erschienen im Bund vom 3. Februar 2000

Von kleinen Unterschieden auf der Karriereleiter

von Christine Brand

gleichstellung / Die Studie ist 167 Seiten dick, hat 45 500 franken gekostet und widmet sich ausschliesslich den Karrieren bernischer Grossrätinnen und Grossräte. Sie bringt an den Tag: Die Schuld, dass in den politischen Gremien nicht mehr Frauen vertreten sind, kann unter anderem den Parteien in die Schuhe geschoben werden.

Wer schon als Kind am Mittagstisch den politischen Ausführungen seines Vaters lauschen konnte, sich im Alter von ungefähr 26 Jahren selber in einer Kommission engagierte, etwa mit 30 Jahren einer Partei beitrat und dort eine aktive Rolle übernahm, ja vielleicht sogar das Präsidium der Ortspartei innehatte und zu allem hinzu auch noch per Zufall männlichen Geschlechts ist - der hat grösste Chancen, früher oder später in den bernischen Grossen Rat gewählt zu werden. Denn eine 167 Seiten dicke und 45 500 franken teure Studie bringts an den Tag: Genau so gestaltet sich die Durchschnittskarriere eines durchschnittlichen bernischen Kantonsparlamentariers.

Um herauszufinden, wie die 200 Grossrätinnen (30 Prozent) und Grossräte (70 Prozent) ihr Karriereleiterchen hinaufgestiegen sind und ob es allenfalls Unterschiede zwischen den Werdegängen weiblicher und männlicher Politiker gibt, hat die Kantonale Fachstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern die Studie in Auftrag gegeben. Und siehe da: Es gibt sie, die Unterschiede! Riesig sind sie zwar nicht, aber sie zeigen auf, was alle insgeheim längst vermutet haben: Die Männer haben es einfacher. "Am Anfang einer politischen Karriere steht die Anfrage", hat Bettina Nyffeler, Projektleiterin der qualitativen Studie, herausgefunden. Die wichtigste Mobilisierungsinstanz seien die Parteien. Und: "Männer werden von den Parteien häufiger für eine Kandidatur für ein politisches Amt angefragt als Frauen."

Et voilà: Es sind also die Parteien, die sich wegen der weiblichen Untervertretung in der Politik an der Nase nehmen müssen. Sie sind zwar das Sprungbrett für eine politische Karriere schlechthin; 60 Prozent der Grossratsmitglieder haben zuvor eine Parteifunktion ausgeführt, am häufigsten als Präsident ihrer Ortssektion. Aber: Fast die Hälfte der Frauen bekleidete vor dem Eintritt in den Grossen Rat keine Parteifunktion. Bei den Männern war es nur ein Drittel. Nicht nur, dass die Parteien ihre männlichen Mitglieder öfter für ein politisches Amt anfragen und motivieren als ihre weiblichen Mitglieder. Männer, sagt Bettina Nyffeler, hätten auch öfter die publikumswirksamen Aufgaben in der Partei inne. Bettina Nyffelers Fazit: "Frauen sind in den Parteien schlechter integriert als Männer."

Dafr sind die Frauen schneller: Die Wahl in den Grossen Rat erfolgte bei Frauen im Schnitt im 43. Altersjahr. Die Durchschnittsmänner hatten vier Jahre mehr auf dem Buckel. Während die gewählten Männer durchschnittlich seit 16 Jahren in einer Partei mitwirkten, waren die Frauen elf Jahre vor ihrer Wahl einer Partei beigetreten. Die allerschnellsten Frauen sind links: "Typisch für Frauen aus Parteien des linken Spektrums ist es, fürüh den Sprung in die kantonale Politik zu schaffen", sagt Projektmitarbeiterin Regula Burri. Ein Vorurteil widerlegt die Studie: "Frauen sind nicht weniger motiviert", sagt Burri. "Es sind eher die Grossrätinnen, die sich für eine weitere politische Karriere interessieren."

Die vier Frauen, die die Studie erarbeitet haben, entdeckten "bei sämtlichen Karrierepunkten geschlechtsspezifische Unterschiede". Die allerdings nicht gleichzusetzen sind mit Diskriminierungen: Weder die befragten Grossrätinnen noch die Grossräte beklagten geschlechtsbezogene Benachteiligungen auf ihrem politischen Werdegang. Die Befragten selber haben als wichtigste Voraussetzung für ihre Wahl den Bekanntheitsgrad genannt. Das "Geschlecht" hingegen wurde als weniger wichtig beurteilt. Jenen, die den Sprung in den Grossen Rat geschafft hatten, wurden nach eigenen Angaben auch keine Hindernisse in den Weg gelegt - weder den Frauen noch den Männern. "Es führen viele Wege in den Grossen Rat", resümiert Bettina Nyffeler. All jene, auf die die durchschnittlichen Voraussetzungen für ein Grossratsmandat nicht zutreffen, dürfen also weiter hoffen. Hilfe naht auch für Frauen, die sich mit der frage plagen "Wie werde ich Grossrätin?": Abgestützt auf die Studie, werden für Parteien und angehende Politikerinnen derzeit Empfehlungen formuliert.

 

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