erschienen in der NZZ vom 18. Februar 2000

Von Frauen, Quoten, Gleichstellung und Demokratie

Die Quoteninitiative im Streitgespräch

Die Initiative "für eine gerechte Vertretung der Frauen in den Bundesbehörden" fordert frauenquoten für Parlament, Bundesrat und Bundesgericht. Während die Befrworter eine solche Quote als unabdingbares InsTräument zur Umsetzung der Gleichstellung von Mann und Frau erachten, erkennen die Gegner darin eine massive Verletzung der demokratischen Grundrechte. Im folgenden Gespräch vertreten die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr und die freisinnige Zürcher Ständerätin Vreni Spoerry diese beiden gegensätzlichen Positionen. Das Gespräch führten Claudia Wirz und Martin Senti von der Inlandredaktion.



Frau Fehr, das Bundesamt für Statistik hat die konkreten Auswirkungen der Quoteninitiative hypothetisch am Beispiel der Nationalratswahlen 1999 berechnet. Je nach technischer Umsetzung der Initiative würden in einzelnen Kantonen oder Parteien Frauen durch Männer ersetzt, was sagen Sie zu diesen Ergebnissen?

Jacqueline Fehr: Quoten sind ein geschlechtsunabhängiges InsTräument. Sie haben das Ziel, dass beide Geschlechter angemessen vertreten sind. Man könnte eine Quote auch auf andere untervertretene Gruppen anwenden. So können Quoten auch zugunsten der Männer wirken, wenn die Frauen übervertreten sind. Der Grundgedanke der Quoten ist, dass die unterschiedlichen Lebensrealitäten angemessen in der Demokratie repräsentiert sind. Und weil sich diese Lebensrealitäten in einer Demokratie nicht immer gleich durchsetzen können, soll dieses InsTräument eine Hilfe darstellen, damit schwächere Gruppen sich trotzdem angemessen repräsentieren können. Es ist das gleiche System wie der Proporz.

Es ist Ihnen also einfach ein Anliegen, dass Frauen und Männer gleich vertreten sind, unabhängig davon, welche Parteien betroffen sind?

Fehr: Die Parteienstärke würde es ja nicht verschieben, sondern innerhalb der Partei die Geschlechterverhältnisse. Mein Ansatz war immer der: Die politisch relevanten fragen der kommenden Jahre entscheiden sich entlang der Geschlechterlinie. Die Frauen geben heute quasi die Arbeitswelt von morgen vor, eine Arbeitswelt mit all diesen gebrochenen Lebensläufen, mit vielfältigen Karriereeinbrüchen. Und darum ist es wichtig, dass diese Lebensrealitäten heute in der Politik präsent sind. Vor hundert Jahren war es wichtig, dass Katholiken und Protestanten vertreten waren. In hundert Jahren wird es vielleicht wichtig sein, dass die Jungen und die Alten repräsentativ vertreten sind. Wenn sich die Lebensrealitäten von Männern und Frauen angleichen, was ich hoffe, wird es auch keine Quoten mehr brauchen. Deshalb ist es für mich nicht eine frage, ob wir jetzt einen frauensitz verlieren zugunsten eines Männersitzes und die FDP einen frauensitz gewinnt.

Frauen politisieren anders


Glauben Sie denn, Frau Spoerry, dass Frauen grundsätzlich anders politisieren?

Vreni Spoerry: Ich teile insofern die Ansicht von Frau Fehr, als auch ich der Meinung bin, Frauen müssen in der Politik vertreten sein, weil der Erfahrungshintergrund in einem männlichen Leben und in einem weiblichen Leben anders ist. Und diese verschiedenen Erfahrungshintergründe müssen eingebracht werden, wenn es um die gewandelten Bedingungen für die ganze Gesellschaft geht. Ich bin aber dezidiert der Meinung, dass das InsTräument einer Ergebnisquote falsch ist. Quoten existieren in unserem System zwar, aber immer nur zum Schutz der Minderheiten. Und das ist bei den Frauen natürlich nicht der Fall. Die Frauen sind eine Mehrheit der Bevölkerung und haben die genau gleichen demokratischen Rechte wie die Männer. Eine Quote, die eine Mehrheit schützt, verletzt demokratische Grundrechte von anderen Gruppen.

Die Frauen sind zwar eine demographische Mehrheit, politisch sind sie aber - vor allem in den bürgerlichen Parteien - eine Minderheit. Was sollte die FDP tun, damit sich dies ändert?

Spoerry: Frauen müssen gezielt aufgebaut werden, damit sie einen Bekanntheitsgrad erreichen. Wir von der FDP Zürich haben dieses Ziel erreicht. Von den sieben Abgeordneten im eidgenössischen Parlament, welche die FDP Zürich stellt, sind drei Frauen. In ländlicheren Kantonen ist es anders. Aber für mich ist eine Ergebnisquote, die zum Resultat hat, dass demokratische Wahlentscheide nicht mehr respektiert werden, inakzeptabel.

Frau Spoerry, Sie betonen, dass Sie gegen Ergebnisquoten sind. Würden Sie eine Angebotsquote, die den Parteien zwingend vorschreibt, eine bestimmte Anzahl Frauen auf ihre Listen zu nehmen, unterstützen?

Spoerry: Ich bin eine Befrworterin von freiwilligen Quoten. Die 30-Prozent-frauenquote auf den Listen, die vom Nationalrat vorgeschlagen wurde, ist bereits erreicht. 34 Prozent aller Kandidierenden waren bei den letzten Wahlen Frauen, nicht auf jeder Liste, aber insgesamt. Darum bin ich gegen gesetzliche Vorschriften - auch bei Listenquoten. Zwischen den Parteien soll ein gewisser Wettbewerb herrschen. Eine Partei darf sich frauenfreundlicher präsentieren, eine andere vielleicht weniger. Dann ist es der freie Entscheid der Wählenden, wem sie den Vorzug geben.

Frau Fehr, Ergebnisquoten sind eine Einschränkung der Wahlfreiheit. Bewerten Sie eine gleiche Vertretung der Geschlechter höher als die freiheit der Einzelnen, zu wählen, wen sie wollen?

Fehr: Frau Spoerry geht davon aus, dass die Frauen keine Minderheit sind, ich aber sage, Frauen sind eine Minderheit, eine wirtschaftliche Minderheit. Sie haben weder die Netzwerke noch die finanziellen Ressourcen oder die Zeit, um mit gleichen Mitteln am Spiel teilzunehmen. Weil sie nicht die gleichen Ressourcen haben, sind sie eine Minderheit, und deshalb wende ich die Parallele zum Proporz an: Bereits heute bekommen nicht immer die Kandidierenden mit der höchsten Stimmenzahl den Sitz. Die wirtschaftliche Kraft spielt heute bei Wahlen eine immer zentralere Rolle. Auch von bürgerlichen Frauen höre ich oft, das grosse Problem sei der hohe Grad der Eigenfinanzierung ihrer Wahlkämpfe. Bei der SP ist es etwas einfacher, hier spielt das eigene Portemonnaie nicht so eine grosse Rolle, weshalb die Frauen in der SP eine bessere Ausgangslage haben als in bürgerlichen Parteien. Deshalb verstehe ich die Quoteninitiative als ein Angebot für die bürgerlichen Frauen. Die linken Frauen haben intern sehr entschieden und mit Erfolg mit Quoten gearbeitet. Wir sind noch nicht am Ziel - wir müssen auch kämpfen -, aber wir nähern uns.

Der Wahlkampf und das liebe Geld


Nun kostet ein guter Wahlkampf sein gutes Geld. Wenn Frauen wirtschaftlich schlechter gestellt sind als Männer, müssen die Parteien Kandidatinnen finanziell mehr fördern?

Spoerry: Von mir aus gesehen, ist der Platz auf der Liste ein entscheidendes Element, äähnlich wichtig wie das Geld für den Wahlkampf. Die Parteien haben hier viele Möglichkeiten, Frauen zu fördern.

Aus Gewerkschaftskreisen war zu hören, eine Annahme der Quoteninitiative würde auch die Gleichstellung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt bringen. Kann dieser Mechanismus funktionieren?

Spoerry: Ich kann nicht beweisen, dass es nicht so ist, aber man kann auch den Beweis nicht antreten, dass es so ist. Eine frauenquote könnte auch zu einer Verhärtung führen. Die Regelung der Quoteninitiative ist nämlich nicht geschlechtsunabhängig, wie Frau Fehr gesagt hat. Zumindest nicht beim Bundesrat und beim Bundesgericht. Dort gibt es keine garantierte Quote für die Männer. Es könnten nach Annahme der Initiative durchaus sieben Bundesrätinnen und 100 Prozent Richterinnen amten. Quoten sind zudem nicht das einzige erfolgreiche InsTräument zur Verwirklichung einer besseren frauenvertretung. Die skandinavischen Länder etwa haben dieses Ziel ohne Ergebnisquoten erreicht. Die bessere gesellschaftliche Integration der Frau ist ein Prozess. Dieser ist freilich von der biologischen Aufgabe der Frau geprägt; nur die Frauen haben das Problem, dass der berufliche und der familiäre Aufbau in die gleichen fünfzehn Jahre im Leben fallen. Dieses Problem können wir zu mildern versuchen.

Quoten - eine Generationenfrage?

Frau Fehr, die Diskussionen der letzten Wochen haben gezeigt, dass es vor allem die älteren Politikerinnen sind, die mit viel Engagement hinter der Quoteninitiative stehen, während von der jüngeren frauengeneration - auch von Bundesrätin Ruth Metzler - viel kritischere Töne zu hören sind. Ist das innerhalb der SP kein Diskussionspunkt?

Fehr: Den Auftritt von Ruth Metzler verstehe ich von ihrer Generation her sehr gut, weniger gut allerdings von ihrer Person her. Wenn es eine Quotenfrau gibt in jüngerer Zeit, dann ist sie sicher nahe daran, eine zu sein. Das ist aber nicht ein Problem, das wir diskutieren müssen.

Warum nicht? Sie sagen, es gibt ja schon Quotenfrauen, auch ohne Quoteninitiative.

Fehr: Die Quoteninitiative bringt eine Beschleunigung eines Prozesses, der ohnehin abläuft. Die frage ist, wieviel Zeit man diesem Prozess geben will. Der Katalog der Massnahmen enthält aber noch sehr viel mehr als Quoten. Gut ausgebildete Frauen haben sehr viel bessere Chancen, Frauen, die in Netzwerken sind, haben grössere Chancen, Frauen, die auf Kinder verzichten, haben auch viel grössere Chancen. Jüngere Frauen sind eher berufstätig. Und insofern kann man sagen, die jüngere Generation ist nicht so stark auf das InsTräument der Quote angewiesen, weil sie auch andere Voraussetzungen geschaffen hat, um ans Ziel zu kommen. für die älteren, eben klassischen frauenbiographien ist das InsTräument Quote bedeutungsvoller, weil sie die anderen Voraussetzungen nicht mitbringen und das nicht mehr aufholen können. Auch in der SP sieht man da Veränderungen. Mir wäre statt der Quote eine wirkliche Offensive von Massnahmen lieber, damit die Frauen Familie und Beruf vereinbaren können, wie die Männer auch. Das stösst aber politisch auf enorme Widerstände, auf die Angst der Männer vor Konkurrenz am Arbeitsplatz.

Frau Spoerry, wie würden Sie das Generationenproblem beurteilen? Sie haben gesagt, in Ihrer Partei gibt es Frauen, die sich stärker für frauenthemen einsetzen als andere.

Spoerry: Ich glaube nicht, dass es bei den freisinnigen Frauen, unabhängig vom Alter, viel Sympathie oder Unterstützung für diese Quoteninitiative gibt, weil das einfach unseren liberalen Vorstellungen von der freiwilligkeit der Teilnahme am politischen Prozess widerspricht. Ich meine, wenn es fünfzig Prozent Frauen sein müssen, dann muss man ja auch die Frauen finden, die tatsächlich diese Karriere haben wollen. Zum Glück gibt es immer mehr. Ich finde, Frauen sind für die Politik sehr geeignet. Politik ist ein zweiter Bildungsweg, wie man ihn selten sonst erleben kann, und deswegen würde ich den Frauen politisches Interesse und politisches Engagement sehr ans Herz legen. Aber vielleicht ist halt doch da und dort noch die Meinung vorherrschend, Politik sei eher etwas für Männer. Wir wollen niemanden zu seinem Glück zwingen.
Fehr: Sie blenden jetzt das riesige frustrationspotential aus, das es in ihren Reihen natürlich auch gibt. Es ist ja nicht so, dass alle, die wollen, auch können. Wenn ich die Präsidentin der SVP- Frauen, Esther Weber, nach den Wahlen sagen höre, statt zu kandidieren könne sie gerade so gut einfach Tennis spielen gehen, so zeugt das von einem tiefen frust.
Spoerry: Da sind wir uns einig. Ganz sicher gibt es Frauen, die gerne möchten und nicht zum Zuge kommen, aber sind wir ehrlich, das gibt es auch bei Männern.

Initiativen sensibilisieren

Nun hat die SP tatsächlich profitiert von einer pointierten frauenpolitik. Glauben Sie, Frau Spoerry, in Ihrer Partei ist man sich seither bewusst, dass hier ein grosses Wählerpotential liegt?

Spoerry: Ich würde das sogar dieser Quoteninitiative zugestehen, nicht nur dem 3. März 1993. Diese Quoteninitiative hat eine Diskussion lanciert, ein bestehendes Unbehagen aufgegriffen. Von mir aus gesehen in einer übers Ziel schiessenden Art und Weise. Aber die Frauen sollen in der Politik ihren Platz haben. Die Initiative ist ein Element im Prozess einer entsprechenden Bewusstseinsbildung. Aber es setzt auf frauenseite auch voraus, dass man bereit ist, den nicht immer leichten Weg zu gehen und sich zu exponieren.

Auf Grund der vorgeschlagenen Quotenregelung wären sehr viele Stimmen zwangsläufig ungültig, immer dann, wenn sie einer Person mit dem "falschen" Geschlecht zukommen. Befrchten Sie da keinen Zusammenbruch der Wahldisziplin beim Stimmvolk, Frau Fehr?

Fehr: Diesen frust kennt man schon heute, etwa bei denjenigen Wählerinnen und Wählern, die bei den letzten Wahlen Silva Semadeni gewählt haben. Diese wurde nicht gewählt, obwohl sie doppelt soviel Stimmen hatte wie ein anderer Kandidat, der gewählt wurde. Das ist die Verfälschung des Wählerwillens durch den Proporz.
Spoerry: Das stimmt nicht! Der Proporz sichert nur den Anteil einer Minderheit. Innerhalb dieser Minderheit ist derjenige oder diejenige mit der höchsten Stimmenzahl gewählt. Es ist ein ganz anderes frustrationspotential, wenn jemand als Ständerat mit einer grossen Mehrheit gewählt ist, aber nicht gehen darf, weil er das falsche Geschlecht hat. Warum noch zur Urne gehen, wenn man das Ergebnis kaum mehr beeinflussen kann?

Diese Quoteninitiative hat einen "historischen" Hintergrund. Heute ist die Situation anders als im Jahr 1993, als Christiane Brunner nicht in den Bundesrat gewählt wurde. Sind die Anliegen der Initiative heute nicht überholt?

Fehr: Die Quoteninitiative ist eine alte Initiative, zweifellos. Wir waren seinerzeit alle erschrocken, dass es ein derart schwieriges Problem sein sollte, eine Frau in den Bundesrat zu wählen. Heute sind wir in der Tat weiter. Ich denke, für die linken Frauen ist es höchste Zeit, den Fokus wieder auf etwas anderes zu richten. Wir können das Projekt "Quote" jetzt noch abschliessen, aber der Schlüssel zu einem weiteren Fortschritt für die Gleichstellung liegt im wirtschaftlichen Bereich, vor allem was Karrieremöglichkeiten für Frauen in der Familienphase betrifft.

Würde die freisinnige fraktion heute Frau Brunner in den Bundesrat wählen?

Spoerry: Diese frage ist schwierig zu beantworten. Im Rückblick sieht eine Situation immer wieder anders aus. Ich finde aber, dass Bundesratswahlen grundsätzlich Personenwahlen sein müssen, bei denen das Geschlecht einer von mehreren Faktoren ist. Das wünsche ich mir auch für die Zukunft. Weil ich davon überzeugt bin, dass wir gleich gute Frauen wie Männer haben, wird es eine bessere Vertretung der Frauen im Bundesrat geben. Heute gibt es eine neue frauengeneration mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis.

Hat man damals damit gerechnet, dass es einen Aufruhr geben könnte?

Spoerry: Ich glaube, man hat nicht damit gerechnet, dass ein gewählter Bundesrat von seiner Partei aufgefordert wird, die Wahl nicht anzunehmen. Wir waren im Bundeshaus ziemlich abgeschirmt. Ich habe von den Ereignissen auf dem Bundeshausplatz kaum etwas mitbekommen.

Demokratisch wie der Proporz


Halten Sie die Quotenregelung für demokratisch, Frau Fehr?

Fehr: Ich finde sie so demokratisch wie das Proporzsystem. So wie es für eine funktionierende Demokratie alle Parteien braucht, müssen auch beide Geschlechter vertreten sein. Würde dies so umgesetzt, wäre das eine Stärkung der Demokratie. Dann würde in der Demokratie besser gespiegelt, was in unserer Gesellschaft passiert. Das ist eigentlich der Ansatzpunkt.

Aber Sie wählen doch auch primär SP und dann eine Frau.

Fehr: Ja, frausein allein ist kein Programm.
Spoerry: Aber jetzt widersprechen Sie sich massiv. Ich finde auch, dass frausein kein genügender gemeinsamer Nenner ist. Ich bin in erster Linie freisinnig, eine freisinnige Frau, und Sie sind vor allen Dingen eine sozialdemokratische Frau. Aber politisch steht mir natürlich ein FDP- Mann, der mein Gedankengut teilt, wesentlich näher als eine SP-Frau. Das ist bei Ihnen sicherlich dasselbe.

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