erschienen im Tages-Anzeiger vom 28. Dezember 1999

Babys nach Wahl

Das Geschlecht eines Kindes lsst sich nun auch mit einer Spermiensortier-Maschine vorprogrammieren.

Seit jeher versuchen Menschen, das Geschlecht ihres Nachwuchses zu beeinflussen. Um einen Sohn zu zeugen, drehten sich im alten Griechenland Männer zum Beischlaf nach rechts. franzosen banden sich für das gleiche Ziel im 18. Jahrhundert den linken Hoden ab.

In Fairfax (US-Staat Virginia) unterteilt jetzt eine Maschine den männlichen Samen nach X- und Y-Chromosomen. Der Flow Cytometer ist ein beigefarbener Kasten. Er separiert tagaus, tagein Samenzellen, die das X-Chromosom tragen, von Samenzellen mit dem Y-Chromosom, dem Garant für männliche Embryos. Das bisher einzigartige Verfahren, Microsort genannt, bedient sich fluoreszierender Farbstoffe und eines ultravioletten Lasers. Das X-Chromosom ist bei allen Sugern, Menschen eingeschlossen, reicher an genetischem Material als das männliche Y-Chromosom. Das bedeutet, dass "weiblicher" Samen grsser ist und unter dem Laser heller leuchtet. Diesen Unterschied macht sich das System zu Nutze.

Zuerst das Vieh, nun der Mensch

Die Samen-Auslese wurde ein gutes Jahrzehnt in der Viehzucht verwendet, bevor Amerikas Gesundheitsbehrde FDA ihre Anwendung an Menschen erlaubte. Das Genetics and I.V.F. Institute in Fairfax ist die erste fruchtbarkeitsklinik der Welt, die mit dem Gert arbeitet.

Nach 400 Zuchttieren kam 1995 das erste Wunschbaby durch Microsort zur Welt. Es war ein Mdchen, die Tochter einer Amerikanerin, die zwei Brder und zwei Shne durch ererbten Wasserkopf (X-abhängigen Hydrozephalus) verloren hatte. Die ersten Jahre wurde fast jede Anfrage von der Angst vor einer Erbkrankheit bestimmt. Inzwischen reicht der Wunsch nach einem kleinen Jungen oder Mdchen, um zum Microsort-Nutzniesser zu werden. Allerdings macht das Institut gewisse Auflagen. Ein Paar muss wenigstens schon ein Kind haben, bevor es das Geschlecht des zweiten auswhlen darf. Ausserdem muss das gewünschte Geschlecht in der expandierenden Familie in der Minderzahl sein.

Bisher haben weniger als 200 Paare den Cytometer benutzt. Das kommt nicht gerade billig. Ein Versuch kostet umgerechnet fast 4000 franken. Drei Versuche sind im Schnitt erforderlich für eine Schwangerschaft. Sie erfolgt über knstliche Befruchtung.

Tchter gelingen besser als Shne

Whrend Tchter mit einer Trefferquote von 93 Prozent gelingen, liegen die Aussichten auf den ersehnten Sohn nur bei 73 Prozent. Das liegt zum einen an der besseren Erkennbarkeit der Samenzellen mit X-Chromosom, zum andern auch an der grsseren Erfahrung. Denn in den USA kommt nur ein erwünschter Junge auf vier erhoffte Mdchen.

Allerdings bezieht sich das nicht auf das erstgeborene Kind. Eine Studie von Roberta Steinbacher an der Staatlichen Universitt in Cleveland kam zu dem Ergebnis, dass schon jeder vierte Amerikaner theoretisch mit der Geschlechtswahl des Nachwuchses einverstanden ist. Von ihnen wrden sich 81 Prozent der Frauen und sogar 94 Prozent der Männer für einen männlichen Stammhalter als Ersten der Kinderschar entscheiden.

Was die USA geschlechtermssig vielleicht noch verkraften, knnte in manchem Entwicklungsland das labile Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen leicht aus der Balance bringen. So werden beispielsweise in Indien bereits heute vorwiegend weibliche Ften abgetrieben. Und indische Geburtskliniken werben für den Geschlechtstest des ungeborenen Kindes - mit dem Argument, damit eine sptere Mitgift einzusparen.

In der Schweiz ist es nicht erlaubt, mit technologischen Verfahren Wunschmdchen oder -knaben zu erzeugen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf stellt fest: Das Geschlecht ist keine Krankheit. Wenn hingegen die Gefahr einer Erbkrankheit besteht, die von fehlerhaften Genen auf einem Geschlechtschromosom ausgeht, drfte auch in der Schweiz der Cytometer zur Anwendung kommen. So geben es die aktuellen medizinisch-ethischen Richtlinien und das geplante Fortpflanzungsmedizin-Gesetz vor, das im nchsten frühling zur Abstimmung kommt. (dpa-fwt/thw)

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