Streit um "westliche" frauenrechte
Marokko / Das Sozialministerium will den Frauen mehr Rechte
einräumen. Dagegen machen die Islamisten mobil.
Autor: Reiner Wandler
Ein Blick auf die Auslagen der Kioske zeigt: Marokko ist gespalten.
"Ja! Die Frau ist ein Mensch wie jeder andere", titelt
die liberale Wirtschaftszeitung "La Vie Economique"
in grossen, roten Buchstaben. Vor einem "internationalen
Komplott gegen die muslimische Familie" warnt hingegen
die islamistische "Al-Tajdid".
Seit Said Saadi, Staatssekretär für Familie und Kinder
im Sozialministerium, vergangenes Jahr seinen 120-seitigen "Plan
für die Integration der Frau bei der Entwicklung"
vorgelegt hat, kommt Marokko nicht mehr zur Ruhe. Die demokratischen
Parteien und frauenverbände verteidigen die Reformen, die
dem weiblichen Geschlecht mehr Rechte geben sollen. Die islamistische
Partei für Justiz und Entwicklung (PJD) und die von ihr
ins Leben gerufene Liga zum Schutz der Familie (LNDF) verteufeln
sie.
Staatssekretär Saadi möchte hauptsächlich die
soziale Lage der Frauen verbessern. Vor allem bei Bildung und
Gesundheit ist Förderung dringend nötig. Zwei Drittel
der weiblichen Bevölkerung sind Analphabetinnen. Auf dem
Land sind es sogar 87 Prozent. Alle sechs Stunden stirbt eine
Marokkanerin bei der Geburt ihres Kindes. Jede fünfte Familie
in Marokko wird ausschliesslich von der Mutter ernährt.
Schutz vor Ausbeutung
Um bessere Ausbildung zu sichern, will das Sozialministerium
das gesetzliche Heiratsalter von 15 auf 18 Jahre erhöhen
und die Polygamie verbieten. Damit möchte es verhindern,
dass junge Mädchen weiterhin von ihren Vätern gegen
Geld als Zweit- oder Drittfrau an betagte, aber betuchte Männer
vergeben werden. Ausserdem soll die Frau künftig über
sich selbst entscheiden dürfen und nicht wie bisher ihr
Leben lang von einem gesetzlich vorgeschriebenen Vormund - meist
dem Vater oder dem Ehemann - abhängig sein.
Künftig sollen beide Gatten die Scheidung beantragen können;
zuständig würde ein Gericht. Bisher kann nur der Ehemann
die Trennung herbeiführen; es genügt, dass er die
Frau verstösst. Diese sitzt dann mit den Kindern und ohne
jegliche Ansprüche auf der Strasse. Kommt sie nicht wieder
bei den Eltern unter, so bleibt ihr nur das Leben in der Gosse.
Der Weg ins eigenständige Berufsleben ist den meisten Marokkanerinnen
verwehrt, nicht zuletzt wegen der fehlenden Ausbildung.
"Das Recht der Frau aufs überleben" nennt Saadi
seinen Plan gern. Die islamistische Familienliga LNDF sieht
dies freilich anders: Sie warnt vor "zunehmender Christianisierung".
Die ihr nahe stehende PJD-fraktion im Parlament macht gegen
das "libertäre, materialistische, verwestlichte Konzept"
Stimmung und ruft zur "Verteidigung von Familie, Staat
und Gesellschaft".
Die islamistische Partei sammelt vor den Moscheen Unterschriften
gegen die Pläne des Sozialministeriums und schreckt auch
vor überfällen mit Knüppeln und Messern nicht
zurück, wenn die verhassten "atheistischen Modernisten"
an Veranstaltungen das geplante neue Familienrecht verteidigen.
Die Demokraten und ihre frauenverbände sehen in den überfällen
das Treiben "dunkler Kräfte" und befrchten,
die Mobilisierung der Islamisten führe zum Bürgerkrieg
wie in Algerien. Die reformfreudigen Verbände haben sich
zum Ziel gesetzt, zwei Millionen Unterschriften für die
juristische Emanzipation der Frauen zu sammeln.
Regierungslager gespalten
Ob der Plan Saadis in Form von Gesetzen durchs Parlament geht,
hängt freilich fast ausschliesslich von den Männern
ab. Unter den 650 Abgeordneten der beiden Parlamentskammern
sind nur vier Frauen. Die Islamisten geniessen auch in Regierungskreisen
Unterstützung. Abdelkebir M'daghari, Religionsminister
im Kabinett des Sozialisten Abderrahmane Youssoufi, kritisiert
Saadis Vorhaben immer wieder als "einen klaren Verstoss
gegen die Scharia", das muslimische Recht.
Mittlerweile droht Youssoufis Koalition Schaden zu nehmen.
Einer der kleinen Regierungspartner, die Nationale Volksbewegung
(MNP), verfasste zusammen mit den Islamisten einen offenen Brief
"gegen den Versuch einer Minderheit, der Mehrheit ihr Konzept
aufzudrücken". Und der wichtigste Koalitionspartner
der sozialistischen USFP, die Unabhängigkeitspartei Istiqlal,
versagt Saadis Plänen ebenfalls die Unterstützung.
Kein Wunder, gehört doch der Vorsitzende der islamistischen
LNDF auch der Istiqlal-Führung an. Und sogar zwei Mitglieder
des sozialistischen Politbüros sitzen im LNDF-Vorstand.
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