erschienen im züritipp vom 18. Februar 2000

"BOYS DON'T CRY"

Boxen mit den Boys

DAS DEBüT VON KIMBERLY PEIRCE IST EINE HIP GEFILMTE ALTERNATIVE ZU DEN SPRIESSENDEN COMING-OUT-FILMEN, VOR ALLEM ABER EINE KüR VON HAUPTDARSTELLERIN HILARY SWANK.

Von Florian Keller

Man kennt das Muster aus den unterschiedlichsten Filmen von "In & Out" bis "Fucking Åmål": Wenn sich das Kino Homosexualität zum Thema macht, wird diese mit Vorliebe als ein freischaufeln der wahren sexuellen Identität verhandelt. In "Boys Don't Cry" vollzieht sich nun quasi die Umkehrung dieser Formel, weil sich das lesbische Mädchen Teena (Hilary Swank) als Jüngling kostümiert und also die eigene Weiblichkeit gleichsam zuschüttet.

Dieser Akt des Identitätswechsels ist hier aber nicht als ein postmodernes Surfen ennet der Geschlechtergrenze zu verstehen, sondern als letzter Versuch Teenas, ihr anderes Begehren mit den sozialen Gesetzen zu vereinbaren. Denn Frauen lieben darf im reaktionären Staate Nebraska nur der Mann. Also nennt sich die junge Frau nun Brandon, gebärdet sich halbstark in den Bars und durchläuft allerhand Mannbarkeitsrituale. Der Effekt dieser stets charmant scheiternden Männershows liegt auf der Hand und lässt sich zum Befund pointieren, dass die verkleidete Frau den Frauen der beste Liebhaber ist. Dass aber Teenas verzweifelt übermütiges Geschlechterspiel ein brutales und blutiges Ende nimmt, dafr sorgen die entmachteten echten Männer, als sie den Trug durchschauen.

Dieses Ende in Blut erstaunt nicht, weil sich die Männer doch recht krud in zwei Klassen teilen: Zwischen dem guten schwulen freund und den blöden Böcken gibts keine Alternative. Die junge US-Regisseurin Kimberly Peirce liefert mit ihrem Erstling denn auch weniger einen Beitrag zum Geschlechterdiskurs als eine einfühlsam rekonstruierte und effektsicher aufbereitete Sensationsstory nach realen Begebenheiten. Die eigentliche Attraktion dabei heisst Hilary Swank. Sie bringt mit ihrer androgynen Schauspielkunst genau das auf den Punkt, was der schwule freund am Telefon einmal über Teena sagt, als sie verloren im Niemandsland der Provinz steht: dass der Ort, an dem sie sich befinde, nicht mal auf der Karte verzeichnet sei.

home back