erschienen im Tages-Anzeiger vom 21. Februar 2002

Eine neue freiheit ist denkbar "

Die Schweizer Regisseurin Gabriel Baur hat einen Dokumentarfilm zum Phnomen der Drag Kings gedreht. Venus Boyz wurde eben an den Berliner Filmfestspielen aufgefhrt.

Mit Gabriel Baur sprach Kathrin Halter

War Marlene Dietrich in Männerkleidung ein früher Drag King?

(Lacht) Das hrt man immer wieder. Man knnte sagen: Sie ist eine Vorluferin, eine Pionierin des Drag Kinging. Heute sind die Formen natrlich erweitert; in dieser frechheit und freiheit gab es das damals noch nicht.

Woher rhrt Ihre Faszination für Drag Kings?

Die frage nach Geschlechtergrenzen, die frage also, was es überhaupt heisst, Frau oder Mann zu sein, beschftigt mich schon lange. Was ja davon abhngt, wie in unserer Gesellschaft weibliche und männliche Verhaltensweisen festgelegt und eingegrenzt werden. Whrend meinem Ethnologiestudium habe ich Vlker kennen gelernt, die ganz anders damit umgehen. Wir denken, unser Geschlechtsverhalten sei natrlich. Was mir bei den Drag Kings aber bewusster geworden ist: Was wir bereit sind, der Natur zuzuschreiben, ist vor allem soziale Prgung. Oder wie die Autorin Judith Halberstam im Film einmal sagt: Gender is performance.

Und wie wurde aus der Faszination ein Filmprojekt?

Als ich 1996 erstmals von der New Yorker Drag-Szene hrte, wurde ich sofort hellhrig. Kurz danach sah ich mir in New York und London die ersten Shows an; so begann ich zu recherchieren und war bald entschlossen, über die damals noch junge New Yorker Bewegung, die mit der Erffnung ihres ersten festen Klubs an Zulauf gewann, einen Film zu drehen. Die Dreharbeiten konnten allerdings erst im Jahr 2000 beginnen, denn die Finanzierung gestaltete sich sehr schwierig. Aus der Schweiz kam fast kein Geld.

Das berrascht. Das Thema ist doch in!

Es mag auch damit zusammenhngen, dass Drag Kings, im Gegensatz zu Drag Queens (also Männern, die Weiblichkeit darstellen), viel weniger bekannt sind. Klar war mir immer: Ich wollte keine Opfergeschichte erzhlen und auch keine Geschichte einer Frau, die sich zum Mann operieren lsst: Da kann man sich allzu leicht abgrenzen. Ich wollte auch keine Einzelbiografie, sondern verschiedene Protagonistinnen portrtieren, um damit die Fantasie der Zuschauer anzuregen und Assoziationsrume zu erffnen.

War es schwierig, in die vermutlich stark geschlossene Szene einzudringen?

Am Anfang waren alle hflich und nett, aber zurckhaltend. Was auch mit dem regen Medieninteresse an der Szene zusammenhing: Ich erlebte Abende im kleinen New Yorker Casanova-Club, da kam auf einen King eine Kamera; einmal waren etwa 10 Kamerateams im kleinen Klub. Eine zweifelhafte Angelegenheit: Gefragt sind meist ein paar heisse Statements, die Oberflche exotisch verrckter Paradiesvögel halt. Mit der Zeit jedoch vertrauten mir die Drag Kings, dass es mir um mehr ging, und so kamen freundschaften zu Stande.

Es ist auffllig, wie gewandt sich Ihre Protagonistinnen ausdrcken. Ist das typisch für die Szene, oder hngt es einfach mit der Auswahl zusammen?

Natrlich habe ich Leute ausgewhlt, die bei aller Lust am Zelebrieren wirklich etwas zu sagen haben. Auffllig ist dennoch, wie reflektiert viele sind. Das mag auch mit dem engen Zusammenhalt einer Community zusammenhngen, die regelmässig Gedanken austauscht. Gerade die Künstlergemeinde in London pflegt einen konstanten Diskurs über fragen von Identität und Geschlecht. Die Pionierin Diane Torr hat viel dazu beigetragen. Das Fachvokabular gehrt für die Szene einfach zum Alltag.

Wie lassen sich Drag Kings von Transvestiten unterscheiden?

Ich bin auch keine Spezialistin, aber sagen wirs mal so: Transvestie ist wie Drag Kinging eine Form von Crossdressing. Wobei Crossdressing den berbegriff darstellt für alles, was mit Kleidertausch, geschlechtsberschreitender Bekleidung also, zu tun hat. Transvestiten verspren bekanntlich Lust beim Kleiderwechsel. Hingegen ist der Begriff Drag Kinging vor allem geprgt für die Darstellung von Männlichkeit auf der Bhne. Auch wenn manche die bewusste Darstellung von Männlichkeit im Alltag - durch Verhalten, Gesten, Kleider oder Accessoires - miteinschliessen.

Entscheidend ist aber doch die theatralische bersteigerung auf der Bhne?

Ja. Hinzu kommt nmlich eine - das schreckliche Wort muss nun doch fallen - Dekonstruktion von Männlichkeit. Wenn das, was wir als Normalitt männlichen Verhaltens wahrnehmen, aus dem Kontext des Alltags herausgelst und auf die Bhne gebracht wird, wird sie anders wahrgenommen. Was alltglich war, wirkt pltzlich surreal oder absurd. Die Shows sind voller schwarzen Humors und Selbstironie. Das gefllt mir daran. Anders gesagt: Die Frauen experimentieren so souvern wie humorvoll mit den männlichen Seiten in sich selbst.

Es erstaunt nicht, dass auf der Bhne Machismo persifliert wird. Die Deutsche Bridge Markland jedoch sagt, es mache manchmal einfach Spass, die eigenen Arschloch-Qualitten auszuleben.

An den Workshops von Diane Torr habe ich zarte Frauen erlebt, die sich in whrschafte Machos verwandeln und offensichtlich Lust dabei verspürten, diese Seite in sich mal hervorzukehren. Wenn ein Forum dafr geschaffen wird, kann man seine schnsten berraschungen erleben. Bei jungen Frauen hab ich aber oft erlebt, dass sie gerne in die Rolle des Gentleman und sanften Verfhrers schlpfen. Auch Drd wrde nie mit Dildos auf der Bhne hantieren, das wre ihr zu vulgr.

Mich irritierte, dass bei den Bhnenszenen jeweils Statements oder Gesprchsausschnitte aus dem Off eingeblendet werden, die wie Erklrungen wirken. Die Bhnenszenen sollten doch für sich sprechen?

Die Off-Stimmen sollen eher weitere Assoziationen ermöglichen; als Erklrung oder Interpretation sind sie nicht gedacht. Die enge Verflechtung von Bhnen- und Alltagsszenen sowie der verschiedenen Portrts überhaupt war mir sehr wichtig. Darin verdeutlicht sich eine Aussage des Films: Die Performance geht jenseits der Bhne weiter. Diane Torr zum Beispiel geht abends mal als Frau, mal als Mann in den Ausgang; sie wechselt laufend ihre Geschlechterrollen. Del LaGrace Volcano aus London wiederum fand durch Performances zu einer neuen Persönlichkeit. Er begann, Testosteron zu nehmen; heute versteht er sich als Intersex-Persönlichkeit: Weder Mann noch Frau noch Drag King. Am ehesten wrde er heute als Drag Queen auftreten . . . (lacht).

Als ich zum ersten Mal aus London zurckkam, war ich so sehr verwirrt, dass ich eine Weile brauchte, um wieder Boden zu finden. Ich habe nicht nur vieles gesehen, das mich selbst in Frage stellt; meine Wahrnehmung hat sich durch den Film verndert: Pltzlich scheint eine neue freiheit denkbar.

ussert sich das auch in der Schreibweise Ihres Namens? früher hiessen Sie Gabrielle Baur, heute schreiben Sie Gabriel.

Gabriel ist ja der Name eines Engels, und diese haben, so weit bekannt, kein definiertes Geschlecht. So habe ich meinen Namen erstmals offiziell abgendert - mal sehen, ob ich das so beibehalte.

Venus Boyz luft in Zürich im Lunchkino (Le Paris) und wechselt anschliessend ins regulre Programm.

Heute Donnerstagabend 21 Uhr findet im Zrcher Kino Alba eine Spezialvorstellung mit Liveperformance statt.

 


Zum Film Venus Boyz

Von der Zrcher Filmemacherin Gabriel, früher Gabrielle, Baur liegen neben einigen Kurzfilmen der Dokumentarfilm Cada da historia (1986) über Frauen im kriegserschtterten Nicaragua sowie der Spielfilmerstling Die Bettknigin (1994) vor. In ihrem neuen Dokumentarfilm Venus Boyz portrtiert Baur ein halbes Dutzend schillernde Persönlichkeiten aus der Drag King Community von New York und London: Frauen also, die auf den Bhnen einschlgiger Klubs in Männerrollen schlpfen, um aus existenziellem Bedrfnis oder Experimentierlust ihre weibliche Männlichkeit zu erkunden.

Als machistische Rapper oder hypercoole Independent-Filmer, grossmulige Fernsehprediger oder androgyne Mischwesen stellen die Drag Kings in provokanten Shows Reizbilder von Männlichkeit zur Schau, die in theatralischer bersteigerung persifliert werden. In enger Verflechtung stellt Venus Boyz den ironischen Sexismus der Bhnenszenen persnlichen Gesprchen und eher stillen Annherungen an die Frauen in ihrem Lebensalltag gegenüber.

Interessant ist vor allem die Vielfalt an Lebensentwrfen, die Baur vorfhrt: Whrend die farbige Amerikanerin Mildred Gerestant tagsber, eher unscheinbar, ihrem Brojob als Datenbearbeiterin nachgeht, um nachts als männliches Alter Ego Drd umjubelt zu werden, leben andere Drag Kings ihre Rollenspiele auch auf der Strasse aus, veranstalten Workshops (wie Pionierin Diane Torr) oder experimentieren (wie Del LaGrace Volcano) mit Testosteron.

Venus Boyz ist eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme aus dem Experimentierfeld zwischengeschlechtlicher Identitäten, die auch ein paar grundstzliche fragen zu unserem Rollenverhalten aufwirft. (kah)


home back