erschienen in der NZZ 'FILM' vom 14. Januar 2000

Die Johannas der Schlachthfe

Die waghalsigen Stunts dieser Jeanne d'Arc werden von einer körperfreundlichen Latexrstung abgefedert, aber das tut dem Image der ehrgeizigen Pop-Ikone Milla Jovovich keinen Abbruch. Auch nicht dem kriegslsternen Gebaren einer durchaus neuen Johanna-Figur, deren Vorbild eigentlich eine Gottesgesandte in Waffen, eine Heilige, eine pucelle ist, aber keinesfalls eine Frau, die rot sieht und sich als bersinnlicher blutrnstiger Teufelsbraten gebrdet. Um diese schwer vermittelbare Metamorphose zeitgemäss zu verpacken, hat sich Regisseur Besson noch ein Kindheitstrauma als Vorspiel zum spteren Blutgericht ausgedacht.

    Aber trotz psychologischer Bevormundung fgt sich diese Heroine hervorragend in die Fantasy- Erbfolge ihrer Filmvorgngerinnen Nikita aus dem gleichnamigen Kassenschlager und Leeloo aus The Fifth Element ein. Nikitas Killerinstinkt und Leeloos androgyne Geschlechtslosigkeit wurden hier, berspitzt formuliert, zu einem neuen homogenen frauenbild verschmolzen. Wenn Jeanne sich todesmutig ins Kampfgetmmel strzt, sich kaltbltig den Pfeil aus dem Busen reisst, stellt sie gar eine globale Einmtigkeit mit den berwiegend amerikanischen Leinwand-Amazonen der letzten zwanzig Jahre her. Die Kriegerinnen der Traumfabrik wie Alien- Spezialistin Ripley, das anarchische Tank Girl Rebecca oder die Navy-Offizierin GI Jane, um nur ein paar exemplarische Produkte herauszugreifen, verdanken ihre Entstehung Aktualisierungen und Umdeutungen des sich wandelnden Geschlechterverhltnisses, das in den Bildwelten der Pop-Kultur immer wieder neu verhandelt wird.

    Die erste Antwort auf die empfindlich gestrten patriarchalen Gewaltverhltnisse nach einem bedrohlichen Jahrzehnt von frauenbewegung und schwulem Aktionismus hiess Alien (Regie: Ridley Scott, 1979). Aber auch die Figur von Lieutenant Ellen Ripley alias Sigourney Weaver hat sich innerhalb von vier Serien in zwanzig Jahren gehrig verndert. Die anfnglichen Zugestndnisse an weibliche Autonomiegelste sind zwar nicht zurckgenommen - hoher IQ, Fhrungsstellung und makellose Handhabung von Feuerwaffen aller Art -, aber aus der klugen Amazone mit Herz ist mit der Zeit eine geschlechtslose berlebensfigur geworden, die man zuletzt als Alien-Mutter klonte, um aus ihr die perfekte Waffe herzustellen.

    Das sind nur scheinbar auf Lichtjahre hochgerechnete galaktische Metamorphosen, die symbolisch Prozesse aus der Alltagspraxis widerspiegeln. Lngst wurden in der postfeministischen ra neue androgyne frauenbilder etabliert. Denaturierte unheimliche Frauen scheint die Welt zu brauchen, die ihr anderes Geschlecht verleugnen und unter unerotischer grauer Militärwsche oder glattrasiertem Schdel zu verbergen bereit sind, die als Kampfmaschinen verkleidet zum perfekten Mann mutieren. Im Gegenzug für diese Assimilationsleistung wird ihnen dann die Ehre des besseren Mannes zuerkannt. GI Jane alias Demi Moore hat diesen Vorgang im gleichnamigen Film von Ridley Scott (1998) mit exemplarischer Hrte durchgespielt. Die Frau als Kumpel im muskelgepanzerten männlichen Körper scheint heute als Körpermaskerade allerdings noch nicht mehrheitsfhig.

    Um diese Thematik dreht sich letztlich auch die Diskussion um Thelma und Louise (1991), als heftig darber gertselt wurde, warum das Filmende - wiederum frauenregisseur Ridley Scott am Werke - die schiesswtigen Querulantinnen aus der Realität ins Reich der Mythen befrderte, statt sie dem verdienten Platz hinter Gittern zuzufhren. Die zulssigen Verwandlungsprozesse - bei Bessons Jeanne ist nicht zufllig ein männliches Gewissen im Spiel - heissen jedoch Teilhabe am patriarchalen Gewaltpotential unter der Massgabe von Selbstverleugnung und Verlust des Weiblichen oder exterritoriale Mythisierung. Spielmacher bleiben die männlichen Angstphantasien, die, sei es aus Kastrationsangst, Gebrneid oder nur aus Grnden des Machterhalts, auf jeden Fall eines zu verhindern trachten: jede grundlegende nderung der alten Spielregeln der Geschlechter.

Marli Feldvoss

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