Schwer messbare Ungleichheiten zu Lasten
der Frauen bei den Leistungslhnen
gleichstellung / Der Trend zu mehr Leistungsabhngigkeit in
der Wirtschaft und in der Verwaltung ist eine Quelle neuer Diskriminierungen von Frauen.
Das befrchtet jedenfalls das Bro für die Gleichstellung von Mann und Frau, das eine
Studie vorgestellt hat.
Autor: Ingrid Hess
Gegen Ende des Jahres ist in der Regel jeweils Zeit für die
Mitarbeitergesprche. Seit Beginn der Neunzigerjahre werden in solchen Gesprchen
zunehmend die Leistung und das Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von
Betrieben und ffentlichen Verwaltungen beurteilt. Die Kritik daran ist mittlerweile
weitgehend verstummt. Die Folgen der Leistungsbeurteilung sind jedoch weit reichend. Von
dieser hngen der Lohn und die Karriere der einzelnen Angestellten ab, wie Patrizia
Schulz, Direktorin des Eidgenssischen Gleichstellungsbros, gestern vor den Medien
feststellte.
Unterschiedliche Messlatte
Ob die Leistung nun in Mitarbeitergesprchen oder auf andere Art
beurteilt wird, so wird sie es häufig mit unterschiedlicher Messlatte für die weiblichen
und die männlichen Angestellten, wie aus einer vom Gleichstellungsbro in Auftrag
gegebenen Studie * hervorgeht. Die Studie hat Leistungsbeurteilung und Grafologie auf ihre
geschlechtsdiskriminierenden Aspekte hin untersucht.
Wenn eine Frau einem Mann ins Wort fllt, so gilt sie schnell
als anmassend und aggressiv, tut ein Mann dasselbe, fllt das gar niemandem auf, wie der
Zrcher Psychologieprofessor Christof Baitsch, einer der Autoren der Studie, erklrte.
Ebenso falle niemandem positiv auf, wenn eine Frau kundenfreundlich sei, denn das werde
von ihr erwartet, whrend diese Eigenschaft bei einem Mann positiv vermerkt werde. Diese
und eine Reihe weiterer Beispiele schilderte Baitsch, um zu verdeutlichen, wie wenig
objektiv Leistung in der Regel bemessen werde und wie häufig gerade
geschlechtsspezifische Vorurteile und Stereotypen die Bewertung beeinflussten.
Von Männern und Frauen wrden beispielsweise unterschiedliche
Leistungen erwartet, und solche Erwartungen erfllten sich in der Regel auch
(self-fulfilling prophecy). Auch die Selbstdarstellung beeinflusst gemss Baitsch die
Beurteilung. Da Frauen hier zurckhaltender seien als Männer, wrden sie häufig auch
schlechter bewertet. Doch auch wenn Frauen es den Männern nachtten und weniger
Zurckhaltung an den Tag legten, werde ihnen das nicht helfen, erklrte Baitsch. für
beide Geschlechter wirke sich nmlich nonkonformes Rollenverhalten negativ aus.
Bei den fast nur noch in der Schweiz weit verbreiteten
grafolgischen Gutachten werden gemss den Autoren für Frauen und Männer an sich die
gleichen Kriterien angewendet. Allerdings werde den Grafologen in der Regel das Geschlecht
der zu beurteilenden Person mitgeteilt. So dass auch hier geschlechtsspezifische
Vorurteile das Ergebnis des Gutachtens beeintrchtigen können.
Neue Lohnungleichheiten
Die Gleichstellungsbeauftragten befrchten nun, dass auf diese
Weise neuen Lohnungleichheiten zwischen Frauen und Männern Tr und Tor geffnet
wrden, die vor Gericht schwer nachweisbar seien. Das gesetzlich vorgeschriebene Prinzip
gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelte nicht nur für die Grundlhne, sondern auch für
die Leistungskomponente. Mit der vorliegenden Studie legt das Gleichstellungsbro daher
einen Leitfaden vor, der für das Thema sensibilisiert und auch eine Checkliste für
Mitarbeitergesprche enthlt.
* Andrea fried, Ralf Wetzel, Christoph Baitsch: Wenn zwei das
Gleiche tun . . ., vdf Hochschulverlag Zürich, für. 36.-.
*frh bt sich, wer eine Meisterin werden will, Leitfaden
für Frauen und Vorgesetzte, Faltblatt 301.961,
BBL/EDMZ-Vertrieb, 3003 Bern. |