Eine
neue freiheit ist denkbar "
Die Schweizer Regisseurin Gabriel
Baur hat einen Dokumentarfilm zum Phnomen der Drag Kings gedreht.
Venus Boyz wurde eben an den Berliner Filmfestspielen aufgefhrt.
Mit Gabriel
Baur sprach Kathrin Halter
War Marlene
Dietrich in Männerkleidung ein früher Drag King?
(Lacht) Das
hrt man immer wieder. Man knnte sagen: Sie ist eine Vorluferin,
eine Pionierin des Drag Kinging. Heute sind die Formen natrlich
erweitert; in dieser frechheit und freiheit gab es das damals
noch nicht.
Woher rhrt Ihre Faszination für Drag
Kings?
Die frage
nach Geschlechtergrenzen, die frage also, was es überhaupt heisst,
Frau oder Mann zu sein, beschftigt mich schon lange. Was
ja davon abhngt, wie in unserer Gesellschaft weibliche und
männliche Verhaltensweisen festgelegt und eingegrenzt werden.
Whrend meinem Ethnologiestudium habe ich Vlker kennen gelernt,
die ganz anders damit umgehen. Wir denken, unser Geschlechtsverhalten
sei natrlich. Was mir bei den Drag Kings aber bewusster geworden
ist: Was wir bereit sind, der Natur zuzuschreiben, ist vor
allem soziale Prgung. Oder wie die Autorin Judith Halberstam
im Film einmal sagt: Gender is performance.
Und wie wurde aus der Faszination
ein Filmprojekt?
Als ich 1996
erstmals von der New Yorker Drag-Szene hrte, wurde ich sofort
hellhrig. Kurz danach sah ich mir in New York und London die
ersten Shows an; so begann ich zu recherchieren und war bald
entschlossen, über die damals noch junge New Yorker Bewegung,
die mit der Erffnung ihres ersten festen Klubs an Zulauf gewann,
einen Film zu drehen. Die Dreharbeiten konnten allerdings erst
im Jahr 2000 beginnen, denn die Finanzierung gestaltete sich
sehr schwierig. Aus der Schweiz kam fast kein Geld.
Das berrascht. Das Thema ist doch
in!
Es mag auch
damit zusammenhngen, dass Drag Kings, im Gegensatz zu Drag
Queens (also Männern, die Weiblichkeit darstellen), viel weniger
bekannt sind. Klar war mir immer: Ich wollte keine Opfergeschichte
erzhlen und auch keine Geschichte einer Frau, die sich zum
Mann operieren lsst: Da kann man sich allzu leicht abgrenzen.
Ich wollte auch keine Einzelbiografie, sondern verschiedene
Protagonistinnen portrtieren, um damit die Fantasie der Zuschauer
anzuregen und Assoziationsrume zu erffnen.
War es schwierig, in die vermutlich
stark geschlossene Szene einzudringen?
Am Anfang
waren alle hflich und nett, aber zurckhaltend. Was auch mit
dem regen Medieninteresse an der Szene zusammenhing: Ich erlebte
Abende im kleinen New Yorker Casanova-Club, da kam auf einen
King eine Kamera; einmal waren etwa 10 Kamerateams im kleinen
Klub. Eine zweifelhafte Angelegenheit: Gefragt sind meist ein
paar heisse Statements, die Oberflche exotisch verrckter
Paradiesvögel halt. Mit der Zeit jedoch vertrauten mir die Drag
Kings, dass es mir um mehr ging, und so kamen freundschaften
zu Stande.
Es ist auffllig, wie gewandt sich
Ihre Protagonistinnen ausdrcken. Ist das typisch für die Szene,
oder hngt es einfach mit der Auswahl zusammen?
Natrlich
habe ich Leute ausgewhlt, die bei aller Lust am Zelebrieren
wirklich etwas zu sagen haben. Auffllig ist dennoch, wie reflektiert
viele sind. Das mag auch mit dem engen Zusammenhalt einer Community
zusammenhngen, die regelmässig Gedanken austauscht. Gerade
die Künstlergemeinde in London pflegt einen konstanten Diskurs
über fragen von Identität und Geschlecht. Die Pionierin Diane
Torr hat viel dazu beigetragen. Das Fachvokabular gehrt für
die Szene einfach zum Alltag.
Wie lassen sich Drag Kings von Transvestiten
unterscheiden?
Ich bin auch
keine Spezialistin, aber sagen wirs mal so: Transvestie ist
wie Drag Kinging eine Form von Crossdressing. Wobei Crossdressing
den berbegriff darstellt für alles, was mit Kleidertausch,
geschlechtsberschreitender Bekleidung also, zu tun hat. Transvestiten
verspren bekanntlich Lust beim Kleiderwechsel. Hingegen ist
der Begriff Drag Kinging vor allem geprgt für die Darstellung
von Männlichkeit auf der Bhne. Auch wenn manche die bewusste
Darstellung von Männlichkeit im Alltag - durch Verhalten, Gesten,
Kleider oder Accessoires - miteinschliessen.
Entscheidend ist aber doch die theatralische
bersteigerung auf der Bhne?
Ja. Hinzu
kommt nmlich eine - das schreckliche Wort muss nun doch fallen
- Dekonstruktion von Männlichkeit. Wenn das, was wir als Normalitt
männlichen Verhaltens wahrnehmen, aus dem Kontext des Alltags
herausgelst und auf die Bhne gebracht wird, wird sie anders
wahrgenommen. Was alltglich war, wirkt pltzlich surreal oder
absurd. Die Shows sind voller schwarzen Humors und Selbstironie.
Das gefllt mir daran. Anders gesagt: Die Frauen experimentieren
so souvern wie humorvoll mit den männlichen Seiten in sich
selbst.
Es erstaunt nicht, dass auf der Bhne
Machismo persifliert wird. Die Deutsche Bridge Markland jedoch
sagt, es mache manchmal einfach Spass, die eigenen Arschloch-Qualitten
auszuleben.
An den Workshops
von Diane Torr habe ich zarte Frauen erlebt, die sich in whrschafte
Machos verwandeln und offensichtlich Lust dabei verspürten,
diese Seite in sich mal hervorzukehren. Wenn ein Forum dafr
geschaffen wird, kann man seine schnsten berraschungen erleben.
Bei jungen Frauen hab ich aber oft erlebt, dass sie gerne in
die Rolle des Gentleman und sanften Verfhrers schlpfen. Auch
Drd wrde nie mit Dildos auf der Bhne hantieren, das wre
ihr zu vulgr.
Mich irritierte, dass bei den Bhnenszenen
jeweils Statements oder Gesprchsausschnitte aus dem Off eingeblendet
werden, die wie Erklrungen wirken. Die Bhnenszenen sollten
doch für sich sprechen?
Die Off-Stimmen
sollen eher weitere Assoziationen ermöglichen; als Erklrung
oder Interpretation sind sie nicht gedacht. Die enge Verflechtung
von Bhnen- und Alltagsszenen sowie der verschiedenen Portrts
überhaupt war mir sehr wichtig. Darin verdeutlicht sich eine
Aussage des Films: Die Performance geht jenseits der Bhne
weiter. Diane Torr zum Beispiel geht abends mal als Frau, mal
als Mann in den Ausgang; sie wechselt laufend ihre Geschlechterrollen.
Del LaGrace Volcano aus London wiederum fand durch Performances
zu einer neuen Persönlichkeit. Er begann, Testosteron zu nehmen;
heute versteht er sich als Intersex-Persönlichkeit: Weder Mann
noch Frau noch Drag King. Am ehesten wrde er heute als Drag
Queen auftreten . . . (lacht).
Als ich zum
ersten Mal aus London zurckkam, war ich so sehr verwirrt, dass
ich eine Weile brauchte, um wieder Boden zu finden. Ich habe
nicht nur vieles gesehen, das mich selbst in Frage stellt; meine
Wahrnehmung hat sich durch den Film verndert: Pltzlich scheint
eine neue freiheit denkbar.
ussert sich das auch in der Schreibweise
Ihres Namens? früher hiessen Sie Gabrielle Baur, heute schreiben
Sie Gabriel.
Gabriel ist
ja der Name eines Engels, und diese haben, so weit bekannt,
kein definiertes Geschlecht. So habe ich meinen Namen erstmals
offiziell abgendert - mal sehen, ob ich das so beibehalte.
Venus Boyz luft in Zürich im Lunchkino
(Le Paris) und wechselt anschliessend ins regulre Programm.
Heute Donnerstagabend 21 Uhr findet
im Zrcher Kino Alba eine Spezialvorstellung mit Liveperformance
statt.
Zum Film
Venus Boyz
Von der Zrcher
Filmemacherin Gabriel, früher Gabrielle, Baur liegen neben einigen
Kurzfilmen der Dokumentarfilm Cada da historia (1986) über
Frauen im kriegserschtterten Nicaragua sowie der Spielfilmerstling
Die Bettknigin (1994) vor. In ihrem neuen Dokumentarfilm
Venus Boyz portrtiert Baur ein halbes Dutzend schillernde
Persönlichkeiten aus der Drag King Community von New York und
London: Frauen also, die auf den Bhnen einschlgiger Klubs
in Männerrollen schlpfen, um aus existenziellem Bedrfnis oder
Experimentierlust ihre weibliche Männlichkeit zu erkunden.
Als machistische
Rapper oder hypercoole Independent-Filmer, grossmulige
Fernsehprediger oder androgyne Mischwesen stellen die Drag
Kings in provokanten Shows Reizbilder von Männlichkeit zur Schau,
die in theatralischer bersteigerung persifliert werden. In
enger Verflechtung stellt Venus Boyz den ironischen Sexismus
der Bhnenszenen persnlichen Gesprchen und eher stillen Annherungen
an die Frauen in ihrem Lebensalltag gegenüber.
Interessant
ist vor allem die Vielfalt an Lebensentwrfen, die Baur vorfhrt:
Whrend die farbige Amerikanerin Mildred Gerestant tagsber,
eher unscheinbar, ihrem Brojob als Datenbearbeiterin nachgeht,
um nachts als männliches Alter Ego Drd umjubelt zu werden,
leben andere Drag Kings ihre Rollenspiele auch auf der Strasse
aus, veranstalten Workshops (wie Pionierin Diane Torr) oder
experimentieren (wie Del LaGrace Volcano) mit Testosteron.
Venus Boyz
ist eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme aus dem Experimentierfeld
zwischengeschlechtlicher Identitäten, die auch ein paar grundstzliche
fragen zu unserem Rollenverhalten aufwirft. (kah)
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