Auch Feministinnen sind Ebenbilder Gottes
Die gottesfrchtigen Frauen in Israel werden immer
selbstbewusster. Jetzt haben sie dem Patriarchat den Kampf angesagt.
Von Joseph Croitoru
In Israel gewinnt ein theologischer Bruderzwist, der ein gutes
Jahrhundert zurückliegt, erneut an Brisanz. Im ausgehenden
19. Jahrhundert hatten sich Reformjuden in Europa von der jüdischen
Orthodoxie abgenabelt, als sie begannen, die jahrtausendealte
jüdische Liturgie moderner zu gestalten. Mit dem Abschiednehmen
von der jüdischen Benediktion "Gepriesen seist du,
Herr, der du mich nicht als Frau erschaffen hast" war der
Bruch mit der Orthodoxie endgültig. Die von gesetzestreuen
jüdischen Männern beim Morgengebet gesprochene Dankesformel
ist mittlerweile bei gläubigen nationalreligiösen
jüdischen Frauen in Israel zu einem ärgernis geworden.
Diese Entwicklung ist nicht nur auf den verstärkten Auftritt
der konservativen und Reformjuden in Israel zurückzuführen,
die die althergebrachte Geschlechterhierarchie innerhalb der
weitgehend vom orthodoxen Judentum geprägten religiösen
Gesellschaft im Land in Frage stellen. Beigetragen hat dazu
auch der Umstand, dass es innerhalb der Gesellschaftsgruppe
der religiösen Zionisten seit einigen Jahren üblich
geworden ist, dass sich Frauen im Rahmen von Hochschulstudien
an das für die jüdische Frau jahrtausendelang tabuisierte
Studium des Talmuds heranwagen. Talmudschulen, wie sie für
jüdische Männer seit beinahe zweitausend Jahren bestehen,
existieren in Israel zwar noch nicht. Aber aus den vielerorts
im Land entstandenen Batei Midrash (Studienhäusern) wird
die Klage über den Ausschluss der Frau vom Talmudstudium
und ihre Herabwürdigung im Gottesdienst immer häufiger
vernehmbar.
Feministischer Strom
Die zionistisch-religiösen Frauen sind weniger denn je
bereit, sich dem von Männern dominierten nationalreligiösen
Establishment widerstandslos zu fügen. Sie fordern eine
Reformierung der Liturgie und die Abänderung der umstrittenen
Dankesformel in "Gepriesen seist du, Herr, der du mich
als dein Ebenbild erschaffen hast", die für Männer
und Frauen gleichermassen Gültigkeit besitzt. Die Journalistin
Bambi Sheleg, Wortführerin der religiösen frauenaktivistinnen,
sieht sich als Speerspitze eines "riesigen Stroms junger
frommer Frauen, die sich ihren eigenen Weg bahnen wollen in
der Welt des jüdischen Religionsgesetzes und des Talmudstudiums".
Es sei nur eine frage der Zeit, meint Sheleg, die diese Entwicklung
für unumkehrbar hält, bis nationalreligiöse Frauen
als Rabbinerinnen, religiöse Richterinnen und Gutachterinnen
tätig würden. Dass dies, wie Sheleg prognostiziert,
zu einer Spaltung innerhalb der nationalreligiösen Orthodoxie
führen könnte, ist keineswegs aus der Luft gegriffen,
sondern lässt sich anhand der Reaktionen auf ihre Publikationen
deutlich beobachten. Ihr Aufsatz "Gebot aus einer längst
vergangenen Zeit", in dem sie Gleichberechtigung für
die zionistisch-religiöse Frau fordert, löste unlängst
nach seiner Veröffentlichung in der Zeitschrift der militanten
nationalreligiösen Siedler "Nekuda" heftige Proteste
aus.
Shelegs Aufruf an ihre Glaubensschwestern, den Männern
das Recht abzusprechen, darüber bestimmen zu können,
ob die Frauen keusch genug gekleidet seien oder nicht, sah einer
ihrer männlichen Gegner als theologische Kriegserklärung
an. Männer und Frauen seien nun einmal, ereiferte sich
der Siedlerrabbiner aus der Westbank, von unterschiedlicher
Natur, und so seien doch wohl die Männer diejenigen, die
am besten beurteilen könnten, was sie an Frauen sexuell
provoziere. Dem Feminismus, den er als westliches Importprodukt
verurteilt und den er im Wirken der frauenaktivistin Sheleg
verkörpert sieht, warf er vor, die natürlichen Unterschiede
zwischen Männern und Frauen verwischen zu wollen und damit
das Zusammenleben der beiden Geschlechter negativ zu beeinflussen.
Ein derartiger Vorstoss, so der Vorwurf des Rabbiners, sorge
für Verwirrung im nationalreligiösen Lager und könnte
die Kluft zwischen "orthodoxen Nationalreligiösen"
und "modernen Religiösen", die heute beileibe
schon tief genug sei, noch weiter vergrössern. Tatsächlich
hat die feministische Diskussion auch eine Spaltung unter den
nationalreligiösen Frauen bewirkt. So warf eine religiöse
Dozentin, die fromme Frauen in Judaistik unterrichtet, der Autorin
Sheleg vor, mit ihrem Ruf nach Gleichstellung der Frau das wichtigste
Fundament des jüdischen Volkes, die Familie, zu gefährden.
für sie, anders als für Bambi Sheleg, macht es keinerlei
Sinn, wenn Frauen beanspruchen, in der Synagoge aus der Thorarolle
lesen zu wollen.
Bürden und Pflichten
Sollten die Frauen von solchen Begehren nicht ablassen, dann,
so die Forderung eines weiteren Gegners der Feministin Sheleg,
sollten sie auch die Bürde der vielen religiösen Pflichten,
die jüdische Männer zu erfüllen hätten,
auf sich nehmen - wie etwa dreimal täglich in der Synagoge
zu beten.
Dass die feministische Diskussion, die inzwischen das gesamte
nationalreligiöse Lager erfasst hat, in nicht allzu ferner
Zukunft auch die Ultraorthodoxie erreichen könnte, schliesst
die säkulare israelische Anthropologin Tamar El-Or, die
Feldstudien in ultraorthodoxen und nationalreligiösen frauenkreisen
betrieben hat, nicht mehr aus. Sie spricht in diesem Zusammenhang
von einer "radikalen Revolution des heutigen Judentums,
wie sie die Gesellschaft frommer Juden schon lange nicht mehr
erlebt hat". Die israelische Ultraorthodoxie befindet sich
hier tatsächlich schon in der Defensive. Nur so lässt
sich erklären, weshalb in jüngster Zeit in der Presse
der Gottesfrchtigen zunehmend gegen die Reformjuden mobilisiert
wird, wobei die frauenthematik immer grösseren Raum einnimmt.
Die ultraorthodoxen Kommentatoren sperren sich vehement dagegen,
dass Frauen ebenso wie die Männer aus der Thorarolle lesen
dürfen, und ziehen mit religiösen Gutachten grosser
rabbinischer Gelehrter wie Maimonides ins Feld.
Doch auch die gottesfrchtigen Frauen werden immer selbstbewusster.
In Leserbriefen an die Redaktionen der ultraorthodoxen Zeitungen
sprechen sie mittlerweile den Männern offen das Recht ab,
ihnen vorzuschreiben, ob sie etwa in den öffentlichen Verkehrsmitteln
aus den Psalmen lesen und leise beten dürfen oder nicht.
"Nicht jede Frau", empörte sich eine fromme Leserin,
"vermag es einzurichten, ihre Gebete zu verrichten, ehe
sie aus dem Haus muss. Warum also sollte sie dann nicht die
Zeit etwa im Bus dazu nutzen, in den Psalmen zu lesen oder zu
beten?" Solche Stimmen wären bis vor kurzem innerhalb
der abgeschirmten Welt der Gottesfrchtigen in Israel undenkbar
gewesen. Die Frauen befinden sich offensichtlich auch hier auf
dem Vormarsch.
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