LEBENSWANDEL / Axa LaBELLE: Sie singt,
sie tanzt, sie kocht, ist Model, Performance-Künstlerin und transsexuell Axa alias Coco - oder die Geschichte eines Mannes, der Miss Fitness werden
will
Als Mann wurde sie geboren, als Frau lebt sie heute: Die
Bernerin Axa, besser bekannt als Coco, singt auf Internet, ist eine gefragte
Performance-Künstlerin, lebt makrobiotisch - und will Miss Fitness 1996 werden.
Autor: Katrin Neuenschwander
Sie braucht keinen Khlschrank und keine Milchprodukte. Sie isst
schweigsam, kaut lange und mchte als Makrobiotin immer weniger zum Leben brauchen: Ich
bin erst frei, wenn ich Gras fressen kann, erklrt Axa ihr Ziel, die Einheit,
Unendlichkeit, das Absolute zu erfahren. Ganz selbstverstndlich erklrt die
grossgewachsene Transsexuelle die Ordnung des Universums, spricht von der logarithmischen
Spirale und nennt die Theoreme von Yin und Yang als ihre Lebensphilosophie. Ohne zu
zgern, lsst sie sich über die imaginre Grenze zwischen der absoluten und der
relativen, materiellen Welt aus, so als htte sie diese Grenze bereits viel früher
erfahren. Ich habe diese Theoreme lange vorher erarbeitet, bevor ich schliesslich zur
Makrobiotik gefunden habe, erklrt sie ihre Vertrautheit mit der fernstlichen
Lebensphilosophie der Ditetik.
Ich habe keine Cellulitis
Mehrmals wchentlich trainiert sie in einem Fitnessstudio und
sthlt ihre Muskeln an Kraftgerten und mit Hanteln. Nicht, um Cellulitis loszuwerden
-das kenne ich nicht - sondern, um nchstes Jahr die Wahl der Miss Fitness zu
gewinnen. Ausserdem braucht sie eine gute Kondition für ihre Performances.
Schon als Kind - sie kam 1969 in Bern als Marc-Patric Lortan
zur Welt - tastete sich Axa an Grenzen heran, sagt selber von sich, als Wunderkind geboren
worden zu sein. Die Relativittstheorie war für sie ein Kinderspiel, das Aufwachsen als
Mann hingegen legte ihr Hindernisse in den Weg.
Bereits als Jugendliche whlte Axa den Weg ins Showbusiness, ins
Künstlerische Umfeld: Erste Filmerfahrungen sammelte die damals 17jhrige 1986 in
frankfurt und London. Ein Jahr spter fhrte sie bereits Mode vor, liess sich zum Model
ausbilden und bestand 1988 die Maturittsprfung. Eigentlich wollte sie
Rechtswissenschaften studieren, doch die Lebensumstnde hinderten sie daran. So wurde
ich halt eine Transe, sagt Axa und lacht laut auf. Sie versteht es, sich in Szene zu
setzen und weiss, dass sie mit solch pointierten Aussagen auffllt. Doch das strt sie
nicht, im Gegenteil. Axa sucht die ffentlichkeit und macht aus ihrer
Geschlechtsumwandlung kein Geheimnis. Dass sie zuweilen auf ihre Transsexualität
reduziert wird, strt sie aber und drngt sie an den Rand der Gesellschaft.
Ich bin eine Transe und bleibe eine
Unter ihrem Künstlernamen Coco machte sie Furore, trat als
Performance-Künstlerin 1989 auf und posierte für Kunstfotos des Fotografen Reto
Camenisch. Es folgten Aufenthalte in Paris, Mailand und London.
Vom Wunsch, eine Frau zu werden, konnte dieses aufregende Leben
als Künstlerin nicht ablenken. Die Transformation vom Mann zur Frau musste auch
körperlich erfolgen. Eine Geschlechtsumwandlung wurde damals unumgnlich. 1990 liess sie
sich operieren - aus Marc-Patric wurde Eve-Claudine.
Ich bin ein Star
Axas Umwandlungsprozess blieb nicht unbemerkt: Der
Riniker-Dokumentarfilm Traum Frau (er wurde 1991 im Fernsehen gezeigt) zeichnete die
verschieden Phasen von Cocos Umwandlung minuzis nach. Fernsehstationen, Zeitschriften
und Fotografen rissen sich um ihre Geschichte. Ich bin ein Star, sagt Axa, die den
Rummel nicht scheut, sondern mit ihren ffentlichen Auftritten als
Performance-Künstlerin und Sngerin auch Geld verdient. 1991 grndete sie ihren
Multimedia-Verein DerDieDas.
Trotz ihrer Publizitt fhlt sie sich oft einsam. In solchen
Momenten, in denen sie auf sich zurckgeworfen ist, verspürt sie denn den Wunsch nach
einem geordneten Leben. Die Suche nach ihrem inneren Wesen hat sie dabei aufgegeben:
Mein Kern ist die Kernlosigkeit.
Makrobiotik ist mein Kompass
Den eigentlichen Kompass des Lebens hat sie gefunden: in der
Makrobiotik. Die Geschlechtsumwandlung war die Triebfeder zu einem Lebenswandel, zu dem
sie sich immer strker hingezogen fhlte, der sie berzeugte und strkte. Und
pltzlich passte der alte Name Coco nicht mehr: Das tnt zu
sehr nach Kosename, meint sie. Also taufte sie sich um und lebt seither als Axa LaBELLE.
Der Name sei nicht aus einer Laune heraus entstanden, sondern Produkt philosophischer
berlegung: Der Buchstabe A steht für von A bis Z, für das Allumfassende. Das S
verhlt sich symmetrisch zu Z und bedeutet die andere Seite der Unendlichkeit. In der
Vereinigung bilden s und z eine 8, die in der Unendlichkeit gemss dem
Parallelittsprinzip ein x ergibt, sagt Axa. Ausserdem klingt der Name gut, fgt
sie an und lehnt sich zurck.
Ich koche ohne Rezepte
Mde fhlt sie sich manchmal, und auch elend: Dann esse ich
fast nichts, hchstens eine Schale Reis, verrt sie. 1993/94 liess sie sich zur
makrobiotischen Kchin und Lehrerin ausbilden. In einer Kochkunst, die ohne Rezepte
auskommt. Die makrobiotische Kche kennt nmlich keine Rezepte. Oder wie es die
makrobiotische Philosophie ausdrckt: Die Kochkunst ist die wahre Lebenskunst. Unsere
Gesundheit, folglich unser Glck, unsere freiheit und selbst unsere Urteilsfhigkeit
(Gerechtigkeit) werden von dieser Kunst beeinflusst. 1994 erffnete Axa ihr Centre
Macrobiotique DerDieDas in einem schmucken Haus in Avenches.
für Axa ist Makrobiotik nicht bloss Lebenselixier, sondern
durchaus auch handfeste berlebenshilfe: Die 26jhrige leidet nmlich an Osteoporose
(Schwund des festen Knochengewebes), im fortgeschrittenen Stadium, wie Axa selber
sagt. Auf die Medizin ist sie nicht sonderlich gut zu sprechen, denn schliesslich sei
diese für ihre Krankheit mitverantwortlich. Axa ist berzeugt, dass die Osteoporose von
den starken Hormonbehandlungen whrend der Geschlechtsumwandlung herrhrt.
Eines Tages werde ich an einem Genickbruch sterben, sagt sie
und wirft trotzig ihr langes Haar über die Schulter. Den Schritt zum anderen Geschlecht
hin bereut sie trotzdem nicht: Als Mann htte ich nicht weiterleben können.
Ich vernetze die Menschen
Bereits ihr drittes und viertes Lied schwirrt demnchst durchs
Internet, und vom 23. 11. bis 1. Dezember findet im Tuntenhaus am Tavelweg 26 eine
Ausstellung von DerDieDas statt. Im Tuntenhaus, weil Axa Ende Sommer dieses Jahres das
Haus in Avenches gekndigt worden war. Ausserdem arbeitet sie weiterhin als fliegende
makrobiotische Kchin, organisiert Kurse und ldt Leute aus diversen Berufssparten zu
regelmässigen Essen ein. Wer mehr wissen will, soll mir an die Adresse Axa, Postfach
1580, Avenches, schreiben. Die Frau, die einst Mann war, ist sich an Publizitt
gewhnt.
Als Coco ist sie bekannt, als Axa lebt die
Performance-Künstlerin heute. Der makrobiotische Garten in Avenches bedeutete ihr viel. |