Ein Leben zwischen den Geschlechtern: Der Film Venus Boyz
zeigt es, die Soziologieprofessorin Andrea Maihofer erforscht
es
INTERVIEW: FLORENCE VUICHARD
Der Film Venus Boyz der Schweizer Regisseurin Gabriel Baur
nimmt das Publikum mit auf eine Reise durch Welten jenseits
der Geschlechtergrenzen, wo sich Frauen lustvoll in Männer verwandeln.
Die einen nur für eine Nacht als Drag Kings auf der Bhne, andere
frs ganze Leben. Ein Gesprch mit Andrea Maihofer, Professorin
am Zentrum für Gender Studies der Universitt Basel, über die
Vielfalt der zwischengeschlechtlichen Identitäten, über die
Gestaltungsmöglichkeiten des biologischen Körpers und die Versuche,
sich der Einteilung Mann oder Frau zu entziehen.
Kleiner Bund: Andrea Maihofer, wann ist
ein Mann ein Mann - beziehungsweise eine Frau eine Frau?
Andrea Maihofer: Persönlich stelle ich mir
solche fragen nicht. Von der Geschlechterforschung her interessiert
mich die frage insofern, als ich untersuche, welches die herrschenden
Vorstellungen in der Gesellschaft sind. Gemss den traditionellen
Vorstellungen wird Männlichkeit mit Strke, Macht und Aktivitt
gleichgesetzt - Weiblichkeit mit Passivitt, Sanftheit und Schwachheit.
Doch in den vergangenen Jahren hat sich vieles verndert. Heute
existieren Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, die noch
vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wren.
Knnen Sie dafr konkrete Beispiele nennen?
Heute können Männer Dinge tun, die man früher als unmännlich
abgestempelt htte. Männer können sich zum Beispiel verfhren
lassen und damit eine passive Rolle einnehmen, sie können Kinder
hten und Emotionen zeigen. Sie können lachen oder weinen. In
der traditionellen Vorstellung verziehen die Männer keine Miene
- für sie war ein kontrolliertes Körperverhalten Pflicht. Frauen
auf der anderen Seite sind eigenstndig geworden - sowohl beruflich
als auch sexuell. Sie gehen aktiv auf Männer zu, verfhren sie
und strahlen Strke aus. Mit diesen Verhaltensnderungen haben
sich gleichzeitig auch die Körperbilder gewandelt: Viele Männer
achten inzwischen auf ihren Körper oder auf ihre frisur und
kleiden sich modebewusst. Zum Bild des weiblichen Körpers gehren
neu auch Muskeln.
Frauen mit Muskeln, Lara Croft oder Madonna zum Beispiel,
sind keine androgynen Wesen, sondern entsprechen den klassischen
frauenbildern. Neu ist der Umstand, dass sie Strke ausstrahlen.
Kann man hier von einem Trend sprechen?
Es wird derzeit viel ausprobiert. Ich finde es schwierig abzuschtzen,
worauf das hinausluft. Die Werbung kennt Beispiele, die in
Richtung Androgynitt gehen, und solche, die betont weibliche,
aber muskulse Körper inszenieren. Diese Frauen wollen die Geschlechter
nicht aufheben, sondern versuchen bewusst, das Bild von Weiblichkeit
zu erweitern. Es gibt derzeit eine Vervielfltigung von Geschlechterbildern
und geschlechtlichen Existenzen. Das starre Konzept nur Mann
oder Frau lst sich auf. Auch innerhalb von Männlichkeit und
Weiblichkeit gibt es eine Vervielfltigung von Möglichkeiten.
Wie sich dieser Prozess weiter entwickelt, ob es bei dieser
Vervielfltigung bleibt, ob sich da wieder etwas verfestigt
oder ob gewisse Aspekte wieder verschwinden, das kann man derzeit
nicht beantworten.
Sie sprechen von Vielfalt - aber die Frauen im Film Venus
Boyz entwickeln nicht wirklich neue Bilder, sondern brechen
ihre Geschlechterrollen auf, indem sie männliche Geschlechterklischees
bemhen.
Man darf sich bei der Betrachtung nicht nur auf die Performances
beschränken. Das Leben dieser Frauen und ihre geschlechtlichen
Existenzweisen sind vielfltiger. Es stimmt, bei ihren Bhnenauftritten
sind die in Venus Boyz portrtierten Frauen unheimlich klischeehaft
- und nicht sehr originell. Aber es gibt noch eine zweite Ebene:
die Bilder aus dem Alltag dieser Frauen. In diesen biografischen
Momenten wird die Vielfalt sichtbar. Das Leben dieser Figuren
hat viel mit Androgynitt zu tun, aber auch mit einem Durcheinander,
mit einem Mix aus Weiblichkeit und Männlichkeit. Man kann sie
nicht genau fassen - sind das jetzt Männer oder Frauen. Die
in Venus Boyz gezeigten Frauen leben beides: ihre männlichen
und ihre weiblichen Seiten. Dadurch entsteht eine Mischung,
eine Vielfalt in den Personen selbst. Die meisten dieser Frauen
wollen nicht Männer werden, sondern wollen andere Formen von
Weiblichkeit leben.
Was hat Sie am Alltag dieser Figuren besonders interessiert?
Eine Frau erzählt zum Beispiel, dass sie auf die Welt zugehe,
wenn sie als Mann durch die Strassen spaziere. Als Frau hingegen
warte sie darauf, dass die Welt zu ihr komme. Ich finde es faszinierend,
so eine Erfahrung zu machen und die Klischees zu erleben. Da
wird deutlich, wie sehr diese Klischees nicht nur Bilder, sondern
auch Körperpraxen sind und sich zum Beispiel in der Art zu gehen
manifestieren.
Einige der Frauen im Film experimentieren aber auch mit
Hormonen - und bezeichnen sich als Cyborgs, transgendered men
oder fhren eine intergendered Existenz.
Das ist nicht nur eine frage des hormonellen Eingriffs.
Diese Frauen schaffen sich nicht nur eine neue geschlechtliche
Identität, sondern stellen auch neue Körper her. Teilweise hormonell,
teilweise mittels operativen Eingriffen, aber auch durch neue
Existenzweisen. Diese Personen wechseln die Kleidung, ben neue
Gehweisen ein, gehen ins Fitnessstudio und verndern so ihren
Körper - und dies nach ihren Vorstellungen. Neue Körperpraxen
können den biologischen Körper verndern. früher hat man behauptet,
eine Frau knne aus biologischen Grnden gar keine Muskeln bilden
- und jetzt sehen wir, dass es sehr wohl funktioniert.
Cyborg stand ursprünglich für die Verbindung von Mensch
und Maschine - nun wird er auch für die so genannten neuen Männer
verwendet. Weil sie sich selbst erschaffen haben?
Ja, ich denke, das ist der Hauptgrund. Doch es hat ja auch
einen technischen Aspekt. Einige benutzen zum Beispiel auch
Prothesen.
In Venus Boyz gibt es eine Frau, die den Eintrag in ihrem
Pass von Frau auf 0 ndern will. Bedeutete dies nicht eine
Einschrnkung der Vielfalt, wenn alle Personen, die sich nicht
als Mann oder Frau sehen, mit einem 0 kategorisiert wrden?
Ich denke, dass es sinnvoll ist, neue Kategorien einzufhren
für Menschen, die sich mit dieser fixen Einordnung nicht abfinden
können. Ich sehe das aber eher als Zwischenstufe. Lngerfristig
kann ich mir durchaus vorstellen, dass dieses Kriterium - das
Geschlecht - vllig irrelevant wird. Wohlgemerkt: auf der Ebene
des Passes. Ich pldiere nicht dafr, dass es keine Geschlechtlichkeit
mehr gibt, sondern dass man anerkennt, dass es Zwischenformen
gibt und dass man das starre nur Mann oder Frau-Konzept aufbricht.
Ist es für den Einzelnen in unserer Kultur, die nur zwei
Geschlechterkategorien anerkennt, langfristig nicht fast unmöglich,
in dieser nicht definierten Zwischenzone zu leben?
Venus Boyz zeigt, dass die Menschen, die sich für ein
Leben zwischen den Geschlechtern entscheiden, einen Ortswechsel
in Kauf nehmen und in Stdte ziehen, in denen es solche Subkulturen
gibt. Ein Leben zwischen den beiden vorgeschriebenen Geschlechtern
ist aber nicht nur ein stndiges Leiden oder ein permanentes
Anstossen an vorgegebene Grenzen, sondern wird von den Protagonistinnen
im Film auch als Befreiung angesehen. Sie leiden darunter, sich
vereindeutigen zu müssen. Ihr Leben ist ein Balanceakt zwischen
dem Anstossen oder Anecken und dem Schaffen neuer freirume.
Dass Menschen für neue Kategorien im Pass kmpfen, deutet
aber doch darauf hin, dass das Geschlecht durchaus eine identittsstiftende
Funktion hat?
Heute mag das so sein. Deshalb glaube ich auch, dass es
individuell gut wre, wenn es eine Erweiterung der Kategorien
Mann oder Frau gbe. Doch dieses Bedrfnis der Kategorisierung
entspringt unserer Erziehung. Es hat etwas Zwanghaftes und Disziplinierendes.
Die Leute wollen sich nicht einfach zuordnen, sie müssen es.
Venus Boyz zeigt, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich
diesem Zwang der Zuordnung entziehen wollen.
Wird ein Kind Ihrer Ansicht nach ausschliesslich als Mann
oder Frau erzogen - oder auch geboren?
Erzogen. Was heute als Männlichkeit oder Weiblichkeit gelebt
wird, hat fast ausschliesslich mit der Art und Weise zu tun,
wie der Körper gesehen und gelebt wird. Die Schlussfolgerung,
die Bilder von Männlichkeit oder Weiblichkeit wrden vom Körper
abgeleitet, ist falsch. Die Bilder sind gesellschaftlich konstruiert
und werden an ein Individuum herangetragen. Die Bestimmung des
Geschlechts ist immer ein Disziplinierungsvorgang, der andere
Lebensformen unmöglich macht. Ich kann nicht sagen, ich mchte
die ganze Palette leben. Die Kinder werden von Anfang an gezwungen,
ein Junge oder ein Mdchen zu sein - und damit wird der ganze
Prozess in Gang gesetzt.
Wie knnte dies aufgebrochen werden?
Es geht nicht nur darum, die Opposition, dieses Entweder-oder,
aufzubrechen und eine Vielfalt herzustellen, sondern darum,
überhaupt das Verhltnis zur Geschlechtlichkeit zu verndern.
Es muss deutlich werden, dass Geschlecht, so wie es heute gelebt
wird, etwas Soziales und nicht von Natur aus Gegebenes ist.
Es ist wichtig zu realisieren, dass wir in der heutigen Gesellschaft
gezwungen sind, zu vereindeutigen: Wir sind gezwungen, das Geschlecht
unseres Körpers zu werden. All das wird durch Menschen, wie
Venus Boyz sie zeigt, in Frage gestellt: Wir müssen gar nicht
das Geschlecht unseres Körpers werden, wir können einen männlichen
Körper haben und eine Frau sein.
Gibt es Kulturen mit mehreren Geschlechtern?
Es gibt zum Beispiel indianische Kulturen mit drei Geschlechtern
oder Kulturen, in denen der Wechsel des Geschlechts einfacher
ist als in unserer Kultur.
Bis anhin haben wir davon gesprochen, dass es männliche
und weibliche Körper gibt. Aber es gibt auch als Zwitter geborene
Kinder - die Zahlen schwanken von 1 auf 2000 bis zu 1 auf 500
-, die operativ in eindeutig männliche oder weibliche Körper
verwandelt werden.
Dies wird erst seit wenigen Jahren thematisiert. Es gibt
keine offizielle Statistik, wie viele Menschen so auf die Welt
kommen und nach rztlichem Ermessen operiert werden. Aber an
diesen Personen - und es sind wohl mehr, als man annehmen knnte
- sieht man, dass die Natur keineswegs so eindeutig ist, wie
immer behauptet wird, sondern dass die Ausschliesslichkeit der
beiden Geschlechter etwas ist, das wir gesellschaftlich herstellen.
Diese Menschen werden operiert, damit eine körperliche Eindeutigkeit
hergestellt wird, die eigentlich gar nicht da ist. Mann oder
Frau - dazwischen darfs nichts geben. Auch wenn das dazu fhrt,
dass diese Personen verstmmelt werden. Es stellt sich die frage,
mit welchem Recht dies geschieht. Warum können diese Menschen
nicht mit dem Körper leben, mit dem sie geboren werden?
Wird in dem Zusammenhang aber nicht stets auf die Natur
verwiesen?
Die Natur dient tatschlich als rechtfertigende Grundlage
für die Aufteilung zwischen Mann und Frau. Die Geschlechterbilder
oder Geschlechterpraxen haben aber mit der Natur relativ wenig
zu tun - das sind unsere Bilder und unsere Funktionen, die wir
der Männlichkeit beziehungsweise Weiblichkeit zuordnen. Das
sind soziale Konstruktionen, die sich nicht zwingend von der
körperlichen Grundlage ableiten lassen. Man kann es auch umgekehrt
sagen: Forschungen zeigen, dass es zu unserem Verstndnis von
Männlichkeit und Weiblichkeit gehrt, zu behaupten, diese seien
natrlich begrndet. früher hat man gesagt, Gott hat es so gemacht,
heute verweisen wir auf die angeblich so offensichtliche Natur.
Erste Professur in der Schweiz
fv. An den amerikanischen Universitten haben sich die Women's
Studies oder Gender Studies in den 80er-Jahren ihren festen
Platz im Lehrangebot erobert - als Folge der politischen frauenbewegungen
in den 60er- und 70er-Jahren. An den Schweizer Hochschulen hingegen
fristet die aus der frauenforschung entstandene Geschlechterforschung
noch immer ein Schattendasein.
Das knnte sich aber in den kommenden Jahren ndern. Denn im
März 2001 richtete die Universitt Basel das Zentrum für Gender
Studies und damit hierzulande die erste Professur für Geschlechterforschung
ein - nachdem sich die Lehrenden und Studierenden jahrelang
dafr engagiert hatten. Ab dem kommenden Sommersemester bietet
das junge Institut unter der Leitung von Andrea Maihofer einen
Studiengang mit Nebenfachabschluss an.
Die 1953 in freiburg (D) geborene Philosophin und Soziologin
Andrea Maihofer lehrte vor ihrem Ruf nach Basel an den Universitten
frankfurt, Darmstadt, Erfurt, Kassel und Wien. Maihofer lebt
mit ihrer siebenjhrigen Tochter und ihrem Lebenspartner in
Basel.
Der Film
fv. Im Dokumentarfilm Venus Boyz portrtiert
die Schweizerin Gabriel Baur zehn Frauen, die sich über Geschlechtergrenzen
hinwegsetzen. Da ist zum Beispiel Mildred, die der New Yorker
Drag-King-Szene angehrt. Am Abend parodiert sie in Clubs als
Dred männliche Klischees, tagsber arbeitet sie als Datenverarbeiterin.
Oder Diane Torr, eine der Pionierinnen der neuen Drag-King-Bewegung,
die in Workshops Frauen lehrt, wie sie sich in Männer verwandeln
können. Neben der New Yorker Drag-King-Szene stellt Venus Boyz
eine Londoner Gruppe so genannt neuer Männer oder Cyborgs vor.
Del LaGrace Volcano zum Beispiel treibt seine körperliche Transformation
von Frau zum Mann mittels Testosteron voran. Sein freund
Hans lebt inzwischen nur noch als Mann, weil ihm das Leben zwischen
den Geschlechtern zu kompliziert geworden ist.
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