Die Johannas
der Schlachthfe
Die waghalsigen Stunts dieser Jeanne d'Arc werden
von einer körperfreundlichen Latexrstung abgefedert, aber das tut dem Image der
ehrgeizigen Pop-Ikone Milla Jovovich keinen Abbruch. Auch nicht dem kriegslsternen
Gebaren einer durchaus neuen Johanna-Figur, deren Vorbild eigentlich eine Gottesgesandte
in Waffen, eine Heilige, eine pucelle ist, aber keinesfalls eine Frau, die rot sieht
und sich als bersinnlicher blutrnstiger Teufelsbraten gebrdet. Um diese schwer
vermittelbare Metamorphose zeitgemäss zu verpacken, hat sich Regisseur Besson noch ein
Kindheitstrauma als Vorspiel zum spteren Blutgericht ausgedacht.
Aber trotz
psychologischer Bevormundung fgt sich diese Heroine hervorragend in die Fantasy-
Erbfolge ihrer Filmvorgngerinnen Nikita aus dem gleichnamigen Kassenschlager und Leeloo
aus The Fifth Element ein. Nikitas Killerinstinkt und Leeloos androgyne
Geschlechtslosigkeit wurden hier, berspitzt formuliert, zu einem neuen homogenen
frauenbild verschmolzen. Wenn Jeanne sich todesmutig ins Kampfgetmmel strzt, sich
kaltbltig den Pfeil aus dem Busen reisst, stellt sie gar eine globale Einmtigkeit mit
den berwiegend amerikanischen Leinwand-Amazonen der letzten zwanzig Jahre her. Die
Kriegerinnen der Traumfabrik wie Alien- Spezialistin Ripley, das anarchische Tank Girl
Rebecca oder die Navy-Offizierin GI Jane, um nur ein paar exemplarische Produkte
herauszugreifen, verdanken ihre Entstehung Aktualisierungen und Umdeutungen des sich
wandelnden Geschlechterverhltnisses, das in den Bildwelten der Pop-Kultur immer wieder
neu verhandelt wird.
Die erste Antwort auf die
empfindlich gestrten patriarchalen Gewaltverhltnisse nach einem bedrohlichen Jahrzehnt
von frauenbewegung und schwulem Aktionismus hiess Alien (Regie: Ridley Scott, 1979).
Aber auch die Figur von Lieutenant Ellen Ripley alias Sigourney Weaver hat sich innerhalb
von vier Serien in zwanzig Jahren gehrig verndert. Die anfnglichen Zugestndnisse
an weibliche Autonomiegelste sind zwar nicht zurckgenommen - hoher IQ,
Fhrungsstellung und makellose Handhabung von Feuerwaffen aller Art -, aber aus der
klugen Amazone mit Herz ist mit der Zeit eine geschlechtslose berlebensfigur geworden,
die man zuletzt als Alien-Mutter klonte, um aus ihr die perfekte Waffe herzustellen.
Das sind nur scheinbar
auf Lichtjahre hochgerechnete galaktische Metamorphosen, die symbolisch Prozesse aus der
Alltagspraxis widerspiegeln. Lngst wurden in der postfeministischen ra neue androgyne
frauenbilder etabliert. Denaturierte unheimliche Frauen scheint die Welt zu brauchen, die
ihr anderes Geschlecht verleugnen und unter unerotischer grauer Militärwsche oder
glattrasiertem Schdel zu verbergen bereit sind, die als Kampfmaschinen verkleidet zum
perfekten Mann mutieren. Im Gegenzug für diese Assimilationsleistung wird ihnen dann die
Ehre des besseren Mannes zuerkannt. GI Jane alias Demi Moore hat diesen Vorgang im
gleichnamigen Film von Ridley Scott (1998) mit exemplarischer Hrte durchgespielt. Die
Frau als Kumpel im muskelgepanzerten männlichen Körper scheint heute als
Körpermaskerade allerdings noch nicht mehrheitsfhig.
Um diese Thematik dreht
sich letztlich auch die Diskussion um Thelma und Louise (1991), als heftig darber
gertselt wurde, warum das Filmende - wiederum frauenregisseur Ridley Scott am Werke
- die schiesswtigen Querulantinnen aus der Realität ins Reich der Mythen befrderte,
statt sie dem verdienten Platz hinter Gittern zuzufhren. Die zulssigen
Verwandlungsprozesse - bei Bessons Jeanne ist nicht zufllig ein männliches Gewissen
im Spiel - heissen jedoch Teilhabe am patriarchalen Gewaltpotential unter der Massgabe von
Selbstverleugnung und Verlust des Weiblichen oder exterritoriale Mythisierung. Spielmacher
bleiben die männlichen Angstphantasien, die, sei es aus Kastrationsangst, Gebrneid oder
nur aus Grnden des Machterhalts, auf jeden Fall eines zu verhindern trachten: jede
grundlegende nderung der alten Spielregeln der Geschlechter.
Marli Feldvoss |