erschienen im Tages-Anzeiger 'KULTUR' vom 14. Januar 2000

Mehr vom Leben im Spiegel

Die wohl einflussreichste Fotografin der Gegenwart zeigt rund 30 neue Bilder: Eine andere Nan Goldin?

Von Peter P. Schneider

Seit der Retrospektive "I'll be your mirror" 1997 bietet sich jetzt die erste Gelegenheit, bei uns neuen Arbeiten von Nan Goldin zu begegnen. Welchen Spiegel hlt uns die amerikanische Fotografin hin? Sie, die uns mit der Dia-Show "Die Ballade von der sexuellen Abhngigkeit" und ihren Fotobchern in eine Familie von freunden gefhrt hat, in der Sex und Drogen so lange eine Hauptrolle spielten, bis Aids dem Fest ein Ende setzte. Und sie, die mit ihrer ungeschminkten, tagebuchartigen Weise der Fotografie unzhlige junge Fotoschaffende inspiriert hat. Und deren Stil in der Modefotografie banalisiert und kommerzialisiert wurde.

Farben wie Samt

Trifft man auf eine gereifte Goldin? Man tritt in die Scalo-Galerie ein und wird von warmen Farbtnen umhllt. Die satten Farben verdanken sich Printern, die begriffen haben, dass Goldin nicht naturtreue Hauttne, sondern möglichst intensive Farben will. Sanft betrt sieht man sich um und erblickt Männer, Frauen und Kinder sowie zwei Stadtlandschaften in der Dmmerung. Bilder der letzten Monate.

Eins der Portrts wirkt fast klassisch. Ganz gerade blickt uns Clemens entgegen. "Aber er schaut an mir vorbei", wirft die Fotografin sofort ein. Goldin lehrt oft Fotografie und weiss, welche Regeln der Gestaltung sie bricht. Ihr fotografischer Blick ist schrg. Stets ist die Perspektive leicht neben der rechtwinkligen Geometrie. Und immer noch hat sie Leute im Sucher, "die ausserhalb der traditionellen Gesellschaft leben. Zum Beispiel sind die einzigen in der Ausstellung, die verheiratet sind, Männer."

Man befindet sich also nicht in einer Stube, wo man sich einfach wohlig rkeln und diffusen Sehnschten hingeben kann. Eine Frau steht am Fenster, schaut aber nach innen, zu uns - nicht wie in einem romantischen Bild in die Ferne. Warum ist ihre Haut so grn? Wer ist sie überhaupt? Wir begegnen Leuten, die uns nicht gerade wie wir selbst oder wie unsere Nachbarn vorkommen. Männer balgen, eine Frau steht nackt in einer Bar, dritte lieben sich vor der Kamera. Eine lacht exaltiert - ja, Ausdruck von freude gibts auch. Die Frau ist Opernsngerin und hat krzlich eine Goldin-Diashow in Paris live mit experimentellem Gesang begleitet.

über das Lokale hinaus

Alle abgebildeten Personen sind freunde oder Verwandte der Fotografin. Die Geschichten, die Goldin mit den Portrtierten verbindet, muss man nicht kennen. Aber es ist wichtig zu wissen, dass Goldin ihre Bilder nie konstruiert, sondern so vorfindet. Sie fotografiert schnell. Ihre visuelle Erfahrung - vor allem aus Kino und Malerei - fliesst ein, sie selbst analysiert das nicht. Auch nicht beim Editieren, das sie sehr sorgfltig betreibt. Goldin vergleicht ihr Vorgehen mit jenen Schriftstellern, die sich an ihr Dorf gehalten und dabei doch von Dingen berichtet haben, die weit über die lokale Beschrnktheit hinausweisen.

Nachdenklichkeit und Stolz

Als Aussenstehender - und draussen steht man bei Goldin immer, weil sie die nicht reduzierbare Individualitt ihrer freunde so stark betont - nimmt man allgemeine Eindrcke mit: viele nachdenkliche Gesichter. Eine Frau treffen wir an der Beerdigung ihrer Mutter. Ein freund besucht seine 90-jhrige Grossmutter und seine Mutter, deren Leben von der verwirrten Greisin bestimmt wird. Momente der Krise, Trauer, Ratlosigkeit.

Aber nicht jene Trostlosigkeit, die man aus Fotos der Siebzigerjahre abzulesen glaubte. Dieses Desolate haben sowieso nur wir gesehen - Goldins Thema war es nicht. Nie hat sie das Schicksal von verirrten Seelen gezeigt. Sondern freunde, die so und nicht anders leben wollten. Das ist jetzt nicht anders. Goldin formuliert die Lebenslust, die auch in diesen Portrts steckt: "Wir sind stolz darauf, wer wir sind. Vielleicht ein Neubeginn, anders auf Sex und Geschlechterrollen zu blicken, frei von den Vorurteilen, mit denen wir aufgewachsen sind."

Mit dieser Unbefangenheit konfrontiert uns Goldin. Das ist nicht immer ganz einfach aufzunehmen. Goldins Spiegel besttigt nicht einfach unsere Erfahrung, sondern erweitert sie. So wie der Spiegel, dieses Symbol der Selbstsuche und Selbstvergewisserung, bei ihr nicht einfach die Person verdoppelt, sondern den Blick auf den Raum weiter öffnet. Goldins Spiegel produzieren Bilder im Bild. Und wir sehen mindestens zwei Mal hin.

Die Ausstellung bei Scalo, Weinbergstr. 22a, dauert bis 11. März. Nan Goldin ist Collaborating Artist bei der neuen Ausgabe der Kunstzeitschrift "Parkett".

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