«Die Gemeinschaft ist der Protagonist»
Gabriel Baur und ihr Film «Venus Boyz»
Jürg Zbinden
Anfang März ist in Zürich Gabriel Baurs Film
«Venus Boyz» über Drag Kings angelaufen.
In einem Gespräch bekundete die Regisseurin
Interesse an Grenzüberschreitungen jedweder
Art und an Menschen, die geschlechtliche
Konventionen durchbrechen.
Gabriel Baur - ein «Man in Black»? Mitnichten.
Das strenge Männersakko mit Stehkragen unterstreicht
die unzweifelhaft femininen Gesichtszüge
der in Zürich lebenden Regisseurin, die unter
anderen bei Wojciech Marczewski und Krzysztof
Kieslowski studierte und auch einen Abschluss
in Ethnologie hat. Man kann sie sich auch
vor der Kamera vorstellen; als Profi und
aus einem gesunden Mass Eitelkeit heraus
ist sie darauf bedacht, eine gute Figur zu
machen. Und erpicht war sie auch, «ihre»
Drag Kings vorteilhaft erscheinen zu lassen.
Die frage, ob ihr Film als Liebeserklärung
an die Selbstdarsteller(innen) verstanden
werden könne, beantwortet sie mit einem Ja,
möchte diese aber ganz allgemein ans Leben
gerichtet wissen, mit seinen Abgründen und
Facetten. Was sie interessiert habe, seien
Menschen, die versuchten, die starren, für
Frauen und Männer geltenden Normen und Konventionen
zu durchbrechen. Gleichsam der kleinste gemeinsame
Nenner des Films seien die Drag Kings.
Das fremde in uns
Im Vordergrund steht für die Regisseurin,
dass die Mauern der Ab- und Ausgrenzungen
niedergerissen bzw. gar nicht erst aufgebaut
werden. Frauen etwa, die sich als Männer
verstehen, würden zum Teil von der Medizin
zu Operationen gedrängt. Erst wer auch biologisch
ein Mann sei, erhalte den Pass, der ein Leben
als Mann amtlich registriere. Weil Baur mit
Transsexualität bereits eine Reduktion auf
den sexuellen Aspekt verbindet, zieht sie
es vor, von «trans-identitären» Menschen
zu sprechen.
Lange und gründlich habe sie sich die Dramaturgie
des Films überlegt. Was wir als fremd, als
exotisch anschauten, sei ja auch das fremde
in uns selber. Deshalb habe sie mit dem Vertrauteren,
der Travestie, begonnen und den sich Testosteron
verabreichenden Del LaGrace Volcano gegen
Ende des Films porträtiert, um Vorurteile
sukzessive abzubauen. Die Reaktionen der
Protagonisten auf die Vorführung des Films
seien unterschiedlich ausgefallen, doch hätten
sich alle längere Präsenzzeiten im Film gewünscht.
Sie selber sei vorab sehr nervös gewesen,
bis die meisten Darsteller zum Ausdruck gebracht
hätten, dass man den entgegengebrachten Respekt
deutlich spüre.
Wahlverwandtschaften
für die Porträtierten beschränkt sich die
Familienthematik nicht auf Blutsverwandtschaft,
sondern schliesst Wahlverwandtschaften mit
ein, weil diese den eigentlichen Primärkreis
des Alltags bilden. «Venus Boyz» enthält
biographische Elemente, ist aber doch kein
biographischer Film. Wichtig sei ihr gewesen,
dass man, übers Ganze gesehen, einen Eindruck
erhalte von der gelebten Vielfalt innerhalb
der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft sei der
eigentliche Protagonist des Films. Sie habe
im Vorfeld der Produktion verschiedentlich
die Empfehlung zu hören bekommen, «Venus
Boyz» doch «undergroundig» zu machen, mit
Digi-Kamera und so. Ihr sei es aber ein Anliegen,
dass den Subkulturen nicht bloss eine amateurhaft
anmutende Form der Inszenierung zugestanden
werde.
Gabriel Baur hat unterdessen zwei Spielfilmprojekte
im Köcher, von denen eines schon recht weit
gediehen ist. «Venus Boyz» nämlich sei geplant
gewesen als kleineres Projekt zwischen zwei
Filmen, habe sich dann aber ausgewachsen.
Im einen Spielfilm will die Regisseurin eine
Geschichte inszenieren, welche die Strategien
der Verführung und der Macht erforscht, im
andern werden wiederum Erotik und Sexualität
die Hauptrolle spielen. - Ebenfalls in Planung
ist ein Porträt über eine überühmte Sängerin
aus Lateinamerika. Auch an der Musik sei
doch das Schöne, dass sie Grenzen zu überschreiten
vermöge.
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