Mehr vom Leben im Spiegel
Die wohl einflussreichste Fotografin der Gegenwart zeigt rund
30 neue Bilder: Eine andere Nan Goldin?
Von Peter P. Schneider
Seit der Retrospektive "I'll be your mirror" 1997
bietet sich jetzt die erste Gelegenheit, bei uns neuen Arbeiten von Nan Goldin zu
begegnen. Welchen Spiegel hlt uns die amerikanische Fotografin hin? Sie, die uns mit der
Dia-Show "Die Ballade von der sexuellen Abhngigkeit" und ihren Fotobchern in
eine Familie von freunden gefhrt hat, in der Sex und Drogen so lange eine Hauptrolle
spielten, bis Aids dem Fest ein Ende setzte. Und sie, die mit ihrer ungeschminkten,
tagebuchartigen Weise der Fotografie unzhlige junge Fotoschaffende inspiriert hat. Und
deren Stil in der Modefotografie banalisiert und kommerzialisiert wurde.
Farben wie Samt
Trifft man auf eine gereifte Goldin? Man tritt in die
Scalo-Galerie ein und wird von warmen Farbtnen umhllt. Die satten Farben verdanken
sich Printern, die begriffen haben, dass Goldin nicht naturtreue Hauttne, sondern
möglichst intensive Farben will. Sanft betrt sieht man sich um und erblickt Männer,
Frauen und Kinder sowie zwei Stadtlandschaften in der Dmmerung. Bilder der letzten
Monate.
Eins der Portrts wirkt fast klassisch. Ganz gerade blickt uns
Clemens entgegen. "Aber er schaut an mir vorbei", wirft die Fotografin sofort
ein. Goldin lehrt oft Fotografie und weiss, welche Regeln der Gestaltung sie bricht. Ihr
fotografischer Blick ist schrg. Stets ist die Perspektive leicht neben der
rechtwinkligen Geometrie. Und immer noch hat sie Leute im Sucher, "die ausserhalb der
traditionellen Gesellschaft leben. Zum Beispiel sind die einzigen in der Ausstellung, die
verheiratet sind, Männer."
Man befindet sich also nicht in einer Stube, wo man sich einfach
wohlig rkeln und diffusen Sehnschten hingeben kann. Eine Frau steht am Fenster, schaut
aber nach innen, zu uns - nicht wie in einem romantischen Bild in die Ferne. Warum ist
ihre Haut so grn? Wer ist sie überhaupt? Wir begegnen Leuten, die uns nicht gerade wie
wir selbst oder wie unsere Nachbarn vorkommen. Männer balgen, eine Frau steht nackt in
einer Bar, dritte lieben sich vor der Kamera. Eine lacht exaltiert - ja, Ausdruck von
freude gibts auch. Die Frau ist Opernsngerin und hat krzlich eine Goldin-Diashow in
Paris live mit experimentellem Gesang begleitet.
über das Lokale hinaus
Alle abgebildeten Personen sind freunde oder Verwandte der
Fotografin. Die Geschichten, die Goldin mit den Portrtierten verbindet, muss man nicht
kennen. Aber es ist wichtig zu wissen, dass Goldin ihre Bilder nie konstruiert, sondern so
vorfindet. Sie fotografiert schnell. Ihre visuelle Erfahrung - vor allem aus Kino und
Malerei - fliesst ein, sie selbst analysiert das nicht. Auch nicht beim Editieren, das sie
sehr sorgfltig betreibt. Goldin vergleicht ihr Vorgehen mit jenen Schriftstellern, die
sich an ihr Dorf gehalten und dabei doch von Dingen berichtet haben, die weit über die
lokale Beschrnktheit hinausweisen.
Nachdenklichkeit und Stolz
Als Aussenstehender - und draussen steht man bei Goldin immer,
weil sie die nicht reduzierbare Individualitt ihrer freunde so stark betont - nimmt man
allgemeine Eindrcke mit: viele nachdenkliche Gesichter. Eine Frau treffen wir an der
Beerdigung ihrer Mutter. Ein freund besucht seine 90-jhrige Grossmutter und seine
Mutter, deren Leben von der verwirrten Greisin bestimmt wird. Momente der Krise, Trauer,
Ratlosigkeit.
Aber nicht jene Trostlosigkeit, die man aus Fotos der
Siebzigerjahre abzulesen glaubte. Dieses Desolate haben sowieso nur wir gesehen - Goldins
Thema war es nicht. Nie hat sie das Schicksal von verirrten Seelen gezeigt. Sondern
freunde, die so und nicht anders leben wollten. Das ist jetzt nicht anders. Goldin
formuliert die Lebenslust, die auch in diesen Portrts steckt: "Wir sind stolz
darauf, wer wir sind. Vielleicht ein Neubeginn, anders auf Sex und Geschlechterrollen zu
blicken, frei von den Vorurteilen, mit denen wir aufgewachsen sind."
Mit dieser Unbefangenheit konfrontiert uns Goldin. Das ist nicht
immer ganz einfach aufzunehmen. Goldins Spiegel besttigt nicht einfach unsere Erfahrung,
sondern erweitert sie. So wie der Spiegel, dieses Symbol der Selbstsuche und
Selbstvergewisserung, bei ihr nicht einfach die Person verdoppelt, sondern den Blick auf
den Raum weiter öffnet. Goldins Spiegel produzieren Bilder im Bild. Und wir sehen
mindestens zwei Mal hin.
Die Ausstellung bei Scalo, Weinbergstr. 22a, dauert bis 11.
März. Nan Goldin ist Collaborating Artist bei der neuen Ausgabe der Kunstzeitschrift
"Parkett". |