erschienen in der Weltwoche vom 10. Februar 2000

Werber wissen besser, was wir denken

Vor siebzig Jahren zählte der Nährwert eines Produktes, heute ist es der Genusswert: Wie Werbung die gesellschaftlichen Werthaltungen spiegelt, zeigt eine Studie von vier Schweizer Zeitschriften

Von Adi Sollberger

"Die heimlichen Verführer" nannte der Werbekritiker Vance Packard in den fünfziger Jahren die aufstrebende Branche der Reklamespezialisten. Damit prägte er das Schlagwort der heute noch aktuellen Marketingkritik: Werber sind demnach eine Art Kommerz-Machiavellis, Profiteure menschlicher Trieb- und Suchtstrukturen, die mit unseren Kindern immer jüngere Konsumenten zwangsrekrutieren. Sie sind perfide Manipulatoren der Massenpsyche, allmächtige Trendsetters, welche durch die Suggestion künstlicher und oft schädlicher Bedürfnisse skrupellos die überflussgesellschaft am Leben halten. Hat nicht Leo Burnett mit seinem "Marlboro Man" die ehemals unbekannte Marke zur heute meistverkauften Zigarette gemacht? Dass unterdessen der Marlboro-Mann selber an Krebs verstarb, ist die zynische Pointe dieser Erfolgsstory, die schnell wieder vergessen wurde. Auch wenn Reklame das Käuferverhalten durchaus mitbeeinflusst, so ist doch unwahrscheinlich, dass sie beliebig und quasi ex nihilo Bedürfnisse zu schaffen vermag. Es sind zum Beispiel nicht die ab den achtziger Jahren vermehrt auftauchenden ökologischen Werbeargumente, welche die Nachfrage nach umweltverträglichen Produkten schaffen. Die Reklame folgt hier dem Zeitgeist auf den Fersen. Und nicht nur hier: Marktforschung und so genannte "Trendscouts" sollen kommerzialisierbare Stimmungen, Meinungen, Hoffnungen nicht kreieren, sondern möglichst fürüh erkennen. "Ins Gehirn der Masse kriechen", nannte der Doyen der deutschen Werbung, Hans Domizlaff, die indiskrete Arbeit dieser "Mentalitätsexperten". Will man die erwünschte lukrative Resonanz erhalten, müssen sich Produkt und Produktepräsentation am Mainstream-Geschmack orientieren. Rentable Produkte müssen "Most Advanced Yet Acceptable" sein, schreibt die werbepsychologische MAYA-Maxime vor. Das heisst: Neuartigkeit ist milde zu dosieren. Beim Umsatz hört der Spass auf Die deutschen Werbeforscher Siegfried Schmidt und Brigitte Spiess bringen das auf den Punkt: "Werbung bekommt nie die Gesellschaft, die sie haben möchte; wohl aber bekommt jede Gesellschaft die Werbung, die sie verdient." Manipulativ ist die Werbung allenfalls in der mehr oder minder raffinierten Verknüpfung sozialer Erwartungen mit einem Produkt. Wer allerdings glaubt, dass Liebe und Erfolg beispielsweise mittels eines Deodorants käuflich erwerbbar sind, ist auch ein bisschen selber schuld. Werbung ist ein Indikator gesellschaftlichen Wandels und wird so als Quelle für Alltags- und Mentalitätsgeschichtler interessant. Medientheoretiker Marshall McLuhan ist überzeugt, dass "die Historiker und Archäologen eines Tages entdecken, dass die Werbung die tiefsten täglichen Betrachtungen darstellt, die eine Kultur je über ihr ganzes Tun und Lassen angestellt hat. Die ägyptischen Hieroglyphen sind in dieser Hinsicht noch weit zurück."

Prominente Beispiele für Werbeslogans als Zeitdokumente: Die Revolution der weiblichen Geschlechterrolle (von der netten Ehefrau als emotionale, sexuelle und haushälterische Infrastruktur für den Mann zur ökonomisch und gefühlsmässig unabhängigen Frau) wird von der Reklame in beinahe karikativer Schärfe reflektiert. franck-Kaffee umwirbt in den dreissiger Jahren die junge Frau mit den "10 Geboten der Hausfrau", die beispielsweise so lauten: "Teile Liebe aus, so viel du kannst" oder "Koche sorgfältig!" Oder Nestlé beschwört die zufriedene Mutter, die ihre Aufgabe - das Grossziehen gesunder Kinder - erfüllt. Sechzig Jahre später spült ein maliziöses Kookaï-Girl vier hilflos im Wasser strampelnde Herren das Klo hinunter: "Nice cloth for nice girls", heisst lakonisch die Werbemessage. Oder zwei Pilotinnen in voller Montur pfeifen - lässig Zigarette rauchend - auf die Herren der Schöpfung . Werbung wurde bis jetzt immer nur punktuell und quasi anekdotisch zur Stützung kulturhistorischer Thesen herangezogen. Systematische Langzeitstudien existieren lediglich für Deutschland und Kanada. Wenn jede Gesellschaft die Reklame bekommt, die sie verdient, so fragt sich, wie sich die Schweiz in ihrem Werbe-Output präsentiert. Hier hat nun erstmals der 35-jährige Berner Historiker Peter Bär Werbematerial dieses Jahrhunderts gesichtet und die Entwicklung der verwendeten Werbeargumente statistisch ausgewertet. Empirische Basis seiner Untersuchung im Rahmen eines Nationalfondsprojekts sind 5300 Anzeigen aus den vier Wochenzeitschriften "Schweizer Illustrierte", "Schweizerischer Beobachter", "Schweizer Familie" und "L'illustré", mit denen über die Hälfte der Bevölkerung erreicht werden. Bärs Ergebnisse bestätigen weitgehend die These, dass die Werbung ein Symptom gesellschaftlichen Wandels ist, wobei allerdings absatzschädliche Aspekte der Wirklichkeit ausgeblendet werden: "Reklame ist tendenziös, aber die Tendenz ist immerhin klar. Unangenehme Inhalte werden zensuriert." Ist die Reklame also ein Spiegel der Welt, dann einer, der immer nur lächelt. Ausnahmen sind die "social spots" mit (pseudo)moralischen Anliegen, so die notorische Benetton-Reklame, die neustens mit Häftlingsporträts aus den amerikanischen Todeszellen Imagewerbung betreibt. "Werbung reagiert auf sich verändernde Wertvorstellung manchmal sehr schnell", kommentiert Bär seine Resultate: "Beispielsweise im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Krisen, dann aber wieder nur zögerlich, etwa bei progressiven Idealen wie Emanzipation und ökologie." Im Zerrspiegel eidgenössischer Reklame bestätigt sich denn auch Ronald Ingleharts mentalitätsgeschichtliche These von der "stillen Revolution". Diese besteht in einer Werteverschiebung von der konservativen, materialistischen Orientierung der Kriegs- und Nachkriegsjahre zu so genannten "Erlebniswerten" und postmaterialistischer Selbstentfaltung ab den sechziger Jahren. Dieser graduelle übergang wird durch Bärs Werbeuntersuchung wunderbar illustriert: Traditionell-bewahrende Wertvorstellungen (wie Brauchbarkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, Patriotismus und bürgerliche Familienwerte) waren bis tief in die Nachkriegszeit auf bis zu sechzig Prozent der Schweizer Anzeigen dominant, nehmen seither aber kontinuierlich ab. Heute werden sie gerade noch halb so häufig eingesetzt. Gegenläufig dazu verdoppelte sich die Bedeutung der Erlebnis- und Genussorientierung seit den sechziger Jahren auf eine aktuelle Präsenz von fünfzig bis sechzig Prozent. Diese Neuorientierung verlangt von Konsumprodukten über deren Nützlichkeit hinaus Mehrwerte wie Vergnügen, Genuss, Erotik, Prestige, Luxus und Wellness - Aspekte, die heute unter dem Label "Lifestyle" zusammengefasst werden. Bärs Langzeitstudie weist nach, dass diese Tendenz viel früher als angenommen eingesetzt hat: "Gesellschaftlicher Wertewandel wurde bisher anhand von Umfragen untersucht, die fürühstens seit den sechziger Jahren systematisch durchgeführt wurden. Das Werbematerial als neue kulturhistorische Quelle erlaubt nun, weiter zurückzuschauen." Der erweiterte Zeithorizont zeigt, dass Erlebniswerte in der Reklame bereits Ende der zwanziger Jahre einen relativen Höhepunkt erreicht hatten, welcher dann aber durch die Weltwirtschaftskrise abgeblockt wurde. Lifestyle scheint - kaum überraschend - nur unter der Bedingung von gesellschaftlichem Wohlstand zu gedeihen. Unter dem ökonomisch-ideologischen Druck der geistigen Landesverteidigung, der Kriegs- und Nachkriegsjahre bunkerte sich namentlich auch die Schweiz wieder komplett im traditionellen Wertekonservatismus ein, eine Haltung, die später im Adenauer-Slogan "Keine Experimente!" politisch Karriere machte. Diese Werterestauration wird von der eidgenössischen Werbung tausendfach reflektiert: Möbel Pfister beispielsweise schwärmte 1932 vaterländisch: "über den Bergen, die ewige Stille der gewaltigen Natur! Drunten im Tale, die trauliche Ruhe unseres Heims!" Enkalon-Hemden eröffnen "freie Bahn dem Tüchtigen". Produkte sind in erster Linie praktisch - und sie sind schweizerisch: "Schweizer! Die ganze Welt beneidet dich um deine Milch", stellt franck Aroma fest. Und Möbel Pfister appelliert im Sinne der geistigen Landesverteidigung an den ökonomischen Patriotismus: "Wer Pfister-Möbel kauft, schützt einheimisches Schaffen."

Sexismus in den Sechzigern

Mit steigendem Wohlstand in den Sechzigern folgt die Trendwende zu Genuss und Lifestyle: "Top your day with flavor", fordert 1969 Marlboro. Vorbild für Konsum und Fortschritt ist der amerikanische "Way of Life": "I'm a winner. I smoke Marlboro", versichert eine glamouröse Raucherin. Der VW-Käfer verspricht nicht mehr primär kleinen Verbrauch, sondern "Jugend, Tempo, Schönheit, Lebendigkeit". Als Erlebnismehrwert werden Status, Sex-Appeal und Glück angeboten. Das mentale Réduit ööffnet sich zudem dem kosmopolitischen Genuss: Peter-Stuyvesant-Zigaretten ("The international passport to smoking pleasure") versprechen weltmännisch den "Duft der weiten Welt". Erotische Anspielungen erreichen als Sexismus in den sechziger und siebziger Jahren Höhepunkte, wo von Panasonic-Stereo-Türmen (zum "verträumten Tête-à-tête") bis zu Pickmi-Cracker alles nur annähernd Phallische zwischen weibliche Beine platziert wird. In den optisch immer freizügigeren Achtzigern und Neunzigern folgt die Entdeckung des männlichen Sexualobjekts sowie zunehmend paritäre Pärchenerotik: Die Frau zieht den Mann an der Krawatte über eine Peugeot-Kühlerhaube. Auffälligste Werbe-Entwicklung der achtziger und neunziger Jahre ist die nachträgliche Umarmung progressiv-ideeller Werthaltungen von Rand- und Protestgruppen, nachdem sie salonfähig geworden sind. Argumente in Zusammenhang mit Umweltbewusstsein, Emanzipation und Selbstverwirklichung machen aber auch heute lediglich zwölf Prozent der Werbung aus. Mit der ökologie hat sich das Werbeimage der "Natur" entscheidend verändert: In der konservativen Phase war Natur identisch mit patriotischen Alpenidyllen. Mit zunehmendem Wohlstand wurde sie zur Konsumware, zur Staffage der "füröhlichen Autosonntage mit dem Esso Pic Nic Set". Und heute gehören ökologische Adjektive wie "energiesparend", "verpackungsarm", "schadstoffarm" oder "biologisch" zu den Schlüsselwörtern im Werbevokabular. Nachdem sie jahrzehntelang das konservative frauenbild zementiert hat, emanzipiert sich in den Achtzigern auch die Werbung: Piatti-Küchen beispielsweise sind nun "von führenden Feministen empfohlen". Doch parallel zur Individualisierung erfolgt vor allem die Auffächerung der männlichen und weiblichen Varianten: Der Mann ist Aussteiger, Softie, Verführer, mediterraner Muchomacho, Family-Man oder Executive - oder zunehmend auch (wie bei der jüngsten Blue-Window-Werbung) bereits Rentner. Die Frau findet man neben der Waschmaschine oder im Flugzeugcockpit, mit Kinderwagen oder Zigarillos, denn: "Sollen Meccarillos ein reines Privileg der Männer bleiben?" Wenn's auch noch was einbringt, sicher nicht.

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