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Der
neue Mythos Transsexualität
Das Buch von Annette Runte stellt ein modernes Phänomen in grössere
Zusammenhänge
Transsexueller
im Basseinova Spital in Moskau. Stories über Geschlechtsumwandlungen
sind alltäglich geworden. Wie eine neue Studie belegt, ist Transsexualität
ein spezifisch modernes Phänomen und vor dem Hintergrund eines
brüchig gewordenen Geschlechter- verhältnisses zu verstehen.
Die Zahl der Transsexuellen ist verschwindend klein. Und doch nimmt
das Thema in den Medien einen erstaunlich breiten Raum ein: Keine Beilage
zur Geschlechterfrage oder zur Sexualität ohne den Erlebnisbericht
einer oder eines Betroffenen. Transsexualität fasziniert und wächst
sich mehr und mehr zu einem neue Mythos aus. Die Anzahl der autobiographischen
Berichte und der Fachliteratur nimmt unüberblickbare Dimensionen
an.
Die Einstellung zur Sexualität wandelt sich
Mit diesem stets wachsenden "diskursiven Archiv" beschäftigt
sich die umfassende Studie von Annette Runte. Als Grundlage dienen ihr
neben 40 (auto)biographischen Texten über Transsexuelle psychoanalytische
und psychiatrische Fallstudien, gerichtsmedizinische Berichte, chirurgische
Patientennotizen sowie fürühe historische Dokumente über das
Zwitter- und Eunuchentum. Anhand dieses umfangreichen Textmaterials
untersucht Runte die "allmähliche Ausdifferenzierung"
des transsexuellen Diskurses.
Dabei wird dieser Diskurs nicht bloss historisch-analytisch untersucht.
Auch theoretisch-systematische überlegungen nehmen in dem Buch
einen gewichtigen Platz ein. Anhand von Lacans Psychoanalyse geht die
Autorin der zentralen frage nach, wie Subjektivität, Sexualität
und Geschlechtlichkeit zusammenhängen. Um diese frage zu beantworten,
eignet sich das Phänomen der Transsexualität - verstanden
als eine Störung der Geschlechtsidentität - besonders gut.
Denn gleichsam wie in einer Momentaufnahme wird hier der "Attitüdenwandel
gegenüber Sexualität und Geschlechtlichkeit" eingefangen.
Gegen die "Verweiblichung der Kultur"
Transsexualität hat es keineswegs schon immer gegeben. Ausgebildet
hat sich der transsexuelle Diskurs zu Beginn unseres Jahrhunderts. In
seinem heutigen Verständnis - als Krankheit, die medizinisch behandelt
werden muss - wird das Phänomen erst im Zuge einer Veränderung
des Geschlechterverhältnisses entdeckt und beschrieben.
Runte weist nach, "dass die trans-sexuelle Problematik gerade aufgrund
ihrer nicht-sexuellen Momente jene der 'sexuellen Perversionen' im 'kollektiven
Imaginären' ersetzen kann". Damit wird deutlich, dass Transsexualität
die Nachfolge der Homosexualität und des Transvestitismus antritt.
Transsexualität wird sowohl zum Zeichen der Krise der Geschlechter.
Und zu ihrer Bewältigung: Im Rahmen der Auflösung des Geschlechterverhältnisses
und der "Verweiblichung der Kultur" übernimmt sie als
drittes Geschlecht eine Funktion, die schliesslich der Restabilisierung
des Geschlechterdualismus dient.
Verstoss gegen die Gesellschaftsordnung
Diese normierende und restabilisierende Funktion macht Runte anhand
der Diskussion des Geschlechtsverhältnisses in den 20er Jahren
deutlich. Zu Beginn unseres Jahrhunderts hatten die verbesserten Zutrittschancen
der Frauen zu beruflichen und politischen Bereichen und die Politisierung
der Geschlechterproblematik dazu geführt, dass man die Geschlechterordnung
gegen die "progressive Verweib(lich)ung" der Kultur zu rekonstruieren
suchte. Dies ist indessen nur durch einen neuen Glauben an die Substantialität
der Geschlechter möglich. Nur so kann der Verlust der sozialen
Geschlechterordnung aufgehoben und eine erneute Idealisierung der Geschlechter
betrieben werden. In diesem Diskurs übernimmt die Transsexualität
eine wichtige Funktion, da durch sie die "frage nach der Wahrheit
des Geschlechts" neu gestellt werden kann.
Die geschlechtliche Idealisierung lässt sich an den Autobiographien
Transsexueller deutlich belegen. Diese erleben sich selbst als abnorm
und nicht zur Gesellschaft gehörig. Dies kann so weit gehen, dass
sie selbst ihre Existenzberechtigung bezweifeln. Ihr einziger Ausweg,
der von der Medizin heute unbestritten propagiert wird, ist die Geschlechtsangleichung,
die dann konsequenterweise als eine Selbstnormalisierung verstanden
werden kann, insofern sich die transsexuellen Patienten dadurch in die
geschlechtliche Ordnung der Gesellschaft einfügen.
Das Leiden der Betroffenen
Die Studie von Annette Runte ist sehr anregend und dank der unglaublichen
Menge der bearbeiteten Literatur und der ausführlichen Bibliographie
eine unerschöpfliche Fundgrube für das Verständnis der
Transsexualität. Die Vielfalt ist allerdings auch verwirrend; sie
führt dazu, dass der rote Faden der Gedanken immer wieder verlorengeht.
Auch die Sprache erschwert an vielen Stellen das Verständnis. Runte
verfällt ständig in einen psychoanalytischen Fachdiskurs,
der der interdisziplinären Ausrichtung der Studie zuwiderläuft.
Ihr Ansatz wird zudem dem Phänomen der Transsexualität nicht
immer gerecht. Dies zeigt sich besonders deutlich bei der Kritik neuerer
soziologischer Analysen. Runte lehnt diese rundweg ab und bestreitet
von ihrer kulturhistorischen Warte aus deren Schlüssigkeit. Dabei
übersieht sie, dass der soziologische Ansatz nicht nur die Zwangssituation,
in der die Transsexuellen sich befinden, verständlich machen kann,
sondern auch die Problematik des medizinischen Umgangs mit dem Phänomen
der Transsexualität. Und damit den heutigen Zwang zur Geschlechtsangleichung.
Dadurch wird es möglich, diese Therapieform zu kritisieren.
Das Ungenügen der Studie wird bei der frage nach dem Umgang mit
Transsexualität überdeutlich. Mit Lacan empfiehlt Runte gegen
die "interpretative Auflösung des Symptoms" als Kur eine
Identifikation des Subjekts mit dem Symptom als "diesem nicht-analysierbaren
Punkt, der letztendlich die einzige Stütze seines Daseins bildet".
So plausibel auch dies dank Runtes Ausführungen sein mag, so problematisch
erscheint es im Hinblick auf die konkrete Situation der Betroffenen.
Sie sehen zumeist keine Möglichkeit, sich mit ihrer Transsexualität
zu identifizieren, sondern setzen alles daran, dieses Symptom zu beseitigen.
Annette Runte: Biographische Operationen. Diskurse der Transsexualität.
Fink-Verlag, München, 1996. 798 Seiten, 136.30 franken
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