erschienen im BUND vom 11. Februar 200

Streit um "westliche" frauenrechte

Marokko / Das Sozialministerium will den Frauen mehr Rechte einräumen. Dagegen machen die Islamisten mobil.

Autor: Reiner Wandler

Ein Blick auf die Auslagen der Kioske zeigt: Marokko ist gespalten. "Ja! Die Frau ist ein Mensch wie jeder andere", titelt die liberale Wirtschaftszeitung "La Vie Economique" in grossen, roten Buchstaben. Vor einem "internationalen Komplott gegen die muslimische Familie" warnt hingegen die islamistische "Al-Tajdid".

Seit Said Saadi, Staatssekretär für Familie und Kinder im Sozialministerium, vergangenes Jahr seinen 120-seitigen "Plan für die Integration der Frau bei der Entwicklung" vorgelegt hat, kommt Marokko nicht mehr zur Ruhe. Die demokratischen Parteien und frauenverbände verteidigen die Reformen, die dem weiblichen Geschlecht mehr Rechte geben sollen. Die islamistische Partei für Justiz und Entwicklung (PJD) und die von ihr ins Leben gerufene Liga zum Schutz der Familie (LNDF) verteufeln sie.

Staatssekretär Saadi möchte hauptsächlich die soziale Lage der Frauen verbessern. Vor allem bei Bildung und Gesundheit ist Förderung dringend nötig. Zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung sind Analphabetinnen. Auf dem Land sind es sogar 87 Prozent. Alle sechs Stunden stirbt eine Marokkanerin bei der Geburt ihres Kindes. Jede fünfte Familie in Marokko wird ausschliesslich von der Mutter ernährt.

Schutz vor Ausbeutung

Um bessere Ausbildung zu sichern, will das Sozialministerium das gesetzliche Heiratsalter von 15 auf 18 Jahre erhöhen und die Polygamie verbieten. Damit möchte es verhindern, dass junge Mädchen weiterhin von ihren Vätern gegen Geld als Zweit- oder Drittfrau an betagte, aber betuchte Männer vergeben werden. Ausserdem soll die Frau künftig über sich selbst entscheiden dürfen und nicht wie bisher ihr Leben lang von einem gesetzlich vorgeschriebenen Vormund - meist dem Vater oder dem Ehemann - abhängig sein.

Künftig sollen beide Gatten die Scheidung beantragen können; zuständig würde ein Gericht. Bisher kann nur der Ehemann die Trennung herbeiführen; es genügt, dass er die Frau verstösst. Diese sitzt dann mit den Kindern und ohne jegliche Ansprüche auf der Strasse. Kommt sie nicht wieder bei den Eltern unter, so bleibt ihr nur das Leben in der Gosse. Der Weg ins eigenständige Berufsleben ist den meisten Marokkanerinnen verwehrt, nicht zuletzt wegen der fehlenden Ausbildung.

"Das Recht der Frau aufs überleben" nennt Saadi seinen Plan gern. Die islamistische Familienliga LNDF sieht dies freilich anders: Sie warnt vor "zunehmender Christianisierung". Die ihr nahe stehende PJD-fraktion im Parlament macht gegen das "libertäre, materialistische, verwestlichte Konzept" Stimmung und ruft zur "Verteidigung von Familie, Staat und Gesellschaft".

Die islamistische Partei sammelt vor den Moscheen Unterschriften gegen die Pläne des Sozialministeriums und schreckt auch vor überfällen mit Knüppeln und Messern nicht zurück, wenn die verhassten "atheistischen Modernisten" an Veranstaltungen das geplante neue Familienrecht verteidigen. Die Demokraten und ihre frauenverbände sehen in den überfällen das Treiben "dunkler Kräfte" und befrchten, die Mobilisierung der Islamisten führe zum Bürgerkrieg wie in Algerien. Die reformfreudigen Verbände haben sich zum Ziel gesetzt, zwei Millionen Unterschriften für die juristische Emanzipation der Frauen zu sammeln.

Regierungslager gespalten

Ob der Plan Saadis in Form von Gesetzen durchs Parlament geht, hängt freilich fast ausschliesslich von den Männern ab. Unter den 650 Abgeordneten der beiden Parlamentskammern sind nur vier Frauen. Die Islamisten geniessen auch in Regierungskreisen Unterstützung. Abdelkebir M'daghari, Religionsminister im Kabinett des Sozialisten Abderrahmane Youssoufi, kritisiert Saadis Vorhaben immer wieder als "einen klaren Verstoss gegen die Scharia", das muslimische Recht.

Mittlerweile droht Youssoufis Koalition Schaden zu nehmen. Einer der kleinen Regierungspartner, die Nationale Volksbewegung (MNP), verfasste zusammen mit den Islamisten einen offenen Brief "gegen den Versuch einer Minderheit, der Mehrheit ihr Konzept aufzudrücken". Und der wichtigste Koalitionspartner der sozialistischen USFP, die Unabhängigkeitspartei Istiqlal, versagt Saadis Plänen ebenfalls die Unterstützung. Kein Wunder, gehört doch der Vorsitzende der islamistischen LNDF auch der Istiqlal-Führung an. Und sogar zwei Mitglieder des sozialistischen Politbüros sitzen im LNDF-Vorstand.

 

 

 

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