erschienen im BUND vom 22. Januar 2000

Frau unten, Mann oben

 Autor: daniel goldstein

Oben Mann und unten Frau: Genderstress und prventive Diplomatie - so provokativ lautet der Titel des Referats, das nchste Woche in Bern eine Tagung einleitet zum Thema Frauen an den Krisenherd. Der Beitrag von Frauen in der zivilen Konfliktbearbeitung. Referentin ist die deutsche Professorin Hanne-Margret Birckenbach, die am Schleswig-Holsteinschen Institut für friedenswissenschaften (Schiff) in Kiel ttig ist.

Einen Teil ihres Anschauungsmaterials hat die Politikwissenschaftlerin bei einem Studienaufenthalt in Estland gesammelt, wo sie die Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beobachten konnte. Die 1993 eingerichtete Mission hat die Aufgabe, Stabilitt sowie den Dialog und die Verstndigung zwischen den gesellschaftlichen Gruppen zu frdern.

Mit den gesellschaftlichen Gruppen sind vor allem jene unterschiedlicher Muttersprache gemeint. Etwa 26 Prozent der Einwohner sind nicht estnische Staatsbrger; die meisten von ihnen stammen aus Russland und anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion; von den 74 Prozent Staatsbrgern waren bis Anfang 1999 neun Prozent durch Einbrgerung Esten geworden; Voraussetzung dafr ist eine als streng empfundene Prfung in der Sprache, die mit Finnisch und Ungarisch verwandt ist.

Ausgleichende Kraft

Moskau hat die Behandlung der Russen in den baltischen Staaten immer wieder zum Anlass genommen, Druck auszuben, mit angedrohten und teils ergriffenen wirtschaftlichen Massnahmen. Die OSZE und der Europarat versuchen, mssigend einzuwirken, indem sie einerseits Estland, Lettland und Litauen vor russichem Druck abschirmen, anderseits die Integration der russischen Minderheit frdern - so wurden die Einbrgerungsgesetze nach europischen Kriterien gelockert.

Aus baltischer, insbesondere estnischer Sicht geht es immer noch um die Abwehr der Russifizierung, welche in der Sowjetzeit die nationale Identität bedrohte. Aus internationaler Sicht liegt ein Minderheitenproblem vor, das durch Rechte der Sprachgruppen auf angemessenes Eigenleben und gleichwertige Beteiligung an der staatlichen Macht zu lsen ist. In diesem Spannungsverhltnis steht auch die OSZE-Mission.

Hierarchie der Geschlechter

In Gesprchen mit Einheimischen, besonders mit Vertreterinnen nichtstaatlicher Organisationen (NGO), hat Birckenbach oft den Vorwurf gehrt, die Mission verhalte sich gegenüber der Regierung ngstlich und gar unterwrfig, indem sie zu wenig auf Minderheitenrechte poche, schon gar nicht in der ffentlichkeit. Die Autorin stellt einen Zusammenhang fest zwischen diesem Auftreten der Mission und ihrer internen Organisation, nmlich der Zuweisung verschiedener Rollen an die Geschlechter (gender mit dem englischen Begriff der neueren deutschen Fachsprache).

Die Existenz der gender-Hierarchie in der Mission ist kein Geheimnis, schreibt Birckenbach. Der männliche Chef werde mit Herr Botschafter angeredet; das mittlere juristische Personal, ebenfalls männlich, mit dem Vornamen; die Frauen auf der unteren Ebene bekmen entweder Vornamen zu hren, oder sie seien the girls, wenn nicht gar the girlies - und das sogar nach aussen, was ihre Autoritt untergrabe. Zudem htten die Frauen ein Qualifikationsprofil, das jenseits dem der klassisch diplomatischen Fcher liegt, und so berlasse man ihnen gerne die Sozialarbeit - etwa bei russischen Soldatenwitwen, um die sich sonst niemand kmmere.

Hanne-M. Birckenbach: Prventive Diplomatie

Das Beispiel der OSZE-Mission in Estland unter besonderer Berücksichtigung der Beteiligung von Frauen. Bern 1999, Schweizerische friedensstiftung, 98 S.

Tagung Frauen an den Krisenherd

28. 1., 14-21 h, Kornhaus Bern, für. 45.-

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