Von Simone Meier
Joan W. Scott, 58-jhrige amerikanische Professorin für
Sozialwissenschaften von der Princeton University, hat 100 000 franken gewonnen. Das Geld
stammt von der Berner Hans-Sigrist-Stiftung, die Frau Scott für hervorragende
wissenschaftliche Leistungen im Bereich "gender studies" (Geschlechterforschung)
geehrt hat. Es war ein knapper Sieg, den die Geschlechterforschung dank einer einzigen
Jurystimme über die Klimaforschung davongetragen hat. Doch fangen wir noch einmal und
ganz anders an. Bei Adam und Eva und einer literarischen Weltfriedensvision von Robert
Musil.
Wie wird der Mann zum Weib?
Mann und Frau verlieben sich ineinander, und der Erste Weltkrieg
steht kurz vor seinem Ausbruch. Eines Tages fragt sich der Mann, was wre, wenn seine
Geliebte "vor der Männerliebe Abscheu empfinden" wrde. Nun, sagt er sich,
biologisch bin ich dummerweise ein Mann, also muss ich eine geistige Weiblichkeit
entwickeln. Er berlegt hin und her und kommt zum Schluss, dass dies nicht so schwer sein
knne.Denn alles ausserhalb des "nur sexuellen Begehrens" ist für ihn
zunchst einmal von einer geschlechtlichen Doppelsinnigkeit oder Unbestimmtheit. Erst in
der Ausgestaltung durch einen Menschen werden die Gefühle, Gedanken und Handlungen mit
männlichen oder weiblichen Eigenschaften versehen.
Weil der Mann aber kein richtiger Mann ist, sondern Robert Musils
"Mann ohne Eigenschaften", hat er Glck und kann sich gewissermassen mit einem
Hirn, das von sozial geformten Geschlechtereigenschaften frei ist, in eine weibliche, gar
lesbische, Position hineindenken. Sein Erkenntnisgang ist - den netteren Gepflogenheiten
von Musils Zeit entsprechend - idyllisch: Natrlich knnte über einer von Frauen
erdachten Welt nie eine Untergangsdrohung hngen.
Diese Passage nimmt von den weit über zweitausend edierten
Seiten von Musils Romanprojekt allerdings nur gerade eineinhalb ein und gehrt zu
unvollendeten Kapitelentwrfen. Dennoch ist Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, hier ein
idealtypisches Konstrukt, um den Stand der Geschlechterforschung bis Joan Scott zu
verdeutlichen.
Als wre Musil eine gestandene Feministin unserer Zeit, macht
er, allerdings in einer literarischen Fiktion, erstens die Unterscheidung in biologisches
("sex") und sozial konstruiertes Geschlecht ("gender"). Als wre er
darber hinaus Judith Butler, Ppstin der Geschlechterverwirrung, lsst er zweitens
seinen Ulrich wie eine Lesbe denken (oder wohl doch eher so, wie sich ein Mann vorstellt,
dass eine Lesbe denkt), und versucht damit zu beweisen, dass "sex" und
"gender" voneinander unabhngig sind und spielerisch miteinander verknpft
werden können. Drittens ist die Basis von Musils Entwurf die freudsche Psychoanalyse, die
auch von Joan Scott in Bern wieder einmal vehement als Grundlage des kreativen Denkens
postuliert wurde.
Scotts Millenniumsfantasie
Diese Punkte sind seit inzwischen gut zwei Jahrzehnten bekannt.
Joan Scott geht endlich darber hinaus. Frauen, fordert sie in ihrem Referat
"Millennial Fantasies", das sie in Bern an dem eintgigen "Gender, History
& Modernity"-Symposium hielt, befasst euch endlich auch mit dem biologischen
Geschlecht, denn was ihr mit der "sex/gender"-Trennung angerichtet habt, ist nur
eine weitere Vertiefung jener Kluft zwischen den Paarungen weiblich/männlich,
Natur/Kultur und Körper/Geist. Das biologische Geschlecht ist damit auf der Objekt-Seite
der Welt, jener Seite, auf der sich die Frau "von Natur aus" befindet, jener
Seite, die der Wissenschaft zur Verfgung steht und von der Gentechnologie als plump
darwinistisch manipulierbares Rohstofflager wahrgenommen wird.
Scotts Millenniumsfantasie besteht in der Wiedervereinigung von
"sex" und "gender". Sich eine Fantasie auszudenken, heisst "zu
leben, als ob". Fantasien müssen sich der Realitt nicht entgegenstellen, sie sind
vielmehr ihre "Vorbedingungen" und ihr "geistiger Leim". Kollektive
Fantasien entstehen, wenn sich mehrere Menschen mit ähnlichen Punkten einer Erzhlung
identifizieren. Was aber zuallererst und gegen unseren bewussten Willen den vorgelegten
Erzhlungen folgt und blind zu leben beginnt, "als ob" es Frau oder Mann wre,
ist nicht unser Geist, sondern der Körper. Von frhster Kindheit an reagiert er
unbewusst mit Begehren und Bedrfnissen auf seine Umwelt. Diese verndern sich im Lauf
der Identitätsfindung, stehen aber immer unter dem Einfluss zwischenmenschlicher und
sozialer Interaktionen, und so ist ein geschlechtlich identifizierbares Subjekt zu
gleichen Massen das Resultat von politischen und psychologischen Einflssen.
"Sex" und "gender" sind tatschlich ein Leib und eine Seele und in
der richtigen Umwelt können erst noch ganze Heerscharen gerechtigkeitsbewusster
feministischer Subjekte gezchtet werden.
Die Angst vor den fnf Geschlechtern
Dies ist natrlich eine hchst lckenhafte und allzu saloppe
Zusammenfassung. Joan Scott hat zum Glck schon viele Aufstze und Bcher geschrieben,
die zu lesen sich sehr lohnt, zuletzt "Only Paradoxes to Offer". Und ihr
Grundsatzessay "Gender: Eine ntzliche Kategorie der historischen Analyse"
findet sich in dem 1994 bei Reclam Leipzig erschienenen und noch immer wichtigen
Sammelband "Selbst bewusst: Frauen in den USA" von Nancy Kaiser.
Noch einmal kurz zu Robert Musil. Wahrscheinlich hlt Bob Dole
nmlich mehr von kanonisierten männlichen Autoren als von Feministinnen. Htte er
jemals Musils Geschlechterfantasie über die friedbringende Liebe unter Schwestern
gelesen, so wre er 1995, vor der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking, nicht zu der von
Scott zitierten dmmlichen Aussage gekommen, dass Moral und Familienwerte aufs
Grsslichste von Leuten in Frage gestellt wrden, die an "fnf Geschlechter"
glaubten: "männlich, weiblich, homo-, bi- und transsexuell". Mit den
"Leuten" war unter anderem Judith Butler gemeint. Was immerhin beweist, dass
Feminismus bei den Realpolitikern noch immer zu den amsantesten AlpTräumen und
Fehlinterpretationen fhrt. Und für diese feministische Tugend hat Joan Scott den
Hans-Sigrist-Preis erst recht verdient.