Frau unten, Mann oben
Autor: daniel goldstein
Oben Mann und unten Frau: Genderstress und prventive
Diplomatie - so provokativ lautet der Titel des Referats, das nchste Woche in Bern
eine Tagung einleitet zum Thema Frauen an den Krisenherd. Der Beitrag von Frauen in der
zivilen Konfliktbearbeitung. Referentin ist die deutsche Professorin Hanne-Margret
Birckenbach, die am Schleswig-Holsteinschen Institut für friedenswissenschaften (Schiff)
in Kiel ttig ist.
Einen Teil ihres Anschauungsmaterials hat die
Politikwissenschaftlerin bei einem Studienaufenthalt in Estland gesammelt, wo sie die
Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beobachten
konnte. Die 1993 eingerichtete Mission hat die Aufgabe, Stabilitt sowie den Dialog und
die Verstndigung zwischen den gesellschaftlichen Gruppen zu frdern.
Mit den gesellschaftlichen Gruppen sind vor allem jene
unterschiedlicher Muttersprache gemeint. Etwa 26 Prozent der Einwohner sind nicht
estnische Staatsbrger; die meisten von ihnen stammen aus Russland und anderen Gebieten
der ehemaligen Sowjetunion; von den 74 Prozent Staatsbrgern waren bis Anfang 1999 neun
Prozent durch Einbrgerung Esten geworden; Voraussetzung dafr ist eine als streng
empfundene Prfung in der Sprache, die mit Finnisch und Ungarisch verwandt ist.
Ausgleichende Kraft
Moskau hat die Behandlung der Russen in den baltischen Staaten
immer wieder zum Anlass genommen, Druck auszuben, mit angedrohten und teils ergriffenen
wirtschaftlichen Massnahmen. Die OSZE und der Europarat versuchen, mssigend einzuwirken,
indem sie einerseits Estland, Lettland und Litauen vor russichem Druck abschirmen,
anderseits die Integration der russischen Minderheit frdern - so wurden die
Einbrgerungsgesetze nach europischen Kriterien gelockert.
Aus baltischer, insbesondere estnischer Sicht geht es immer noch
um die Abwehr der Russifizierung, welche in der Sowjetzeit die nationale Identität
bedrohte. Aus internationaler Sicht liegt ein Minderheitenproblem vor, das durch Rechte
der Sprachgruppen auf angemessenes Eigenleben und gleichwertige Beteiligung an der
staatlichen Macht zu lsen ist. In diesem Spannungsverhltnis steht auch die
OSZE-Mission.
Hierarchie der Geschlechter
In Gesprchen mit Einheimischen, besonders mit Vertreterinnen
nichtstaatlicher Organisationen (NGO), hat Birckenbach oft den Vorwurf gehrt, die
Mission verhalte sich gegenüber der Regierung ngstlich und gar unterwrfig, indem sie
zu wenig auf Minderheitenrechte poche, schon gar nicht in der ffentlichkeit. Die Autorin
stellt einen Zusammenhang fest zwischen diesem Auftreten der Mission und ihrer internen
Organisation, nmlich der Zuweisung verschiedener Rollen an die Geschlechter (gender
mit dem englischen Begriff der neueren deutschen Fachsprache).
Die Existenz der gender-Hierarchie in der Mission ist kein
Geheimnis, schreibt Birckenbach. Der männliche Chef werde mit Herr Botschafter
angeredet; das mittlere juristische Personal, ebenfalls männlich, mit dem Vornamen; die
Frauen auf der unteren Ebene bekmen entweder Vornamen zu hren, oder sie seien the
girls, wenn nicht gar the girlies - und das sogar nach aussen, was ihre Autoritt
untergrabe. Zudem htten die Frauen ein Qualifikationsprofil, das jenseits dem der
klassisch diplomatischen Fcher liegt, und so berlasse man ihnen gerne die
Sozialarbeit - etwa bei russischen Soldatenwitwen, um die sich sonst niemand kmmere.
Hanne-M. Birckenbach: Prventive Diplomatie
Das Beispiel der OSZE-Mission in Estland unter besonderer
Berücksichtigung der Beteiligung von Frauen. Bern 1999, Schweizerische friedensstiftung,
98 S.
Tagung Frauen an den Krisenherd
28. 1., 14-21 h, Kornhaus Bern, für. 45.- |