erschienen im BUND vom 26. Januar 2000

Schwer messbare Ungleichheiten zu Lasten der Frauen bei den Leistungslhnen

gleichstellung / Der Trend zu mehr Leistungsabhngigkeit in der Wirtschaft und in der Verwaltung ist eine Quelle neuer Diskriminierungen von Frauen. Das befrchtet jedenfalls das Bro für die Gleichstellung von Mann und Frau, das eine Studie vorgestellt hat.

 Autor: Ingrid Hess

Gegen Ende des Jahres ist in der Regel jeweils Zeit für die Mitarbeitergesprche. Seit Beginn der Neunzigerjahre werden in solchen Gesprchen zunehmend die Leistung und das Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Betrieben und ffentlichen Verwaltungen beurteilt. Die Kritik daran ist mittlerweile weitgehend verstummt. Die Folgen der Leistungsbeurteilung sind jedoch weit reichend. Von dieser hngen der Lohn und die Karriere der einzelnen Angestellten ab, wie Patrizia Schulz, Direktorin des Eidgenssischen Gleichstellungsbros, gestern vor den Medien feststellte.

Unterschiedliche Messlatte

Ob die Leistung nun in Mitarbeitergesprchen oder auf andere Art beurteilt wird, so wird sie es häufig mit unterschiedlicher Messlatte für die weiblichen und die männlichen Angestellten, wie aus einer vom Gleichstellungsbro in Auftrag gegebenen Studie * hervorgeht. Die Studie hat Leistungsbeurteilung und Grafologie auf ihre geschlechtsdiskriminierenden Aspekte hin untersucht.

Wenn eine Frau einem Mann ins Wort fllt, so gilt sie schnell als anmassend und aggressiv, tut ein Mann dasselbe, fllt das gar niemandem auf, wie der Zrcher Psychologieprofessor Christof Baitsch, einer der Autoren der Studie, erklrte. Ebenso falle niemandem positiv auf, wenn eine Frau kundenfreundlich sei, denn das werde von ihr erwartet, whrend diese Eigenschaft bei einem Mann positiv vermerkt werde. Diese und eine Reihe weiterer Beispiele schilderte Baitsch, um zu verdeutlichen, wie wenig objektiv Leistung in der Regel bemessen werde und wie häufig gerade geschlechtsspezifische Vorurteile und Stereotypen die Bewertung beeinflussten.

Von Männern und Frauen wrden beispielsweise unterschiedliche Leistungen erwartet, und solche Erwartungen erfllten sich in der Regel auch (self-fulfilling prophecy). Auch die Selbstdarstellung beeinflusst gemss Baitsch die Beurteilung. Da Frauen hier zurckhaltender seien als Männer, wrden sie häufig auch schlechter bewertet. Doch auch wenn Frauen es den Männern nachtten und weniger Zurckhaltung an den Tag legten, werde ihnen das nicht helfen, erklrte Baitsch. für beide Geschlechter wirke sich nmlich nonkonformes Rollenverhalten negativ aus.

Bei den fast nur noch in der Schweiz weit verbreiteten grafolgischen Gutachten werden gemss den Autoren für Frauen und Männer an sich die gleichen Kriterien angewendet. Allerdings werde den Grafologen in der Regel das Geschlecht der zu beurteilenden Person mitgeteilt. So dass auch hier geschlechtsspezifische Vorurteile das Ergebnis des Gutachtens beeintrchtigen können.

Neue Lohnungleichheiten

Die Gleichstellungsbeauftragten befrchten nun, dass auf diese Weise neuen Lohnungleichheiten zwischen Frauen und Männern Tr und Tor geffnet wrden, die vor Gericht schwer nachweisbar seien. Das gesetzlich vorgeschriebene Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelte nicht nur für die Grundlhne, sondern auch für die Leistungskomponente. Mit der vorliegenden Studie legt das Gleichstellungsbro daher einen Leitfaden vor, der für das Thema sensibilisiert und auch eine Checkliste für Mitarbeitergesprche enthlt.

* Andrea fried, Ralf Wetzel, Christoph Baitsch: Wenn zwei das Gleiche tun . . ., vdf Hochschulverlag Zürich, für. 36.-.

*frh bt sich, wer eine Meisterin werden will, Leitfaden für Frauen und Vorgesetzte, Faltblatt 301.961,

BBL/EDMZ-Vertrieb, 3003 Bern.

home back