erschienen im BUND vom 16. Februar 2000

Eine Grenzgängerin

Eine junge Frau mit knabenhaft kurzen Haaren zieht sich Männerkleider an und setzt sich einen schwarzen Cowboyhut auf: Was viele Leute spasseshalber an Fasnacht und anderen Verkleidungsfesten tun, ist für Teena Brandon ein elementares Bedürfnis. Teena hat seit langem das Gefühl, mit dem falschen Geschlecht auf die Welt gekommen zu sein. Weil eine operative Geschlechtsumwandlung allein schon aus finanziellen Gründen nicht in Frage kommt, ist sie beim Kampf um ihre Identität zu einem steten Spiel mit dem Feuer gezwungen.

An ihrem Wohnort Lincoln in Nebraska kann sie sich kaum mehr irgendwo blicken lassen - überall wird sie von wütenden Männern als Lesbe beschimpft und mit Steinen beworfen. Nach einer Schlägerei landet sie eines Nachts in der etliche Meilen von Lincoln entfernt gelegenen Ortschaft Falls City. Dort ist sie ein unbeschriebenes Blatt. Deshalb reist sie anderntags nicht zurück und versucht statt dessen, sich als Brandon Teena eine neue Existenz aufzubauen.

In Amerika kennt praktisch jede und jeder das traurige Ende der Geschichte. Der Mord am Mädchen, das lieber ein Mann sein wollte, hat 1993 landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Ein scheussliches, sinnloses Verbrechen in einem Umfeld, das bis anhin als Synonym für die Welt des ländlichen, gesunden, gottesfrchtigen und von den dekadenten Exzessen der Grossstädte unberührten Amerika gegolten hat: Das erinnert zwangsläufig an die Geschichte von "In Cold Blood", Truman Capotes minuziöse literarische Aufarbeitung einer Bluttat, bei der zwei jugendliche Einbrecher auf der Jagd nach dem grossen Geld eine ganze Familie ermordeten und dabei nur gerade 45 Dollar erbeuteten.

Tatsächlich ist Kimberly Peirce bei der Vorbereitung ihres Films äähnlich vorgegangen wie Capote. In mehrjährigen Recherchen am Ort des Geschehens hat sie mit vielen Beteiligten gesprochen und dabei mehrere tausend Seiten Gesprächsprotokolle angehäuft. Dass sie sich beim Verfassen des Drehbuchs kleine künstlerische freiheiten erlaubt hat und beispielsweise Teena Brandos Aktivitäten als Diebin herunterspielt, war angesichts von teilweise sich krass widersprechenden Zeugenaussagen nichts weiter als eine blanke Notwendigkeit.

Brillante Schauspielkunst

Obschon "Boys Don't Cry" nicht schwarzweiss gedreht worden ist und die Geschichte chronologisch linear erzählt wird, hat die filmische Umsetzung des Stoffes äähnlichkeiten mit Richard Brooks' Adaption von "In Cold Blood". Optisch ist strenger, nüchterner Naturalismus angesagt, grell bunte Farben sind ebenso vermieden worden wie dekorativ und malerisch ausgebreitetes Elend.

Christine Vachon, eine der mutigsten Produzentinnen in der amerikanischen Independent-Szene, hat Kimberly Peirce nicht dazu genötigt, populäre Stars zu engagieren. So ist bei der Besetzung der Hauptrolle ein Glücksfall von seltener Intensität ermöglicht worden: Wie die in hiesigen Breitengraden erst wenig bekannte Hilary Swank in der Rolle der Teena Brandon mit Charme, Warmherzigkeit und Leidenschaft die Herzen junger Frauen erobert und dadurch zu einer Provokation für ungehobelte Provinzmachos wird, das ist schauspielerisch so brillant, dass man in "Boys Don't Cry" regelmässig vergisst, dass hier eine Frau und nicht ein gut verkleideter Mann auf der Leinwand zu sehen ist.

Nachdem sie für diese Darstellung bereits einen Golden Globe bekommen hat, gilt Hilary Swank zu Recht als eine der Favoritinnen für die kommende Oscar-Verleihung.

 

 

home back