erschienen in der NZZ vom 2. Februar 2000

Penisneid, männlich erlitten

von Sybille Omlin

Linus Reichlins Kolumnen in einem Sammelband

Wer immer als Frau unter dem Penisneid gelitten haben soll, kann sich nun davon befreien. Nicht mittels Dildo, sondern mittels Lektüre - falls dies nicht bereits getan wurde, und die Gelegenheit dazu ergab sich oft, genauer einmal wöchentlich in der «Zeit» oder in der «Weltwoche». Die Rede ist (diese gewundene Einleitung lässt es erwarten) von Sex, ferner von Linus Reichlin und seinen versammelten orgiastischen Kolumnen. Ja, wir hauen diesen (In-)Begriff aller lustvollen Sexualität nun auch in die Tasten. Reichlin ist in diesen Sachen selbst nicht zimperlich. für ihn sind solche Wörter freie Assoziationsfelder einer immer freieren sexuellen Offenbarungsgesellschaft und ihrer Hilfsmittel, die so unterschiedliche Produktkategorien wie TV- Show, Gummipuppen und Viagra umfassen. Wenn das nicht reicht, geht Reichlin auf Wünsche der Leserschaft ein oder schiebt solche vor, beispielsweise um endlich einmal das Wort «ficken» zu schreiben, wie er schreibt (Metakommunikation ist auch hier unvermeidlich).

Wer also Linus Reichlin und seine Kolumnen bereits kennt, weiss um den Variantenreichtum, mit der er das genannte Thema behandelt, weiss, dass er unter einem Richard-Gere-Komplex leidet, falls das Autor-Ich üüberhaupt mit dem Ich des Autors gleichgesetzt werden darf. (Natürlich weiss er mit Rollenprosa zu spielen wie mit seinen Frauen im Bett.) Wer Linus Reichlin nicht kennt, vor allem als Frau, ist überrascht ob der unverhüllten freude, mit der die Artgenossen über die Sexualität (die eigene wie die andere) reden können, und fühlt sich im Sinne von Lacans Diktum «Das Begehren des Ich ist das Begehren des anderen» dazu verpflichtet, den humorigen Ton beiseite zu schieben, um etwas über das andere Geschlecht (den Mann) zu erfahren. Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag und nicht an der platten Oberfläche der sexoïden Begriffe und Schilderungen klebenbleibt, wird darauf kommen, dass alle Männer schon immer lieber Frauen und somit Nicht-Sexisten gewesen wären. Männer, und das ist in der Tat der schönste Ausdruck von moderner Subjekttheorie, sind dank der Imagination des weiblichen Begehrens fähig, den Penisneid zu leben.

 

Linus Reichlin: Kampf dem Orgasmus! Kolumnen mit Illustrationen von Rattelschneck. Eichborn-Verlag, frankfurt am Main 1999. für. 19.-.

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