Eine Grenzgängerin
Eine junge Frau mit knabenhaft kurzen Haaren zieht sich Männerkleider
an und setzt sich einen schwarzen Cowboyhut auf: Was viele Leute
spasseshalber an Fasnacht und anderen Verkleidungsfesten tun,
ist für Teena Brandon ein elementares Bedürfnis. Teena
hat seit langem das Gefühl, mit dem falschen Geschlecht
auf die Welt gekommen zu sein. Weil eine operative Geschlechtsumwandlung
allein schon aus finanziellen Gründen nicht in Frage kommt,
ist sie beim Kampf um ihre Identität zu einem steten Spiel
mit dem Feuer gezwungen.
An ihrem Wohnort Lincoln in Nebraska kann sie sich kaum mehr
irgendwo blicken lassen - überall wird sie von wütenden
Männern als Lesbe beschimpft und mit Steinen beworfen.
Nach einer Schlägerei landet sie eines Nachts in der etliche
Meilen von Lincoln entfernt gelegenen Ortschaft Falls City.
Dort ist sie ein unbeschriebenes Blatt. Deshalb reist sie anderntags
nicht zurück und versucht statt dessen, sich als Brandon
Teena eine neue Existenz aufzubauen.
In Amerika kennt praktisch jede und jeder das traurige Ende
der Geschichte. Der Mord am Mädchen, das lieber ein Mann
sein wollte, hat 1993 landesweit für Schlagzeilen gesorgt.
Ein scheussliches, sinnloses Verbrechen in einem Umfeld, das
bis anhin als Synonym für die Welt des ländlichen,
gesunden, gottesfrchtigen und von den dekadenten Exzessen
der Grossstädte unberührten Amerika gegolten hat:
Das erinnert zwangsläufig an die Geschichte von "In
Cold Blood", Truman Capotes minuziöse literarische
Aufarbeitung einer Bluttat, bei der zwei jugendliche Einbrecher
auf der Jagd nach dem grossen Geld eine ganze Familie ermordeten
und dabei nur gerade 45 Dollar erbeuteten.
Tatsächlich ist Kimberly Peirce bei der Vorbereitung ihres
Films äähnlich vorgegangen wie Capote. In mehrjährigen
Recherchen am Ort des Geschehens hat sie mit vielen Beteiligten
gesprochen und dabei mehrere tausend Seiten Gesprächsprotokolle
angehäuft. Dass sie sich beim Verfassen des Drehbuchs kleine
künstlerische freiheiten erlaubt hat und beispielsweise
Teena Brandos Aktivitäten als Diebin herunterspielt, war
angesichts von teilweise sich krass widersprechenden Zeugenaussagen
nichts weiter als eine blanke Notwendigkeit.
Brillante Schauspielkunst
Obschon "Boys Don't Cry" nicht schwarzweiss gedreht
worden ist und die Geschichte chronologisch linear erzählt
wird, hat die filmische Umsetzung des Stoffes äähnlichkeiten
mit Richard Brooks' Adaption von "In Cold Blood".
Optisch ist strenger, nüchterner Naturalismus angesagt,
grell bunte Farben sind ebenso vermieden worden wie dekorativ
und malerisch ausgebreitetes Elend.
Christine Vachon, eine der mutigsten Produzentinnen in der
amerikanischen Independent-Szene, hat Kimberly Peirce nicht
dazu genötigt, populäre Stars zu engagieren. So ist
bei der Besetzung der Hauptrolle ein Glücksfall von seltener
Intensität ermöglicht worden: Wie die in hiesigen
Breitengraden erst wenig bekannte Hilary Swank in der Rolle
der Teena Brandon mit Charme, Warmherzigkeit und Leidenschaft
die Herzen junger Frauen erobert und dadurch zu einer Provokation
für ungehobelte Provinzmachos wird, das ist schauspielerisch
so brillant, dass man in "Boys Don't Cry" regelmässig
vergisst, dass hier eine Frau und nicht ein gut verkleideter
Mann auf der Leinwand zu sehen ist.
Nachdem sie für diese Darstellung bereits einen Golden
Globe bekommen hat, gilt Hilary Swank zu Recht als eine der
Favoritinnen für die kommende Oscar-Verleihung.
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