erschienen im Tages-Anzeiger vom 7. Dezember 1999

Eine Alptraumtante für amerikanische Politiker

Die Feministin Joan Scott ist in Bern ausgezeichnet worden, und Robert Musil war in seinen besten Tagen ein früher "gender student". Versuch einer gegenseitigen Erklrung.

Von Simone Meier

Joan W. Scott, 58-jhrige amerikanische Professorin für Sozialwissenschaften von der Princeton University, hat 100 000 franken gewonnen. Das Geld stammt von der Berner Hans-Sigrist-Stiftung, die Frau Scott für hervorragende wissenschaftliche Leistungen im Bereich "gender studies" (Geschlechterforschung) geehrt hat. Es war ein knapper Sieg, den die Geschlechterforschung dank einer einzigen Jurystimme über die Klimaforschung davongetragen hat. Doch fangen wir noch einmal und ganz anders an. Bei Adam und Eva und einer literarischen Weltfriedensvision von Robert Musil.

Wie wird der Mann zum Weib?

Mann und Frau verlieben sich ineinander, und der Erste Weltkrieg steht kurz vor seinem Ausbruch. Eines Tages fragt sich der Mann, was wre, wenn seine Geliebte "vor der Männerliebe Abscheu empfinden" wrde. Nun, sagt er sich, biologisch bin ich dummerweise ein Mann, also muss ich eine geistige Weiblichkeit entwickeln. Er berlegt hin und her und kommt zum Schluss, dass dies nicht so schwer sein knne.Denn alles ausserhalb des "nur sexuellen Begehrens" ist für ihn zunchst einmal von einer geschlechtlichen Doppelsinnigkeit oder Unbestimmtheit. Erst in der Ausgestaltung durch einen Menschen werden die Gefühle, Gedanken und Handlungen mit männlichen oder weiblichen Eigenschaften versehen.

Weil der Mann aber kein richtiger Mann ist, sondern Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften", hat er Glck und kann sich gewissermassen mit einem Hirn, das von sozial geformten Geschlechtereigenschaften frei ist, in eine weibliche, gar lesbische, Position hineindenken. Sein Erkenntnisgang ist - den netteren Gepflogenheiten von Musils Zeit entsprechend - idyllisch: Natrlich knnte über einer von Frauen erdachten Welt nie eine Untergangsdrohung hngen.

Diese Passage nimmt von den weit über zweitausend edierten Seiten von Musils Romanprojekt allerdings nur gerade eineinhalb ein und gehrt zu unvollendeten Kapitelentwrfen. Dennoch ist Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, hier ein idealtypisches Konstrukt, um den Stand der Geschlechterforschung bis Joan Scott zu verdeutlichen.

Als wre Musil eine gestandene Feministin unserer Zeit, macht er, allerdings in einer literarischen Fiktion, erstens die Unterscheidung in biologisches ("sex") und sozial konstruiertes Geschlecht ("gender"). Als wre er darber hinaus Judith Butler, Ppstin der Geschlechterverwirrung, lsst er zweitens seinen Ulrich wie eine Lesbe denken (oder wohl doch eher so, wie sich ein Mann vorstellt, dass eine Lesbe denkt), und versucht damit zu beweisen, dass "sex" und "gender" voneinander unabhngig sind und spielerisch miteinander verknpft werden können. Drittens ist die Basis von Musils Entwurf die freudsche Psychoanalyse, die auch von Joan Scott in Bern wieder einmal vehement als Grundlage des kreativen Denkens postuliert wurde.

Scotts Millenniumsfantasie

Diese Punkte sind seit inzwischen gut zwei Jahrzehnten bekannt. Joan Scott geht endlich darber hinaus. Frauen, fordert sie in ihrem Referat "Millennial Fantasies", das sie in Bern an dem eintgigen "Gender, History & Modernity"-Symposium hielt, befasst euch endlich auch mit dem biologischen Geschlecht, denn was ihr mit der "sex/gender"-Trennung angerichtet habt, ist nur eine weitere Vertiefung jener Kluft zwischen den Paarungen weiblich/männlich, Natur/Kultur und Körper/Geist. Das biologische Geschlecht ist damit auf der Objekt-Seite der Welt, jener Seite, auf der sich die Frau "von Natur aus" befindet, jener Seite, die der Wissenschaft zur Verfgung steht und von der Gentechnologie als plump darwinistisch manipulierbares Rohstofflager wahrgenommen wird.

Scotts Millenniumsfantasie besteht in der Wiedervereinigung von "sex" und "gender". Sich eine Fantasie auszudenken, heisst "zu leben, als ob". Fantasien müssen sich der Realitt nicht entgegenstellen, sie sind vielmehr ihre "Vorbedingungen" und ihr "geistiger Leim". Kollektive Fantasien entstehen, wenn sich mehrere Menschen mit ähnlichen Punkten einer Erzhlung identifizieren. Was aber zuallererst und gegen unseren bewussten Willen den vorgelegten Erzhlungen folgt und blind zu leben beginnt, "als ob" es Frau oder Mann wre, ist nicht unser Geist, sondern der Körper. Von frhster Kindheit an reagiert er unbewusst mit Begehren und Bedrfnissen auf seine Umwelt. Diese verndern sich im Lauf der Identitätsfindung, stehen aber immer unter dem Einfluss zwischenmenschlicher und sozialer Interaktionen, und so ist ein geschlechtlich identifizierbares Subjekt zu gleichen Massen das Resultat von politischen und psychologischen Einflssen. "Sex" und "gender" sind tatschlich ein Leib und eine Seele und in der richtigen Umwelt können erst noch ganze Heerscharen gerechtigkeitsbewusster feministischer Subjekte gezchtet werden.

Die Angst vor den fnf Geschlechtern

Dies ist natrlich eine hchst lckenhafte und allzu saloppe Zusammenfassung. Joan Scott hat zum Glck schon viele Aufstze und Bcher geschrieben, die zu lesen sich sehr lohnt, zuletzt "Only Paradoxes to Offer". Und ihr Grundsatzessay "Gender: Eine ntzliche Kategorie der historischen Analyse" findet sich in dem 1994 bei Reclam Leipzig erschienenen und noch immer wichtigen Sammelband "Selbst bewusst: Frauen in den USA" von Nancy Kaiser.

Noch einmal kurz zu Robert Musil. Wahrscheinlich hlt Bob Dole nmlich mehr von kanonisierten männlichen Autoren als von Feministinnen. Htte er jemals Musils Geschlechterfantasie über die friedbringende Liebe unter Schwestern gelesen, so wre er 1995, vor der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking, nicht zu der von Scott zitierten dmmlichen Aussage gekommen, dass Moral und Familienwerte aufs Grsslichste von Leuten in Frage gestellt wrden, die an "fnf Geschlechter" glaubten: "männlich, weiblich, homo-, bi- und transsexuell". Mit den "Leuten" war unter anderem Judith Butler gemeint. Was immerhin beweist, dass Feminismus bei den Realpolitikern noch immer zu den amsantesten AlpTräumen und Fehlinterpretationen fhrt. Und für diese feministische Tugend hat Joan Scott den Hans-Sigrist-Preis erst recht verdient.

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