| Gabriel Baur dokumentiert mit Venus Boyz
die internationale Drag-King-Szene
Lilian Rber
Männer, die sich als Frauen kleiden, sind allen
ein Begriff. Aber Frauen, die als Männer auftreten? Der Schweizer
Dokumentarfilm Venus Boyz inszeniert die bessere Männlichkeit.
Eine Drag-King-Performance ist die Offenbarung. Diese Frauen
auf der Bhne sind als Männer besser, als es jeder Mann je sein
knnte. Zum Beispiel Mildred Gerestant, die sich als Drd durch
die ganze Bandbreite schwarzer Popkultur mackert, Percken aufsetzt
und Brillen wechselt, Tanzstile nachahmt und Gesangseinlagen
mimt. Am Ende legt sie einen Strip drauf und enthllt einen
gut gepackten Slip, mit dessen Inhalt sie verheissungsvoll schlenkert
das Publikum tobt , bis sie sich schliesslich in den Schritt
greift, einen Apfel daraus hervorzaubert und gensslich reinbeisst.
Oder wenn Diane Torr als Danny King den Männern im Publikum
mit herrischer Stimme erklrt, wie sie sich Respekt erwerben
können, dann geht auch den Frauen ein Licht auf. Die Verwirrung
ist perfekt, wenn sich schliesslich Mo B. Dick, in ihrer Show
angetan mit einem Baby Doll, Koteletten und Kinnbrtchen, selbst
über ihr Geschlecht im Unklaren ist und nicht mehr weiss, ob
sie ein Junge oder ein Mdchen ist.
Was ist Drag? Reiner Spott über die Männer oder auch Bewunderung?
Eine Anmassung oder ein Spiel? Es ist alles zusammen und zudem
ein Selbstentwurf, der über die Grenzen des eigenen Geschlechts
hinausweist. Frauen werden Männer, aber immer auch mehr. Diese
Frauen sind auch als Frauen ideal, gerade weil sie in der Schwebe
bleiben, einen anderen oder eben keinen eindeutigen Geschlechtsstatus
für sich in Anspruch nehmen. Gabriel Baur, die Regisseurin von
Venus Boyz, bezeichnet die Performerinnen, die sie in ihrem
Film portrtiert hat, schlicht als grossartige Persönlichkeiten.
An Männlichkeit herumspielen
Man kann sich bestens vorstellen, wie sich die hiesigen frdergremien
angesichts Gabriel Baurs anfnglicher Projekteingaben gewunden
haben müssen. Sie baten mich, den Film doch hier zu machen,
dann htte ich mehr Chancen auf eine Untersttzung gehabt,
erzählt die Regisseurin der WoZ. Das htte sie ja gerne getan.
Sie hat ab 1996 nach Schweizer Drag Kings Ausschau gehalten.
Aber eine Szene wollte hier einfach nicht entstehen, obwohl
Diane Torr in Zürich mehrere Drag-King-Workshops abgehalten
hat. In Berlin sah es 1997 nicht besser aus. Immerhin: Vier
Male Impersonators Frauen, die Männer verkörpern traten
damals dort auf, einer davon war Bridge Markland. In London
gab es jene Szene rund um Della Grace, heute Del LaGrace Volcano,
und Angela H. Scheirl, heute Hans A. Scheirl KünstlerInnen,
die ihr biologisches Geschlecht und dessen Transformation durch
Medikamente genau reflektierten. In New York schliesslich gab
es die Drag-King-Bewegung, frisch und knackig: Provokativ stellte
sie einen Brgermeisterkandidaten und feierte ihre Stars im
Club Casanova.
Da hatte es die Schweizerin gepackt. Sie wollte die ganze Bandbreite
vom anderen Umgang mit der inneren Männlichkeit ausmessen.
Und sie wollte mit Mannweibern und frauenkerlen arbeiten, wollte
deren Beweggrnde und Selbstdefinitionen verstndlich machen,
von Berlin über London bis nach New York. So kam es auf Geldsuche
zu einer fnfjhrigen Odyssee, die im Sommer 2001 mit der spektakulren
Urauffhrung von Venus Boyz am Filmfestival Locarno einen
gelungenen Abschluss fand.
In den fnf Jahren dazwischen hat Gabriel Baur die Szenen bereist
und die Shows dokumentiert. Sie hat Material gesammelt von Auftritten
und Ausstellungen, und sie war an der New Yorker Nacht der Drag
Kings im Sommer 2000. Dort versammelte sich alles, was an und
mit Männlichkeit herumspielt. Durch den Abend fhrten Murray
Hill, der Brgermeister der Zukunft, und Mo B. Dick, Grnder
des Club Casanova, der mit seiner Haartolle die Leningrad Cowboys
um Lngen in den Schatten stellt. Es wurde eine legendre Nacht.
Eine Bier-Ejakulation
Eine Szene aus Venus Boyz: Der Taxifahrer kann sich nur eines
vorstellen, als ihm Bridge Markland bei ihrer Ankunft in New
York erzählt, dass sie Männer spielt: Ehemänner. Nein, sagt
Bridge daraufhin unbestimmt, Ehemänner eigentlich nicht. Spter
zieht sie sich für die Show ihren geliebten Nadelstreifenanzug
an und lsst nach einem Blick in den Spiegel ihren Gefühlen
freien Lauf: And then I see... Und dann sehe ich ... Im fucking
hot... Ich bin verdammt heiss. Im Gesprch stellt sie sich
selbst in die Tradition des Theaters und Tanzes. Deshalb bezeichne
ich mich als Male Impersonator, whrend Drag Kings eher aus
der Clubkultur kommen. Bridge begann mit dem Verkörpern von
Männern, nachdem sie Shelly Mars gesehen hatte Shelly Mars,
die machistisch-laszive Urmutter der Drag-King-Idee. Ihre Performance
in Monika Treuts Undergroundfilm Die Jungfrauenmaschine (1984)
hat die Massstbe für Kings bestimmt: ein ekstatisch zuckender
Unterleib bringt eine Bierflasche zur Ejakulation. In Venus
Boyz steht sie mit hngenden Lidern und blonder Strhnenfrisur
auf der Bhne und haucht angeturnt vom Publikum und anderen
Drogen: Hello, my name is Damien Corson. Im an independent
digital filmmaker. Im making a film. Im making an independent
film. Diese Frau hat vor über zwanzig Jahren für ihre Show
noch Tomaten abgekriegt und gleichzeitig von San francisco aus
etwas ins Rollen gebracht, das erst viel spter, Mitte der neunziger
Jahre, zu einer Bewegung wurde.
Nachhilfe für Neobiologisten
Eine andere Performance-Künstlerin hat wesentlich zur Verbreitung
beigetragen: Diane Torr. Mit ihren Drag-King-Workshops bringt
sie den Frauen bei, was einen Mann ausmacht. Bei jedem Schritt
den Boden unter der Sohle in Besitz nehmen. Mehr Haltung,
fordert sie von den Teilnehmerinnen und macht es vor als Danny
King, ein weisser Mittelstandstyp, der mit seinem stechenden
Blick und plumpen Gang nach rger riecht. Diane Torr ist Mutter
und Ehefrau, aber sie ist eben auch Danny King, und der wiederum
ist erschreckend real. Torr im Film: Wenn ich von dieser gewähnlichen
Frau, die eure Nachbarin sein knnte, zu diesem Mr. Macho werden
kann, dann können das alle anderen auch. So viel zur geheiligten
Männlichkeit.
Drag ist nicht nur Dekonstruktion von Geschlecht, es ist auch
der Beweis für dessen Konstruktion. Ein Danny King schickt alle
Exhistoriker und Neobiologisten, Genglubigen und Testosteronanhnger
in die Ecke. Mag sein, dass diese Diskussion Mitte der neunziger
Jahre nach dem Erscheinen von Judith Butlers Gender Trouble
bereits gefhrt worden ist. Aber seither gab es einen journalistischen
Backlash zu verzeichnen, in dem serise Redaktoren pltzlich
sorg- und arglos mit so genannten harten Natur-Wissenschaften
argumentieren, als ob sie die universelle Wahrheit beinhalteten.
Deshalb noch einmal für jene, die es immer noch nicht begriffen
haben: Geschlecht ist eine soziale Konstruktion. Ich bin nicht
mehr so aggressiv wie früher, seit ich Testosteron spritze,
sagt Del LaGrace Volcano beispielsweise. Jetzt muss ich nicht
mehr um alles mit den Männern kmpfen. Sie geben es mir freiwillig.
über Drag Queens kann man lachen, aber ein King ist jenen unangenehm,
die ihre Rechte auf die heilige Natur zurckfhren mchten.
Das gilt, wie die Kings zeigen, gerade für Männer. Denn die
fühlen sich bedroht, wenn ihnen etwas weggenommen wird.
Vter der Zukunft
Jeder hat Arschlochqualitten!, sagt Bridge Markland im Film.
Und die lassen sich im Kingschen Outfit bestens ausleben. Das
macht gute Laune. Deshalb ist in den letzten Jahren bereits
eine neue Generation nachgestossen, die vor allem in Clubs und
an Partys auftritt. In New York sind das zum Beispiel die Backdoor
Boys. Drd berichtet: Das sind Frauen Mitte zwanzig, die in
der Clubkultur aufgewachsen sind. Gabriel Baur ergnzt: Sie
legen absoluten Wert auf Perfektion. Im Unterschied zu den Vtern,
die oft frisch von der Leber weg improvisierten, feilen sie
an ihrer Choreografie und ben Lippensynchronizitt für das
Playback, bis es sitzt. Bridge schliesslich: In Berlin gibt
es seit einem Jahr eine Gruppe, die sich Kings of Berlin nennt.
Sie hat sich über eine Mailinglist kennen gelernt und bt ein-
bis zweimal die Woche. In England habe sich die Szene nach
Brighton verlagert, und in den USA gebe es Ableger in Ohio,
erzhlen Gabriel Baur und die beiden Performerinnen. Sogar in
Italien regt sich was.
Auf zahlreichen internationalen Festivals gefeiert, hat Venus
Boyz die Szene selbst verndert: Er dokumentiert sie nicht
nur, er ist ein narzisstischer Spiegel, er ist ein Kultfilm,
der seinem Publikum erlaubt, sich selbst ins Drag zu wünschen.
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