Walter Jenzer heisst jetzt Maria
Bützberg
Mit seinem Coming-out hat er alle überrascht: Walter
Jenzer, der frühere Wirt des «Kreuz» in Bützberg,
lebt von nun an als Frau. Mit 52 Jahren will er zu seinem wahren
Ich stehen und sich Maria nennen.
Von Ruedi Bärtschi
Ist Walter Jenzer schon eine Sie? Oder Maria Jenzer noch ein
Er? Tatsache ist: Jenzer, welcher am 2. November 1949 als Walter
Jenzer geboren wurde, feiert heute den 52. Geburtstag. Aber
nicht als Walter, sondern zum ersten Mal als Maria.
Rechtzeitig auf diesen Geburtstag hat Walter Jenzer seinen freundeskreis
wissen lassen, dass er von nun an zu seinem «weiblichen
Wesen stehen will und es auch leben möchte».
Etwa 60 Briefe hat er verschickt. Und sie hat viele Reaktionen
erhalten. Per Telefon, per Mail, per Post. «Die meisten
zeigten sich von meinem Coming-out überrascht, und die
meisten haben mir zu meiner Offenheit gratuliert.» Sagts
und strahlt übers ganze Gesicht. Ein Gesicht, das alles
Männliche verloren hat: Eine frauenbrille, Lippenstift,
Ohrenclips und Schminke sorgen für Weiblichkeit. Die dunklen
Barthaare sind per Laser verschwunden. «Das war eine schmerzhafte
Tortur.»
Gefangen im Umfeld
Warum wartet ein so selbstbewusster Mann wie Walter Jenzer
52 Jahre, bis er zu seinem wahren Ich stehen kann? «Ich
war lange gefangen in meinem eigenen Umfeld.»
Zu Jenzers Umfeld gehörten:
Die Familie: Eltern, drei ältere Schwestern, Ehefrau, Kind,
Grosskind.
Das Geschäft: Pascha Dance-Club (von ihm als 23-Jähriger
erööffnet), Gasthof Kreuz und Restaurant-Bar Oscar, Bützberg.
öffentliche ämter, unter anderem: Amtsgewerbepräsident
Amt Aarwangen, Präsident Gewerbeverein Thunstetten-Bützberg,
Burgerrat, Vorstandsmitglied Planungsverband «Region»
Oberaargau.
«Es war fast nicht möglich, sich zu outen»,
meint Walter Maria Jenzer entschuldigend. Er habe sich plötzlich
in einem Schema gefunden, aus dem es für ihn keinen Ausgang
gab. «Ein Schema aus Pflichten, Aufgaben und Zwängen.»
Die Arbeit habe ihm die Möglichkeit gegeben, seine Probleme
zu verdrängen. Und Walter Jenzer hat viel gearbeitet. Lange
Zeit wusste er nicht, warum es ihm in seiner Haut nicht wohl
war. Warum er als Kind nicht mit anderen Jungs Fussball spielte,
sondern lieber bei den Mädchen war.
Gefühl lange verdrängt
«Ich habe diese Gefühle lange Zeit verdrängt.»
Und nicht nur das. Aus panischer Angst, sein Geheimnis könnte
entdeckt werden, gab sich Walter Jenzer betont männlich:
Oberlippenbart, Krawatte, Kittel. Und er verhielt sich betont
männlich. Dass da eine Frau in einem Männerkörper
lebt, war nicht offensichtlich. «Das war ja auch für
mich lange nicht klar.» Literatur über sein Problem
hat er nie gelesen. Erst durch das Internet stiess er auf jene
Informationen, die er vergebens in Büchern gesucht hatte.
Ist er 30 Jahre zu fürüh geboren worden? «Nein»
- und wieder dieses offene Lachen - «nein, ich akzeptiere,
wie es ist.»
Obwohl vieles anders gekommen wäre, hätte es nicht
dieses ewige Versteckspiel gegeben. «Wäre ich schon
früher zu meiner weiblichen Seite gestanden, dann hätte
ich mich wohl nur aufs <Pascha> konzentriert.» Also
hätte er das «Kreuz» nicht übernommen
(«ich war sowieso nie ein Dorfbeizer») und hätte
das Lokal «Oscar» nie erööffnet. «Das
<Pascha> ist ja ein weibliches Lokal.»
Wirtschaftliche Nöte
In den letzten Jahren stürzte die materielle Welt des Walter
Jenzer zusammen. Das «Kreuz» geriet in wirtschaftliche
Nöte; im fürühling 2000 musste er die Liegenschaft
an eine AG verkaufen. Jenzer arbeitete als Küchenchef weiter.
Nach 30 Ehejahren trennte er sich im Januar auch von seiner
Familie. Seit April lebt er nun in Winterthur. Solo. Falls es
eine neue Beziehung geben würde, dann wäre das wieder
mit einer Frau. «Ich fühle mich auch als Frau zu
Frauen hingezogen.»
Jenzer ist für Bankette zuständig. Diese Stelle hat
er als Walter Jenzer angetreten. Seit den Herbstferien erscheint
er nun als Maria - oder Mary - Jenzer zur Arbeit. «Ich
habe die Leute bereits vor zwei Monaten informiert, sie haben
sehr verständnisvoll reagiert.»
Der steinige Weg
Bis Walter Jenzer endgültig zu Maria wird, hat er noch
einen steinigen Weg zu gehen. Er muss eine gewisse Zeit als
Frau leben, bevor er jene Medikamente erhält, welche die
männlichen Hormone unterdrücken. «Eine operative
Geschlechtsangleichung kann fürühestens in eineinhalb Jahren
erfolgen.»
Keine Angst? «Natürlich macht mir das Ungewisse ein
wenig Angst.» Er habe lange gezweifelt. «Aber ist
der Entscheid einmal gefällt, dann ist es unbeschreiblich.
Man ist erleichtert.» Auch wenn Walter heute seinen 52.
Geburtstag als Maria feiert: «Ich werde mich selbst bleiben.
Denn die Seele hat kein Geschlecht.»
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