erschienen in der NZZ vom 11. Februar 2000

Quoten sind der falsche Weg

Von Nationalrätin Brigitta M. Gadient (svp., Graubünden)

Die Verwirklichung der politischen Gleichstellung von Frau und Mann ist und bleibt ein grundlegendes Ziel unseres Landes. Frauen müssen gezielt gefördert und ins politische Geschehen einbezogen werden. Die Quoteninitiative ist hierzu aber das falsche Mittel: Der geforderte Eingriff ins aktive und passive Wahlrecht verträgt sich nicht mit den Grundsätzen eines demokratischen Rechtsstaats. Die Volksinitiative "für eine gerechte Vertretung der Frauen in den Bundesbehörden" fordert Wahlquoten für Parlament, Bundesrat und Bundesgericht und nicht etwa nur Listenquoten, wie sie frankreich gerade eingeführt hat. Diese Quoten sollen unbefristet in der Bundesverfassung verankert werden.

Gleichstellung - aber demokratisch

Es ist ohne Zweifel von besonderer Bedeutung, dass die Frauen in sämtlichen politischen Bereichen, insbesondere auch in den Behörden, angemessen vertreten sind. Die Gleichstellung von Frau und Mann ist denn auch als wichtiger Grundsatz seit 1981 in der Verfassung festgehalten. Trotz dieser Zielsetzung und einer steten Verbesserung bei jeder Wahl sind die Frauen in den eidgenössischen Behörden nach wie vor untervertreten. Handlungsbedarf besteht also. Diese Situation nun aber mit Methoden, wie sie die Quoteninitiative verlangt, mit einer Zensur des Volkswillens, korrigieren zu wollen, ist in demokratischer Hinsicht äusserst fragwürdig. Die Quoteninitiative steht zu unseren demokratischen Prinzipien und individuellen Grundrechten in direktem Widerspruch. Insbesondere das Recht, eine freie Wahl unter allen Kandidierenden zu treffen, würde stark eingeschränkt, was einer eigentlichen Bevormundung der Wahlberechtigten gleichkäme. Gewählt wäre - mit den von der Initiative verlangten Ergebnisquoten - nicht die Person mit der höchsten Stimmenzahl, sondern die Person mit dem richtigen Geschlecht. Die für Frauen und Männer abgegebenen Stimmen hätten somit nicht das gleiche Gewicht. Neben der daraus resultierenden Verfälschung des Wählerwillens würde auch der Grundsatz der Gleichbehandlung und der Grundsatz, dass alle Bürgerinnen und Bürger gleiche Wahlchancen haben sollen, verletzt. Zudem würde das ganze Wahlverfahren für die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger in höchstem Masse intransparent und kompliziert. Mit diesen Gleichstellungsbemühungen würden Diskriminierungen nicht beseitigt, sondern neu geschaffen. Eine derart stossende und übermässige Einschränkung verfassungsmässiger Rechte kann nicht gutgeheissen werden.
Kein Land in Europa regelt die Zusammensetzung seines Parlaments oder seiner Regierung nach dem Kriterium des Geschlechts und hat selber ein so starres InsTräument gewählt, wie es die Quoteninitiative verlangt. Die bezüglich frauenvertretung als Vorbilder aufzuführenden skandinavischen Staaten haben ihre hohen frauenanteile vorab durch parteiinterne Zielsetzungen erreicht, also durch freiwillige Massnahmen.
Weltweit haben nur ein paar wenige Staaten wie Tansania, Uganda oder Nepal, mit denen wir uns punkto demokratischer Tradition wohl nicht gerne vergleichen lassen würden, garantierte frauensitze in ihren Parlamenten. Das sind in der Regel aber einige wenige Mandate, die die Präsidenten nur vergeben, um üüberhaupt eine kleine frauenvertretung vorweisen zu können. Ein solches System brauchen wir nicht. Um so mehr als wir international gesehen in bezug auf die frauenvertretung in den nationalen Parlamenten zwar noch nicht den Sprung in die "top ten" geschafft haben, aber doch mit dem 17. Rang nicht mehr allzu weit davon entfernt sind. Und schliesslich sind die Frauen auch keine Minderheit, die allein deshalb eine besondere Unterstützung brauchen würde. Quoten sind in unserem föderalistischen System stets spezielle Garantien zur Wahrung des Gleichgewichts, ein Ausdruck des Schutzes von Minderheiten, und gerade dieses Kriterium ist eben nicht erfüllt. Ergebnisquoten für eine Mehrheit der Bevölkerung haben mit Minderheitenschutz nichts zu tun.

Parteien und Gesellschaft sind gefordert

Das heisst nun nicht, dass keine besonderen Anstrengungen und Bemühungen nötig sind, um die Vertretung der Frauen in den Behörden zu verbessern. Zu einer modernen Demokratie gehört die volle Mitwirkung der Frauen in allen Gremien und auf allen Stufen. Die politische Verantwortung für eine angemessene Vertretung von Männern und Frauen liegt dabei vorab bei den politischen Parteien selbst. Die Mehrheit derselben - leider noch nicht alle - hat denn auch Förderungsmassnahmen zugunsten der Frauen ergriffen, so durch die Bildung von frauenkommissionen, die entsprechende Zusammensetzung der leitenden Parteiorgane, insbesondere aber durch eine günstige Gestaltung der Wahllisten, namentlich durch Listenquoten.
Auch solche Massnahmen können aber nur greifen, wenn wir auch Strukturen haben, die es üüberhaupt ermöglichen, Familie, Beruf und Politik miteinander zu vereinbaren. Quoten ersetzen die diesbezügliche Auseinandersetzung nicht und sind auch keine Garantie für diese nötigen Massnahmen, die für einen dauerhaften politischen Einbezug mehr bringen. Nur mit der Beseitigung von Ungleichheiten in Familie, Ausbildung und Arbeit erreichen wir letztlich eine nachhaltige Verbesserung der gesamtgesellschaftlichen Situation der Frauen und damit auch einen höheren frauenanteil in der Politik. Die Quoteninitiative ist dafr der falsche Weg!

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