erschienen im 'du', Dez. 99/Jan. 20

Im Kfig des Geschlechts

Von Paul Riniker

Gibt es dank der Mglichkeit der körperlichen Umwandlung mit Mitteln der Chirurgie eine freiheit zur Wahl des Geschlechts? Es gibt Tabus und Illusionen zu hohem Preis.

Unter uns leben Tausende, die im Laufe ihres Lebens einen mhsamen Prozess der Verwandlung durchgemacht haben vom einen Geschlecht zum anderen. Sie sind aufgewachsen als männliche Wesen mit einer weiblichen Identität und haben sich, mit Hormonen und mit oft unzhligen Operationen, körperlich zur Frau umbauen lassen. Oder sie waren äusserlich Frauen und wurden zum Mann gemacht. Transsexuelle heissen sie. Sie sind eine Minderheit ohne Lobby. Die ffentlichkeit weiss zwar um ihre Existenz, doch nimmt sie zumeist nur die exzentrischen Vertreter dieser Minderheit wahr, jene Transsexuellen beispielsweise, die sich im Milieu tummeln. Die vielen anderen, die sich nichts seähnlicher wünschen als eine Integration ins gesellschaftliche Leben, werden im gnstigeren Fall nicht als Transsexuelle erkannt, im weniger gnstigeren sind sie Parias.

Das Thema fasziniert. Ich habe mit keinem meiner fast fnfzig Fernsehdokumentarfilme einen ähnlichen Aufmerksamkeitsgrad erlebt wie mit der Arbeit über die Transsexuelle Coco (Traum Frau, SF DRS 1992), sowohl an den Zuschauerzahlen wie an den Pressereaktionen gemessen. Ihr tragisches Ende vor einem Jahr Coco nahm sich das Leben lste nochmals eine breite Diskussion um das Thema aus.

Coco litt. Ob an ihrer Transsexualität oder aus anderen Grnden, das bleibe dahingestellt. Doch klar ist: Jede(r) Transsexuelle leidet. Da sind sich Psychologen und Psychiater einig. Den Weg der körperlichen Umwandlung nimmt nur auf sich, wer mit dem Leidensdruck, den ihm/ ihr das falsche Geschlecht beschert, nicht mehr leben kann. Bereits vor dem Umbau beginnt die Hormonbehandlung, danach folgt ein massiver körperlicher Eingriff, der je nach Chirurg und Methode, die er whlt, in einer oder mehreren Operationen ausgefhrt wird. Der Erfolg ist nicht garantiert. Männliche Männer werden nie wirklich eindeutig zur Frau, ihr Haarwuchs an allen möglichen Körperstellen wird sie ein Leben lang beschftigen. Die tiefe Stimme bringt der Chirurg auch mit Stimmbandverkrzung nicht vollstndig in weibliche Hhen. Ausserdem sind die Operationen riskant, vieles kann schief gehen. Eine zu enge Vagina, schlecht verheilte Narben oder Schmerzen plagen Transsexuelle unter Umstnden ein Leben lang.

Der Eingriff wre wesentlich erfolgversprechender, wenn er in jungen Jahren vorgenommen wrde. Doch welche Gesellschaft traut ihren Teenagern schon einen derart einschneidenden Entschluss zu? Wer wrde nicht zweifeln, wenn ein Vierzehnjhriger den Wunsch usserte, zur Frau umgebaut zu werden?

In unseren Breiten sind Umwandlungen von Mann zu Frau um ein Vielfaches häufiger als von Frau zu Mann. Verlssliche Zahlen zum Thema Transsexualität sind allerdings schwer erhltlich. Das statistische Material, das in diversen Forschungsprojekten zusammengetragen wurde, ist voller Widersprche. Das Thema scheint massiv von Vorurteilen belastet zu sein, die sich bis in die wissenschaftliche Betrachtung hinein auswirken. Es lst nebst Faszination offenbar auch AngstGefühle aus, weil es an tief liegende Tabus rhrt. Dass das Geschlecht pltzlich zu einer Wahlmöglichkeit wird, das hat etwas Bedrohliches an sich. Der Blick ist durch Mythen verstellt.

Jede Kultur geht mit der Transsexualität anders um. Ein Umbau in Asien ist etwas vllig anderes als in Italien beispielsweise, wo die Umwandlung bis vor kurzem tabuisiert war.

Gesprche mit Betroffenen zeigen jedoch in einem Punkt generelle bereinstimmung: Die operative Umwandlung ist keine freiheit zur Wahl des Geschlechtes, sondern die einzige Lösung eines existenziellen Problems. Dabei scheint aber nicht erforscht zu sein, wie denn die Lebensqualitt einer Transsexuellen ausshe, die unter Verzicht auf eine Geschlechtsumwandlung intensiv psychologisch betreut wrde, und zwar so, dass nicht versucht wird, ihr die weibliche Identität zu nehmen, sondern mit dem Ziel, dass sie sich als Frau fühlen kann, obwohl sie in einem männlichen Körper lebt.

Ebenso wenig ist der Zusammenhang erforscht zwischen der gesellschaftlichen Zuordnung menschlicher Eigenschaften nach Geschlecht und dem Befinden der Transsexuellen. Wrde die freiheit der Wahl des Geschlechts nicht zur mssigen frage, wenn die gesellschaftliche Toleranz grsser wre? Wenn Männer nicht nur männlich, Frauen nicht bloss weiblich sein mssten?

Die Genderforschung der letzten Jahrzehnte zeigt: Das Geschlecht ist eine sozial genormte Grsse und zumindest nicht bloss eine biologische. Viele Männer, die sich eindeutig als Mann und als Heterosexueller fühlen, mchten sich nicht für ihre Trnen schmen müssen, wollen nicht mutig und körperlich stark sein, um nur dies Wenige zu erwhnen von dem Vielen, das in unserer Gesellschaft eindeutig als geschlechtsspezifisch normiert gilt. Sogenannt weibliche Eigenschaften empfinden viele Männer als bereichernd, Sensibilität ist ein Teil ihrer Identität, die sie sich nicht nehmen lassen mchten. Haben unsere Faszination für und unsere Schwierigkeit mit der Transsexualität vielleicht damit zu tun, dass wir alle eine gegengeschlechtliche Seite in uns haben, wir aber in den heute geltenden gesellschaftlichen Normen diese nicht adquat ausleben können? Dass Geschlecht zu eindeutig definiert ist?

Diese fragen stellen sich angesichts des Aufwandes und des Leids, die jede Umwandlung mit sich bringt. Die Schilderungen der körperlichen Qualen, die viele Transsexuelle durchleiden, und die gelegentlich fragwrdigen Resultate, die die Chirurgie in diesem Bereich hervorbringt, lassen daran zweifeln, dass die operative Umwandlung der einzig mögliche Weg sei. Der Preis ist hoch, die Umwandlung in seltenen Fllen perfekt. Das Leiden und die Suche nach der eigenen Identität geht im brigen bei vielen Transsexuellen auch nach der Umwandlung weiter. für viele entpuppt sie sich als eine Illusion zu einem hohen Preis: Sie werden in ihrem neuen Geschlecht von ihrer Umwelt nicht akzeptiert. Ausserdem ist die Wahl des Geschlechts seit die chirurgische Umwandlung eine Option ist für Transsexuelle keine freiheit, sondern ein Zwang. Sie fühlen sich bereits als dem anderen Geschlecht zugehörig, und es ist für sie ein absolutes Muss, dass sie ihren Körper dieser inneren Realitt anpassen. Von freiheit kann hier nicht die Rede sein. Unter freiheit knnte man sich in diesem Kontext nur grssere gesellschaftliche Offenheit gegenüber Transsexuellen vorstellen.

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