erschienen im Bund vom 14. Oktober 1995
LEBENSWANDEL / Axa LaBELLE: Sie singt, sie tanzt, sie kocht, ist Model, Performance-Künstlerin und transsexuell

Axa alias Coco - oder die Geschichte eines Mannes, der Miss Fitness werden will

Als Mann wurde sie geboren, als Frau lebt sie heute: Die Bernerin Axa, besser bekannt als Coco, singt auf Internet, ist eine gefragte Performance-Künstlerin, lebt makrobiotisch - und will Miss Fitness 1996 werden.

 Autor: Katrin Neuenschwander

Sie braucht keinen Khlschrank und keine Milchprodukte. Sie isst schweigsam, kaut lange und mchte als Makrobiotin immer weniger zum Leben brauchen: Ich bin erst frei, wenn ich Gras fressen kann, erklrt Axa ihr Ziel, die Einheit, Unendlichkeit, das Absolute zu erfahren. Ganz selbstverstndlich erklrt die grossgewachsene Transsexuelle die Ordnung des Universums, spricht von der logarithmischen Spirale und nennt die Theoreme von Yin und Yang als ihre Lebensphilosophie. Ohne zu zgern, lsst sie sich über die imaginre Grenze zwischen der absoluten und der relativen, materiellen Welt aus, so als htte sie diese Grenze bereits viel früher erfahren. Ich habe diese Theoreme lange vorher erarbeitet, bevor ich schliesslich zur Makrobiotik gefunden habe, erklrt sie ihre Vertrautheit mit der fernstlichen Lebensphilosophie der Ditetik.

Ich habe keine Cellulitis

Mehrmals wchentlich trainiert sie in einem Fitnessstudio und sthlt ihre Muskeln an Kraftgerten und mit Hanteln. Nicht, um Cellulitis loszuwerden -das kenne ich nicht - sondern, um nchstes Jahr die Wahl der Miss Fitness zu gewinnen. Ausserdem braucht sie eine gute Kondition für ihre Performances.

Schon als Kind - sie kam 1969 in Bern als Marc-Patric Lortan zur Welt - tastete sich Axa an Grenzen heran, sagt selber von sich, als Wunderkind geboren worden zu sein. Die Relativittstheorie war für sie ein Kinderspiel, das Aufwachsen als Mann hingegen legte ihr Hindernisse in den Weg.

Bereits als Jugendliche whlte Axa den Weg ins Showbusiness, ins Künstlerische Umfeld: Erste Filmerfahrungen sammelte die damals 17jhrige 1986 in frankfurt und London. Ein Jahr spter fhrte sie bereits Mode vor, liess sich zum Model ausbilden und bestand 1988 die Maturittsprfung. Eigentlich wollte sie Rechtswissenschaften studieren, doch die Lebensumstnde hinderten sie daran. So wurde ich halt eine Transe, sagt Axa und lacht laut auf. Sie versteht es, sich in Szene zu setzen und weiss, dass sie mit solch pointierten Aussagen auffllt. Doch das strt sie nicht, im Gegenteil. Axa sucht die ffentlichkeit und macht aus ihrer Geschlechtsumwandlung kein Geheimnis. Dass sie zuweilen auf ihre Transsexualität reduziert wird, strt sie aber und drngt sie an den Rand der Gesellschaft.

Ich bin eine Transe und bleibe eine

Unter ihrem Künstlernamen Coco machte sie Furore, trat als Performance-Künstlerin 1989 auf und posierte für Kunstfotos des Fotografen Reto Camenisch. Es folgten Aufenthalte in Paris, Mailand und London.

Vom Wunsch, eine Frau zu werden, konnte dieses aufregende Leben als Künstlerin nicht ablenken. Die Transformation vom Mann zur Frau musste auch körperlich erfolgen. Eine Geschlechtsumwandlung wurde damals unumgnlich. 1990 liess sie sich operieren - aus Marc-Patric wurde Eve-Claudine.

Ich bin ein Star

Axas Umwandlungsprozess blieb nicht unbemerkt: Der Riniker-Dokumentarfilm Traum Frau (er wurde 1991 im Fernsehen gezeigt) zeichnete die verschieden Phasen von Cocos Umwandlung minuzis nach. Fernsehstationen, Zeitschriften und Fotografen rissen sich um ihre Geschichte. Ich bin ein Star, sagt Axa, die den Rummel nicht scheut, sondern mit ihren ffentlichen Auftritten als Performance-Künstlerin und Sngerin auch Geld verdient. 1991 grndete sie ihren Multimedia-Verein DerDieDas.

Trotz ihrer Publizitt fhlt sie sich oft einsam. In solchen Momenten, in denen sie auf sich zurckgeworfen ist, verspürt sie denn den Wunsch nach einem geordneten Leben. Die Suche nach ihrem inneren Wesen hat sie dabei aufgegeben: Mein Kern ist die Kernlosigkeit.

Makrobiotik ist mein Kompass

Den eigentlichen Kompass des Lebens hat sie gefunden: in der Makrobiotik. Die Geschlechtsumwandlung war die Triebfeder zu einem Lebenswandel, zu dem sie sich immer strker hingezogen fhlte, der sie berzeugte und strkte. Und

pltzlich passte der alte Name Coco nicht mehr: Das tnt zu sehr nach Kosename, meint sie. Also taufte sie sich um und lebt seither als Axa LaBELLE. Der Name sei nicht aus einer Laune heraus entstanden, sondern Produkt philosophischer berlegung: Der Buchstabe A steht für von A bis Z, für das Allumfassende. Das S verhlt sich symmetrisch zu Z und bedeutet die andere Seite der Unendlichkeit. In der Vereinigung bilden s und z eine 8, die in der Unendlichkeit gemss dem Parallelittsprinzip ein x ergibt, sagt Axa. Ausserdem klingt der Name gut, fgt sie an und lehnt sich zurck.

Ich koche ohne Rezepte

Mde fhlt sie sich manchmal, und auch elend: Dann esse ich fast nichts, hchstens eine Schale Reis, verrt sie. 1993/94 liess sie sich zur makrobiotischen Kchin und Lehrerin ausbilden. In einer Kochkunst, die ohne Rezepte auskommt. Die makrobiotische Kche kennt nmlich keine Rezepte. Oder wie es die makrobiotische Philosophie ausdrckt: Die Kochkunst ist die wahre Lebenskunst. Unsere Gesundheit, folglich unser Glck, unsere freiheit und selbst unsere Urteilsfhigkeit (Gerechtigkeit) werden von dieser Kunst beeinflusst. 1994 erffnete Axa ihr Centre Macrobiotique DerDieDas in einem schmucken Haus in Avenches.

für Axa ist Makrobiotik nicht bloss Lebenselixier, sondern durchaus auch handfeste berlebenshilfe: Die 26jhrige leidet nmlich an Osteoporose (Schwund des festen Knochengewebes), im fortgeschrittenen Stadium, wie Axa selber sagt. Auf die Medizin ist sie nicht sonderlich gut zu sprechen, denn schliesslich sei diese für ihre Krankheit mitverantwortlich. Axa ist berzeugt, dass die Osteoporose von den starken Hormonbehandlungen whrend der Geschlechtsumwandlung herrhrt.

Eines Tages werde ich an einem Genickbruch sterben, sagt sie und wirft trotzig ihr langes Haar über die Schulter. Den Schritt zum anderen Geschlecht hin bereut sie trotzdem nicht: Als Mann htte ich nicht weiterleben können.

Ich vernetze die Menschen

Bereits ihr drittes und viertes Lied schwirrt demnchst durchs Internet, und vom 23. 11. bis 1. Dezember findet im Tuntenhaus am Tavelweg 26 eine Ausstellung von DerDieDas statt. Im Tuntenhaus, weil Axa Ende Sommer dieses Jahres das Haus in Avenches gekndigt worden war. Ausserdem arbeitet sie weiterhin als fliegende makrobiotische Kchin, organisiert Kurse und ldt Leute aus diversen Berufssparten zu regelmässigen Essen ein. Wer mehr wissen will, soll mir an die Adresse Axa, Postfach 1580, Avenches, schreiben. Die Frau, die einst Mann war, ist sich an Publizitt gewhnt.

Als Coco ist sie bekannt, als Axa lebt die Performance-Künstlerin heute. Der makrobiotische Garten in Avenches bedeutete ihr viel.

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