Eine Entscheidung frs Leben
Woher kommen eigentlich unsere Vornamen, wieso tauft man
ein Kind so und nicht anders, und was ist überhaupt ein
«schöner» Name?
Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie man ein Kind
taufen kann. Sowohl altbewährte als auch exotische. Aber
woher kommen unsere Namen eigentlich?
Einer, der es wissen muss, ist Rudolf Ramseyer, ehemals Honorarprofessor
für Dialektologie, Mittelhochdeutsch und Volkskunde an
der Universität Bern. «In den letzten zehn Jahren
kamen viele neue Namen aus den verschiedensten Nationen auf.
Das kommt daher, dass Eltern heute weniger auf den Sinn eines
Namens achten als auf dessen Klang.»
Auch die Wiederauferstehung von «totgeglaubten»
Namen sei in der letzten Zeit oft zu beobachten. Anna zum Beispiel
gehörte schon 1854 zu den beliebtesten Namen in Zürich,
und heute - rund 150 Jahre später - wieder.
Bibel als Namensreservoir
Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es gewisse Regeln, nach denen
ein Kind getauft wurde. Zur Zeit der Dominikanermönche
waren es die Namen der Heiligen, nach der Reformation jene aus
der Bibel. Auch passte sich die Namensgebung den politischen
Vormachtstellungen der verschiedenen Länder an. Um 1850,
als frankreich stark war, kamen Namen wie Louis, Jean oder Cécile
in die Schweiz, 1910 mit dem Aufstieg Englands waren Betty,
Harry oder Henry verbreitet.
«Seit dem Zweiten Weltkrieg herrscht Wildwuchs»,
berichtet der Berner Sprachforscher. «Jetzt werden kaum
mehr Regeln angewendet.» Die modernen Namen aus aller
Welt haben Traditionen ausser Kraft gesetzt. So wird heute kaum
mehr ein Kind nach einem Heiligen oder Märtyrer benannt.
«Nur in der Nähe von Klöstern heissen Buben
noch wie der Abt oder einer der Mönche», erzählt
Ramseyer. Das liege daran, dass der Abt oft als Pate für
Knaben angefragt wird, die dann auch seinen Namen tragen.
Was früher die Heiligen waren, das sind heute Filmstars
oder Sängerinnen - könnte man denken. Die Sprachforscher
sind da anderer Meinung. Der Einfluss der Unterhaltungsmedien
werde stark überschätzt, schreiben die Herausgeber
des «Duden Lexikons der Vornamen». Vielmehr seien
es nur wenige Eltern, die ihr Kind nach einem Medienstar taufen
würden.
Aus Zoë wird Zöttu
Heute werde vor allem darauf geschaut, dass ein Name schön
klingt und nicht verhunzt werden könne, sagt Rudolf Ramseyer.
«Der Schutz vor Verunglimpfung ist wichtig. Ich weiss
von einem Mädchen, das aus diesem Grund Zoë getauft
wurde. Ein schöner, kurzer Name, den man nicht verdrehen
kann.» Allerdings sei der Vater dann der erste gewesen,
der den Namen «verhunzte», indem er sein Töchterchen
nach bernischer Art «Zöttu» nannte.
Wie wählen Eltern überhaupt einen Namen aus? Das
mit Abstand wichtigste Kriterium ist sicher der Klang. Die Verfasser
des «Duden Lexikons der Vornamen» schreiben in ihrem
Vorwort, dass vor allem Namen, die mit M oder L beginnen, als
schön empfunden werden. Rudolf Ramseyer stimmt teilweise
zu: «Bei den Buben sind im Moment biblische Namen im Trend,
Michael und Lukas zum Beispiel.»
Anders bei den Mädchen: «Hier enthalten die beliebtesten
Namen meistens A und I» (siehe «Die beliebtesten
Namen» ).
Noble Vorbilder und Chefs
Ein wichtiges Kriterium für die Namenswahl sind Vorbilder.
In den Fünfzigerjahren tauften die Arbeiter ihre Kinder
oft nach Mitgliedern der High Society.
Ein anderes typisches Beispiel sind Lehrer. «Es ist spannend»,
sagt Ramseyer, «häufig taufen Lehrer ihre eigenen
Kinder nach guten Schülern. Das geschieht meistens unbewusst.»
Dasselbe Phänomen kenne man von Sekretärinnen und
Büroangestellten, die ihr Kind nach dem verehrten Chef
nennen.
Dass die Verehrung aber auch unrealistische Masse annehmen
kann, bewies einst ein fanatischer Fussballfan, der seinem Knaben
alle elf Namen der Schweizer Fussballnationalspieler geben wollte.
Das Gericht machte ihm allerdings einen dicken Strich durch
die Rechnung: Es liess den Monsternamen kurzerhand nicht zu.
Thomas de Rocchi
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