erschienen im BUND vom 22. Oktober 1998

Im falschen Körper

SF 1 / Zisüchtigsclub, 20. 10., 22.20 Uhr

KATHARINA SCHINDLER

Es war mir wichtig, dass die 15 cm Euro-Norm wegkommen. So distanziert tnt Natascha Streich, wenn sie von der ungeheuerlichen Operation spricht, mit der sie vor vier Jahren den entscheidenden Schritt bzw. Schnitt vollzogen hat, um von der Frau im Männerkörper, der Transsexuellen, zur richtigen, rechtmssigen Frau zu werden. Es folgten noch elf weitere Operationen, ein schmerzhafter Prozess, viele Rckschlge - aber immerhin: Jetzt ist sie Frau, so sehr, dass es fast unglaublich anmutet, wenn Gesprchsleiter Ueli Heiniger sie im Zisüchtigsclub als Vater eines Kindes vorstellt. Ob ihr Leben seit der Operation einfacher geworden ist, lsst sich schwer abschtzen: Schwierig ist es zweifellos auch heute noch. Oft fhle sie sich einsam, sagt sie. Und weil die männliche Vergangenheit ihr stets im Weg gestanden ist, wenn sie sich als Frau um eine ganz normale Arbeitsstelle beworben hat, arbeitet sie jetzt bei einer 156er-Nummer.

Im Rotlicht-Milieu sind wir einfach besser akzeptiert, besttigt Nadia Brnimann, die sich erst vor vier Monaten umbauen liess und gerade vor einer erneuten Operation steht. Sie bemhe sich deshalb bewusst, nicht schrill zu wirken, sich nicht so zu kleiden, dass sie sofort auffalle und einer bestimmten Kategorie zugeordnet werde: Ich versuche ein ganz brgerliches Leben zu fhren. Ich will zeigen, dass ich eine ganz normale Person bin.

Im Anfangsstadium sind die meisten befriedigt, weiss Raymond Battegay, emeritierter Psychiatrie-Professor an der Universitt Basel, der sich in wissenschaftlichen Untersuchungen mit Transsexuellen befasst hat. Erst einige Zeit nach der Umwandlung - die ja nicht nur aus einer Operation, sondern auch aus einer langdauernden Hormonbehandlung besteht - merkten viele transsexuelle Frauen, dass sie eben doch kein normales Leben fhren knnten. Da komme es auch zu Problemen und Krisen. Dass aber - wie in der Sonntagszeitung krzlich behauptet - 80 Prozent der Transsexuellen nach der Umwandlung Suizid begingen, stimme nicht, betont er.

Auslser dafr, dass sich die Medien (inklusive Zisüchtigsclub) in jngster Zeit auf einmal mit dem Thema Transsexualität befassen, war der frühe Tod von Coco. Die transsexuelle Bernerin hat sich vor einem Monat das Leben genommen - ein paar Jahre nachdem sie operiert worden war. Paul Riniker hatte Coco in der Zeit um die Operation mit der Kamera begleitet und einen vielbeachteten Dokumentarfilm für das Schweizer Fernsehen realisiert.

Riniker ist denn auch der einzige, der im Zisüchtigsclub eine kritische Position diesen Operationen gegenüber einnimmt. Die strikte Trennung in männlich und weiblich, die kaum Grauzonen zulasse, sei es doch, was Transsexuellen so viele Probleme bereite, meint er. Er sei berzeugt, dass es in einer andern Gesellschaft als der unseren möglich wre, als Frau zu leben und trotzdem den Penis zu behalten. Er kritisiert - in dieser Runde auf einsamem Posten stehend - den Machbarkeitswahn der Medizin: Da werde etwas medizinisch vollbracht, das man letztlich nicht ganz im Griff hat.

Bei einem so heiklen Thema wie Transsexualität zeigt sich, was der Zisüchtigsclub leisten kann - und wo er auch an Grenzen stsst. Die grosse Strke der Sendung besteht darin, Betroffene schonungsvoll zu Wort kommen zu lassen, ohne sie dem Voyeurismus preiszugeben; darin ist Ueli Heiniger ein Meister seines Fachs. Die Grenzen andererseits zeigen sich dort, wo eine etwas distanziertere, kritische Auseinandersetzung mit dem Thema interessierte. Die Anwesenheit von Betroffenen, die zum Teil offensichtlich an ihrem Schicksal leiden, gebietet hier grosse Zurckhaltung.

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