soll in unserer Gesellschaft keine konstitutive
Kategorie mehr sein. Das erööffnet nicht nur Transsexuellen
mehr Spielraum, sondern auch all denen, die meinen, ihre Geschlechtsidentität
sei klar.»
«Wenn ich alleine auf einer Insel leben würde, würde
ich mich geschlechtsneutral fühlen. Ich versuchte eine
Weile, beide Seiten zu leben, bis ich merkte, dass das nicht
geht, weil ich so oder so schubladisiert werde, und zwar zu
den Männern.
Ich betrachte Männer als mein natürliches Gegenüber,
obwohl ich mich körperlich von Frauen sexuell angezogen
fühle. Eigentlich bin ich doppelt heterosexuell: Ich funktioniere
wie ein heterosexueller Mann und ich fühle wie eine heterosexuelle
Frau.
Wie das geht, fühlen wie eine Frau? Das ist schwer zu definieren.
Es ist etwas, das noch vor meinem Willen da ist. Vielleicht
versteht man es an einem Beispiel: Vor einem Schaufenster mit
frauenkleidern bleibe ich instinktiv stehen, Männerkleider
interessieren mich nicht gross.
Meine Beziehungen zu Frauen scheiterten alle. Jetzt habe ich
seit anderthalb Jahren einen normalen schwulen Mann als freund,
und es geht. Manchmal kommt es mir aber vor, als würde
unsere Beziehung auf einem Missverständnis beruhen: Er
sieht in mir einen Mann, der ich nicht sein möchte.
Wie das ideale Gegenüber wäre? Das frage ich mich
auch die ganze Zeit. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr auf
dogmatische Kriterien wie das Geschlecht zu achten, sondern
auf lebenspraktische: Fühle ich mich wohl? Ist es für
mein Gegenüber o.k.?»
Im Gerichtssaal sitzen vier Herren in Uniform, ihnen gegenüber
Claudia Sommers rostroter Strubelkopf. Ihr feines Gesicht ist
stark geschminkt, die Nägel rot lackiert. Sie trägt
einen schwarzen Männerrock und ein rotes, halbdurchsichtiges
Shirt. Man sieht den schwarzen BH und die behaarten Arme.
Gerichtspräsident Dürr stellt seine beiden Mitrichter
und den Gerichtsschreiber namentlich vor. «Und bei Ihnen
weiss ich nicht, wie ich sagen soll. Ich sage jetzt mal Herr
Sommer, weil amtlich sind Sie so registriert.»
Er will wissen, warum Sommer das Dienstbüchlein entsorgt
hat.
Sommer: «Weil es mehr nützt, wenn es Fernwärme
gibt, als wenn ich es lagere.»
Dürr: «War die Geschlechtsänderung dort eingetragen?»
Sommer «Nein.»
Dürr: «Die Uniform haben Sie aber noch? Wir haben
Ihnen für heute keine weibliche organisiert.»
Sommer: «Ja. Ich wäre froh, wenn Sie mich
als Frau Sommer anreden könnten.»
Dürr: «Wir wollen schauen, wie wir bei der Anrede
durchkommen.»
Sommer habe das obligatorische Schiessen verweigert, referiert
der Gerichtspräsident, und die Busse weder angefochten
noch bezahlt. Erst als die Busse in Arrest umgewandelt wurde,
habe Sommer Beschwerde eingelegt. Es gehe jetzt also nur um
die frage, ob diese Umwandlung rechtens war oder nicht.
Dürr: «Dann kommen wir jetzt zu Ihren Gründen:
Da ist einmal das von der Transsexualität, dann sagen Sie
aber auch, dass Sie nicht zahlen können und schliesslich
dass Sie sich gegen den staatlichen Zwang wehren. Also welcher
Grund ist es nun?»
Sommer: «Ich kann es nicht verantworten zu schiessen.
In der RS habe ich zweimal beinahe einen Schiessunfall gebaut.»
Dürr will wissen, ob Sommer sich mit der Möglichkeit
befasst habe, sich für schiessuntauglich erklären
zu lassen. Hat sie nicht. Zu waffenlosem Dienst wäre sie
aber grundsätzlich bereit.
Zur Transsexualität informiert Dürr die Anwesenden,
dass ein Geschlechtswandel amtlich erst nachvollzogen werde,
wenn er mit einer chirurgischen Veränderung verbunden sei,
und dass das nicht in die Zuständigkeit dieses Gerichtes
falle. Bleiben noch die finanziellen Umstände Sommers abzuklären.
Denn wer schuldlos nicht in der Lage sei, die Busse zu bezahlen,
sei davon befreit.
Dürr: «Also, warum kam es zu dieser finanziellen
Notsituation?»
Sommer: «Ich war selbständig und fiel letzten Sommer
in eine schwere Depression.»
Sommer hat eine Karte mitgebracht, die nur belegt, dass sie
in ärztlicher Behandlung ist, nicht aber warum. Dürr
löst dieses Problem auf der Stelle. Er greift zum Handy
und ruft die ärztin an. «Sie hat gesagt, dass Sie
in Therapie seien und es nicht gut wäre, wenn Sie unter
den Druck kämen, wieder arbeiten zu müssen»,
fasst er das Gespräch zusammen.
Nach überraschend langer Beratung verkündet der Gerichtspräsident
das Urteil: Die Disziplinargerichtsbeschwerde wird gutgeheissen.
Ausschlaggebend sei der in der Verhandlung gemeinsam entwickelte
wirtschaftliche Grund und nicht die Transsexualität. Dafr
seien andere Stellen zuständig.
Eine grosszügige Geste und ein Ausweichmanöver
so hört Claudia Sommers kleiner Genderkrieg gegen die Schweizer
Armee auf. Bis zum nächsten WK, wo man sie wieder auffordern
wird, sich als Mann zu verkleiden.
«Mein Leben ist eine dauernde Baustelle. Andere Leute
spüren das sicher auch, aber nicht so intensiv. Es ist
halt ein unauflösbarer Widerspruch, habe ich das Gefühl.»
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