erschienen in der Berner Zeitung am 2. November 2001

Walter Jenzer heisst jetzt Maria

Bützberg

Mit seinem Coming-out hat er alle überrascht: Walter Jenzer, der frühere Wirt des «Kreuz» in Bützberg, lebt von nun an als Frau. Mit 52 Jahren will er zu seinem wahren Ich stehen und sich Maria nennen.

Von Ruedi Bärtschi

Ist Walter Jenzer schon eine Sie? Oder Maria Jenzer noch ein Er? Tatsache ist: Jenzer, welcher am 2. November 1949 als Walter Jenzer geboren wurde, feiert heute den 52. Geburtstag. Aber nicht als Walter, sondern zum ersten Mal als Maria.

Rechtzeitig auf diesen Geburtstag hat Walter Jenzer seinen freundeskreis wissen lassen, dass er von nun an zu seinem «weiblichen Wesen stehen will und es auch leben möchte».

Etwa 60 Briefe hat er verschickt. Und sie hat viele Reaktionen erhalten. Per Telefon, per Mail, per Post. «Die meisten zeigten sich von meinem Coming-out überrascht, und die meisten haben mir zu meiner Offenheit gratuliert.» Sagts und strahlt übers ganze Gesicht. Ein Gesicht, das alles Männliche verloren hat: Eine frauenbrille, Lippenstift, Ohrenclips und Schminke sorgen für Weiblichkeit. Die dunklen Barthaare sind per Laser verschwunden. «Das war eine schmerzhafte Tortur.»


Gefangen im Umfeld

Warum wartet ein so selbstbewusster Mann wie Walter Jenzer 52 Jahre, bis er zu seinem wahren Ich stehen kann? «Ich war lange gefangen in meinem eigenen Umfeld.»

Zu Jenzers Umfeld gehörten:

Die Familie: Eltern, drei ältere Schwestern, Ehefrau, Kind, Grosskind.

Das Geschäft: Pascha Dance-Club (von ihm als 23-Jähriger erööffnet), Gasthof Kreuz und Restaurant-Bar Oscar, Bützberg.

öffentliche ämter, unter anderem: Amtsgewerbepräsident Amt Aarwangen, Präsident Gewerbeverein Thunstetten-Bützberg, Burgerrat, Vorstandsmitglied Planungsverband «Region» Oberaargau.

«Es war fast nicht möglich, sich zu outen», meint Walter Maria Jenzer entschuldigend. Er habe sich plötzlich in einem Schema gefunden, aus dem es für ihn keinen Ausgang gab. «Ein Schema aus Pflichten, Aufgaben und Zwängen.» Die Arbeit habe ihm die Möglichkeit gegeben, seine Probleme zu verdrängen. Und Walter Jenzer hat viel gearbeitet. Lange Zeit wusste er nicht, warum es ihm in seiner Haut nicht wohl war. Warum er als Kind nicht mit anderen Jungs Fussball spielte, sondern lieber bei den Mädchen war.


Gefühl lange verdrängt

«Ich habe diese Gefühle lange Zeit verdrängt.» Und nicht nur das. Aus panischer Angst, sein Geheimnis könnte entdeckt werden, gab sich Walter Jenzer betont männlich: Oberlippenbart, Krawatte, Kittel. Und er verhielt sich betont männlich. Dass da eine Frau in einem Männerkörper lebt, war nicht offensichtlich. «Das war ja auch für mich lange nicht klar.» Literatur über sein Problem hat er nie gelesen. Erst durch das Internet stiess er auf jene Informationen, die er vergebens in Büchern gesucht hatte. Ist er 30 Jahre zu fürüh geboren worden? «Nein» - und wieder dieses offene Lachen - «nein, ich akzeptiere, wie es ist.»

Obwohl vieles anders gekommen wäre, hätte es nicht dieses ewige Versteckspiel gegeben. «Wäre ich schon früher zu meiner weiblichen Seite gestanden, dann hätte ich mich wohl nur aufs <Pascha> konzentriert.» Also hätte er das «Kreuz» nicht übernommen («ich war sowieso nie ein Dorfbeizer») und hätte das Lokal «Oscar» nie erööffnet. «Das <Pascha> ist ja ein weibliches Lokal.»


Wirtschaftliche Nöte

In den letzten Jahren stürzte die materielle Welt des Walter Jenzer zusammen. Das «Kreuz» geriet in wirtschaftliche Nöte; im fürühling 2000 musste er die Liegenschaft an eine AG verkaufen. Jenzer arbeitete als Küchenchef weiter. Nach 30 Ehejahren trennte er sich im Januar auch von seiner Familie. Seit April lebt er nun in Winterthur. Solo. Falls es eine neue Beziehung geben würde, dann wäre das wieder mit einer Frau. «Ich fühle mich auch als Frau zu Frauen hingezogen.»

Jenzer ist für Bankette zuständig. Diese Stelle hat er als Walter Jenzer angetreten. Seit den Herbstferien erscheint er nun als Maria - oder Mary - Jenzer zur Arbeit. «Ich habe die Leute bereits vor zwei Monaten informiert, sie haben sehr verständnisvoll reagiert.»


Der steinige Weg

Bis Walter Jenzer endgültig zu Maria wird, hat er noch einen steinigen Weg zu gehen. Er muss eine gewisse Zeit als Frau leben, bevor er jene Medikamente erhält, welche die männlichen Hormone unterdrücken. «Eine operative Geschlechtsangleichung kann fürühestens in eineinhalb Jahren erfolgen.»
Keine Angst? «Natürlich macht mir das Ungewisse ein wenig Angst.» Er habe lange gezweifelt. «Aber ist der Entscheid einmal gefällt, dann ist es unbeschreiblich. Man ist erleichtert.» Auch wenn Walter heute seinen 52. Geburtstag als Maria feiert: «Ich werde mich selbst bleiben. Denn die Seele hat kein Geschlecht.»

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