erschienen in der NZZ vom 21. Februar 2000

Wissen und Geschlecht

10. Historikerinnentagung in freiburg

lin.Unter dem Titel "Wissen und Geschlecht" ist am vergangenen Wochenende an der Universitt freiburg die 10. Schweizerische Historikerinnentagung mit über 200 Beteiligten durchgefhrt worden. Der Titel der Veranstaltung spielt auf das grundlegende Werk der amerikanischen Philosophin Sandra Harding "Das Geschlecht des Wissens" an, die an der Tagung eines der Einfhrungsreferate über die Standortgebundenheit und Situiertheit von Wissen hielt. Wissen erscheint in einem solchen Konzept nicht als universales, einheitliches Konzept, sondern als Konstrukt, das von verschiedenen Kategorien wie Klassen, Rasse und Geschlecht mitbestimmt ist, wobei diese Kategorien ihrerseits nicht als einheitlich-universelle Konzepte aufzufassen sind. Wissen ist immer interdisziplinr und transkulturell, betonte Harding und wies damit auf die reiche Tradition des Wissenstransfers hin. In diesem Sinn war die Tagung denn auch keine rein schweizerische Angelegenheit. Die reiche Beteiligung von deutschen, sterreichischen und amerikanischen Forscherinnen aus den verschiedensten geisteswissenschaftlichen Disziplinen bot vielerlei Vergleichsmöglichkeiten und Mittel zur Kontextualisierung der Arbeit, die in geschlechtergeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Recherchen hierzulande betrieben wird. Das unter dem Aspekt von Geschlecht betrachtete Wissen umfasst immer auch eine Kritik am bestehenden Wissenschaftsbetrieb. In den Workshops der Tagung waren vor allem auch wissenschaftskritische Beitrge zu hren, die der frage des Ausschlusses von Frauen aus dem Wissenschaftsbetrieb nachgingen beziehungsweise der Rollenkonformitt von weiblichem Wissen und dem erst zgerlichen Eindringen von Frauen in einen vorwiegend männlich besetzten Raum. Viele dieser Arbeiten werden nach wie vor unter dem Aspekt der Suche von Frauen nach der eigenen Geschichte und nach Pionierinnen in den Wissensfchern unternommen; das Interesse an der Biographie dieser Frauen verdeckt oft die Art und Weise, wie sich das Wissen der Frauen in diesen Disziplinen prsentierte und wie es in den Fachdiskurs diffundierte. Das war denn auch die Hauptkritik der rckblickenden Teilnehmerinnen am Schlusspodium: In den meisten Beitrgen wurde die frage nach der spezifischen Verfasstheit von männlichem und weiblichem Wissen beziehungsweise der Geschlechterdifferenz in den Wissensauffassungen vermisst, ebenso die frage nach der Diffusion von geschlechterspezifisch entstandenem Wissen in den Disziplinen und in politischen und gesellschaftlichen Bereichen. Elisabeth Joris beispielsweise - sie reprsentiert bezeichnenderweise eine der wenigen Forscherinnen, die sich mit ihrer Arbeit ausserhalb des akademischen Betriebs einen Namen gemacht haben - kritisierte, dass durch den meist einseitigen Blick der Gender- Forscherinnen (und es sind in diesem Gebiet vor allem Frauen anzutreffen) auf den Ausschluss von Frauen bei der frage nach der Integration von weiblichem Wissen und den damit verbundenen gesamtgesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten reichlich blinde Flecken bestehen wrden.

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