Im
Kfig des Geschlechts
Von
Paul Riniker
Gibt
es dank der Mglichkeit der körperlichen Umwandlung mit Mitteln
der Chirurgie eine freiheit zur Wahl des Geschlechts? Es gibt
Tabus und Illusionen zu hohem Preis.
Unter
uns leben Tausende, die im Laufe ihres Lebens einen mhsamen Prozess
der Verwandlung durchgemacht haben vom einen Geschlecht zum
anderen. Sie sind aufgewachsen als männliche Wesen mit einer
weiblichen Identität und haben sich, mit Hormonen und mit oft unzhligen
Operationen, körperlich zur Frau umbauen lassen. Oder sie waren äusserlich
Frauen und wurden zum Mann gemacht. Transsexuelle heissen sie. Sie
sind eine Minderheit ohne Lobby. Die ffentlichkeit weiss zwar um
ihre Existenz, doch nimmt sie zumeist nur die exzentrischen Vertreter
dieser Minderheit wahr, jene Transsexuellen beispielsweise, die sich
im Milieu tummeln. Die vielen anderen, die sich nichts seähnlicher wünschen
als eine Integration ins gesellschaftliche Leben, werden im gnstigeren
Fall nicht als Transsexuelle erkannt, im weniger gnstigeren sind sie
Parias.
Das
Thema fasziniert. Ich habe mit keinem meiner fast fnfzig
Fernsehdokumentarfilme einen ähnlichen Aufmerksamkeitsgrad erlebt wie
mit der Arbeit über die Transsexuelle Coco (Traum Frau, SF DRS
1992), sowohl an den Zuschauerzahlen wie an den Pressereaktionen
gemessen. Ihr tragisches Ende vor einem Jahr Coco nahm sich das
Leben lste nochmals eine breite Diskussion um das Thema aus.
Coco
litt. Ob an ihrer Transsexualität oder aus anderen Grnden, das
bleibe dahingestellt. Doch klar ist: Jede(r) Transsexuelle leidet. Da
sind sich Psychologen und Psychiater einig. Den Weg der körperlichen
Umwandlung nimmt nur auf sich, wer mit dem Leidensdruck, den ihm/ ihr
das falsche Geschlecht beschert, nicht mehr leben kann. Bereits
vor dem Umbau beginnt die Hormonbehandlung, danach folgt ein massiver
körperlicher Eingriff, der je nach Chirurg und Methode, die er whlt,
in einer oder mehreren Operationen ausgefhrt wird. Der Erfolg ist
nicht garantiert. Männliche Männer werden nie wirklich eindeutig
zur Frau, ihr Haarwuchs an allen möglichen Körperstellen wird sie
ein Leben lang beschftigen. Die tiefe Stimme bringt der Chirurg auch
mit Stimmbandverkrzung nicht vollstndig in weibliche Hhen.
Ausserdem sind die Operationen riskant, vieles kann schief gehen. Eine
zu enge Vagina, schlecht verheilte Narben oder Schmerzen plagen
Transsexuelle unter Umstnden ein Leben lang.
Der
Eingriff wre wesentlich erfolgversprechender, wenn er in jungen
Jahren vorgenommen wrde. Doch welche Gesellschaft traut ihren
Teenagern schon einen derart einschneidenden Entschluss zu? Wer wrde
nicht zweifeln, wenn ein Vierzehnjhriger den Wunsch usserte, zur
Frau umgebaut zu werden?
In
unseren Breiten sind Umwandlungen von Mann zu Frau um ein Vielfaches häufiger
als von Frau zu Mann. Verlssliche Zahlen zum Thema Transsexualität
sind allerdings schwer erhltlich. Das statistische Material, das in
diversen Forschungsprojekten zusammengetragen wurde, ist voller
Widersprche. Das Thema scheint massiv von Vorurteilen belastet zu
sein, die sich bis in die wissenschaftliche Betrachtung hinein
auswirken. Es lst nebst Faszination offenbar auch AngstGefühle aus,
weil es an tief liegende Tabus rhrt. Dass das Geschlecht pltzlich
zu einer Wahlmöglichkeit wird, das hat etwas Bedrohliches an sich.
Der Blick ist durch Mythen verstellt.
Jede
Kultur geht mit der Transsexualität anders um. Ein Umbau in Asien ist
etwas vllig anderes als in Italien beispielsweise, wo die Umwandlung
bis vor kurzem tabuisiert war.
Gesprche
mit Betroffenen zeigen jedoch in einem Punkt generelle bereinstimmung:
Die operative Umwandlung ist keine freiheit zur Wahl des Geschlechtes,
sondern die einzige Lösung eines existenziellen Problems. Dabei
scheint aber nicht erforscht zu sein, wie denn die Lebensqualitt
einer Transsexuellen ausshe, die unter Verzicht auf eine
Geschlechtsumwandlung intensiv psychologisch betreut wrde, und zwar
so, dass nicht versucht wird, ihr die weibliche Identität zu nehmen,
sondern mit dem Ziel, dass sie sich als Frau fühlen kann, obwohl sie
in einem männlichen Körper lebt.
Ebenso
wenig ist der Zusammenhang erforscht zwischen der gesellschaftlichen
Zuordnung menschlicher Eigenschaften nach Geschlecht und dem Befinden
der Transsexuellen. Wrde die freiheit der Wahl des Geschlechts nicht
zur mssigen frage, wenn die gesellschaftliche Toleranz grsser wre?
Wenn Männer nicht nur männlich, Frauen nicht bloss weiblich sein mssten?
Die
Genderforschung der letzten Jahrzehnte zeigt: Das Geschlecht ist eine
sozial genormte Grsse und zumindest nicht bloss eine biologische.
Viele Männer, die sich eindeutig als Mann und als Heterosexueller fühlen,
mchten sich nicht für ihre Trnen schmen müssen, wollen nicht
mutig und körperlich stark sein, um nur dies Wenige zu erwhnen von
dem Vielen, das in unserer Gesellschaft eindeutig als
geschlechtsspezifisch normiert gilt. Sogenannt weibliche Eigenschaften
empfinden viele Männer als bereichernd, Sensibilität ist ein Teil
ihrer Identität, die sie sich nicht nehmen lassen mchten. Haben
unsere Faszination für und unsere Schwierigkeit mit der Transsexualität
vielleicht damit zu tun, dass wir alle eine gegengeschlechtliche Seite
in uns haben, wir aber in den heute geltenden gesellschaftlichen
Normen diese nicht adquat ausleben können? Dass Geschlecht zu
eindeutig definiert ist?
Diese
fragen stellen sich angesichts des Aufwandes und des Leids, die jede
Umwandlung mit sich bringt. Die Schilderungen der körperlichen
Qualen, die viele Transsexuelle durchleiden, und die gelegentlich
fragwrdigen Resultate, die die Chirurgie in diesem Bereich
hervorbringt, lassen daran zweifeln, dass die operative Umwandlung der
einzig mögliche Weg sei. Der Preis ist hoch, die Umwandlung in
seltenen Fllen perfekt. Das Leiden und die Suche nach der eigenen
Identität geht im brigen bei vielen Transsexuellen auch nach der
Umwandlung weiter. für viele entpuppt sie sich als eine Illusion zu
einem hohen Preis: Sie werden in ihrem neuen Geschlecht von ihrer
Umwelt nicht akzeptiert. Ausserdem ist die Wahl des Geschlechts
seit die chirurgische Umwandlung eine Option ist für
Transsexuelle keine freiheit, sondern ein Zwang. Sie fühlen sich
bereits als dem anderen Geschlecht zugehörig, und es ist für sie ein
absolutes Muss, dass sie ihren Körper dieser inneren Realitt
anpassen. Von freiheit kann hier nicht die Rede sein. Unter freiheit knnte
man sich in diesem Kontext nur grssere gesellschaftliche Offenheit
gegenüber Transsexuellen vorstellen. |