Von kleinen Unterschieden auf der Karriereleiter
von Christine Brand
gleichstellung / Die Studie ist 167 Seiten dick, hat 45
500 franken gekostet und widmet sich ausschliesslich den Karrieren
bernischer Grossrätinnen und Grossräte. Sie bringt
an den Tag: Die Schuld, dass in den politischen Gremien nicht
mehr Frauen vertreten sind, kann unter anderem den Parteien
in die Schuhe geschoben werden.
Wer schon als Kind am Mittagstisch den politischen Ausführungen
seines Vaters lauschen konnte, sich im Alter von ungefähr
26 Jahren selber in einer Kommission engagierte, etwa mit 30
Jahren einer Partei beitrat und dort eine aktive Rolle übernahm,
ja vielleicht sogar das Präsidium der Ortspartei innehatte
und zu allem hinzu auch noch per Zufall männlichen Geschlechts
ist - der hat grösste Chancen, früher oder später
in den bernischen Grossen Rat gewählt zu werden. Denn eine
167 Seiten dicke und 45 500 franken teure Studie bringts an
den Tag: Genau so gestaltet sich die Durchschnittskarriere eines
durchschnittlichen bernischen Kantonsparlamentariers.
Um herauszufinden, wie die 200 Grossrätinnen (30 Prozent)
und Grossräte (70 Prozent) ihr Karriereleiterchen hinaufgestiegen
sind und ob es allenfalls Unterschiede zwischen den Werdegängen
weiblicher und männlicher Politiker gibt, hat die Kantonale
Fachstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern
die Studie in Auftrag gegeben. Und siehe da: Es gibt sie, die
Unterschiede! Riesig sind sie zwar nicht, aber sie zeigen auf,
was alle insgeheim längst vermutet haben: Die Männer
haben es einfacher. "Am Anfang einer politischen Karriere
steht die Anfrage", hat Bettina Nyffeler, Projektleiterin
der qualitativen Studie, herausgefunden. Die wichtigste Mobilisierungsinstanz
seien die Parteien. Und: "Männer werden von den Parteien
häufiger für eine Kandidatur für ein politisches
Amt angefragt als Frauen."
Et voilà: Es sind also die Parteien, die sich wegen
der weiblichen Untervertretung in der Politik an der Nase nehmen
müssen. Sie sind zwar das Sprungbrett für eine politische
Karriere schlechthin; 60 Prozent der Grossratsmitglieder
haben zuvor eine Parteifunktion ausgeführt, am häufigsten
als Präsident ihrer Ortssektion. Aber: Fast die Hälfte
der
Frauen bekleidete vor dem Eintritt in den Grossen Rat keine
Parteifunktion. Bei den Männern war es nur ein Drittel.
Nicht nur, dass die Parteien ihre männlichen Mitglieder
öfter für ein politisches Amt anfragen und motivieren
als ihre
weiblichen Mitglieder. Männer, sagt Bettina Nyffeler, hätten
auch öfter die publikumswirksamen Aufgaben in der Partei
inne. Bettina Nyffelers Fazit: "Frauen sind in den Parteien
schlechter integriert als Männer."
Dafr sind die Frauen schneller: Die Wahl in den Grossen
Rat erfolgte bei Frauen im Schnitt im 43. Altersjahr. Die Durchschnittsmänner
hatten vier Jahre mehr auf dem Buckel. Während die gewählten
Männer durchschnittlich seit 16 Jahren in einer Partei
mitwirkten, waren die Frauen elf Jahre vor ihrer Wahl einer
Partei beigetreten. Die allerschnellsten Frauen sind links:
"Typisch für Frauen aus Parteien des linken Spektrums
ist es, fürüh den Sprung in die kantonale Politik zu schaffen",
sagt Projektmitarbeiterin Regula Burri. Ein Vorurteil widerlegt
die Studie: "Frauen sind nicht weniger motiviert",
sagt Burri. "Es sind eher die Grossrätinnen, die sich
für eine weitere politische Karriere interessieren."
Die vier Frauen, die die Studie erarbeitet haben, entdeckten
"bei sämtlichen Karrierepunkten geschlechtsspezifische
Unterschiede". Die allerdings nicht gleichzusetzen sind
mit Diskriminierungen: Weder die befragten Grossrätinnen
noch die Grossräte beklagten geschlechtsbezogene Benachteiligungen
auf ihrem politischen Werdegang. Die Befragten selber haben
als wichtigste Voraussetzung für ihre Wahl den Bekanntheitsgrad
genannt. Das "Geschlecht" hingegen wurde als weniger
wichtig beurteilt. Jenen, die den Sprung in den Grossen Rat
geschafft hatten, wurden nach eigenen Angaben auch keine Hindernisse
in den Weg gelegt - weder den Frauen noch den Männern.
"Es führen viele Wege in den Grossen Rat", resümiert
Bettina Nyffeler. All jene, auf die die durchschnittlichen Voraussetzungen
für ein Grossratsmandat nicht zutreffen, dürfen also
weiter hoffen. Hilfe naht auch für Frauen, die sich mit
der frage plagen "Wie werde ich Grossrätin?":
Abgestützt auf die Studie, werden für Parteien und
angehende Politikerinnen derzeit Empfehlungen formuliert.
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