Im falschen Körper
SF 1 / Zisüchtigsclub, 20. 10., 22.20 Uhr
KATHARINA SCHINDLER
Es war mir wichtig, dass die 15 cm Euro-Norm wegkommen. So
distanziert tnt Natascha Streich, wenn sie von der ungeheuerlichen Operation spricht,
mit der sie vor vier Jahren den entscheidenden Schritt bzw. Schnitt vollzogen hat, um von
der Frau im Männerkörper, der Transsexuellen, zur richtigen, rechtmssigen Frau zu
werden. Es folgten noch elf weitere Operationen, ein schmerzhafter Prozess, viele
Rckschlge - aber immerhin: Jetzt ist sie Frau, so sehr, dass es fast unglaublich
anmutet, wenn Gesprchsleiter Ueli Heiniger sie im Zisüchtigsclub als Vater eines
Kindes vorstellt. Ob ihr Leben seit der Operation einfacher geworden ist, lsst sich
schwer abschtzen: Schwierig ist es zweifellos auch heute noch. Oft fhle sie sich
einsam, sagt sie. Und weil die männliche Vergangenheit ihr stets im Weg gestanden ist,
wenn sie sich als Frau um eine ganz normale Arbeitsstelle beworben hat, arbeitet sie jetzt
bei einer 156er-Nummer.
Im Rotlicht-Milieu sind wir einfach besser akzeptiert,
besttigt Nadia Brnimann, die sich erst vor vier Monaten umbauen liess und gerade
vor einer erneuten Operation steht. Sie bemhe sich deshalb bewusst, nicht schrill zu
wirken, sich nicht so zu kleiden, dass sie sofort auffalle und einer bestimmten Kategorie
zugeordnet werde: Ich versuche ein ganz brgerliches Leben zu fhren. Ich will zeigen,
dass ich eine ganz normale Person bin.
Im Anfangsstadium sind die meisten befriedigt, weiss Raymond
Battegay, emeritierter Psychiatrie-Professor an der Universitt Basel, der sich in
wissenschaftlichen Untersuchungen mit Transsexuellen befasst hat. Erst einige Zeit nach
der Umwandlung - die ja nicht nur aus einer Operation, sondern auch aus einer
langdauernden Hormonbehandlung besteht - merkten viele transsexuelle Frauen, dass sie eben
doch kein normales Leben fhren knnten. Da komme es auch zu Problemen und Krisen. Dass
aber - wie in der Sonntagszeitung krzlich behauptet - 80 Prozent der Transsexuellen
nach der Umwandlung Suizid begingen, stimme nicht, betont er.
Auslser dafr, dass sich die Medien (inklusive Zisüchtigsclub)
in jngster Zeit auf einmal mit dem Thema Transsexualität befassen, war der frühe Tod
von Coco. Die transsexuelle Bernerin hat sich vor einem Monat das Leben genommen - ein
paar Jahre nachdem sie operiert worden war. Paul Riniker hatte Coco in der Zeit um die
Operation mit der Kamera begleitet und einen vielbeachteten Dokumentarfilm für das
Schweizer Fernsehen realisiert.
Riniker ist denn auch der einzige, der im Zisüchtigsclub eine
kritische Position diesen Operationen gegenüber einnimmt. Die strikte Trennung in
männlich und weiblich, die kaum Grauzonen zulasse, sei es doch, was Transsexuellen so
viele Probleme bereite, meint er. Er sei berzeugt, dass es in einer andern Gesellschaft
als der unseren möglich wre, als Frau zu leben und trotzdem den Penis zu behalten.
Er kritisiert - in dieser Runde auf einsamem Posten stehend - den Machbarkeitswahn der
Medizin: Da werde etwas medizinisch vollbracht, das man letztlich nicht ganz im Griff
hat.
Bei einem so heiklen Thema wie Transsexualität zeigt sich, was
der Zisüchtigsclub leisten kann - und wo er auch an Grenzen stsst. Die grosse Strke der
Sendung besteht darin, Betroffene schonungsvoll zu Wort kommen zu lassen, ohne sie dem
Voyeurismus preiszugeben; darin ist Ueli Heiniger ein Meister seines Fachs. Die Grenzen
andererseits zeigen sich dort, wo eine etwas distanziertere, kritische Auseinandersetzung
mit dem Thema interessierte. Die Anwesenheit von Betroffenen, die zum Teil offensichtlich
an ihrem Schicksal leiden, gebietet hier grosse Zurckhaltung. |