"BOYS DON'T CRY"
Boxen mit den Boys
DAS DEBüT VON KIMBERLY PEIRCE IST EINE HIP GEFILMTE ALTERNATIVE
ZU DEN SPRIESSENDEN COMING-OUT-FILMEN, VOR ALLEM ABER EINE KüR
VON HAUPTDARSTELLERIN HILARY SWANK.
Von Florian Keller
Man kennt das Muster aus den unterschiedlichsten Filmen von
"In & Out" bis
"Fucking Åmål": Wenn sich das Kino Homosexualität
zum Thema macht, wird diese
mit Vorliebe als ein freischaufeln der wahren sexuellen Identität
verhandelt. In "Boys
Don't Cry" vollzieht sich nun quasi die Umkehrung dieser
Formel, weil sich das
lesbische Mädchen Teena (Hilary Swank) als Jüngling
kostümiert und also die eigene
Weiblichkeit gleichsam zuschüttet.
Dieser Akt des Identitätswechsels ist hier aber nicht
als ein postmodernes Surfen
ennet der Geschlechtergrenze zu verstehen, sondern als letzter
Versuch Teenas, ihr
anderes Begehren mit den sozialen Gesetzen zu vereinbaren. Denn
Frauen lieben darf
im reaktionären Staate Nebraska nur der Mann. Also nennt
sich die junge Frau nun
Brandon, gebärdet sich halbstark in den Bars und durchläuft
allerhand
Mannbarkeitsrituale. Der Effekt dieser stets charmant scheiternden
Männershows
liegt auf der Hand und lässt sich zum Befund pointieren,
dass die verkleidete Frau den
Frauen der beste Liebhaber ist. Dass aber Teenas verzweifelt
übermütiges
Geschlechterspiel ein brutales und blutiges Ende nimmt, dafr
sorgen die
entmachteten echten Männer, als sie den Trug durchschauen.
Dieses Ende in Blut erstaunt nicht, weil sich die Männer
doch recht krud in zwei
Klassen teilen: Zwischen dem guten schwulen freund und den blöden
Böcken gibts
keine Alternative. Die junge US-Regisseurin Kimberly Peirce
liefert mit ihrem Erstling
denn auch weniger einen Beitrag zum Geschlechterdiskurs als
eine einfühlsam
rekonstruierte und effektsicher aufbereitete Sensationsstory
nach realen
Begebenheiten. Die eigentliche Attraktion dabei heisst Hilary
Swank. Sie bringt mit
ihrer androgynen Schauspielkunst genau das auf den Punkt, was
der schwule freund
am Telefon einmal über Teena sagt, als sie verloren im
Niemandsland der Provinz
steht: dass der Ort, an dem sie sich befinde, nicht mal auf
der Karte verzeichnet sei.
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