erschienen im Brückenbauer vom 11. Februar 2000

Eine Entscheidung frs Leben

Woher kommen eigentlich unsere Vornamen, wieso tauft man ein Kind so und nicht anders, und was ist überhaupt ein «schöner» Name?

Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie man ein Kind taufen kann. Sowohl altbewährte als auch exotische. Aber woher kommen unsere Namen eigentlich?

Einer, der es wissen muss, ist Rudolf Ramseyer, ehemals Honorarprofessor für Dialektologie, Mittelhochdeutsch und Volkskunde an der Universität Bern. «In den letzten zehn Jahren kamen viele neue Namen aus den verschiedensten Nationen auf. Das kommt daher, dass Eltern heute weniger auf den Sinn eines Namens achten als auf dessen Klang.»

Auch die Wiederauferstehung von «totgeglaubten» Namen sei in der letzten Zeit oft zu beobachten. Anna zum Beispiel gehörte schon 1854 zu den beliebtesten Namen in Zürich, und heute - rund 150 Jahre später - wieder.

Bibel als Namensreservoir

Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es gewisse Regeln, nach denen ein Kind getauft wurde. Zur Zeit der Dominikanermönche waren es die Namen der Heiligen, nach der Reformation jene aus der Bibel. Auch passte sich die Namensgebung den politischen Vormachtstellungen der verschiedenen Länder an. Um 1850, als frankreich stark war, kamen Namen wie Louis, Jean oder Cécile in die Schweiz, 1910 mit dem Aufstieg Englands waren Betty, Harry oder Henry verbreitet.

«Seit dem Zweiten Weltkrieg herrscht Wildwuchs», berichtet der Berner Sprachforscher. «Jetzt werden kaum mehr Regeln angewendet.» Die modernen Namen aus aller Welt haben Traditionen ausser Kraft gesetzt. So wird heute kaum mehr ein Kind nach einem Heiligen oder Märtyrer benannt. «Nur in der Nähe von Klöstern heissen Buben noch wie der Abt oder einer der Mönche», erzählt Ramseyer. Das liege daran, dass der Abt oft als Pate für Knaben angefragt wird, die dann auch seinen Namen tragen.

Was früher die Heiligen waren, das sind heute Filmstars oder Sängerinnen - könnte man denken. Die Sprachforscher sind da anderer Meinung. Der Einfluss der Unterhaltungsmedien werde stark überschätzt, schreiben die Herausgeber des «Duden Lexikons der Vornamen». Vielmehr seien es nur wenige Eltern, die ihr Kind nach einem Medienstar taufen würden.

Aus Zoë wird Zöttu

Heute werde vor allem darauf geschaut, dass ein Name schön klingt und nicht verhunzt werden könne, sagt Rudolf Ramseyer. «Der Schutz vor Verunglimpfung ist wichtig. Ich weiss von einem Mädchen, das aus diesem Grund Zoë getauft wurde. Ein schöner, kurzer Name, den man nicht verdrehen kann.» Allerdings sei der Vater dann der erste gewesen, der den Namen «verhunzte», indem er sein Töchterchen nach bernischer Art «Zöttu» nannte.

Wie wählen Eltern überhaupt einen Namen aus? Das mit Abstand wichtigste Kriterium ist sicher der Klang. Die Verfasser des «Duden Lexikons der Vornamen» schreiben in ihrem Vorwort, dass vor allem Namen, die mit M oder L beginnen, als schön empfunden werden. Rudolf Ramseyer stimmt teilweise zu: «Bei den Buben sind im Moment biblische Namen im Trend, Michael und Lukas zum Beispiel.»

Anders bei den Mädchen: «Hier enthalten die beliebtesten Namen meistens A und I» (siehe «Die beliebtesten Namen» ).

Noble Vorbilder und Chefs

Ein wichtiges Kriterium für die Namenswahl sind Vorbilder. In den Fünfzigerjahren tauften die Arbeiter ihre Kinder oft nach Mitgliedern der High Society.

Ein anderes typisches Beispiel sind Lehrer. «Es ist spannend», sagt Ramseyer, «häufig taufen Lehrer ihre eigenen Kinder nach guten Schülern. Das geschieht meistens unbewusst.» Dasselbe Phänomen kenne man von Sekretärinnen und Büroangestellten, die ihr Kind nach dem verehrten Chef nennen.

Dass die Verehrung aber auch unrealistische Masse annehmen kann, bewies einst ein fanatischer Fussballfan, der seinem Knaben alle elf Namen der Schweizer Fussballnationalspieler geben wollte. Das Gericht machte ihm allerdings einen dicken Strich durch die Rechnung: Es liess den Monsternamen kurzerhand nicht zu.

Thomas de Rocchi

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