"Der Wunsch nach einer Familie war enorm"
Fortpflanzungsmedizin / Ein Ehepaar schildert den hürdenreichen
Weg der In-vitro-Fertilisation, wie es ihn selbst erlebt hat.
Als Betroffene engagieren sich die Eheleute gegen die Volksinitiative,
die diese Methode verbieten will. Ein allfälliges Verbot
weisen sie als Eingriff in die persönliche freiheit zurück.
Am 12. März stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung
über die Initiative ab.
Autor: Claudine Böhlen
Die Eheleute Susanne (38) und Martin W. (41)* schütteln
den Kopf. Sie verstehen nicht, dass es Kreise gibt, welche die
Befruchtung im Reagenzglas verbieten wollen. Ohne die moderne
Fortpflanzungsmedizin wären ihre beiden Söhne von
sieben und drei Jahren nicht auf der Welt. Und gerade in diesen
Tagen hat Susanne W. Bescheid erhalten, dass die letzte IVF-Behandlung
erfolgreich war und sie schwanger ist. Sie und ihre Familie
haben sich dieses dritte Kind seähnlichst gewünscht.
Sie weiss, dass es wieder ein Bub sein wird. Vielleicht hätte
sie dieses Mal noch lieber ein Mädchen gehabt. Aber sie
verscheucht den Gedanken rasch wieder. Susanne und Martin W.
betrachten es als Riesengeschenk, ja als ein Wunder, überhaupt
noch ein Kind erwarten zu dürfen - sofern alles gut geht.
Vor genau einem Jahr war nach einer IVF-Behandlung ebenfalls
eine Schwangerschaft eingetreten, doch wenige Monate später
kam es zu einer Fehlgeburt.
Um eine Familie zu gründen, hat das in Bern lebende Ehepaar
in den letzten zehn Jahren viel auf sich genommen. Es gab freuden
und bittere Enttäuschungen, sicher aber unzählige
Hürden. Auf natürlichem Weg kam es zu keiner Schwangerschaft.
Die Ursachen für die Unfruchtbarkeit liegt vermutlich bei
beiden Partnern. Susanne W. hat Verwachsungen im Uterus, ihr
Ehemann schlechte Spermien, wie es heute weit verbreitet ist.
Geduld und wieder Geduld
Das erste Kind kam dank künstlicher Insemination zur Welt,
das zweite nach mehreren ergebnislosen Versuchen mit derselben
Methode über eine Befruchtung im Reagenzglas oder In-vitro-Fertilisation
(IVF). Geduld, Geduld und nochmals Geduld brauche es, sagt Susanne.
"Und Durchhaltewillen", ergänzt ihr Mann.
Sie haben es geschafft, weil sie das gleiche Ziel vor Augen
hatten. Sie wünschten sich möglichst drei Kinder.
"Der Wunsch nach einer Familie war enorm", sagt die
Frau. Sie hätte sich ein Leben ohne Kinder fast nicht vorstellen
können. Susanne wie Martin kommen aus Familien mit mehreren
Kindern, beide haben zwei Geschwister. Deshalb waren sie bereit,
die vielen Hindernisse auf sich zu nehmen. Und natürlich
auch die finanziellen Opfer, die wahrscheinlich in mehrere Zehntausende
von franken gehen. Den grössten Teil haben sie selber bezahlt.
Die Krankenkasse übernimmt jetzt zumindest einen Teil der
Medikamentenkosten.
Psychische Belastung
Dass Susanne von Beruf Krankenschwester ist und bereits eine
Geburt hinter sich hatte, hat es ihr erleichert, die verschiedenen
Phasen der IVF von den ersten Abklärungen bis zur Einpflanzung
von zwei Embryonen in die Gebärmutter relativ gut zu ertragen.
Noch grösser als die physischen Belastungen sind die psychischen,
am schwierigsten der Moment, wenn der Arzt den Bescheid über
Erfolg oder Misserfolg eröffne: "Dann blieb mir jeweils
die Luft weg", bemerkt sie. Die Prozedur, der sich die
Frau unterziehen muss, ist auch für den Mann belastend.
Er kann nichts anderes tun, so Martin, als moralische Stütze
sein. Doch die gemeinsame Erfahrung, der Wille, nicht aufzugeben,
habe sie zusammengekittet, glauben die Partner. Hätte es
diesmal nicht geklappt, dann hätten sie wohl aufgegeben.
Die beiden sind sich voll bewusst, dass sie bei allen Mühen
grosses Glück hatten. Sie wissen von anderen Paaren, die
es immer wieder versuchten und dennoch kinderlos blieben.
über das Thema sprechen
Als sehr wichtig betrachten Susanne und Martin W. den Kontakt
mit anderen Betroffenen. Spontan hat sich Susanne bei ihrem
Arzt als Gesprächspartnerin für andere Frauen mit
dem gleichen Schicksal zur Verfügung gestellt. "Das
Thema darf auf keinen Fall tabuisiert werden." Aus den
gleichen überlegungen hat sie sich dem unpolitischen Komitee
der Betroffenen angeschlossen, welches die auf ein Verbot der
IVF-Methode abzielende Volksinitiative "für eine menschenwürdige
Fortpflanzung" bekämpft.
Ethische oder religiös motivierte Bedenken gegenüber
der Fortpflanzungsmedizin hat das Ehepaar W. nicht. Sie betrachten
die heute angebotenen Methoden als Therapiemöglichkeit
gegen unfreiwillige Kinderlosigkeit. Alle sollen das Recht haben,
sie in Anspruch zu nehmen. Dass es gewisse Richtlinien zur Verhinderung
von Missbräuchen geben soll - zum Beispiel in Form eines
Gesetzes - finden sie richtig.
"Es soll aber nicht zu restriktiv sein", sagt Martin.
Seine Frau ergänzt. "Geforscht wird so oder so."
Nicht "Gott spielen" wollen
Als Susanne W. vor dem letzten Embryonentransfer die frage
des Geschlechts aufwarf, ging der Arzt gar nicht darauf ein.
Sie findet es im Grund auch richtig, dass keine Form von Selektion
betrieben werden darf. Aber sie hat kein Verständnis für
die Leute, die die IVF pauschal zurückweisen und "Gott
spielen".
Susanne und Martin haben festgestellt, dass vor allem jene
Leute die Fortpflanzungsmedizin ablehnen, die auf natürlichem
Weg Kinder bekommen konnten. früher, so Susanne W., hätte
sie vielleicht auch gesagt, so etwas mache sie nie. "Doch
man muss selbst in diese Situation kommen, um zu urteilen."
* Namen von der Redaktion geändert.
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