erschienen in der NZZ vom 18. Februar 2000

Das Geschlecht der Utopie

"Boys Don't Cry" von Kimberly Peirce

von Marli Feldvoss


Die Haare so kurz wie möglich, das Geschlecht in der Hose wohlproportioniert - eine Socke ist genug -, das Männerhemd grosskariert, um dem schmalen Mädchenkörper Volumen, dem bandagierten Busen Fläche zu verleihen. Wenn die achtzehnjährige Teena Brandon zum erstenmal in ihrer Männermaskerade loszieht, um die Mädchenwelt von Lincoln, Nebraska, zu erobern, hat sie sich quasi neu erfunden. Die einfache Namensumdrehung von Teena Brandon zu Brandon Teena ist noch das i-Tüpfelchen auf einer gelungenen Geschlechtsumwandlung. So lässt Kimberly Peirce ihr fulminantes Regiedébut "Boys Don't Cry" beginnen, hingerissen von der Abenteuerlust und der Verführungskunst einer jungen Frau, die nur ein Ziel vor Augen hatte: die totale Selbstverwirklichung - als Mann. Nicht als irgendeiner, sondern als realisierte Phantasievorstellung des idealen Mannes: einfühlsamer Verehrer und hingabevoller Liebhaber zugleich.
Wie nachhaltig der Drang zum andern Geschlecht das Leben der Teena Brandon von Anfang an bestimmte, zeigt ihre wahre Geschichte. Schon als kleines Mädchen war Teena keine Puppenmutter, sondern ein wildes Kind, das lieber mit Schlangen spielte, später Autos und Radios in ihre Einzelteile zerlegte, an der High- School in der Angriffslinie der Football-Mannschaft mitmischen und sich sogar bei der Air Force für die Operation "Desert Storm" rekrutieren lassen wollte. Sie versagte beim schriftlichen Test. Teena Brandons "sexuelle Identitätskrise", wie sie später zu Protokoll geben sollte, war ihr ständiger Begleiter. Es war nur eine frage der Zeit, wann ihr aufwendiges, nur mit Hilfe von Checkbetrügereien finanzierbares Doppelleben auffliegen würde.
Im Provinznest Falls City, nur 75 Meilen von Lincoln entfernt, war es soweit. Die Kaution von freundin Lana Tisdel holte sie zwar aus dem Gefängnis, aber danach war nichts mehr wie zuvor. Brandon Teena war nicht mehr der gute Kumpel, mit dem man auf Sauftour ging, Autorennen fuhr, Mutproben bestand und unter einem Dach hauste - ein Mann unter Männern wie unter Frauen. Er verwandelte sich zurück in Teena Brandon, in eine stigmatisierte Aussenseiterin, eine "Lesbe": ein Schimpfwort, das in einem Ort wie Falls City so viel wie "freiwild" bedeutete. Zwischen Weihnachten und Neujahr 1993 ging das bewegte Leben der gerade einundzwanzigjährigen Teena Brandon durch ein Kapitalverbrechen zu Ende. Ihre brutale Vergewaltigung wollten die Täter durch den Mord vertuschen. Drei Menschen mussten sterben. Die beiden Täter, vormals gute Kumpel von Teena Brandon, sind bis heute in Haft, der eine lebenslänglich, der andere wartet auf den elektrischen Stuhl.
Der Film braucht für sein Anliegen nur die letzte Station im Leben Teena Brandons. Falls City: Der Zufall hatte Teena Brandon dorthin geführt, und genauso zufällig war dort für sie die Welt zum erstenmal in Ordnung. In Falls City blühte die Liebe zwischen Brandon und Lana; sie waren wie Mann und Frau und lebten einen gemeinsamen Traum, in dem die Grenzen von Geschlechterrollen und Geschlechtsmerkmalen aufgehoben schienen. Der radikale Selbstentwurf der Teena Brandon leuchtet wie eine neue Variante des amerikanischen Traums - der Traum von der absoluten freiheit, mit Ahnen wie Bonnie und Clyde. Ein Glücksfall ist die Besetzung mit Hilary Swank, die diese Aussenseiterfigur mit einem Charisma und einer unglaublichen Vitalität zum Leben erweckt - und damit auf Anhieb den Golden Globe und soeben eine Oscar-Nomination gewann. Das zerrissene Leben dieser Teena Brandon, ihre nomadische Existenz, ihr ruheloses Umherstreunen, ihre soziale Verwahrlosung, ihr kleiner Traum vom eigenen Campingplatz in Falls City verbinden sich ganz selbstverständlich mit der Traumverlorenheit einer grossen Liebe, die, vielleicht ohne Absicht, so etwas wie eine Geschlechterutopie entwirft.
Die brutale Entlarvung Teena Brandons, die ausführlich vorgeführte Vergewaltigung, die irrsinnige Exekution - keine Fiktion, sondern Fallgeschichte - führen die Poesie jedoch schnell wieder zurück auf den Boden amerikanischer Tatsachen. Der Film spart den "Justizskandal" aus, Hauptanliegen des US-Dokumentarfilms "The Brandon Teena-Story" von Greta Olafsdottir und Susan Muska aus dem Jahre 1998, der darin bestand, dass die strafrechtliche Verfolgung der angezeigten Vergewaltigung zunächst unterblieb und dadurch indirekt die Mordtat provoziert wurde. Auch so bestürzt der Spielfilm durch sein hohes Spannungsgefälle zwischen utopischem Traum und bitterer neorealistisch ausgebreiteter Wirklichkeit - auf blutgetränktem Sternenbanner. (Kino Nord-Süd in Zürich)

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