erschienen im BUND vom 10. Februar 2000

Keine Quoten, 'weil es freiwillig so gut geht'

Gleichstellung / Im Vergleich zur Schweiz ist in den nordischen Ländern der frauenanteil in der Politik wesentlich höher. Der Weg, der zur besseren Vertretung der Frauen führte, ist in den einzelnen Ländern jedoch ganz verschieden. Gesetzliche Geschlechterquoten gibt es nur in Finnland. Schweden, dessen Regierung ebenso viele Ministerinnen wie Minister umfasst, kam ohne Quoten aus.

Autor: Thomas Hug, Helsinki

In allen finnischen staatlichen Komitees, Delegationen, Untersuchungs- und Planungsgruppen sollen Frauen mit mindestens einem Anteil von 40 Prozent vertreten sein. Auch in allen kommunalen Organen sollen 40 Prozent Frauen sitzen. Dies bestimmt ein Gesetz, das Finnland bereits 1995 eingeführt hat. Das Land, das 1906 als erstes europäisches Land das frauenstimmrecht eingeführt hatte, war jedenfalls in Sachen Gleichstellung anderen europäischen Ländern wieder einen Schritt voraus.

Mit einem 43-prozenötigen frauenanteil in staatlichen Komitees liegt Finnland in einem EU-Vergleich in einer Spitzengruppe. "Ich ziehe definitiv eine positive Bilanz aus der Einführung des Quotengesetzes", sagt Eva Biaudet, Sozialministerin und gleichzeitig auch Gleichstellungsministerin. Am Anfang seien viele Bedenken geäussert worden, beispielsweise was die Beteiligung von Frauen in technischen Komitees betrifft. Doch dies sei problemlos gegangen, meint Biaudet. Die Kritik an den Quoten ist mittlerweile denn auch verstummt.

frauenverträglichkeitstest

Die Frauen haben in der Lokalpolitik wesentlich an Einfluss gewonnen. Im gegenwärtigen Reichstag stieg ihr Anteil auf 37 Prozent. "Aber noch wichtiger ist, dass in allen Ausschüssen und Komitees, die Gesetze für das Parlament vorbereiten, heute viele Frauen sitzen. Damit wird jedes Gesetz von beiden Geschlechtern beleuchtet", sagt die finnische Gleichstellungsministerin.

Eva Biaudet, deren Vorfahren aus Rolle im Kanton Waadt kommen und die immer noch die Schweizer Staatsangehörigkeit besitzt, wurde 1991 zum ersten Mal in den Reichstag gewählt. Mit einem frauenanteil von nahezu 40 Prozent erreichte der finnische Reichstag damals einen "Weltrekord". Dieses "frauenparlament" hat dann das Quotengesetz eingeführt.

Doch wie in allen anderen europäischen Ländern sind auch in Finnland die Chefetagen nach wie vor eine Männerbastion. Eine kürzlich veröffentlichte EU-Untersuchung hatte bespielsweise gezeigt, dass nur 6 Prozent aller staatlichen Kaderposten mit Frauen besetzt sind. Das ist der geringste frauenanteil in der ganzen Europäischen Union (EU).

Spitzenreiter Schweden

In Schweden ist der frauenanteil in der Politik noch höher. In der Nationalversammlung ist er heute auf rekordhohen 43 Prozent. Die schwedische Regierung besteht zur Hälfte aus Frauen und Männern. Dies obwohl es in Schweden keine gesetzlichen Quotenregelungen gibt.

Als sich vor den Wahlen von 1998 abzeichnete, dass der frauenanteil im Reichstag (damals 40 Prozent) zurückgehen könnte, bildete sich eine parteiübergreifende Gruppierung, die sich in Anlehnung an die Rotstrumpf-frauenbewegung (Rödströmperne) "Stützstrümpfe" (Stödströmperne) nannte. Allein die Drohung dieser Gruppierung, eine eigene frauenpartei zu gründen, schreckte die etablierten Parteien dermassen auf, dass sie vermehrt Frauen auf ihre Listen nahmen. Jeder zweite Platz auf den Listen der Sozialdemokraten wurde so beispielsweise von einer Frau besetzt. In der Folge stieg der frauenanteil bei den Wahlen erneut an.

"Weil es freiwillig so gut geht, setzen wir uns nicht für die Einführung eines Quotensystems ein", sagt Raija Lounavaara, Pressesekretärin des schwedischen Gleichstellungsombudsmanns. Eine Quotenregelung könnte der Sache unter diesen Umständen mehr schaden als nützen, meint sie.

In Schweden gibt es zudem eine Gleichstellungsministerin. Diese hat eine Gleichstellungseinheit geschaffen, welche die Arbeit für die Gleichberechtigung der Frau in allen Departementen und auf allen politischen Ebenen verbessern und koordinieren soll.

Quoten für die Wirtschaft

Eine Quotenregelung wird in Schweden nun vielmehr für die Wirtschaft diskutiert. Zwar gibt es in Schweden wie in anderen nordischen Ländern kaum noch Hausfrauen. Die hohe politische Beteiligung der Frauen in Schweden wird von einer hohen Erwerbsrate (78 Prozent) begleitet. Doch die Topjobs der Wirtschaft in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat besetzten - auch im gleichberechtigten Schweden - noch überwiegend Männer. "Gleichstellungsministerin Margareta Winberg hat der Wirtschaft eine frist von fünf Jahren gegeben, um dies zu ändern. Wenn nichts geschieht, droht sie aber der Wirtschaft, frauenquoten zu verordnen", sagt Lounavaara.

Parteienquoten in Norwegen

Wieder einen anderen Weg in Sachen Gleichberechtigung gingen die Norweger. Die Aufmerksamkeit der Welt zog Norwegen auf sich, als die sozialdemokratische Regierungschefin Gro Harlem Brundtland 1986 eine Regierung mit nahezu der Hälfte Frauen bildete. 1988 fügte Norwegen seinem Gleichstellungsgesetz eine Regel an, die im Prinzip eine 40-Prozent-frauenquote in staatlichen Komitees und auf Gemeindeebene fordert. Wichtiger für mehr Einfluss auf nationaler politischer Ebene erwiesen sich jedoch die freiwilligen Quoten der Parteien. Die linkssozialistische Partei hatte eine 40-Prozent-Quote bereits in den Siebzigerjahren eingeführt. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei folgte 1983, was schliesslich denn auch Harlem Brundtlands "frauenregierung" zum Durchbruch verhalf. Heute beträgt der frauenanteil der sechs grössten norwegischen Parteien im Parlament 36,4 Prozent.

Dänemark: freiwillige Quoten

Auch in Dänemark gibt es auf nationaler Ebene nur ein durch die Parteien geregeltes Quotensystem. Nur die regierenden Sozialdemokraten und die Sozialistische Volkspartei haben eine 40-Prozent-Quote. Dennoch liegt der frauenanteil im dänischen Parlament (Folketing) auf 37,4 Prozent.

Die schwedische Regierung: Von 20 Ministern sind 10 Ministerinnen. keystone

Eidg. Abstimmungen 12. März 2000

 

 

 

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