Das Geschlecht der Utopie
"Boys Don't Cry" von Kimberly Peirce
von Marli Feldvoss
Die Haare so kurz wie möglich, das Geschlecht in der Hose
wohlproportioniert - eine Socke ist genug -, das Männerhemd
grosskariert, um dem schmalen Mädchenkörper Volumen,
dem bandagierten Busen Fläche zu verleihen. Wenn die achtzehnjährige
Teena Brandon zum erstenmal in ihrer Männermaskerade loszieht,
um die Mädchenwelt von Lincoln, Nebraska, zu erobern, hat
sie sich quasi neu erfunden. Die einfache Namensumdrehung von
Teena Brandon zu Brandon Teena ist noch das i-Tüpfelchen
auf einer gelungenen Geschlechtsumwandlung. So lässt Kimberly
Peirce ihr fulminantes Regiedébut "Boys Don't Cry"
beginnen, hingerissen von der Abenteuerlust und der Verführungskunst
einer jungen Frau, die nur ein Ziel vor Augen hatte: die totale
Selbstverwirklichung - als Mann. Nicht als irgendeiner, sondern
als realisierte Phantasievorstellung des idealen Mannes: einfühlsamer
Verehrer und hingabevoller Liebhaber zugleich.
Wie nachhaltig der Drang zum andern Geschlecht das Leben der
Teena Brandon von Anfang an bestimmte, zeigt ihre wahre Geschichte.
Schon als kleines Mädchen war Teena keine Puppenmutter,
sondern ein wildes Kind, das lieber mit Schlangen spielte, später
Autos und Radios in ihre Einzelteile zerlegte, an der High-
School in der Angriffslinie der Football-Mannschaft mitmischen
und sich sogar bei der Air Force für die Operation "Desert
Storm" rekrutieren lassen wollte. Sie versagte beim schriftlichen
Test. Teena Brandons "sexuelle Identitätskrise",
wie sie später zu Protokoll geben sollte, war ihr ständiger
Begleiter. Es war nur eine frage der Zeit, wann ihr aufwendiges,
nur mit Hilfe von Checkbetrügereien finanzierbares Doppelleben
auffliegen würde.
Im Provinznest Falls City, nur 75 Meilen von Lincoln entfernt,
war es soweit. Die Kaution von freundin Lana Tisdel holte sie
zwar aus dem Gefängnis, aber danach war nichts mehr wie
zuvor. Brandon Teena war nicht mehr der gute Kumpel, mit dem
man auf Sauftour ging, Autorennen fuhr, Mutproben bestand und
unter einem Dach hauste - ein Mann unter Männern wie unter
Frauen. Er verwandelte sich zurück in Teena Brandon, in
eine stigmatisierte Aussenseiterin, eine "Lesbe":
ein Schimpfwort, das in einem Ort wie Falls City so viel wie
"freiwild" bedeutete. Zwischen Weihnachten und Neujahr
1993 ging das bewegte Leben der gerade einundzwanzigjährigen
Teena Brandon durch ein Kapitalverbrechen zu Ende. Ihre brutale
Vergewaltigung wollten die Täter durch den Mord vertuschen.
Drei Menschen mussten sterben. Die beiden Täter, vormals
gute Kumpel von Teena Brandon, sind bis heute in Haft, der eine
lebenslänglich, der andere wartet auf den elektrischen
Stuhl.
Der Film braucht für sein Anliegen nur die letzte Station
im Leben Teena Brandons. Falls City: Der Zufall hatte Teena
Brandon dorthin geführt, und genauso zufällig war
dort für sie die Welt zum erstenmal in Ordnung. In Falls
City blühte die Liebe zwischen Brandon und Lana; sie waren
wie Mann und Frau und lebten einen gemeinsamen Traum, in dem
die Grenzen von Geschlechterrollen und Geschlechtsmerkmalen
aufgehoben schienen. Der radikale Selbstentwurf der Teena Brandon
leuchtet wie eine neue Variante des amerikanischen Traums -
der Traum von der absoluten freiheit, mit Ahnen wie Bonnie und
Clyde. Ein Glücksfall ist die Besetzung mit Hilary Swank,
die diese Aussenseiterfigur mit einem Charisma und einer unglaublichen
Vitalität zum Leben erweckt - und damit auf Anhieb den
Golden Globe und soeben eine Oscar-Nomination gewann. Das zerrissene
Leben dieser Teena Brandon, ihre nomadische Existenz, ihr ruheloses
Umherstreunen, ihre soziale Verwahrlosung, ihr kleiner Traum
vom eigenen Campingplatz in Falls City verbinden sich ganz selbstverständlich
mit der Traumverlorenheit einer grossen Liebe, die, vielleicht
ohne Absicht, so etwas wie eine Geschlechterutopie entwirft.
Die brutale Entlarvung Teena Brandons, die ausführlich
vorgeführte Vergewaltigung, die irrsinnige Exekution -
keine Fiktion, sondern Fallgeschichte - führen die Poesie
jedoch schnell wieder zurück auf den Boden amerikanischer
Tatsachen. Der Film spart den "Justizskandal" aus,
Hauptanliegen des US-Dokumentarfilms "The Brandon Teena-Story"
von Greta Olafsdottir und Susan Muska aus dem Jahre 1998, der
darin bestand, dass die strafrechtliche Verfolgung der angezeigten
Vergewaltigung zunächst unterblieb und dadurch indirekt
die Mordtat provoziert wurde. Auch so bestürzt der Spielfilm
durch sein hohes Spannungsgefälle zwischen utopischem Traum
und bitterer neorealistisch ausgebreiteter Wirklichkeit - auf
blutgetränktem Sternenbanner. (Kino Nord-Süd in Zürich)
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