erschienen im BUND vom 9. Februar 2000

"Der Wunsch nach einer Familie war enorm"

Fortpflanzungsmedizin / Ein Ehepaar schildert den hürdenreichen Weg der In-vitro-Fertilisation, wie es ihn selbst erlebt hat. Als Betroffene engagieren sich die Eheleute gegen die Volksinitiative, die diese Methode verbieten will. Ein allfälliges Verbot weisen sie als Eingriff in die persönliche freiheit zurück. Am 12. März stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über die Initiative ab.

Autor: Claudine Böhlen

Die Eheleute Susanne (38) und Martin W. (41)* schütteln den Kopf. Sie verstehen nicht, dass es Kreise gibt, welche die Befruchtung im Reagenzglas verbieten wollen. Ohne die moderne Fortpflanzungsmedizin wären ihre beiden Söhne von sieben und drei Jahren nicht auf der Welt. Und gerade in diesen Tagen hat Susanne W. Bescheid erhalten, dass die letzte IVF-Behandlung erfolgreich war und sie schwanger ist. Sie und ihre Familie haben sich dieses dritte Kind seähnlichst gewünscht.

Sie weiss, dass es wieder ein Bub sein wird. Vielleicht hätte sie dieses Mal noch lieber ein Mädchen gehabt. Aber sie verscheucht den Gedanken rasch wieder. Susanne und Martin W. betrachten es als Riesengeschenk, ja als ein Wunder, überhaupt noch ein Kind erwarten zu dürfen - sofern alles gut geht. Vor genau einem Jahr war nach einer IVF-Behandlung ebenfalls eine Schwangerschaft eingetreten, doch wenige Monate später kam es zu einer Fehlgeburt.

Um eine Familie zu gründen, hat das in Bern lebende Ehepaar in den letzten zehn Jahren viel auf sich genommen. Es gab freuden und bittere Enttäuschungen, sicher aber unzählige Hürden. Auf natürlichem Weg kam es zu keiner Schwangerschaft. Die Ursachen für die Unfruchtbarkeit liegt vermutlich bei beiden Partnern. Susanne W. hat Verwachsungen im Uterus, ihr Ehemann schlechte Spermien, wie es heute weit verbreitet ist.

Geduld und wieder Geduld

Das erste Kind kam dank künstlicher Insemination zur Welt, das zweite nach mehreren ergebnislosen Versuchen mit derselben Methode über eine Befruchtung im Reagenzglas oder In-vitro-Fertilisation (IVF). Geduld, Geduld und nochmals Geduld brauche es, sagt Susanne. "Und Durchhaltewillen", ergänzt ihr Mann.

Sie haben es geschafft, weil sie das gleiche Ziel vor Augen hatten. Sie wünschten sich möglichst drei Kinder. "Der Wunsch nach einer Familie war enorm", sagt die Frau. Sie hätte sich ein Leben ohne Kinder fast nicht vorstellen können. Susanne wie Martin kommen aus Familien mit mehreren Kindern, beide haben zwei Geschwister. Deshalb waren sie bereit, die vielen Hindernisse auf sich zu nehmen. Und natürlich auch die finanziellen Opfer, die wahrscheinlich in mehrere Zehntausende von franken gehen. Den grössten Teil haben sie selber bezahlt. Die Krankenkasse übernimmt jetzt zumindest einen Teil der Medikamentenkosten.

Psychische Belastung

Dass Susanne von Beruf Krankenschwester ist und bereits eine Geburt hinter sich hatte, hat es ihr erleichert, die verschiedenen Phasen der IVF von den ersten Abklärungen bis zur Einpflanzung von zwei Embryonen in die Gebärmutter relativ gut zu ertragen.

Noch grösser als die physischen Belastungen sind die psychischen, am schwierigsten der Moment, wenn der Arzt den Bescheid über Erfolg oder Misserfolg eröffne: "Dann blieb mir jeweils die Luft weg", bemerkt sie. Die Prozedur, der sich die Frau unterziehen muss, ist auch für den Mann belastend. Er kann nichts anderes tun, so Martin, als moralische Stütze sein. Doch die gemeinsame Erfahrung, der Wille, nicht aufzugeben, habe sie zusammengekittet, glauben die Partner. Hätte es diesmal nicht geklappt, dann hätten sie wohl aufgegeben. Die beiden sind sich voll bewusst, dass sie bei allen Mühen grosses Glück hatten. Sie wissen von anderen Paaren, die es immer wieder versuchten und dennoch kinderlos blieben.

über das Thema sprechen

Als sehr wichtig betrachten Susanne und Martin W. den Kontakt mit anderen Betroffenen. Spontan hat sich Susanne bei ihrem Arzt als Gesprächspartnerin für andere Frauen mit dem gleichen Schicksal zur Verfügung gestellt. "Das Thema darf auf keinen Fall tabuisiert werden." Aus den gleichen überlegungen hat sie sich dem unpolitischen Komitee der Betroffenen angeschlossen, welches die auf ein Verbot der IVF-Methode abzielende Volksinitiative "für eine menschenwürdige Fortpflanzung" bekämpft.

Ethische oder religiös motivierte Bedenken gegenüber der Fortpflanzungsmedizin hat das Ehepaar W. nicht. Sie betrachten die heute angebotenen Methoden als Therapiemöglichkeit gegen unfreiwillige Kinderlosigkeit. Alle sollen das Recht haben, sie in Anspruch zu nehmen. Dass es gewisse Richtlinien zur Verhinderung von Missbräuchen geben soll - zum Beispiel in Form eines Gesetzes - finden sie richtig.

"Es soll aber nicht zu restriktiv sein", sagt Martin. Seine Frau ergänzt. "Geforscht wird so oder so."

Nicht "Gott spielen" wollen

Als Susanne W. vor dem letzten Embryonentransfer die frage des Geschlechts aufwarf, ging der Arzt gar nicht darauf ein. Sie findet es im Grund auch richtig, dass keine Form von Selektion betrieben werden darf. Aber sie hat kein Verständnis für die Leute, die die IVF pauschal zurückweisen und "Gott spielen".

Susanne und Martin haben festgestellt, dass vor allem jene Leute die Fortpflanzungsmedizin ablehnen, die auf natürlichem Weg Kinder bekommen konnten. früher, so Susanne W., hätte sie vielleicht auch gesagt, so etwas mache sie nie. "Doch man muss selbst in diese Situation kommen, um zu urteilen."

* Namen von der Redaktion geändert.

 

 

 

home back