erschienen im Tagesanzeiger vom 11. Februar 2000

Auch Feministinnen sind Ebenbilder Gottes

Die gottesfrchtigen Frauen in Israel werden immer selbstbewusster. Jetzt haben sie dem Patriarchat den Kampf angesagt.

Von Joseph Croitoru

In Israel gewinnt ein theologischer Bruderzwist, der ein gutes Jahrhundert zurückliegt, erneut an Brisanz. Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten sich Reformjuden in Europa von der jüdischen Orthodoxie abgenabelt, als sie begannen, die jahrtausendealte jüdische Liturgie moderner zu gestalten. Mit dem Abschiednehmen von der jüdischen Benediktion "Gepriesen seist du, Herr, der du mich nicht als Frau erschaffen hast" war der Bruch mit der Orthodoxie endgültig. Die von gesetzestreuen jüdischen Männern beim Morgengebet gesprochene Dankesformel ist mittlerweile bei gläubigen nationalreligiösen jüdischen Frauen in Israel zu einem ärgernis geworden.

Diese Entwicklung ist nicht nur auf den verstärkten Auftritt der konservativen und Reformjuden in Israel zurückzuführen, die die althergebrachte Geschlechterhierarchie innerhalb der weitgehend vom orthodoxen Judentum geprägten religiösen Gesellschaft im Land in Frage stellen. Beigetragen hat dazu auch der Umstand, dass es innerhalb der Gesellschaftsgruppe der religiösen Zionisten seit einigen Jahren üblich geworden ist, dass sich Frauen im Rahmen von Hochschulstudien an das für die jüdische Frau jahrtausendelang tabuisierte Studium des Talmuds heranwagen. Talmudschulen, wie sie für jüdische Männer seit beinahe zweitausend Jahren bestehen, existieren in Israel zwar noch nicht. Aber aus den vielerorts im Land entstandenen Batei Midrash (Studienhäusern) wird die Klage über den Ausschluss der Frau vom Talmudstudium und ihre Herabwürdigung im Gottesdienst immer häufiger vernehmbar.

Feministischer Strom

Die zionistisch-religiösen Frauen sind weniger denn je bereit, sich dem von Männern dominierten nationalreligiösen Establishment widerstandslos zu fügen. Sie fordern eine Reformierung der Liturgie und die Abänderung der umstrittenen Dankesformel in "Gepriesen seist du, Herr, der du mich als dein Ebenbild erschaffen hast", die für Männer und Frauen gleichermassen Gültigkeit besitzt. Die Journalistin Bambi Sheleg, Wortführerin der religiösen frauenaktivistinnen, sieht sich als Speerspitze eines "riesigen Stroms junger frommer Frauen, die sich ihren eigenen Weg bahnen wollen in der Welt des jüdischen Religionsgesetzes und des Talmudstudiums". Es sei nur eine frage der Zeit, meint Sheleg, die diese Entwicklung für unumkehrbar hält, bis nationalreligiöse Frauen als Rabbinerinnen, religiöse Richterinnen und Gutachterinnen tätig würden. Dass dies, wie Sheleg prognostiziert, zu einer Spaltung innerhalb der nationalreligiösen Orthodoxie führen könnte, ist keineswegs aus der Luft gegriffen, sondern lässt sich anhand der Reaktionen auf ihre Publikationen deutlich beobachten. Ihr Aufsatz "Gebot aus einer längst vergangenen Zeit", in dem sie Gleichberechtigung für die zionistisch-religiöse Frau fordert, löste unlängst nach seiner Veröffentlichung in der Zeitschrift der militanten nationalreligiösen Siedler "Nekuda" heftige Proteste aus.

Shelegs Aufruf an ihre Glaubensschwestern, den Männern das Recht abzusprechen, darüber bestimmen zu können, ob die Frauen keusch genug gekleidet seien oder nicht, sah einer ihrer männlichen Gegner als theologische Kriegserklärung an. Männer und Frauen seien nun einmal, ereiferte sich der Siedlerrabbiner aus der Westbank, von unterschiedlicher Natur, und so seien doch wohl die Männer diejenigen, die am besten beurteilen könnten, was sie an Frauen sexuell provoziere. Dem Feminismus, den er als westliches Importprodukt verurteilt und den er im Wirken der frauenaktivistin Sheleg verkörpert sieht, warf er vor, die natürlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen verwischen zu wollen und damit das Zusammenleben der beiden Geschlechter negativ zu beeinflussen. Ein derartiger Vorstoss, so der Vorwurf des Rabbiners, sorge für Verwirrung im nationalreligiösen Lager und könnte die Kluft zwischen "orthodoxen Nationalreligiösen" und "modernen Religiösen", die heute beileibe schon tief genug sei, noch weiter vergrössern. Tatsächlich hat die feministische Diskussion auch eine Spaltung unter den nationalreligiösen Frauen bewirkt. So warf eine religiöse Dozentin, die fromme Frauen in Judaistik unterrichtet, der Autorin Sheleg vor, mit ihrem Ruf nach Gleichstellung der Frau das wichtigste Fundament des jüdischen Volkes, die Familie, zu gefährden. für sie, anders als für Bambi Sheleg, macht es keinerlei Sinn, wenn Frauen beanspruchen, in der Synagoge aus der Thorarolle lesen zu wollen.

Bürden und Pflichten

Sollten die Frauen von solchen Begehren nicht ablassen, dann, so die Forderung eines weiteren Gegners der Feministin Sheleg, sollten sie auch die Bürde der vielen religiösen Pflichten, die jüdische Männer zu erfüllen hätten, auf sich nehmen - wie etwa dreimal täglich in der Synagoge zu beten.

Dass die feministische Diskussion, die inzwischen das gesamte nationalreligiöse Lager erfasst hat, in nicht allzu ferner Zukunft auch die Ultraorthodoxie erreichen könnte, schliesst die säkulare israelische Anthropologin Tamar El-Or, die Feldstudien in ultraorthodoxen und nationalreligiösen frauenkreisen betrieben hat, nicht mehr aus. Sie spricht in diesem Zusammenhang von einer "radikalen Revolution des heutigen Judentums, wie sie die Gesellschaft frommer Juden schon lange nicht mehr erlebt hat". Die israelische Ultraorthodoxie befindet sich hier tatsächlich schon in der Defensive. Nur so lässt sich erklären, weshalb in jüngster Zeit in der Presse der Gottesfrchtigen zunehmend gegen die Reformjuden mobilisiert wird, wobei die frauenthematik immer grösseren Raum einnimmt. Die ultraorthodoxen Kommentatoren sperren sich vehement dagegen, dass Frauen ebenso wie die Männer aus der Thorarolle lesen dürfen, und ziehen mit religiösen Gutachten grosser rabbinischer Gelehrter wie Maimonides ins Feld.

Doch auch die gottesfrchtigen Frauen werden immer selbstbewusster. In Leserbriefen an die Redaktionen der ultraorthodoxen Zeitungen sprechen sie mittlerweile den Männern offen das Recht ab, ihnen vorzuschreiben, ob sie etwa in den öffentlichen Verkehrsmitteln aus den Psalmen lesen und leise beten dürfen oder nicht. "Nicht jede Frau", empörte sich eine fromme Leserin, "vermag es einzurichten, ihre Gebete zu verrichten, ehe sie aus dem Haus muss. Warum also sollte sie dann nicht die Zeit etwa im Bus dazu nutzen, in den Psalmen zu lesen oder zu beten?" Solche Stimmen wären bis vor kurzem innerhalb der abgeschirmten Welt der Gottesfrchtigen in Israel undenkbar gewesen. Die Frauen befinden sich offensichtlich auch hier auf dem Vormarsch.

 

 

 

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